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Vom Unterwegssein
von Joerg Bader | 9. Juli 2011
Mag die diesjährige Biennale-Direktorin Bice Curiger auch behaupten, die Frage der Nationen sei nicht mehr relevant, so bleibt die venezianische Biennale doch trotz allem weltweit die einzige Ausstellung für Gegenwartskunst, die ihre Legitimation noch vom Nationen-Wettkampf des 19. Jahrhunderts ableitet. Europa kennt heute dessen Folgen aufs Beste in Form von Kolonialismus, zwei Weltkriegen und postkommunistischen ethnischen Kriegen. Kein Wunder, dass Kuratoren und Künstler dieses vergiftete Nationen-Rezept ab den neunziger Jahren mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Beginn der Balkan-Kriege und der Explosion des globalen Kapitalismus in Frage stellten und in den Pavillons Ausstellungsweisen entwickelten, die nicht mehr nach der Formel „Eine Nation, ein Künstler" vorgehen. Eines der gelungensten Resultate dieser Infragestellung ist die Gründung eines Roma-Pavillons. Zwar besitzen die Roma kein Land und haben somit auch keine Grenzen zu verteidigen, trotzdem wurde 2007 zum ersten Mal im Rahmen der „Colateral Events" ein Roma-Pavillon ins Leben gerufen. Das bis heute verfolgte Volk der Roma – denken wir nur an Auschwitz und Präsident Nicolas Sarkozys Rausschmiss-Politik im letzten Sommer – ist gleichzeitig auch eines der ganz wenigen Völker Europas, das nie einen Krieg vom Zaun gebrochen hat, wie das italienische Künstlerkollektiv „Stalker" unterstreicht.

Zeugnis ablegen

Ging es vor zwei Jahren mehrheitlich um eine Präsenz von Roma-Künstlern im Rahmen der Biennale, so ist der diesjährige Pavillon – von Maria Hlavajova kuratiert und von der „Open Society Foundation" produziert – ein Zusammenschluss von Politaktivisten, Fotografen, Kunsthistorikern, Künstlern, Journalisten, Filmemacher, Philanthropen, Theoretikern, Schriftstellern und anderen Personen aus der Zivilgesellschaft. Für „Call the Witness" wurden einerseits Statements von Roma-Künstlern eingesammelt, die von ihren Lebensbedingungen in Europa berichten, andererseits Gedanken, Bilder und Töne von verschiedensten Beteiligten aus der Zivilgesellschaft, die sich mit den teilweise unmenschlichen Lebensbedingungen auseinandersetzen.

So zeigt beispielsweise der in Deutschland bekannte und in Berlin lebende Fotograf Nihad Nino Pusija aus Bosnien-Herzegowina nicht wie zu erwarten seine einfühlenden Roma-Porträts, sondern eine Art Fotoroman, der den Entstehungsprozess von „Call the Witness" humorvoll kommentiert. Pusija präsentiert während den vorbereitenden Diskussionen aufgenommene Fotografien, in die er eigene Texte und Zitate montiert. Die von ihm aufgeworfenen Fragen zielen thematisch direkt ins Zentrum: Wer kann, soll, darf im Namen der Roma sprechen? Welche institutionelle Macht wird mobilisiert, um den „Subalternen" – in Anspielung auf Gayatri Spivaks Buch „Can the Subaltern Speak?" – vom Sprechen fern zu halten?

Der Künstler ist immer ein Nomade

Salman Rushdie begann seine im Roma-Pavillon in Venedig gehaltene Rede mit dem Hinweis, dass Künstler immer Nomaden waren und Grenzüberschreitung zu ihrem Alltag gehört. Mit dem Verweis auf ausländische Künstler im dänischen Pavillon betonte er, dass Landes- und Sprachgrenzen für Künstler nie wichtig waren. Und dass heute Millionen von Menschen so leben. Wir sind alle Romas! George Soros, Börsenspekulant und Philanthrop, betonte in seiner Rede, die Roma seien heute die am meisten verfolgten Bürger Europas, weshalb er sich für das Projekt auch finanziell stark gemacht habe. Für Soros geht es weder um eine Schockwirkung noch ums Sammeln von Sympathie, sondern um den Kampf gegen eine unhaltbare Ungerechtigkeit. Die Liste der von ihm aufgezählten gewaltsamen Ausweisungen (Frankreich), Zerstörungen von Unterkünften (Italien), Tötungen von Roma (Ungarn) sowie neofaschistischen Angriffen (Tschechien) ist lang, genauso wie die Liste von Behauptungen einiger europäischer Rechtspolitiker, Roma seien genetisch zur Kriminalität veranlagt.

