top
Media-ICT, Barcelona

Brücken bauen

Enric Ruiz Geli, Leiter des transdisziplinären Ateliers Cloud 9 in Barcelona, stellt das Kollektiv und die Natur in den Mittelpunkt seines architektonischen Denkens, um neue Perspektiven zu entwickeln. In diesem Interview erläutert er, worauf es derzeit ankommt.

Anna Moldenhauer: Sie befinden sich derzeit in den Vereinigten Staaten. Woran arbeiten Sie gerade?

Enric Ruiz Geli: Für uns Architektinnen und Architekten ist es entscheidend, den Dialog mit den Naturwissenschaften zu suchen und Fachwissen aus den Bereichen Stadtplanung und nachhaltiges Denken einzubeziehen. Die Wissenschaft und die akademische Welt sind unsere stärksten Triebkräfte. Allerdings gab es bisher eine Trennung zwischen diesen beiden Bereichen: Die Wissenschaft galt als das Gehirn, die Industrie als der Muskel. Das ist keine ideale Situation. Es gibt eine kollektive Intelligenz, die enorm von gegenseitiger Inspiration profitieren könnte. Mit dem Wandel an Schulen und Universitäten verändert sich auch die Wissenschaft selbst. Meine Ausbildung an einem öffentlichen Gymnasium und meine bewusste Entscheidung, an einer öffentlichen Universität zu studieren, haben mich geprägt; ich bin ein öffentlicher Architekt. Es erfüllt mich, etwas zu schaffen, das der Gemeinschaft zugutekommt.

In den Vereinigten Staaten befinden sich einige der besten Universitäten der Welt, die Menschen aus allen Ländern anziehen. Die Virginia Tech ist eine öffentliche Universität in der Appalachenregion und bietet mir die Möglichkeit, neu anzufangen, anders zu denken und mich weiterzuentwickeln. Sie hat zudem eine Verbindung zum Black Mountain College, das Kunst, Architektur, Musik, Tanz und viele andere Disziplinen vereint. Deshalb verbringe ich derzeit etwa 70 Prozent meiner Zeit hier.

Sie unterrichten seit vielen Jahren. Welchen Rat würden Sie der jüngeren Generation von Architekturschaffenden geben?

Enric Ruiz Geli: Als ich an der Architectural Association School of Architecture (AA) in London studierte, einer der renommiertesten Architekturschulen der Welt, wurden weder nachhaltiges Design noch Umweltbewusstsein unterrichtet. Es ist bedauerlich, wenn eine führende Hochschule Jahr für Jahr Absolventen hervorbringt, die kein Verständnis für Nachhaltigkeit haben. Deshalb wollte ich eine Debatte anregen und das Potenzial dieser Studierenden außerhalb der Hochschule ausschöpfen. Ein Erfolgsbeispiel ist Julianne Wolf, die heute Studio Gang in Chicago leitet. Den Studierenden eine Stimme für eine nachhaltige Zukunft, ökologisches Denken, Aktivismus und dekarbonisierte Architektur zu geben, ist ein bedeutender Schritt nach vorn. Hervorragende Beispiele hierfür sind das IAAC in Barcelona oder das SCI-Arc Institute of Architecture, das das Konzept der synthetischen Landschaften einführt. Landschaften werden in der Zukunft eine Schlüsselrolle spielen: von der Landwirtschaft über toxische Landschaften bis hin zur Integration von Technologie. Rotierende Landschaften und indigene Zukunftsvisionen sind in diesem Zusammenhang unerlässlich. Meine Antwort, beziehungsweise mein Rat, lautet daher: Denkt nachhaltig und seid AktivistInnen – verstanden im Sinne der Ermöglichung neuer "indigener" Perspektiven auf die Zukunft. Beide Bereiche integriere ich in meine Lehre.

The Millennium Project, Valladolid
The Millennium Project, Valladolid

Mit Ihrem Architekturbüro "Cloud 9" arbeiten Sie an vielen Schnittstellen, die Architektur mit Technologie, Natur und Kunst verbinden. Sie lassen sich unter anderem von den Funktionsweisen der Natur inspirieren und übertragen diese auf unsere gebaute Umwelt. Warum haben Sie sich für diesen ganzheitlichen Ansatz entschieden?

