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Blickpunkt: Architektinnen – Annabelle Selldorf

In unserer Serie "Blickpunkt: Architektinnen" stellen wir Ihnen in regelmäßiger Folge das Werk von Architektinnen vor – wie das von Annabelle Selldorf, die mit präzisem Blick ruhige, bis in das Detail perfekte Räume schafft. Das nächste große Projekt steht bereits fest: Die Restaurierung und Umgestaltung des Louvre in Paris.
von Florian Heilmeyer |

Es ist nicht ganz leicht, sich mit Annabelle Selldorf zum Interview zu verabreden. Dafür ist die 65-Jährige deutsche Architektin mit Wohnsitz New York zu beschäftigt. Während die Verhandlungen über einen passenden Termin noch laufen, platzt schon die nächste große Neuigkeit herein: Zusammen mit Studios Architecture und Base Paysagiste aus Paris hat Selldorfs Büro den Wettbewerb zur Umgestaltung des Louvre in Paris gewonnen, dem größten Kunstmuseum der Welt. Die sowieso schon atemberaubende Laufbahn von Annabelle Selldorf scheint damit einem neuen Höhepunkt entgegen zu gehen. Dabei begann alles mit einer Absage.

Am Anfang war die Absage

Für ein Architekturstudium in Deutschland waren die Abiturnoten der jungen Kölnerin zu schlecht. Sie musste sich auf eine Wartezeit einstellen und beschloss, stattdessen erst einmal etwas von der Welt zu sehen. 1979 kommt die damals 19-Jährige erstmals nach New York und verliebt sich in die Stadt: "Ich hatte noch nie Europa verlassen und New York faszinierte mich. Überall war Musik. An jeder Ecke gab es andere Gerüche und andere Sprachen." Da sei einfach so eine tolle Energie gewesen und das Gefühl, als junger Mensch sofort eingeladen zu sein, mitzumachen, egal, woher man komme. Natürlich, setzt Selldorf hinzu, brauche man das damalige New York nicht zu romantisieren. Die U-Bahnen fuhren selten und waren genauso schmutzig und kaputt wie die Häuser. Den Union Square habe man lieber nicht betreten, drei- oder viermal sei sie auf der Straße ausgeraubt worden, einmal mit dem Messer am Rücken. Dennoch sei da vor allem diese Energie gewesen, sagt Selldorf. Und: "Ich liebe New York bis heute. Ich habe mich schlicht und einfach sofort willkommen gefühlt."

1981 folgt sie ihrem Traum und beginnt ein Architekturstudium am Pratt Institute. Prägend war, sagt sie, vor allem die Lehre beim österreichischen Architekten Raimund Abraham. Die Eltern sind zwar wenig begeistert vom Wegzug der Tochter, zahlen aber die Studiengebühren. Die Miete für ihre "fensterlose Kammer" an der Upper West Side verdient Selldorf mit einem Teilzeitjob in einem Architekturbüro. Tagsüber sei sie diszipliniert und strebsam gewesen, erzählt Selldorf über diese Zeit, um nachts in Bars und Clubs wie dem Mudd Club in Tribeca zu versacken, "wo Andy Warhol Hof hielt und Julian Schnabel kellnerte". Heute liegt Selldorfs Büro durch Zufall im gleichen Gebäude, in dem Warhol seine dritte Factory hatte: Am nördlichen Ende des Union Square, zwischen Broadway und Park Avenue mitten in Manhattan. 

Annabelle Selldorf

Es lag in der Familie…

Zwar steckte hinter dem Umzug in die USA damals kein größerer Karriereplan, sagt Selldorf rückblickend, dennoch stellte er sich in mehrfacher Hinsicht als äußerst fruchtbar heraus. Zunächst brauchte Selldorf etwas Abstand zur eigenen Familiengeschichte, denn die hatte ihr den Beruf als Architektin etwas zu nahe gebracht: Vater Herbert hatte Schreiner gelernt und wurde aufgrund seiner Praxiserfahrung Architekt. Selldorf fand es furchtbar, wie der Vater immer hart arbeitete, ohne viel zu verdienen und gleichzeitig mit all seinen Ideen immer abhängig zu sein vom Willen seiner Kundschaft. Da wollte Selldorf lieber Diplomatin werden, an der Sorbonne studieren und in Paris leben. Dann war da noch die tüchtige Großmutter väterlicherseits, Ludovica Seligmann, die schon 1951 im Nachkriegs-Köln die Inneneinrichtungsfirma Vica gründete. "Harte Arbeit und innovativer Geschmack", so Selldorf, seien die Grundlage für den Erfolg des Geschäfts geworden. Auch Annabelles Vater, Tante und Onkel arbeiten dort zeitweise. Heute hat Annabelle Selldorf Vica in New York neu belebt und entwirft dafür Möbel, die – genau wie ihre Architektur – durch eine unaufdringliche Eleganz bestechen, wie man sie sonst eher skandinavischen Möbeln der frühen Nachkriegsmoderne zuschreibt. 

