Material als Medium
Im Wirken von Kräften werden Oberflächen zu Trägern von Veränderung: Prozesse und Zeit hinterlassen Spuren, die sich zu vielschichtigen Strukturen verdichten. Kaum ein Werkstoff lässt diese so eindrucksvoll erlebbar werden wie Stahl, dessen kühle Strenge und unerwartet sinnliche Wandelbarkeit ein vielschichtiges Bild kreiert. Wilkhahn nahm die Qualität des Materials zur Milan Design Week 2026 zum Anlass für einen kuratierten Dialog: Mit "What the surface remembers" entstand im Brera-Viertel eine Installation, in der die Gestaltung als offener Prozess lesbar wurde. Die präzise Konstruktion des "WiChair" markierte die Basis der künstlerischen Auseinandersetzung und wurde eigens für die Ausstellung als Materialstudie in zwei Varianten neu interpretiert – während das industrielle Modell den ästhetischen Purismus des Stahls zeigt und die Spuren der Fertigung nachvollziehbar werden lässt, ist die vollständig oxidierte Ausführung ein Sinnbild für die Einschreibung von Zeit und Umwelteinflüssen. In der Transformation des Materials entwickelt dieses eine eigene, eindrucksvolle Anmutung. Eine spannende Gegenüberstellung aus Offenheit und Kontrolle, Langlebigkeit und Veränderung.
Das facettenreiche Spektrum des Werkstoffs wurde parallel anhand von Arbeiten der Bildhauerin Aya Sasakura deutlich: Durch das Hämmern, Brennen und Polieren von Edelstahl schuf sie inspiriert von der Urkraft des Meeres die fließend wirkenden Objekte "ebb" und "full". Mit Blick auf die archetypische Form des "WiChair" sagt sie: "Ich glaube, einen Stuhl kann man als Skulptur beschreiben, auf der man sitzen, die man berühren und mit dem eigenen Körper physisch erleben kann. Indem man auf der Skulptur sitzt, wird man selbst Teil von ihr. Und in diesem Sinne vervollständigt man diese." Parallel lenkte der Fotograf Frank Schinski in seinen Arbeiten den Blick auf Oberflächen als Speicher von Zeit. Seine Aufnahmen eines verlassenen Hauses in der Toskana zeigen Spuren von Nutzung und Lichteinwirkung in stiller Intensität.
Die Arbeiten von Aya Sasakura und Frank Schinski verdeutlichen, dass gestalterische Intensität oft aus der Konzentration auf das Wesentliche entsteht. Diese Haltung entspricht Wilkhahns Leitgedanken "Less is more", der in Form des "WiChair" eine konsequente Umsetzung findet. Die Konstruktion reduziert sich auf wenige, präzise aufeinander abgestimmte Komponenten aus FSC-zertifiziertem Formholz, Stahl und Aluminium. Im Mittelpunkt steht das Material selbst als gestaltprägende Kraft.
Wie die künstlerischen Positionen von "What the Surface Remembers" überzeugt auch der "WiChair" durch Klarheit, Reduktion und eine schlüssige Materiallogik. Seine prägnante Formensprache fügt sich selbstverständlich in unterschiedliche Umgebungen ein und setzt zugleich individuelle Akzente. Die federnde Stahlschwinge folgt den natürlichen Bewegungen des Körpers und sorgt gemeinsam mit der ergonomisch geformten Sitz- und Rückenfläche für ein komfortables, dynamisches Sitzgefühl. Eine individuell auf das Körpergewicht abstimmbare Mechanik sowie optionale, austauschbare Polster unterstützen die flexible und langfristige Nutzung. So verbindet der "WiChair" Materialeffizienz, Beweglichkeit und Nachhaltigkeit zu einer zeitgemäßen Form des Sitzens – mit einem klaren Bekenntnis zu Qualität, Beständigkeit und neuen Perspektiven.