Hsieh Chun-Tes zahllose Aktivitäten

Die große Entdeckung der diesjährigen Biennale war für den Schreiber dieser Zeilen unbestreitbar Hsieh Chun-Te, der 1949 in Taichung, Taiwan geborene Autodidakt. Zahllos sind seine Beiträge zur chinesischen Gegenwartskultur. Als er als Siebzehnjähriger von Zuhause wegläuft, erlernt er selbstständig die Malerei; ein Jahr später entdeckt er die Fotografie und das Super-8-Kino, um bereits zwei Jahre später in der „Taipei Fine Arts Gallery" auszustellen, 1973 der „Visual Group Ten" beizutreten und 1975 als Choreograf und Regisseur Tanz- und Theaterstücke zu inszenieren. Sind die achtziger Jahre geprägt von seiner Tätigkeit als Buchautor, Fotoredakteur, Grafiker von Plakaten und Schallplattenhüllen sowie einer regelmäßigen Ausstellungstätigkeit, so stehen die neunziger Jahre unter dem Zeichen seiner Arbeit als Regisseur für Musikvideos und TV-Commercials, als Drehbuchautor und Theater-Ausstatter. Dass er mit seinem Restaurant „C'est bon", für das er auch das Geschirr entwirft, in dem Buch „Coco" von Phaidon zu den hundert besten neuen Restaurants auf der Welt gezählt wird, ist nur ein weiterer Aspekt seines beinah grenzenlosen Talents. So erstaunt es nicht weiter, dass er all diese Tätigkeiten wie ein Orchester-Chef ausführt, besteht eine seiner weiteren Gaben doch darin, andere für seine Projekte zu begeistern.

Inszenierte Fotografien

Dieses führt uns direkt zu den in Venedig, gleich neben der Kirche San Stae, gezeigten großen Fototableaus. Der inszenierte Aspekt fällt sofort auf. Viele sehen aus wie „Tableaux vivants". Das Theatralische, frontal wiedergegeben, dominiert. Weil die fotografischen Bilder aber auf spezielle Weise – mit einem tiefen Schwarz – gedruckt sind und deshalb vielfach wie mit Tusche gemalt aussehen, erscheinen sie in ihrer oft großflächig eingesetzten Unschärfe als seien die Blätter von peitschendem Regen verwüstet worden. Und tatsächlich ist vielen eine gewitterhafte Atmosphäre zu eigen. Ja, der Zorn der Götter hängt in dunklen Kohlewolken über den Szenen, der Himmel ist aschgrau. Hsieh Chun-Tes Bilder könnten darüber hinaus auch im Lichte der Sloterdijkschen „Zornphilosophie" gesehen werden; sicher ist, worauf ihr Co-Kurator Dominique Païni im Katalog hinweist, ihre Geistesverwandtschaft mit den Schriften Georges Batailles. Szenen von baumelnden Frauenkörper an einer Stange, mit dem Kopf nach unten hängend und wie Lackenten feilgeboten, verweisen wiederum auf Francisco de Goyas Grafiken „Desastres de la guerra", besonders auf die Radierung „39 Grande Bazana! Con muertos!".

Eros und Thanatos

Im Zeichen von Eros und Thanatos sind viele Bilder von Hsieh Chun-Te entstanden, beispielsweise die Liebesszene „A Meat Stall", auf dem ein Mann stehend mit einer liegenden Frau auf einem gerüstartigen Lebensmitteltisch in freier Natur und vor Schilfhalmen, durch die der Wind streift, kopuliert. Solche erotischen Szenen sind abstoßend und anziehend zugleich. Ihre ganz eigene Technik konfrontiert Schärfe und Unschärfe, Pictorialismus und Realismus in einem einzigen Bild miteinander. Zeremonien sind sie alle. Kein Wunder, dass in den Vernissage-Tagen ein auserwähltes Publikum an einem ritualisierten Festbankett teilnehmen konnte.

