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Anish Kapoor, Station Monte Sant'Angelo, 2025

Hinab in Dantes Unterwelt

Mit der von Anish Kapoor gestalteten Station Monte Sant'Angelo findet ein seit mehr als 30 Jahren laufendes Kunstprojekt in Neapel seinen vorläufigen Höhepunkt. Was 1993 als theoretische Idee begann, ist unter der künstlerischen Koordinierung Achille Bonito Olivas zu einem bemerkenswerten Beispiel von demokratischer Kunst und urbaner Wiederbelebung geworden.
von David Kasparek | 13.02.2026

Eines der spannendsten Projekte entsteht seit rund 30 Jahren in Neapel. Hier finden zeitgenössische Kunsttheorie, Stadtplanung, Architektur und Kunst zusammen. Als künstlerischer Koordinator der Stadtverwaltung von Neapel leitet Achille Bonito Oliva das Projekt Stazioni dell’Arte (Kunststationen), mit dem hehren Ziel, den lokalen öffentlichen Nahverkehr in eine Art stadträumliches Museum für gegenwärtige Kunst zu verwandeln.

Zur Erinnerung: Bonito Oliva, geboren 1939 in Caggiano, in der Provinz Salerno, gilt als einer der einflussreichsten Kunsthistoriker und -kritiker der italienischen Nachkriegszeit. Geprägt von tiefgreifender Interdisziplinarität führt ihn sein Weg aus Salerno in die Rechts- und Literaturwissenschaften und von dort zur avantgardistischen Literaturbewegung Gruppo 63. Ab 1968 beeinflusst er als Professor für die Geschichte der zeitgenössischen Kunst an der Universität La Sapienza in Rom Generationen von Studierenden. In einer Zeit, in der die Minimal Art und die Konzeptkunst den Ton angeben, proklamiert Bonito Oliva 1979 eine Rückkehr zur Figuration, zum Mythos und zur handwerklichen Subjektivität: Die Einführung des Begriffs Transavanguardia (Transavantgarde) darf als der vielleicht wichtigste Beitrag Bonito Olivas zum zeitgenössischen Kunstdiskurs gelten.

Anish Kapoor, Station Monte Sant'Angelo, 2025
Anish Kapoor, Station Monte Sant'Angelo, 2025
Anish Kapoor, Station Monte Sant'Angelo, 2025

Als Reaktion auf eine als steril empfundene Abstraktion der 1970er-Jahre argumentiert Bonito Oliva, dass die Kunst in einer "Sackgasse" angekommen sei und sich nicht mehr linear weiterentwickeln könne. Stattdessen fordert er einen „kulturellen Nomadismus“, der es den KünstlerInnen erlaubt, frei zwischen verschiedenen Epochen, Stilen und Traditionen zu wandeln. KünstlerInnen der Transavantgarde lehnen demnach die "Hysterie für das Neue" ab und greifen stattdessen auf Stile der Vergangenheit zurück, um sie neu zu kombinieren. Ein zentrales Motiv in dieser Theorie ist die Metapher des "sehenden Blinden": Transavantgardisten zertrümmern die Linse, die eine einheitliche Sicht auf die Welt ermöglicht, und blicken stattdessen mit einer fragmentarischen, kaleidoskopischen Wahrnehmung um sich – als "nihilistische" KünstlerInnen im Nietzscheanischen Sinne, von traditionellen Bezügen befreit und sich in ständiger Bewegung befindend, anstatt einem festen Ziel entgegenzustreben.

