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Artieri 1895 hat eine Kollektion von Angelo Mangiarotti aus den Achtzigerjahren neu aufgelegt, die er für die Cooperativa Artieri Alabastro entworfen hatte. "Collezione Axia" wird aus feinstem Alabaster im toskanischen Volterra von Hand gefertigt.

La dolce design

Neapel hat sich seit der Gründung von Edit Napoli zu einer wichtigen Adresse für Autorendesign entwickelt. Das Format versammelt junge Designtalente ebenso wie etablierte GestalterInnen und Hersteller vor imposanter Kulisse, wie man es in Italien nicht anders erwartet. Wir sind in den Süden gefahren und haben Objekte entdeckt, die zeigen, wohin die Reise geht im zeitgenössischen Design: Re-Editionen sind gefragt wie nie, Upcycling-Projekte können cool sein und das elaborierte Handwerk ist zurück.
von Claudia Simone Hoff | 17.10.2025

In den letzten Jahren haben einige Ausstellungsformate die Designszene aufgemischt, die von einzelnen ProtagonistInnen statt von großen Organisationen gegründet wurden – oft als inhaltlicher Gegenentwurf zu den etablierten Messeformaten. Dazu zählen Veranstaltungen wie 3daysofdesign in Kopenhagen ebenso wie die erstmals in Berlin eröffnete Conceptual Biennale und auch Edit Napoli.

Die von Domitilla Dardi und Emilia Petruccelli konzipierte Veranstaltung in Neapel fand Mitte Oktober zum siebten Mal statt und zog 15 Prozent mehr BesucherInnen als im Vorjahr an. Die Messe wartete mit gleich mehreren Ausstellungsorten auf: Während das ehemalige Kloster La Santissima aus dem 16. Jahrhundert (und spätere Militärkrankenhaus) hoch über der Stadt dem Autorendesign und kleineren Herstellern vorbehalten war, wurden unter dem Label Edit Napoli Cult Projekte mit eher kommerziellem Charakter an Ausstellungsorten wie Castel Sant’Elmo, Certosa di San Martino und Villa Floridiana präsentiert. So stellte die englische Designerin Bethan Laura Wood mit Terrazzo Quarry eine Kollektion von Sitzmöbeln mit Memphis-Touch für Poltronova vor, während Luca Boscardins abstrahierte farbige Metalltiere für Magis als Animal Factory den Innenhof des Castel Sant‘Elmo bespielten. Edit Napoli wolle mit der Einbindung der historischen Ausstellungsorte in einen Dialog mit der Stadt treten, erklärt Co-Kuratorin Domotilla Dardi das Veranstaltungskonzept, das bisher vorwiegend auf die italienische Kreativszene setzt.

Edit Napoli bespielt bei jeder Ausgabe historisch bedeutsame Gebäude in Neapel. In diesem Jahr fand die zentrale Ausstellung in La Santissima (The Community Hub) statt – ehemals eines der größten Klöster Europas, das nun als Kulturzentrum genutzt wird.

Inhaltlich relevant auf der diesjährigen Ausgabe von Edit Napoli war aber vor allem die Präsentation in La Santissima mit DesignerInnen und Projekten wie Studio Bojola, Take 5 Rubber, studiolehn, Sciscioré und Vasame. Für kleine Hersteller und Designstudios sind Messen immer ein erheblicher organisatorischer und finanzieller Aufwand. Aber nicht gesehen zu werden sei auch keine Option, sagt die Berliner Designerin Carolin Zeyher, die mit Ihrem Label Frau Caze im Kollektiv mit co/rizom den Beistelltisch Monopoli vorstellte, für den sie erstmals mit Naturstein arbeitete. Und ihre Kollegin Heike Buchfelder, beide sind Mitgründerinnen des weiblichen Designkollektivs Matter of Course, schätzt an Edit Napoli insbesondere, dass die VeranstalterInnen international tätige InteriordesignerInnen und EinkäuferInnen einlade. So ergäben sich mitunter wertvolle Kontakte und Möglichkeiten die eigenen Entwürfe zu verkaufen.

Bei unserem Rundgang durch die imposanten Räume des ehemaligen Kosters sind uns drei Projekte aufgefallen, die für allgemein gültige Designtendenzen stehen, wie sie sich derzeit ähnlich auch im Industriedesign beobachten lassen.

