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Kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht
von Annette Tietenberg | 15. September 2010
Orientierung an den Regeln einer international agierenden Kunstszene und ein ironisch gebrochenes Bekenntnis zum Größenwahn stellten im letzten Jahr die Vereinigten Arabischen Emirate und Abu Dhabi zur Schau, als sie erstmals zur Kunstbiennale in Venedig mit eigenen Pavillons aufwarteten. Global Player wie Catherine David und Tirdad Zolghadr fungierten als Kuratoren, und filigrane Modelle von Museumsbauten, entworfen von Stararchitekten wie Jean Nouvel, Tadao Ando und Zaha Hadid, verhießen ein glitzerndes, aus dem Überfluss schöpfendes, allem Neuen gegenüber aufgeschlossenes Touristenparadies.

Ganz anders präsentiert sich nun Bahrain, das zum ersten Mal an der Architekturbiennale in Venedig teilnimmt und im Arsenale seine Hütten aufgeschlagen hat. Statt sich Weltgewandtheit auszuleihen, stellt Bahrain Selbstbewusstsein unter Beweis, indem es sich auf das Eigene besinnt. Im Einklang mit dem Meer zu leben, war für die Bewohner des Inselstaates lange Zeit eine Selbstverständlichkeit. Nichts Geringeres als eine Rückgewinnung dieses Zustandes steht den Kuratoren des Pavillons als Zukunftsvision vor Augen, wenn sie ihren Beitrag unter das Motto „Reclaim" stellen. So werben sie nicht, wie wohl mancher erwartet hatte, mit megalomanischen Bauprojekten für den Archipel im Persischen Golf, sondern empfangen den Ausstellungsbesucher mit drei provisorisch zusammen gezimmerten Fischerhütten. Darin darf man Platz nehmen, ausruhen, durchatmen. Ein Backgammon-Brett ist aufgebaut; es duftet nach Tee.

Nicht nur die von Spuren des Gebrauchs gezeichneten Unterstände, die ungelenkt auf Stelzen ruhen, haben in der Lagunenstadt vorübergehend eine Bleibe gefunden; auch ihre Besitzer sind angereist, wenngleich in filmischer Gestalt. In „Meeresinterviews", die Regisseur Mohammed Rashid Bu Ali geführt hat, erzählen die Fischer vom reichen Fang, von Nächten, in denen sie sich von der Brandung getröstet fühlten, von Kindheitserinnerungen und von Wochenenden, die sie nur allzu gern am Strand auskosten. Aber sie reden auch vom Verlust an Lebensfreude, den die Abkehr vom Meer für die Stadtbewohner mit sich gebracht hat. Vom Leben in klimatisierten Räumen. Von der Überfischung. Und von der Betonierung des Strandes.

Zwiespältig sind sie zu bewerten, die Folgen der Landgewinnung. Wo einst Meer war, ist nun Bauland. Das verspricht eine florierende Wirtschaft. Aber hat sich dadurch der Raum zum Leben tatsächlich vermehrt? Dass die Ergebnisse einer langjährigen sozio-politischen Forschungsstudie mit solch einer Leichtigkeit und Sinnesfreude daher kommen, verdankt sich dem durch und durch gelungenen Ausstellungskonzept, das die Fakultät für Architektur der Universität von Bahrain gemeinsam mit dem Studio lapa der Ecole Polytechnique Federale de Lausanne entwickelt hat.

Die Jury der Architekturbiennale zeigte sich von der hellsichtigen Analyse beeindruckt - und verlieh dem Königreich den Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag. „Es werden transitorische Architekturformen als Mittel präsentiert, das Meer als einen öffentlichen Raum zurückzugewinnen: eine außergewöhnlich bescheidene und doch fesselnde Antwort auf das von Kazuyo Sejima vorgegebene Thema „People meet in architecture", heißt es in der Begründung. Dank eines fundiert recherchierten und klug inszenierten Beitrags ist aus Landgewinn also ein Preisgewinn, und damit einhergehend ein Prestigegewinn geworden. Mag sein, dass die Magie des Meeres das Ihre dazu beigetragen hat.

http://labiennale.org

In unserer Serie zur Architekturbiennale sind bislang erschienen:
› Oliver Elser über die zentrale Ausstellung der Biennale-Leiterin Kazuyo Sejima
› Dirk Meyhöfer über „Sehnsucht" im deutschen Pavillon
› Sandra Hofmeister über urbane Freiräume und Leerstand in den Pavillons von Frankreich und den Niederlanden
› Annette Tietenberg über den britischen Pavillon, in den eine Schule des Sehens Einzug gehalten hat
› Carsten Krohn über das Ende der "signature architecture" und den Beginn einer Atmosphärenproduktion
Dirk Meyhöfer über die Gefühlslagen auf dem Weg zur Reanimierung der russischen Industriestadt Vyshny Volochok
Claus Käpplinger über die Länderpavillons außerhalb der Giardini und der Arsenale
Axel Simon über den japanischen Pavillon und Tokio als metabolistische Stadt voller Puppenhäuser
© Thomas Wagner
© Thomas Wagner
Bahrainischer Pavillon, © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
© Dimitrios Tsatsas, Stylepark
© Dimitrios Tsatsas, Stylepark
© Thomas Wagner