Enric Ruiz Geli: Bereits Ende der 1990er Jahre bezog "Cloud 9" DesignerInnen aus den Bereichen Mode, Architektur und Theater mit ein – wir arbeiten also von Anfang an interdisziplinär. Es war nur natürlich, den kreativen Prozess durch Licht, Bühne und Musik zu erweitern. Wir ließen uns von Künstlern wie Bob Wilson und Frederic Amat inspirieren, die sich nicht auf ein einziges Fachgebiet beschränkten, sondern Museen, Theater- und Operninstallationen, Möbel usw. entwarfen; daher war es für uns nur logisch, unser Studio als interdisziplinär zu verstehen.

Heute ist Transdisziplinarität das zentrale Konzept unserer Arbeit: die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis. Das bedeutet, mit unterschiedlichen Werkzeugen zu arbeiten, die Perspektiven anderer Disziplinen zu verstehen und deren Sensibilitäten zu erkunden – sei es im akademischen Umfeld oder in unserer täglichen Arbeit bei Cloud 9. Diese kollektive Intelligenz bildet die Grundlage unserer Projekte und kann eine neue Dynamik entstehen lassen. Ein Architekt könnte beispielsweise sagen, dass eine Idee nicht umsetzbar ist, weil städtebauliche Vorschriften dies nicht zulassen. Ist jedoch ein Politiker, der diese Vorschriften mitgestaltet, ebenfalls mit am Tisch, entsteht ein Dialog, der neue städtepolitische Möglichkeiten eröffnet und kreative Prozesse unterstützt. Es ist bedauerlich, dass wir Architekturschaffende bisher nicht bereit waren, mit Personen aus Politik, Anthropologie oder ExpertInnen aus den Bereichen Umwelt, Mobilität und soziale Schichten zusammenzuarbeiten.

Die neue Generation von Architekturstudierenden am VT Honors College definiert sich durch eine breitere Perspektive. Alle Disziplinen sitzen gemeinsam am "No Blue No Green"-Tisch bzw. im "No Blue No Green"-Studio und bilden ein Team bzw. einen Stamm. Wenn Architekturschaffende erkennen, dass Architektur zu einer Plattform für das Bewohnen einer gemeinsamen, synthetischen Landschaft wird, ist die Lernkurve enorm. Was einst als radikales pädagogisches Instrument in unserem Unterricht begann, kann zu einem hochwirksamen, widerstandsfähigen, einfühlsamen und ganzheitlichen Ansatz werden. Wir stehen erst am Anfang dieser Phase.

Es ist wesentlich, Architektur als Teamarbeit zu verstehen.

Enric Ruiz Geli: Es ist entscheidend, dass wir lernen, gemeinsam zu agieren. In der heutigen Arbeitswelt sind teamfähige Menschen eindeutig im Vorteil gegenüber EinzelkämpferInnen.

elBulli1846, Cala Montjoi, Cap de Creus Natural Park

Sie haben sich schon früh für nachhaltige Bauweisen und die ganzheitliche Verantwortung von Architekten interessiert. Ihre zukunftsweisenden Gebäude nutzen Hightech, um natürliche Prozesse nachzuahmen und den Energieverbrauch drastisch zu senken. Gemeinsam mit Jeremy Rifkin haben Sie auf der Biennale 2008 ein Manifest für grüne Architektur verfasst. Betrachtet man jedoch viele neue Gebäude in unseren Städten, so dominieren nach wie vor Glas und Beton. Angesichts der aktuellen Krisen ist das Thema Nachhaltigkeit zudem aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten und erscheint rückblickend wie ein kurzlebiger Trend. Warum fällt es uns so schwer, anpassungsfähige Architektur als Standard zu etablieren?

Enric Ruiz Geli: Die Antwort liegt in der Evolution. Wir befinden uns in einer Phase rascher Entwicklung, und in Zeiten wie diesen orientieren sich die Menschen an inspirierenden Persönlichkeiten. Zu Beginn brauchen wir Visionäre, die die Gesellschaft, die Berufswelt, die Industrie und die Politik anregen und voranbringen können. Jeremy Rifkin ist natürlich einer von ihnen. Sein Buch "The Empathic Civilisation" gilt als bedeutender Meilenstein für unseren zivilisatorischen Fortschritt. Die zentrale Botschaft lautet: schaffen statt verschwenden, den Planeten schützen und Empathie fördern, interdisziplinär denken und verstehen, dass wir Teil eines facettenreichen Ökosystems sind – gemeinsam mit Tieren, Pflanzen und anderen Menschen. Diese ganzheitliche Zivilisation ist das Ziel. Auch Persönlichkeiten wie der amerikanische Politiker, Unternehmer und Umweltschützer Al Gore sowie Philosophen wie Timothy Morton leisten entscheidende Beiträge.

