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Paola Antonelli
© Gianluca Di Ioia
Paola Antonelli

Salone del Mobile 2019
Von unten nach oben

Die Natur ist kaputt. Und nun? Wenn man zur XXII. Triennale di Milano schaut, heißt die Antwort: Umdenken! Unter dem Titel "Broken Nature: Design Takes on Human Survival" zeigt Paola Antonelli, Architektin und Chefkuratorin für Design und Architektur am MoMA, Ideen für eine Zukunft im Grünen. Was man erwarten darf, erzählt Sie uns im Interview.
von Anna Moldenhauer | 04.04.2019

Anna Moldenhauer: Was steckt hinter dem Titel "Broken Nature"?

Paola Antonelli: Die Inspiration für Design zieht sich aus dem alltäglichen Leben, und welche Rolle kreative Entwürfe für unser Dasein spielen, ist Mittelpunkt meiner Arbeit. Eines der dringlichsten Themen dieser Tage ist das Klimaproblem, das Umweltdebakel, in dem wir uns befinden.

Der Ansatz für die Ausstellung ist sehr breit gefächert, es geht in den 22 internationalen Beiträgen um Schnittstellen in der Technologie, Politik und Wissenschaft, um soziale Konstrukte, Design und Architektur. Warum war es Ihnen wichtig, das Thema in seiner Komplexität abzubilden?

Paola Antonelli: Unsere Gesellschaft und die Systeme, in denen wir leben, sind sehr eng mit dem ökologischen Ungleichgewicht verbunden. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen umwelt- und gesellschaftspolitischer Situation. Gerade in den letzten Jahren ist diese Verbindung zunehmend zu einem politischen und öffentlichen Thema geworden, was der französische Philosoph Bruno Latour als "Naturpolitik" bezeichnet. Die Natur und die Folgen unseres Denkens und Handelns sind nicht zwei verschiedene Einheiten. Wir sollten unser Handeln an die Vorstellung anpassen, dass wir ein Volk unter vielen, eine Gesellschaft unter vielen, eine Spezies unter vielen und als solche ein Teil eines Ganzen sind.

La Triennale di Milano
Foto: Gianluca-Di-Ioia © La Triennale di Milano
La Triennale di Milano

Sprich, alles ist verbunden?

Paola Antonelli: In der Tat. Die Vernetzung ist einer der wichtigsten Aspekte. Unser Ziel bei der XXII. Triennale ist es, den Besuchern bewusst zu machen, dass wir in komplexen Systemen leben und dass wir diese Komplexität nicht fürchten, sondern akzeptieren sollten, wenn wir konstruktiver leben wollen.  

Wie schafft man es auf Seiten der Kuration, dass sich die Besucher angesichts der zahlreichen Exponate nicht verlieren?

Paola Antonelli: Es ist in Ordnung, wenn man sich ein wenig bei "Broken Nature" verliert. Ausstellungen, die eine sehr strenge und vorschreibende Erzählung haben, können manchmal ein wenig erstickend sein. Wir wollen den Besuchern nicht mit Vorgaben begegnen. Sie sollen eigene Entdeckungen machen und ihre Vorstellung von der Natur und restaurativem Design schärfen. "Broken Nature" möchte einen Eindruck hinterlassen, der lange nachhallt, der das eigene Handeln in Bezug auf die Natur verändert. Komplexität und Zusammenhänge zu erkennen, und ihnen mit kreativen Ideen und Motivation für ein verändertes Verhalten entgegenzutreten sind die Kernbotschaften der XXII. Triennale di Milano.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach Kreative wie Designer, Architekten oder Künstler in der Vermittlung von Ideen für eine Veränderung?

Paola Antonelli: Sie können Teil einer Taskforce sein. Keine Disziplin kann die Natur alleine retten, weder die Wissenschaft, noch die Technologie oder die Politik. Es geht darum, zusammenzukommen. Design ist das Enzym, das Innovationen ermöglicht, lebendig zu werden. Ohne Kreative würden selbst die erstaunlichsten wissenschaftlichen Revolutionen nicht zur Realität werden. Sie würden keine Revolutionen für alle Menschen werden. Von der Mikrowelle bis zum Internet haben Designer die Fortschritte der Technik und der Wissenschaft für den Alltag übersetzt und für Jedermann nutzbar gemacht. Designer und Künstler sind also sehr wichtig in jeder Art von Gruppe deren Denkweisen sich mit der Gegenwart und der Zukunft befassen.

Möbel aus Elektroschrott: Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi), Ore Streams, Cabinet 1, 2017
Foto: IKON. © Courtesy Nicoletta Fiorucci, London and Giustini/Stagetti, Rome with support by StimuleringFonds and National Gallery of Victoria.
Möbel aus Elektroschrott: Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi), Ore Streams, Cabinet 1, 2017
Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi), Ore Streams, Cubicle 1, 2017
Foto: IKON. © Courtesy Nicoletta Fiorucci, London and Giustini/Stagetti, Rome with support by StimuleringFonds and National Gallery of Victoria.
Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi), Ore Streams, Cubicle 1, 2017

"Broken Nature" spiegelt auch die Fortschritte der Schnittstellen zwischen den Kompetenzen wider. Was ist Ihnen hierbei wichtig?

