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© Alexander Kilian

SALONE DEL MOBILE 2019 | FEATURED
Laborbericht

Designer Jörg Boner hat mit COR die neue Polsterserie "Nenou" entwickelt, die in Mailand Premiere feiert. Kurz vor der Präsentation müssen letzte Entscheidungen getroffen werden. Ein Making-of.
von Fabian Peters | 04.04.2019

"Ich freue mich immer, wenn unsere Möbel aufwendig herzustellen sind. Dann sind sie nämlich auch schwerer zu kopieren." Leo Lübke steht im großen Studio der Entwicklungsabteilung seines Unternehmens und befühlt eine sogenannte Fahne – einen abgenähten breiten Stoffrand. In dem großen, fast völlig weißen Saal steht ein gutes Dutzend unterschiedlicher Polstermöbel, alle bezogen mit demselben hellen Stoff. "Nenou" wird die neue Kollektion heißen, die der COR-Chef gemeinsam mit Designer Jörg Boner und Produktmanager Christian Erpenbeck gerade intensiv inspiziert. Der ostwestfälische Hersteller wird sie während der Mailänder Möbelmesse im April vorstellen. Boner ist heute aus Zürich nach Rheda-Wiedenbrück angereist, um zu begutachten, wie die COR-Ingenieure, -Schreiner und -Polsterer seine Zeichnungen und Renderings in dreidimensionale Objekte übersetzt haben.

Bei der letzten Zusammenkunft vor einigen Wochen war bereits zu Tage getreten, dass die Stofffahne, die Leo Lübke gerade so aufmerksam untersucht, ein echter Knackpunkt sein würde. Ihr kommt nämlich gestalterisch eine entscheidende Bedeutung zu: Sie wird alle Möbel der Kollektion umziehen und ihnen das charakteristische Aussehen, das ein wenig an ein Seerosenblatt erinnert, verleihen. Gleichzeitig wirft die Fahne einen feinen Schatten, der den Objekten Plastizität verleiht. Doch wie breit muss der Stoffstreifen genau sein? Dem versuchen Leo Lübke, Jörg Boner und Christian Erpenbeck mit dem Zentimetermaß auf die Spur zu kommen. Eine neue Variante findet allgemeine Zustimmung. "Bei der hat die Näherei einen sogenannten Untertritt genäht", erklärt Christian Erpenbeck. "Dadurch wird die Fahne ausgesteift und wellt sich weit weniger." Aufwendig herzustellen – aber eben auch besser. Alle sind sich einig: Es wird die Variante mit dem Untertritt. 

© Alexander Kilian

Auf die Naht gesetzt

Die gemeinsame Arbeit von Designern und Technikern an den Prototypen – sie ist nach wie vor unverzichtbar. Bei weitem nicht alles lässt sich per Mail und Telefon klären. Manchmal ist die elektronische Kommunikation sogar regelrecht kontraproduktiv. "Wir haben beschlossen, keine Fotos der Prototypen mehr an Jörg zu schicken", sagt Christian Erpenbeck. "Der Eindruck ist immer gruselig, der Informationsgehalt strebt meistens gegen Null." Und so ziehen die Beteiligten mit Zentimetermaß, Stecknadel und Filzstift bewaffnet von Prototyp zu Prototyp, suchen die ideale Proportion, den richtigen Verlauf der Nähte, den besten Kompromiss bei der Länge der Sitzfläche. "Man tastet sich immer weiter ran", beschreibt es Christian Erpenbeck. "Letztendlich trifft man sich so lange bis alles passt." Bei "Nenou" war dies ein Prozess, der bereits im Jahr 2016 begonnen hat. 

