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Der Klang des Systems

Die mechanischen Installationen des Schweizer Künstlers Zimoun sind raumgreifend und bestehen meist aus recycelten Materialien. Wie er Simplizität nutzt, um Komplexität zu erzeugen und uns dazu bringt über die Strukturen der Welt nachzudenken, erläutert er im Interview.
08.01.2026

Anna Moldenhauer: Für deine mechanischen Arbeiten recycelst du rohe, quasi "ehrliche" Materialien aus Industrie und Alltag, wie Karton, Kabel, Gleichstrommotoren, Plastiktüten oder Dachlatten. Nach der Schau werden diese einem neuen Nutzen zugeführt. Warum ist der Kreislauf für deine Arbeit wichtig?

Zimoun: Tatsächlich steckt mein Atelier in einem inzwischen schon über 25-jährigen Recycling-Loop. Einerseits arbeite ich grösstenteils mit bereits recycelten Materialien, andererseits werden auch die Werke selbst andauernd weiter recycelt und die Materialien wieder und wieder für neue Installationen eingesetzt. So realisiere ich zwar grossräumige Installationen, erzeuge aber praktisch keinen Müll dabei. Dies ist nicht hauptsächlich aus ökologischen Gründen relevant für mich, sondern ganz einfach aus reiner Wertschätzung gegenüber dem Material und des in diesem enthaltenen Potentials.

Impressionen, Studio Zimoun Bern

Du erzeugst Rotationen und Oszillationen mit simplen Apparaturen, orchestrierst diese zu einem geometrischen Raster, das über die Vervielfachung sowohl im Klang wie visuell komplex ist. Diese Klangarchitekturen schaffen eine Symbiose mit dem Raum, er wird Teil deiner Installation. Parallel sind die Werke meist ortsspezifisch gedacht. Von welchen Faktoren lässt du dich leiten, um zu entscheiden welche Installation für den jeweiligen Ort passend ist, um diese Einheit zu erreichen?

Zimoun: Meine installativen Arbeiten sind raumspezifisch und somit ist der Raum immer ein zentraler Ausgangspunkt. Aber auch andere Parameter spielen bereits vor der Konzipierung eine wichtige Rolle, wie die zur Entwicklung und dem Aufbau verfügbare Zeit, die Anzahl Menschen, welche beim Aufbau mithelfen können, oder der finanzielle Rahmen, in welchem eine Arbeit realisiert werden kann. Gleichzeitig entstehen im Atelier fortlaufend Prototypen, Tests und Experimente mit neuen Systemen, noch ohne zu wissen, ob diese irgendwann in einem Werk eingesetzt werden. Sobald diese was taugen, gehören auch diese Systeme zu potentiellen Möglichkeiten für eine Ausstellung. Es ist also eine Art Puzzle, in welchem viele kleine Elemente und Rahmenbedingungen zusammen geführt werden, um dann ein zur Ausgangslage passendes Werk zu formen.

Zimoun: Musée d'Arts de Nantes, France (2025)

Warum braucht das Chaos in deinen Werken die Kontrolle?

Zimoun: Ich definiere in meinen Werken Rahmen, innerhalb von welchen chaotische Systeme entstehen. Auch für die chaotischen Systeme selbst gibt es wiederum Rahmenbedingungen, wie beispielsweise technische: sie sollen über längere Zeiträume funktionieren. Aber auch ästhetische Kriterien spielen mit, wie Konstruktion und Materialisierung dieser Elemente und aber besonders auch das klangliche und optische Verhalten. Es werden für ein Werk viele Entscheidungen getroffen und Rahmenbedingungen definiert, damit jene Art von Chaos entsteht, welche mich interessiert.

Zimoun

Die thematische Tiefe deiner Arbeiten ist weitreichend, von organischen Systemen, automatisierten Prozessen und der fortschreitenden Robotisierung über unsere Wegwerfgesellschaft bis zu der Weise, was unser Gehirn als Realität einordnet. Ist deine Arbeit auch als Systemkritik zu verstehen?

Zimoun: Meine Arbeiten basieren auf vielen unterschiedlichen Interessen, Faszinationen, Auseinandersetzungen und Bezugspunkten. Ich versuche dabei die Werke nicht auf eine einzelne Thematik auszurichten, sondern Felder und Zustände zu schaffen, welche idealerweise dazu anregen zu beobachten, Dinge zu entdecken, Assoziationen zu knüpfen und über uns und die uns umgebende Welt nachzudenken. Ich versuche Potentiale für mögliche Auseinandersetzungen zu erzeugen. Im Bezug auf mein Schaffen ist für mich ist ein Werk dann gelungen, wenn es mich jedesmal neu dazu aktiviert dieses in vielerlei Kontexten und Richtungen zu betrachten und mit unterschiedlichen Themen zu verknüpfen. Dabei spielt natürlich nicht nur das Werk selbst seine Rolle, sondern immer auch die Person, welche dieses betrachtet und kontextualisiert. Meine Interessen, Inspirationen und Themen gehen von reinem Sound, zum dreidimensionalen Klang im Raum und Komposition, hin zu Untersuchungen von Komplexität anhand von Einfachheit und der Frage, wann wir etwas als Komplex wahrnehmen und warum. Aber auch von Naturphänomenen, von Abstraktion zu Absurdität bis hin zu ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekten oder auch philosophischen, technologischen und soziologischen Themen, wie wir als Gesellschaft funktionieren, miteinander umgehen, oder auch gesteuert und kontrolliert werden. Mich interessiert Kunst, welche mich ästhetisch, emotional und auch intellektuell aktiviert und anregt.

Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: die Werke triggern bei mir auch systembezogene Themen, wenn ich zum Beispiel beobachte, wie zahlreiche einzelne sich individuell verhaltenden Elemente ein System nähren und dieses System so durch ihre Masse ermöglichen und nähren, aber gleichzeitig in ihren einzelnen Sektoren gefangen und isoliert sind – und sobald sie nicht mehr wie erwünscht "performen" werden sie ausgetauscht oder sonst zurechtgerückt.

Zimoun: Museum of Fine Arts Taipei, Taiwan (2016)

Eine Dystopie?

Zimoun: In der uns umgebenden Welt scheint mir auf jeden Fall einiges an Potential für dystopische Szenarien vorhanden zu sein…

Deine Installationen sind in Handarbeit erstellt und wirken in Gänze so perfekt, als wären sie von einem nicht menschlichen System erdacht. Worin liegt für dich der Reiz der Illusion?

Zimoun: Tatsächlich wirken sie auf den ersten Blick perfekt, aber beim näheren Betrachten wird oft Imperfektion innerhalb der einzelnen Elementen ersichtlich. Feine durch die Handarbeit entstehende Abweichungen und Variationen tragen zum individuellen Verhalten der multiplizierten Objekten bei. Aus dieser Individualität wächst wiederum auch die in den Werken entstehende Komplexität. Mich interessieren solche scheinbaren Gegensätze, welche in ein und der selben Sache enthalten sind. So nutze ich Einfachheit, um Komplexität zu erzeugen. Routine trifft auf Zufall, Ordnung auf Chaos, künstliche Systeme entwickeln organisch anmutende Aktivitäten oder durch die Masse wird das individuell unterschiedliche Verhalten der einzelnen Teile sicht- und beobachtbar.

Die Titel deiner Arbeiten listen die verwendeten Materialien auf. Warum braucht es keine Interpretationshilfen?

Zimoun: Ich sehe meine Aufgabe darin die Werke zu kreieren, weniger aber diese zu erklären. Ich habe auch nicht die Absicht, eine einzelne bestimmte und "richtige" Interpretation, Deutung oder Kontextualisierung vorzugeben. Erst die betrachtende Person kann ein Werk vollenden. Geschieht zwischen dem Kunstwerk und der dieses betrachtenden Person nichts, bleibt ein Werk lediglich eine Anhäufung von Material. Eine spezifische Richtung der Betrachtungsweise vorzugeben würde sich aber auf die mögliche Auseinandersetzung einschränkend auswirken. Darum weise ich in meinen Werktiteln in Form einer Art von Anti-Titel lediglich auf das verwendete Material hin, denn dies ist ohnehin schon offensichtlich.

Zimoun: NYU Art Gallery, Abu Dhabi (2019)

Die Spannung, die deine Arbeiten erzeugt, hat einen fast hypnotischen Effekt. Sie sind so präsent und performativ, dass man ihnen über einen längeren Zeitraum zuschauen möchte, auch wenn der Ablauf sich nicht verändert. Für die Erstellung baust du Prototypen, die du weiterentwickelst, bis die finale Konstruktion feststeht. Was muss gegeben sein, damit du zufrieden bist?

Zimoun: Ich versuche Komplexitäten zu erzeugen, um diese dann über längere Zeiträume zu beobachten. Dabei suche ich nach Möglichkeiten, solche Komplexitäten ohne mein direktes zeitlich gebundenes Einwirken auf das System entstehen zu lassen. Darum verzichte ich auf das Programmieren der einzelnen Motoren oder sonstige narrative oder zeitbezogene Abläufe. Ich suche nach Systemen und Methoden, welche alleine durch das dynamische Verhalten der Materialien eine mich interessierende Komplexität erzeugen und ohne weitere Eingriffe auskommen. Systeme, welche ein Eigenleben entwickeln und dieses aufrecht erhalten, statisch bleiben und dennoch in ständigem Wandel sind. Ähnlich wie bei Naturphänomenen, beispielsweise dem Betrachten des bewegten Meeres oder Wind in Bäumen oder Feldern, können diese eine hypnotische Wirkung entfalten, da die Komplexität und Vielfalt in ihrer Gesamtheit so groß wird, dass wir diese nicht voraussehen können und sie sich auch nie exakt wiederholt. Solche Komplexität kann bereits in einem einzelnen, kleinen mechanischen Element erzeugt werden, oder auch erst durch die Multiplikation und gleichzeitige individuelle Aktivität von vielen Elementen entstehen.

Ich suche im Entwicklungsprozess nach einfachsten und maximal reduzierten Konstruktionen und Materialisierungen. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Parameter und Kriterien, welche über zahlreiche Schritte von Prototypen und Tests entwickelt und stetig verfeinert werden.

Sound Installations & Sound Sculptures by Zimoun (Selected Works 2008-2025): Introduced by Nina Naok (HD, 24 min, 2025)