Die zweite Phase ist die der Pilotprojekte. Sie zeigen, dass nachhaltige Lösungen schon lange möglich sind. Heute werden Netto-Null-Gebäude zu herkömmlichen Baukosten errichtet – ein Ergebnis, das viele überrascht. Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwangsläufig höhere Kosten. Sie sind zwar noch nicht gesetzlich vorgeschrieben, könnten es aber in der EU bald sein. Ideen, Technologien und erste Umsetzungen sind bereits vorhanden, die Zukunft nimmt deutlich Gestalt an. Was diese natürliche Entwicklung bremst, ist zum einen die oft unterschätzte Rolle der ArchitektInnen. Viele bezeichnen sich selbst als umweltbewusste Denkerinnen und Denker, doch letztendlich sind wir das alle, egal ob wir Hightech, traditionelle, passive oder indigene Methoden anwenden. Der scheinbare Widerspruch zwischen modernen Technologien und traditionellen Techniken ist künstlich. Beide verfolgen dasselbe Ziel: keine fossilen Brennstoffe, nachhaltige Energie, Fortschritt im Design, eine saubere Umwelt und weniger Abfall. Das Marketing schafft jedoch künstliche Kategorien wie "Ecotec", obwohl Tradition und Technologie sich nicht gegenseitig ausschließen. Solche Etiketten behindern die Zusammenarbeit.

Ein weiteres Hindernis ist die Industrie. Die Betonindustrie wirbt beispielsweise mit "nachhaltigem" Beton. Obwohl Fortschritte erzielt wurden, sind die CO₂-Emissionen nach wie vor enorm – hier lauert das "Greenwashing". Gleichzeitig verlagern Unternehmen ihre Produktion in Länder mit niedrigeren Standards, sobald strengere Vorschriften in Kraft treten. Die Industrie muss sich daher aktiv an ihrem eigenen Wandel beteiligen.

Es ist zweifellos ein komplexes System.

Enric Ruiz Geli: Es ist wichtig, dass wir einen klaren Aktionsplan haben. PhilosophInnen und DenkerInnen weisen schon seit langem darauf hin, denn wir sitzen alle im selben Boot. Es gibt keinen Planeten B, keine alternative Erde, keinen Ausweg im großen Maßstab. Aber es gibt vieles, das wir gemeinsam haben und gemeinsam weiterentwickeln müssen. Pilotprojekte sind in dieser Hinsicht unverzichtbar. Ebenso wichtig sind das Wissen unserer Vorfahren und die passive Architektur. Und es gibt unzählige Formen der Innovation – sie sind alle von Bedeutung. Manche Architekturschaffende sagen, sie wollen keine Innovation. Aber überlegen Sie einmal, was das bedeuten würde: Würden Sie das Ihren Kindern sagen, wenn sie im Krankenhaus liegen? Würden Sie dem Krankenhaus raten, auf Innovation zu verzichten? Natürlich nicht.

Sie sind promovierter Philosoph. Diese ganzheitliche Perspektive könnte helfen, die derzeitigen Veränderungen aus einem anderen Blickwinkel anzugehen.

Enric Ruiz Geli: Wir werden sehen, wie sich unsere Arbeit verändert und wie sich auch der Einsatz von Verbundwerkstoffen zunehmend in Richtung Biokomposite verlagert. Uns erwartet eine beeindruckende Zukunft, eine wunderbare Entwicklung von Innovation und Handwerkskunst. Deshalb rufe ich zum Handeln auf: Bildet Teams und begegnet einander mit Empathie. Große akademische Einrichtungen und BranchenexpertInnen sollten jungen Menschen Verantwortung übertragen. Bringt alle Generationen zusammen. Ältere Menschen dürfen nicht ausgegrenzt werden. Sie sind keine passiven Figuren am Rande, die von Entscheidungen oder vom Leben ferngehalten werden sollten. Ellen Braaten, eine 83-jährige emeritierte Professorin, trägt das Wissen vieler Jahrzehnte in sich. Warum sollte sie aus der Diskussion ausgeschlossen werden? Dem widerspreche ich entschieden.

v.l.n.r.: Designer Kevin Jones (Joba Studio) und Kurator Enric Ruiz Geli
unEarthed / Second Nature / PolliNATION 19ª Biennale Architettura, Venedig

Auf der 19. Architekturbiennale in Venedig haben Sie in Zusammenarbeit mit dem Virginia Tech Honors College und dem Designbüro Joba Studio die Ausstellung "Unearthed/Second Nature/Pollination" auf USM-Haller-Konstruktionen präsentiert. Die transdisziplinären Projekte untersuchten anhand von Modellen, Plänen und Prototypen die nachhaltige Koexistenz von Mensch und Natur. Carlo Ratti wählte die Ausstellung als eine der bemerkenswertesten der Biennale aus. Wie soll diese Idee weiterentwickelt werden?