Von obligatorischen Museen und übergroße Toiletten

Nach der von ihm künstlerisch geleiteten 45. Kunstbiennale in Venedig 1993 konnte Achille Bonito Oliva seine Idee des "Museo Obbligatorio" (obligatorisches Museum) auf den städtischen Raum ausdehnen. Im "Museo Obbligatorio" findet Kunst nicht mehr nur in geschlossenen Institutionen statt, sondern begegnet den BürgerInnen im Alltag. In einer U-Bahn-Station, so die These, kommen die Fahrgäste en passant nicht umhin, die Kunstwerke wahrzunehmen, während sie sich durch den Raum bewegen. So könnten Anonymität und Homogenität moderner Transiträume aufgebrochen und stattdessen mit Identität und Schönheit angereichert werden. Wo herkömmliche Metro-Stationen häufig wie "übergroße Toiletten" mit Kacheln und schlechtem Licht und nachgerade demoralisierend auf die Pendelnden wirkten, könnte eine "Osmose" zwischen Architektur und Kunst stattfinden, die die Lebensqualität sowohl physisch als auch moralisch und intellektuell verbessere.

Seit 1993 wurden unter der Leitung von Bonito Oliva so zahlreiche Kunstwerke von über 80 renommierten internationalen KünstlerInnen Teil das neapolitanische Metrosystem. Bonito Oliva koordinierte dabei die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den beteiligten ArchitektInnen, zu denen Größen wie Álvaro Siza, Gae Aulenti, Alessandro Mendini, Dominique Perrault und Karim Rashid gehören. Jede Station folgt einer eigenen Logik, oft durch die spezifische Geschichte des Ortes geprägt. Die von Karim Rashid gestaltete Station Università etwa übersetzt Fragen nach Wissen und Sprache in Zeiten der Digitalität in Raum und Form, die von Massimiliano Fuksas entworfene Station Duomo integriert die archäologischen Funde der Fundamente eines römischen Tempels aus dem ersten Jahrhundert nach Christus und Überreste eines antiken Gymnasiums.

Uberto Siola, Chiaia station, Kunst von Peter Greenaway, 2024
Uberto Siola, Chiaia station, art by Peter Greenaway and Saskia Boddeke, 2024
Karim Rashid, Università Station, 2011
Karim Rashid, Università Station, 2011

Museum in Bewegung

Jüngst wurde die Station Monte Sant'Angelo der Linie 7 eröffnet, die Anish Kapoor in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Future Systems (Jan Kaplický und Amanda Levete) entworfen hat. Kapoor schuf dafür zwei skulpturale Eingänge, wobei einer aus Corten-Stahl, genannt La Bocca (Der Mund), an eine Mischung aus organischem Schlund und Riesen-Kipferl erinnert. Die Skulptur scheint die Reisenden in die Unterwelt zu saugen. So nimmt der Künstler Bezug auf die vulkanische Landschaft Neapels und Dantes Göttliche Komödie. Im Inneren der Station wurden Teile der Tunnelwände roh und unbearbeitet gelassen, um eine dem Ort in der Tiefe angemessene Authentizität zu bewahren.

Durch die Einbindung internationaler Architekt:innen und Künstler:innen wurden hier nicht nur funktionale Knotenpunkte geschaffen, sondern Orte mit hoher Aufenthaltsqualität. In Vierteln wie Scampia oder Piscinola fungieren die Stationen als Ankerpunkte für neue Entwicklungen und als Ausdruck neuen bürgerlichen Stolzes jenseits der SSC Neapel, Diego Maradona und ähnlicher Folklore. Die Umwandlung von Parkplätzen in Fußgängerzonen – wie der Bereich vor der Villa Pignatelli an der Riviera die Chiaia vor der Station San Pasquale – zeigt den direkten Nutzen für die Stadt, die Menschen und das gesellschaftliche Leben. So hat sich die Metro von Neapel zu einer echten kulturellen Attraktion entwickelt. Geführte Touren und pädagogische Programme vermitteln das Wissen über die zeitgenössische Kunst einem breiten Publikum. Als Übertrag der theoretischen Grundlagen der Transavanguardia – des kulturellen Nomadismus und der Rückkehr zum Narrativen – in den urbanen Raum ist die neapolitanische Metro heute kein bloßes Transportmittel mehr, sondern ein "Museum in Bewegung", das die Barrieren zwischen elitärer Kunst und dem Alltagsleben der Menschen einreißt.