Paola Antonelli: Es gibt noch viel Platz nach oben. Vermittlung ist sehr wichtig. Man muss aufzeigen, was möglich ist, weil viele Menschen immer noch denken, dass Designer sich vor allem mit dem Entwurf von Postern beschäftigen oder sich niedliche Stühle ausdenken. Es geht darum, besser zu kommunizieren und zu zeigen, wie Design in die Entscheidungsfindung und den Prototypenbau integriert werden kann. Das Ergebnis sollten neue Wege sein, die das alltägliche Leben und Miteinander positiv beeinflussen.  

Gibt es einen Beitrag zu "Broken Nature", der sie bisher besonders fasziniert hat?

Paola Antonelli: Nein, das kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt so viele wunderbare Installationen und Objekte, da ist es unmöglich nur eines auszuwählen. Erstmals hat die Triennale in diesem Jahr die "Bee Awards" verliehen, die Beiträge aus Australien, Österreich und Russland wurden damit ausgezeichnet. Dazu gibt es beeindruckende Installationen wie "The Great Animal Orchestra", eine Klanginstallation der Bioakustikerin Bernie Krause und den United Visual Artists, die uns in die Geräusche der Natur entführen, oder die Ausstellung "The Nation of Plants" von Stefano Mancuso, einem der weltweit führenden Experten für Pflanzenneurobiologie, die aufzeigt, was wir von Pflanzen lernen können.

"Urin Trap" des Wiener Designstudios EOOS reduziert die Abwasserbelastung, indem der Urin separat recycelt und später als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird.
© La Triennale Di Milano
"Urin Trap" des Wiener Designstudios EOOS reduziert die Abwasserbelastung, indem der Urin separat recycelt und später als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird.

Themen wie Zero Waste, Slow Fashion und Qualität statt Masse werden aktuell mit wachsender Offenheit diskutiert. Dazu ziehen Demos für eine bessere Klimapolitik und mehr Umweltschutz vermehrt die junge Generation an. Sind wir auf dem richtigen Weg?

Paola Antonelli: Man muss irgendwo anfangen, die Nachfrage bestimmt das Angebot. Auch in der Triennale gab es eine Versammlung von mehr als 1.000 Schülern für den Umweltschutz. Sie sind Teil einer internationalen Bewegung, die sehr stark über die sozialen Medien kommuniziert. Diese jungen Menschen wissen genau was sie wollen, und ihre Kaufkraft wird in Zukunft den Markt beeinflussen. Es ist eine Bewegung von unten nach oben und zu dieser gehört auch die Triennale. "Broken Nature" ist für die Menschen gedacht, für Kinder wie Erwachsene. Die Hersteller sind in der Bringschuld zu zeigen, was sie für den Schutz und die Erneuerung der Natur  tun können und was sie tun wollen. Pures Recycling ist nur eine Strategie, und die ist nicht wirklich effizient. Wiederverwertung hat viele Ebenen.

"Broken Nature" soll also die Besucher motivieren, selbst etwas an der Misere verändern zu wollen?

Paola Antonelli: Genau. Ausstellungen dieser Art helfen die Öffentlichkeit auf eine Mitveranwortung hinzuweisen und die Motivation zu geben ihre Ideen für eine Verbesserung umzusetzen.

"Biomimikry": Inspiriert vom Gießkannenschwamm, minimiert der von Jacob Turetsky entworfene Hocker den Materialeinsatz durch additive Fertigung.
© Humanscale
"Biomimikry": Inspiriert vom Gießkannenschwamm, minimiert der von Jacob Turetsky entworfene Hocker den Materialeinsatz durch additive Fertigung.
"Grown Materials": Biologisch hergestellter Hocker, konzipiert von Paul Sukphisit mit der biotech company Ecovative unter Verwendung von Myzelpilzen und landwirtschaftlichen Abfällen.
© Humanscale
"Grown Materials": Biologisch hergestellter Hocker, konzipiert von Paul Sukphisit mit der biotech company Ecovative unter Verwendung von Myzelpilzen und landwirtschaftlichen Abfällen.

Gibt es etwas, was Sie selbst ausprobieren, um nachhaltiger zu leben?

Paola Antonelli: Ich lebe in New York City, in Manhattan, und leider liegt die Stadt noch immer so weit zurück, wenn es um die Abfallwirtschaft geht. Kompostierung ist in den meisten Stadtteilen ein Fremdwort. Ich versuche mein Bestes, bringe immer meine eigene Tasche mit in den Supermarkt und verwende ausschließlich Glasflaschen. Ich versuche schon im Kleinen aufmerksam zu sein. Wie gesagt: Man muss irgendwo anfangen.

XXII Triennale di Milano, Broken Nature: Design Takes on Human Survival 
La Triennale di Milano
Viale Alemagna, 6 20121 Mailand

Noch bis 1. September 2019
 
Öffnungszeiten:
Di. bis So.: 10:30 bis 20:30 Uhr

Stefano Mancuso
© Alessandro Moggi
Stefano Mancuso
Dank der "Gople Lamp RWB" mit RWB-Lichttechnik von Bjarke Ingels für Artemide gedeihen Pflanzen schneller.
© La Triennale di Milano
Dank der "Gople Lamp RWB" mit RWB-Lichttechnik von Bjarke Ingels für Artemide gedeihen Pflanzen schneller.
"The Great Animal Orchestra", Fondation Cartier pour l’art contemporain
© Luc Boegly
"The Great Animal Orchestra", Fondation Cartier pour l’art contemporain