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Bonnie Hvillum

JUNGE TALENTE
Systeme neu denken

Sie will verändern, wie wir Materialien verstehen, wahrnehmen und mit ihnen in Beziehung stehen. Für Bonnie Hvillum steht die menschliche Interaktion mit der Welt im Fokus; die interdisziplinären Projekte bewegen sich zwischen Wissenschaft, Biologie, Chemie, Design und Kunst.
09.02.2023

Anika Paulus: Du arbeitest als Designerin, Forscherin, Design & Art Consultant, Dozentin und hast im Jahr 2019 das Natural Material Studio gegründet. Wie hast du deinen Weg gefunden?

Bonnie Hvillum: Ich bin zunächst gelernte Interaction Designerin. Die menschliche Interaktion mit der Welt zieht sich durch die Ebenen meiner Arbeit. Alles, was uns begegnet, hat irgendeine Art von Materialität – das ist der Ausgangspunkt. Die Begegnung mit der Philosophie der Systemtheorie in meiner Ausbildung war ein wichtiger Wendepunkt für mich: ich habe verstanden, dass wir nur begrenzte Ressourcen haben, und dass wir auf alle Stimmen innerhalb unseres Systems hören müssen. Zum Start von Natural Material Studio habe ich daher viel Zeit in Forschung, Kontakte und Wissensaustausch innerhalb der wachsenden Material Community in Europa investiert. Zudem habe ich an einem Programm für Material Designers in Barcelona teilgenommen und alles andere hat sich von da an entwickelt.

Diesen kollaborativen Anspruch hat das Natural Material Studio auch?

Bonnie Hvillum: Ja, wir wollen Menschen zusammenbringen und eine starke Gemeinschaft schaffen. Material Design ist zwar ein wachsender Industriezweig, aber es gibt noch zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten. Die Bedeutung als ernstzunehmender Designbereich ist daher immer Thema in meinen Vorlesungen und Vorträgen. Wir haben zudem eine Online-Bildungsplattform ins Leben gerufen, um unser Wissen zu lokalen, biobasierten Materialien und beispielsweise ihrer Nutzung für Keramik weiterzugeben. Die Kursteilnehmer aus der ganzen Welt bringen jeweils einen lokalen Materialaspekt aus ihrer Forschung in die Diskussion ein. Das ist wichtig, da wir unseren Materialverbrauch stärker lokal verankern müssen. Diese kulturelle, anthropologische Dimension ist für mich fast interessanter als die Materialien selbst.

Die Entwicklung von zukunftsweisenden Materialien steht aber doch im Fokus deiner Arbeit?

Bonnie Hvillum: Natürlich geht es beim Natural Material Studio um Materialien, um Oberflächen, Texturen und um die technische Entwicklung. Im Zentrum stehen für mich aber immer der Mensch und Interaktionspunkte – Berührungen, Gefühle und Sinne. Die Erfahrung von Materialität kann zu mehr Verbundenheit im Hier und Jetzt führen. Deshalb ist unsere Arbeit auch so disziplinübergreifend, es geht nicht um die Einordnung in Mode, Möbel, Architektur oder Kunst. Die erste gemeinsame Installation mit dem Designstudio Frama hat für mich besonders stark veranschaulicht welche Möglichkeiten unsere Materialien bieten. Im Zuge der Kooperation haben wir hinterfragt wie Menschen Materialien wahrnehmen, was Materialien wirklich sind und was sie werden können.

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Die Zusammenarbeit mit Frama, Calvin Klein aber auch Empirical Spirits und Noma zeigt diese Interdisziplinarität. Wie kommen so vielfältige Projekte zustande?

Bonnie Hvillum: Das ist bei jedem Projekt anders; von konkreten Aufträgen über Förderprogramme, für die wir die richtigen Menschen zusammenbringen, bis zu einem eigenen Forschungsprojekt. Ich habe beispielsweise einige Zeit über Muscheln als Ausgangsmaterial nachgedacht und bin dann mit einer Vision an das internationale Sternerestaurant Noma in Kopenhagen herangetreten. Das Noma ist wohl der beste Ort, um zu sagen: Ich weiß noch nicht, wohin es führt, aber ich will es herausfinden. Wir sind gemeinsam sehr offen und unvoreingenommen an die Entwicklung gegangen. Wir haben den Prozess von Materialeigenschaften und Ästhetik steuern lassen und uns gefragt, was für das Restaurant sinnvoll ist. Ich sah technische Möglichkeiten für Ton, den wir dann aus den Abfall-Muscheln und Schalentieren entwickelten und als Geschirr weitergedacht haben.

