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Entfremdung des Vertrauten

Die beiden Architekturbüros Young & Ayata und Michan Architecture haben ein Wohngebäude in Mexiko-City entworfen. Das Ergebnis sorgt mit seiner expressiven Betonfassade für subtile Irritationen.
von Alexander Russ | 03.03.2021

Wie schafft man es, ein Gebäude von vier Seiten zu belichten, obwohl es zwischen zwei anderen Gebäuden steht? Ganz einfach, indem man die Baugrenze unterschreitet. So geschehen bei einem viergeschossigen Wohngebäude in Mexiko-City, das in Zusammenarbeit des New Yorker Architekturbüros Young & Ayata mit dem mexikanischen Architekten Isaac Michan Daniel von Michan Architecture entstand. Eingeklemmt zwischen zwei Einfamilienhäusern, bei denen eine Aufstockung möglich war, entschieden sich die Architekten bei ihrem Entwurf für ein Zurückweichen vor dem Bestand, um zukünftig genügend Abstand zu gewährleisten. Mit dem Rücksprung des Gebäudes ging auch die Genehmigung eines weiteren Stockwerks einher, über das der Verlust an Fläche ausgeglichen werden konnte.

Neben der prägnanten Sichtbetonfassade sind es vor allem die großen eingeschnittenen Fenster, die das Erscheinungsbild des Wohngebäudes prägen. "Um Licht, Aussicht und Belüftung auf allen Seiten des Gebäudes zu ermöglichen, haben wir ein Konzept entwickelt, das die Fenster in etwas Vertrautes und doch subtil Fremdes verwandelt", sagt Kutan Ayata, einer der beiden Partner des New Yorker Büros dazu. Ihren Ansatz bezeichnen die Architekten als eine "Entfremdung des Vertrauten", wodurch sie subtile Irritationen hervorrufen wollen. Die großen Fenster, die einerseits die Geschossigkeit des Gebäudes aufgreifen, andererseits auch einen expressiven Gegenpart zur regelmäßigen Brettschalung des Betons bilden, verleihen der Fassade eine räumliche Tiefe, die sich aus ihrer unregelmäßigen Geometrie ergibt.

Die 22 rechteckigen Öffnungen in fünf verschiedenen Größen sind wie Auskerbungen in die Fassade eingeschnitten, die flächig und plastisch zugleich in die Nachbarschaft hineinwirken. So sitzen die Fenster mit ihren großen trapezförmigen Glasflächen etwas zurückversetzt in der Betonfassade und wölben sich gleichzeitig in Form von Erkern wieder heraus – ganz so als würde der Beton an ihnen ziehen. Dabei verleihen die geschwungenen Linien dem Gebäude eine gewisse Geschmeidigkeit. Gleichzeitig unterstützen sie die rohe Plastizität der Form. Im Innern sorgen dann die unterschiedlichen Blickrichtungen der Fenster für sich überlagernde Perspektiven: Indem man aus den Wohnungen heraus und gleichzeitig wieder in sie hineinblickt, entsteht eine Vielschichtigkeit, die den sieben Wohnungen mit ihren herkömmlichen Grundrissen und kleinen Räumen eine gewisse Großzügigkeit verleiht. Um das Spiel der Irritationen zu steigern, gestalteten die Architekten die Wohnungen mit ihren weißen Innenraumwänden als Kontrastraum zur rauen Schalung der Fassade. Einzig an den eingeschnittenen Öffnungen der Fenster treffen der rohe Beton und die verputzten Innenräume in einer fließenden Bewegung aufeinander. Das strukturierte graue Äußere kontrastiert dabei mit den hellen und glatten Wänden des Inneren und verleiht dem Gebäude eine zusätzliche Vielschichtigkeit.

Neben ihrem Ansatz der Entfremdung war es auch das Werk des Architekten und Ingenieurs Félix Candela, dessen leichte Flächentragwerke aus Beton einen unmittelbaren Einfluss auf den Entwurfsprozess hatten. Kutan Ayata beschreibt das folgendermaßen: "Wir hatten die Möglichkeit, einige der Projekte auf unseren Reisen nach Mexiko zu besichtigen und den konstruktiven Ansatz sowie die ästhetische Ausformulierung der Betonoberflächen zu studieren. Dabei war es interessant zu sehen, wann und wie bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, die sowohl die Gestaltung als auch Funktionalität der Konstruktion berücksichtigten". Im Unterschied zu Candelas filigranen Tragwerken kommt das Wohngebäude dann aber doch eher massiv daher. Stattdessen punktet es durch seinen formal gestalterischen Willen, der nach neuen Ausdrucksformen in der Geometrie sucht und mit subtilen Irritationen in den Stadtraum hineinwirkt.