Das Geschäftstalent der Großmutter und das gründliche, detailverliebte Auge des Vaters scheinen auf Annabelle Selldorf übergegangen zu sein. Und noch etwas hat sie mitgenommen: das Interesse an Kunst. Denn beide Eltern waren gerne und ausgiebig in der Kölner Kunstszene unterwegs, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen besonderen Aufschwung erlebte. Ihre Kinder nahmen sie mit zu allen Ausstellungs- und Museumsbesuchen und auch im Urlaub, so erinnert sich Selldorf, seien sie in alle Kirchen und Museen geschleppt worden. Enge Freundschaften verbinden die Eltern mit Künstlern wie Josef Fassbender und Hann Trier. Als Teenager knüpft Selldorf eigene Freundschaften mit der nächsten Generation von Kölner Künstlern wie etwa Marcel Odenbach. 

Vor diesem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte wollte Annabelle Selldorf eigentlich lieber nicht Architektin werden. Es war erst eine Freundin, die ihr vorschlug, gemeinsam als Innenarchitektinnen zu arbeiten, und dann Vater Herbert, der ihr riet, dann doch besser Architektur zu studieren – denn damit könne sie anschließen immer noch als Innenarchitektin arbeiten, umgekehrt aber nicht. "Das leuchtet mir ein", so Selldorf. Entscheidender war aber im Rückblick der Sprung über den Atlantik nach New York. "Ich musste meinen eigenen Weg zur Architektur finden, bei dem ich nicht das Gefühl hatte, einfach nur den ausgetretenen Fußspuren der Familie zu folgen."

The National Gallery London
Neue Galerie New York

Neustart in der Neuen Welt

Allerdings nimmt sie die familiären Kontakte mit in die Neue Welt und so öffnet sich wieder eine Tür: Der Kölner Kunsthändler Heiner Friedrich vermittelt ihr ein Praktikum im Büro von Fred Stelle und Richard Gluckman. Vor allem Gluckman wird in den frühen 1980er-Jahren bekannt als Spezialist, der mit viel Fingerspitzengefühl und nur geringen Eingriffen alte industrielle Gebäude zu Ausstellungsräumen umbaut. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss geht Selldorf 1985 für einen Masterstudiengang nach Florenz an die amerikanische Syracuse University. Dort lernt sie bei Colin Rowe und Werner Seligman ein Verständnis für "die Rationalität der Renaissance", wie sie sagt – für die "eindeutige Logik", die hinter den perfekten inszenierten Proportionen der inszenierten Renaissance-Bauten steckt. 

Man könnte allerdings auch sagen, dass dieses Verständnis fürs tägliche Geschäft eher hinderlich war. Zurück in New York arbeitet sie als Angestellte erneut bei Gluckman, ist aber unglücklich. "Kein Kollege dort machte sich Gedanken über die perfekten Proportionen der Rucellai-Kapelle (1467) von Leon Battista Alberti in Florenz", lacht Selldorf. "Das war natürlich Blödsinn. Aber ich hatte ganz stark das Bedürfnis, die Dinge selbst zu entscheiden. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich keine besonders gute Angestellte mehr bin." So ergreift Selldorf die erste Chance, die sich bietet: Bekannte brauchen jemanden, der ihre Küche umbaut. "Ich war 28 und hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was nach diesem einen kleinen Auftrag kommen würde. Ich habe einfach monatelang Tag und Nacht nur an dieser Küche gearbeitet. Das war extrem gut für mich, weil ich mir alle Aspekte des Entwurfs selbst erarbeiten musste, ohne dass mir jemand sagt, dass ist gut oder nicht so gut." 