Upcycling: Chroma Composites

Im Erdgeschoss von La Santissima präsentierte Chroma Composites ein Projekt, das alle Blicke auf sich zog. Verkauft der italienische Hersteller normalerweise recycelte Materialien für Interiorprojekte, darunter Oberflächen für Küche, Bad und maßgefertigte (Einbau-)Möbel, hat man nun erstmals ein eigenes Designprojekt lanciert. Chroma Objects – das sind Objekte wie Tische, Konsolen, Leuchten und Vasen, die sich um das Thema Upcycling drehen. Um was es dabei geht, erklären die InitiatorInnen folgendermaßen: "Der Natursteinsektor ist nicht sehr nachhaltig, insbesondere was den Abbau, die Produktion und die Entsorgung von Verarbeitungsabfällen angeht." Eine mögliche Lösung des Problems sieht Chroma Composites in der Herstellung von Materialien, die aus sekundären Rohstoffen und natürlichen Mineralien gewonnen werden. Für die in La Santissima gezeigte Kollektion arbeitete Chroma mit zwölf DesignerInnen zusammen, darunter Tobias Brunner, Tellurico, Dopolavoro Studio und Giuseppe Leida. Gestalterisch besonders gelungen waren die Arbeiten von Debonademeo. "Due Sicilie" – das sind zwei Vasen und ein Beistelltisch, die durch geometrische Einsprengsel aus Naturstein auffallen. Erwähnenswert ist auch, dass sich die limitierte Designserie mit Preisen zwischen 350 und 4.400 Euro im Feld der hochwertigen, massenproduzierten Designprodukte bewegt.

Kollektion "Due Sicilie" von Debonademeo für Chroma Objects.

Re-Edition: Angelo Mangiarotti

In einer der ehemaligen Klosterzellen wartete ein weiteres gestalterisches Highlight auf den Besucher: eine vom italienischen Architekten Angelo Mangiarotti (1921-2012) in den Achtzigerjahren entworfene Kollektion von Objekten aus Alabaster. Nach den erhaltenen Originalzeichnungen wiederaufgelegt, wurde sie in Volterra gefertigt, der Hochburg der Alabasterproduktion in der Toskana. Erst bei näherem Hinsehen wird einem bewusst, dass es sich bei dem milchigen Material um Alabaster und nicht um Glas handelt. Es werde ausschließlich ein seltener, sehr hochwertiger Scaglione-Alabaster für die fein gearbeiteten Stücke verwendet, erzählte eine Mitarbeiterin von Artieri 1895. Genauso, wie es Mangiarotti noch zu Lebzeiten bestimmt hatte. Collezione Axis besteht aus verschiedenen Objekten, darunter Schalen und Kerzenhalter, die in einer limitierten Edition ab 1.000 Euro pro Stück erhältlich sind. Parallel dazu stellte Artieri 1895 auch zeitgenössische Objekte von Tipstudio und Matteo Bimbi aus, dem derzeitigen Artdirektor des Herstellers. Das Unternehmen versteht sich als offenes Labor und fördert die Zusammenarbeit von DesignerInnen und Alabaster-HandwerkerInnen.

Artieri 1895: "Collezione Axia" von Angelo Mangiarotti

Handwerk & Design: Heike Buchfelder

Eine der wenigen nicht-italienischen DesignerInnen, die an der diesjährigen Ausgabe von Edit Napoli teilnahmen, war Heike Buchfelder. Die Berlinerin präsentierte ihre handgefertigte Kollektion "Fold 03", die Tisch- und Bodenleuchten in drei verschiedenen Größen umfasst und ihre Wirkung insbesondere aus der handwerklichen Verarbeitung, den verwendeten Materialien und Farben bezieht. Der sorgsam gefaltete Lampenschirm besteht aus japanischem Shoji-Papier, das traditionell für Schiebetüren, Raumteiler und Fenster verwendet wird und eine hohe Reißfestigkeit, Lichtdurchlässigkeit und ausgeprägte Feuchtigkeitsresistenz aufweist. In Japan kommt es meist klassisch in (Natur-)Weiß daher, doch Buchfelder hat das Papier mit hochwertiger wasserbasierter Tusche eingefärbt. Dazu gesellt sich ein massiver Sockel aus Erlenholz, der korrespondierend zum Schirm mit Ölfarben behandelt wurde. Das Komponieren der Farbzusammenstellungen bereite ihr besondere Freude, sagt die ausgebildete Architektin, auch weil sie sich einst intensiv mit der Ölmalerei beschäftigt habe. Damit die sehr schlanke und hohe Bodenleuchte stabil steht, sind im Sockel drei Stahlscheiben montiert. Buchfelder zeigte sich am Messestand erfreut darüber, dass bereits mehrere BesucherInnen Interesse an der limitierten Leuchtenedition geäußert hätten, die aufgrund des handwerklichen Aufwands zwischen 2.500 und 7.000 Euro kostet.

Präsentation der Leuchtenedition "Fold 03" der Berliner Designerin Heike Buchfelder in La Santissima – The Community Hub