Am Anfang steht also oft ein vermeintliches Abfallprodukt und die Frage, was damit passiert?

Bonnie Hvillum: Ja, das ist der Hauptantrieb: Dinge umzunutzen und sie wieder in den Kreislauf einzubringen. Mein kreativer Ansatz ist immer ehrgeizig, aber spielerisch. Ähnlich wie in der Küche beim Blick in den Kühlschrank – ich habe Karotten und rote Beete – was kann ich daraus machen? Im wissenschaftlichen und kreativen Prozess geht es für mich darum, Verbindungen zwischen Dingen herzustellen, von denen man nicht unbedingt denken würde, dass sie zusammenpassen; an etwas zu tüfteln, zu knobeln und den eigenen Verstand dahingehend zu trainieren.

Die Arbeiten und Materialien von Natural Material Studio zeigen eine tiefe Faszination für ehrliche, unbearbeitete, organische Rohstoffe. Wie ist deine Beziehung zu Natur?

Bonnie Hvillum: Ich habe eine große Neugierde und Respekt für das System, in dem wir leben. Natur ist einfach unglaublich. Das mag abgedroschen klingen, aber ich bin immer wieder verblüfft, was wir in ihr finden können, und was sie leistet. In meiner Arbeit sorgt Natur für spannende Einschränkungen. Synthetisch können wir alles herstellen, was wir wollen, alle Farben und Formen. Aber auf natürliche Weise gibt es plötzlich Grenzen. Wie kann ich mit ihnen umgehen, mit ihnen arbeiten? Immer wieder innehalten, umdenken und neue Wege finden, das ist wichtig für mich als Designerin. Wenn alles immer möglich ist, ist es zu einfach.

In der Diskussion um Materialinnovationen und Impact geht es oft um das Thema Skalierbarkeit…

Bonnie Hvillum: Aktuell sind alle von uns entworfenen und produzierten Materialien handgefertigt, es ist ein sehr handwerklicher Prozess. Wir dachten anfangs, dass wir die Materialien nur entwickeln und dann in einen industriellen Prozess überführen. Mit jedem Projekt produzieren wir jedoch mehr, und das in kürzerer Zeit. Es ist unglaublich faszinierend und zeigt, dass wir Handwerk und handwerkliche Prozesse ernster nehmen müssen. Für uns geht es auch darum, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Alle streben nach industrialisierten Prozessen, schnellerer Produktion, Wachstum und Konsum. Wir sehen hingegen eine Tendenz zum Langsamen. Im Handwerk stecken viel mehr Zeit und Energie, und es bedeutet mehr. Eine echte, tiefe Verbindung zu Materialien und Objekten, die uns umgeben, ist am nachhaltigsten.

Beobachtest du eine andere Nachfrage nach euren Materialien und Leistungen und den Wunsch nach ehrlicher Veränderung?

Bonnie Hvillum: Es gibt gerade ein großes Momentum für unsere Themen, das ist großartig. In vielen Branchen nehmen Auflagen und Richtlinien zu, was ein echter Antrieb für Veränderung ist. Wir werden beispielsweise nach Lebenszyklusanalysen gefragt, das ist neu. Dabei kann ich über alle Komponenten der Materialien sprechen, denn es ist wie gesagt ein sehr handwerklicher Prozess. Ich stehe gerade an einem entscheidenden Punkt, um Natural Material Studio durch kommerzielle Anfragen und neue Anforderungen zu navigieren. In der Designwelt werden leider noch zu wenige Prozesse verändert, stattdessen ersetzt man einfach die Materialien und produziert weiter wie bisher. Wenn wir als DesignerInnen neue Dinge in die Welt setzen, entwerfen wir nicht nur Objekte oder Materialien, wir entwerfen ein System. Und das muss sehr sorgfältig gedacht und gestaltet werden. Wir müssen komplett neu denken, wie wir Dinge herstellen, konsumieren und was danach passiert. Wir brauchen ein Überdenken der gesamten Systeme, nicht nur der Materialien. Nur so erreichen wir eine wirkliche Veränderung.

Bonnie Hvillum – Natural Material Studio