Jeder nachfolgende Auftrag ist ein bisschen größer und so wächst auch Selldorfs Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dann kommt eine Anfrage aus Köln, die Selldorfs Weg für immer verändert: Für den Galeristen Michael Werner, der damals Künstler wie Georg Baselitz, Markus Lüpertz und Jörg Immendorff vertrat, soll sie an der East 67th Street Werners erste New Yorker Galerie einrichten. Über diesen Umbau sagt Selldorf noch heute, es sei eines ihrer schönsten Projekte: "Ich habe alles selbst gemacht. Jede Zeichnung, jedes Detail, jede Kleinigkeit waren total durchdacht, jede noch so kleine Entscheidung konnte ich begründen." Das präzise Sehen und das gründliche Nachdenken über jedes Detail waren bei ihr zwar wohl schon vorher angelegt, vielleicht durch die Kunstbesuche mit den Eltern oder durch das Studium in Florenz, aber von Werner, sagt Selldorf, habe sie noch einmal das "bewusste, präzise Sehen" gelernt, das heute noch allen ihren Entwürfen vorangeht.

The Frick Collection, New York
The Frick Collection, New York

Der Durchbruch

Auf eben diesem präzisen Sehen basiert Selldorfs Architektur bis heute. Inzwischen ist sie vor allem als Architektin bekannt, die nahezu perfekte, konzentrierte und ruhige Räume für alle Formen der Kunstpräsentation schaffen kann – ob in umgenutzten Altbauten oder in neuen Häusern. Schon die Galerie von Werner war ein Erfolg und die behutsame Arbeit der Architektin begann, sich in der Kunstszene herumzusprechen. Für die neu gegründete Galerie Hauser & Wirth baut Selldorf 1996 eine ehemalige Brauerei in Zürich um und kommt dann zu einem Auftrag, der ihren Durchbruch bringen wird. Für den Kosmetikmilliardär Ronald S. Lauder baut sie in New York eine Stadtvilla von 1914 an der Fifth Avenue zur "Neue Galerie New York" um, wo Lauder Werke der österreichischen und deutschen Moderne aus seiner Privatsammlung ausstellt. Schon zur Eröffnung wird Selldorfs Umbau euphorisch besprochen, wie sie das Wohnhaus mit relativ wenigen Eingriffen zu perfekt belichteten und gut organisierten Ausstellungsräumen neu organisiert, das begeistert die US-amerikanische Kunstwelt.

In der Folge entwirft Selldorf Ausstellungsräume und -häuser für Hauser & Wirth, David Zwirner, Maja Hoffmann, Larry Gagosian, Barbara Gladstone oder Thaddaeus Ropac, dazu lassen sich KünstlerInnen wie Not Vital oder Jeff Koons ihre Häuser und Ateliers von ihr gestalten. Mit David Zwirner arbeitet sie mittlerweile seit über dreißig Jahren und an allen seinen Galerien in aller Welt. Zwirner und Selldorf verbindet, sagt sie, eine Freundschaft noch aus Kölner Tagen und damit ein über die Jahre gewachsenes, gemeinsames Verständnis und Vokabular für die Räume für die Kunst. Ausgerechnet die ständig eifersüchtige Kunstwelt, die sonst so sehr auf Distinktion und Konkurrenz bedacht ist, scheint sich bei der Wahl ihrer Architektin überraschend einig zu sein. 

Auch den KritikerInnen gefallen ihre Räume und die umsichtige, zurückhaltende Architektur: Eleganz, Ruhe, Zeitlosigkeit, Unaufdringlichkeit und Konzentration sind die am häufigsten genannten Eigenschaften, die Selldorf in ihren Räumen zu schaffen weiß. Dabei sagt sie selbst über ihre Arbeit, dass es immer Selbstzweifel gab: "Wir versuchen immer, Räume zu schaffen, die Menschen zur Kunst und zur Verinnerlichung bringen; Räume für eine Atempause, in der man etwas anderes denken kann, sich auf etwas konzentrieren oder sich berühren lassen kann." Dies könne in seiner ganzen Unauffälligkeit jedoch auch langweilig wirken, nach dem Motto: Was haben die Architekturschaffenden hier eigentlich gemacht? "Meine Architektur hat keine Signatur", sagt Selldorf. "Ich habe keinen wiederkehrenden Stil, keine festgelegte Ästhetik und nicht einmal ein bevorzugtes Material." Das sei gerade bei Wettbewerben ein Problem, weil ihre Architektur eben kein visuelles Spektakel biete, sondern eher einen Genuss für alle Sinne. 