Dominique Païni, ehemals Direktor der Pariser Cinémathèque, zählt außerdem Szenen erotischer japanische Filme von Regisseuren wie Nagisa Ōshima, Tatsuo Nishimura und Koji Wakamatsu zu den Einflüssen, die im Werk Hsieh Chun-Tes ihre Spuren hinterlassen haben. Man könnte für einen anderen wichtigen Werkteil Mizoguchi Kenji anführen. In diesen Allegorien setzt sich Hsieh Chun-Te mit der Modernisierung des taiwanesischen Lebens und der daraus folgenden Entwurzelung der Landbevölkerung auseinander. Diese ebenfalls unter dem Haupttitel „Raw" erarbeitete Serie, führt zu absurden Bildern wie dem von zwei auf der Kante einer Hochhaus-Dachterrasse sitzenden Fischern oder eines Gruppenbildes von Männern und Frauen vor einer Flusslandschaft. Eine Frau zeigt ihre Brüste unter einem Unterhemd, ein Mann hält einen Makaken. „Ferry Voyagers at the Guan-yin-shan" zeigt – beinah unlesbar – eine ganz eng zusammenstehende Gruppe von Erwachsenen und Kindern auf einem schmalen kleinen Flussboot. Und so sind wir wieder bei Salman Rushdie angelangt: Millionen von Menschen sind heute „on the move", selten freiwillig, außer vielleicht die Künstler.

Roma:
www.callthewitness.org

Taiwan:
www.tfam.museum
www.chun-te.com



In unserer Reihe zur 54. Kunstbiennale von Venedig sind bisher erschienen:
> „Jenseits von Angst und Afrika" von Thomas Wagner
> „Taubenverteilen im Park" von Thomas Wagner
> „Wir verlassen den amerikanischen Sektor..." von Joerg Bader und Thomas Wagner
> „Mitgefangen, mitgehangen" von Annette Tietenberg
> „Amerikanische Turnstunde" von Thomas Wagner
> „Widerstand - erstarrt oder verflüssigt?" von Barbara Basting
> Schlinge, Schlinge über alles" von Barbara Basting
> Tintoretto - einer von uns?" von Annette Tietenberg
> „Das übermalte Feuilleton" von Joerg Bader
> Venezia, Piazza Tahrir" von Barbara Basting
> „Auf in die Karawanserai" von Joerg Bader
> Politik als Gesangsstunde von Joerg Bader
„Vermächtnis. Legacy” von Marika Schmiedt, 2010–2011, video still, courtesy the artists
“Rite of Spring” von Mona Vătămanu & Florin Tudor, 2010, video still, courtesy the artists
„Dachau, Landfahrerplatz kein Gewerbe“ von Alfred Ullrich, 2011, traffic sign, photographic documentation, courtesy the artist
“Venice Mahala Opus” von Nihad Nino Pušija, 2011, series of photos, detail, courtesy the artist
“Venice Mahala Opus” von Nihad Nino Pušija, 2011, series of photos, courtesy the artist
“Venice Mahala Opus” von Nihad Nino Pušija, 2011
Pavillon der Roma, Ausstellungsarchitektur von Aernout Mik, Außendetail, Foto: Victor Nieuwenhuys
“Call the Witness”, Pavillon der Roma, Installationsansicht im Palazzo Zorzi, Foto: Victor Nieuwenhuys
Pavillon der Roma, Installationsansicht im Palazzo Zorzi, Foto: Victor Nieuwenhuys
Ausschnitt aus "RAW-The Fishman on the Rooftop" von Hsieh Chun-Te, 1987-2011, techniques-Ultra smooth fine art paper, sizes-300x240cm
“RAW-The Fishman on the Rooftop” von Hsieh Chun-Te
Arbeit von Hsieh Chun-Te
„Ferry Voyagers at the Guan-yin-shan“ von Hsieh Chun-Te
„RAW-Bitches” von Hsieh Chun-Te, 1987-2011, sizes-300x240cm
Francisco de Goyas Radierung „39 Grande Bazana! Con muertos!“