© Jörg Boner
© Jörg Boner

"Bei COR bestand bereits seit längerem der Wunsch nach einem Sesselmodell, das man statt Stühlen an einen Esstisch stellen kann," umreißt Erpenbeck die ursprüngliche Aufgabenstellung. Er war es auch, der vorschlug, sich an Jörg Boner zu wenden. Er kennt und schätzt den Designer seit gemeinsamen Anfängen bei einem kleinen Schweizer Möbelhersteller. "Eigentlich war das Briefing ein kleiner Sessel" erinnert sich Boner. "Wir haben dann einen Hocker dazu gezeichnet, damit man seine Beine hochlegen kann. Irgendwann begann das Projekt, eine Eigendynamik zu entwickeln." So gesellten sich dem hohen und dem niedrigen Sessel sowie dem Hocker noch drei Sitzinseln hinzu – zwei ovale und eine schmale längliche. Sie alle zeigen die charakteristische umlaufende Stofffahne. Die Sitzfläche des Hockers und der Inseln teilt zudem eine kräftige Mittelnaht. Durch sie wird das Seerosenblatt als Inspirationsquelle besonders augenfällig. Für den eigentlichen Clou der Serie machte Boner sich diese Naht im Polster zunutze. Er entwarf eine kleine, tablettartige Tischplatte, die sich auf Poufs und Bank legen lässt. Ein Grat auf der Unterseite fixiert sie auf der Naht. Durch ihr Eigengewicht – sie wird entweder aus Marmor, Naturstein oder massivem Holz gefertigt – bewegt sich die Platte selbst dann kaum, wenn sich Personen auf das Polsterelement setzen oder sich von ihm erheben. 

© Alexander Kilian
© Alexander Kilian

Ein Möbel wie ein Baumstamm

"Dieses kleine Element hat den gesamten Charakter von "Nenou" verändert", glaubt Boner, "denn die Kategorien begannen zu verschwimmen. Plötzlich lassen sich die Möbel je nach Situation unterschiedlich interpretieren." Boner dachte beim Entwurf an Verhaltensweisen, wie er sie an sich und anderen beim Wandern beobachtet hat: "Man sucht sich für die Rast einen Platz und deutet ihn durch Benutzung aus – etwa einen Baumstamm, den man zum Sitzplatz macht." Die kleine Tischplatte ist dabei ein wesentliches Element. "Das Schöne ist", findet Jörg Boner, "dass man mit ihr eine neue Fläche und eine neue Funktion auf dem Polstermöbel definiert." Auch Christian Erpenbeck ist von "Nenous" Vielseitigkeit begeistert: "Der hohe Sessel eignet sich ja nicht nur für den Esstisch im Privathaushalt. Er bietet zum Beispiel als Saalbestuhlung bei Vortrags- und Abendveranstaltungen einen bislang ungekannten Komfort." 

Bis zur Premiere in Mailand sind noch diverse Entscheidungen zu treffen. Etwa, in welchen Farben die Nullserien-Möbel gehalten sein sollen. Denn der weiße Bezug der Prototypen ist keine Designentscheidung. "Es ist einfach der ehrlichste Stoff. Man sieht sofort alles. Er verzeiht keine Fehler", begründet Christian Erpenbeck, warum alle Entwürfe bei COR zunächst so aussehen. Außerdem kann man die geplanten Änderungen mit schwarzem Filzstift gleich aufmalen. Und so sind am Ende des Nachmittags die vormals weißen Möbel alle mit Strichen, Linien und Hinweisen überzogen. "Mehr als zwei Jahre haben wir das Projekt vorangetrieben und jetzt geht es damit nach Mailand", sinniert Leo Lübke. Dort ist das Unternehmen dieses Jahr erstmals während des Salone del Mobile im eigenen Showroom in der Innenstadt präsent. Eine Entscheidung, die Lübke auch deswegen getroffen hat, weil er von "Nenou" so überzeugt ist. Die Entwicklungsdauer versteht er deswegen auch ein wenig als Wink des Schicksals: "Wären wir schneller gewesen, würden wir jetzt nicht nach Mailand fahren."

COR finden Sie während des Salone del Mobile vom 9. bis zum 14. April 2019 im:

COR Showroom
Brera Design District
Via Solferino 11, Circo Solferino
20121 Mailand

Öffnungszeiten:
Di., 9. April bis Sa., 13. April: 10 bis 21 Uhr
So., 14. April: 10 bis 18 Uhr

© Alexander Kilian
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