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Wenn es einen Schalter hat, kann man das Kunstwerk anmachen
22.07.2011
Martin Brüger, Foto: Nina Reetzke, Stylepark

Nina Reetzke: Herr Brüger, Sie haben Kunst studiert, gleichzeitig spielen Design und Architektur in Ihren Arbeiten eine zentrale Rolle. Warum beschäftigen Sie sich mit den Dingen des Alltags?

Martin Brüger: Ich bin nicht an der Art von Kunst interessiert, die den Anspruch erhebt, neu erschaffen zu sein. Es fasziniert mich, Dinge, die unabhängig von mir und der Kunst existieren, als Ausgangspunkt für meine Arbeit zu nehmen. Im Gegensatz zu Marcel Duchamp geht es mir jedoch darum, einen Alltagsgegenstand nicht nur zur Kunst zu erklären, sondern ihn in einer Weise weiter zu verarbeiten, dass er seine alltägliche Funktion verliert und um eine Ebene künstlerischer Reflexion bereichert wird.

Wie sieht das konkret aus?

Brüger: Wenn ich einen Alltagsgegenstand oder ein Architekturfoto als Ausgangspunkt für eine Arbeit gewählt habe, dann nehme ich davon etwas weg, nämlich das, was die gewohnte Funktion des Gegenstandes oder des Gebäudes definiert. Anschließend füge ich etwas hinzu, was man an dieser Stelle eigentlich nicht vermuten würde. Oft sind meine Arbeiten auch, im Vergleich zum Ausgangspunkt, in den Proportionen gedehnt. So entstehen Hybride, die sowohl dem Alltag als auch der Kunst zugeordnet werden können. Form sollte immer eine Qualität haben, egal, in welchem Kontext sie steht.

Wie wählen Sie bei den Geräteobjekten die Ausgangsprodukte aus?

Brüger: Ich mag Produkte, die etwas Reduziertes haben und gleichzeitig ein farbiges, starkes Form-Statement abgeben – meist stammen sie aus den siebziger Jahren. Es gibt fantastisches Design heutzutage – die Apple-Produkte, auch einige Braun-Entwürfe oder zum Beispiel das wunderbare „Wogg 52"-Regalsystem – aber gerade arbeitet man mehr mit edlen Materialien und Oberflächenstrukturen, weniger und wesentlich dezenter mit Farben. Meine Ausgangsprodukte sind nicht unbedingt High-End-Design, sondern eher „billiges" Industriedesign, das gerade wegen seiner Einfachheit mit der Pop-Art, der Minimal Art und der Konstruktiven Kunst in Verbindung gebracht werden kann.

Wie entstehen die Farbkonzepte?

Brüger: Vor einiger Zeit habe ich in einem Secondhand-Laden zwei Badezimmerschränkchen gekauft. Zuerst haben sie mich ziemlich gegruselt, weil sie eine fiese altrosa-beige Farbe hatten. Dann habe ich versucht herauszufinden, welche Farben einerseits zu ihnen passen, aber auch in starkem Kontrast zu ihnen stehen könnten. Heraus kam ein Neongrün und ein komisches Lachsrot. Das sind Farben, die mit der Sechziger-Jahre-Ästhetik nichts zu tun haben und aus einer eher zeitgenössischen Farbpalette stammen; sie brechen und nobilitieren die ursprüngliche Creme-Farbigkeit.

Welche Rolle spielen Effekte wie Glanz, Transparenz und Lämpchen, die sich ein- und ausschalten lassen?

Brüger: Bei den Geräteobjekten sind die Einschübe aus hochglanzlackiertem MDF. Da darf kein Stäubchen im Lack sein, sie müssen sorgfältig poliert sein. Die Lackierung lasse ich von einer Autolackiererei ausführen. Dagegen sind die Ausgangsprodukte gebrauchte Gegenstände, die ich bei Ebay ersteigere. Meist handelt es sich zwar um Spritzgussteile mit ursprünglich glänzenden Oberflächen, aber dann ist da ein Kratzer, dort fehlt eine Ecke, oder das Material ist über die Jahre insgesamt matter geworden. Die Elektronik, also das, was das Gerät eigentlich ausmacht, nehme ich heraus. Nur die Lämpchen bleiben angeschlossen. Wenn man den Stecker in die Steckdose steckt, leuchtet das Lämpchen noch auf, aber mehr passiert eben nicht. Und dann sind da noch Beschriftungen wie AEG, Bauknecht oder andere Markennamen ...

In Texten über Ihre Arbeiten ist oft von „semantischen Brüchen" die Rede. Trifft der Begriff zu?

Brüger: Ich denke eher in Kontrasten, als in einer starken Kohärenz, wo alles miteinander harmoniert. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass letzten Endes selbst Kontraste ineinander greifen und etwas miteinander zu tun haben, aber auf eine weitläufigere und komplexere Weise.

Was denken Sie bei dem Wort „Wirtschaftswunder"?

Brüger: Mich wundert es, dass der Glaube an grenzenloses Wachstum und unerschöpfliche Ressourcen oft immer noch die unbewusste Planungsbasis in der Wirtschaft ist.

Martin Brüger, Foto: Nina Reetzke, Stylepark
Severin 1, 2010, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Schott 2, 2010, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
AEG 1, 2008, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
JVC 1, 2009, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Privileg 1, 2003, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Gorenje 1, 2007, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Auf schwankendem Boden, 2009, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Berliner Zimmer, 2010, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst
Mannheimer Zimmer, 2004, Foto: Martin Brüger, VG Bild-Kunst