David Zwirner 20th Street, New York
David Zwirner 20th Street, New York
LUMA, Arles

Die Macht der kleinen, konzentrierten Gesten

Zu Selldorfs Glück geht der Trend in der Museumsarchitektur – und nicht nur dort - schon lange weg von all den Star-Architekturen, die sich in ihren eigenwilligen Formexplosionen wie das Guggenheim Bilbao gegenseitig zu überbieten suchen. Diese zwei Welten treffen nirgends unmittelbarer aufeinander als im französischen Arles, wo die Schweizer Pharmamilliardärin und Kunstsammlerin Maja Hoffmann mit ihrer Luma Foundation seit 2010 ein altes Industriegelände zum Zentrum für Kunst und Wissenschaften umbaut. 

Dort hat Frank O. Gehry, Erfinder des "Bilbao-Effekts", einen vielfach verbeulten Turm mit glitzernder Edelstahlhaut entworfen, der mit 56 Metern Höhe das alte Arles um ein Vielfaches überragt und überglitzert. Es ist eine sehr laute, sehr aufdringliche Geste. Zu Füßen des Turms hingegen hat Selldorfs Büro fünf alte Werkshallen durch gezielte, minimale Eingriffe in ruhige und konzentrierte Ausstellungsräume verwandelt – und dann sogar noch ein sechstes Gebäude danebengestellt, das sich seinen älteren Nachbarn so perfekt anpasst, dass man am Ende gar nicht mehr so genau weiß, was jetzt aus welcher Zeit oder von welchem Autor oder von welcher Autorin stammt. Selldorfs Arbeiten sind gute Architektur. Der Gehry-Turm daneben wirkt nur wie ein fast verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit im Instagram-Zeitalter.

Es darf also als wirklich gutes Zeichen für die zeitgenössische Architektur gelten, wenn Selldorfs konzentrierte, stille und kontinuierlich harte Arbeit an den Details nicht schweigend weg-ignoriert, sondern im Gegenteil in den letzten Jahren immer stärker gefeiert wurde. Als "Triumph" bezeichnete das Wall Street Journal Selldorfs Umbau des Museum of Contemporary Art in San Diego und die Los Angeles Times nannte die neuen Raumproportionen "meisterhaft". Noch euphorischer fielen die Urteile bezüglich ihres Umbaus der Frick Collection in New York aus. Die New York Times nannte es eine "poetische" und sogar "magische" Renovierung, die mit unsichtbarer Hand altes und neues zu einem funktionierenden Ganzen verbinde. Das Wall Street Journal sprach von einer "subtilen Offenbarung" und auch die Washington Post stimmte ein in den Chor des Lobes über die vornehme Zurückhaltung und den großen Respekt vor der Geschichte des Hauses. Bei fast jedem ihrer Projekte wird Selldorf mittlerweile attestiert, dass sie nicht nur mit Licht, Atmosphäre und Material fast perfekt umzugehen verstehe, sondern dass sie vor allem eine Meisterin der kleinen, unauffälligen Geste sei.

"Ich denke immer noch absurd viel über jede Kleinigkeit nach, auch bei den großen Projekten, und gehe damit allen Leuten im Büro auf den Wecker", so Selldorf. "Das ist sicher manchmal mühsam. Aber es gibt für mich keine bessere Zeit, als wenn ich eine ganze Weile jeden Tag mit dem ganzen Team bei einem einzigen Projekt in alle Details eintauchen kann." Bauen sei im Grunde wie Sprache oder Literatur, sagt Selldorf. Es gäbe eine System, wie aus Buchstaben Wörter und aus Wörtern Sätze werden. So entsteht eine übliche, vertraute Grammatik, deren Regeln man zunächst beherrschen müsse – um dann im Entwurf gezielt mit einigen Elementen gegen diese Regeln zu verstoßen, damit aus dem reinen Text Literatur wird. Wenn es ihnen im Büro gelingt, das mit architektonischen Mitteln zu erreichen, dass eine logisch begründbare Beziehung zwischen dem großen Maßstab und dem kleinsten Detail entsteht, dann sei das heute noch "ein Riesenspaß", sagt Selldorf. Das Louvre in Paris, so viel ist wohl jetzt schon sicher, obwohl die Umsetzung der Ideen ja erst noch beginnen muss, ist bei Selldorf und ihrem Team in den besten Händen.