Enric Ruiz Geli: Die Biennale ist der Moment, in dem alle Disziplinen zusammenkommen. Alle zwei Jahre wird sie zum Schauplatz eines gemeinsamen Manifests – nicht zum Abschluss eines Projekts, sondern um es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Im Mittelpunkt steht dabei eine klare Botschaft: Venedig braucht Bienen. Ihre Bestäubung stärkt die Inseln der Lagune und macht sie widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen der globalen Erwärmung. Die Bürgerinnen und Bürger Venedigs transportierten die Bienen mit Booten von Insel zu Insel und traten so als aktive Gestalterinnen und Gestalter eines Ökosystems auf. Dieser gezielte Eingriff in natürliche Prozesse gilt heute als eine Form des Geoengineerings, also der Unterstützung natürlicher Prozesse durch menschliche Ideen und Technologien. Gemeinsam mit dem Virginia Tech Honors College und unterstützt vom Industriepartner USM setzte Cloud 9 diesen Ansatz erstmals in einer pavillonartigen Installation auf der Biennale um. Zum ersten Mal waren Studierende nicht nur Teil eines akademischen Begleitprogramms, sondern entwarfen auch selbst einen Beitrag zur professionellen Ausstellungsreihe. Die Installation wird nun an Orte gebracht, die besonders stark von der Klimakrise betroffen sind, darunter New York, die Hamptons und andere Küstenregionen. Dort soll sie das Bewusstsein schärfen und konkrete Diskussionen anstoßen. Im Rahmen von Symposien haben lokale Gemeinschaften die Gelegenheit, sich zu versammeln und Lösungen sowie Zukunftsszenarien für ihre bedrohten Küstengebiete zu erörtern.

Die Formen Ihrer Gebäude sind stets außergewöhnlich – futuristisch und organisch zugleich. Sie selbst stammen aus Figueres, einer katalanischen Stadt, die eng mit dem Werk von Salvador Dalí verbunden ist. Hinzu kommt Ihre intensive Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen. Hat dies Ihre Suche nach einer ganz eigenen Ausdrucksform geprägt?

Enric Ruiz Geli: Danke, dass Sie das angesprochen haben. Wir verstehen uns als weltweit tätige Architekturschaffende, sind aber gleichzeitig stark lokal verwurzelt. Das Mittelmeer, Figueres und Cadaqués sind meine Wurzeln. Alles, was mit dem Meer und der mediterranen Kultur zu tun hat – von der Küche über die Kunst bis hin zur Musik und Literatur –, ist für mich eine enorme Inspirationsquelle. In den Anfangsjahren meines Büros habe ich viel darüber gelesen, wie Salvador Dalí über Physik und Wissenschaft sprach. Ich fand diesen poetischen, surrealistischen Wahnsinn, diese produktive Unbestimmtheit, faszinierend. Dalí konnte in der Quantenphysik äußerst präzise sein und gleichzeitig in seinen Gemälden verträumt und verschwommen bleiben. Ich glaube, diese doppelte Eigenschaft findet sich auch in der Arbeit von Cloud 9 wieder: einerseits der präzise Umgang mit Daten, Materialität und Dekarbonisierung – wissenschaftlich, performativ, datengetrieben. Andererseits eine Offenheit, eine Leichtigkeit, das, was ich als "poetische Weichheit" bezeichne: verträumt, kulturell, voller Licht, Optimismus und Umarmung. Für mich ist diese Dualität von grundlegender Bedeutung. In meiner Doktorarbeit geht es genau darum: um die Datenpartikel unserer Technologie und Performance, die biologischen Partikel der Natur und die poetischen Partikel unserer Worte, Konzepte, des Lichts und kultureller Momente. Zusammen verkörpern diese drei Ebenen die Arbeit von Cloud 9.

La Nube in cooperation with Nagami, Caixa Forum Valencia

Dort realisieren Sie zudem ein architektonisches Kulturzentrum – ein Schlüsselprojekt im Rahmen des Masterplans zur Neugestaltung des Verkehrssystems. Bereits im Jahr 2010 nahmen Sie am von Stylepark kuratierten "Audi Urban Future Award" unter dem Motto "Eine Vision für 2030 entwickeln" teil. Ziel war es, neue Ansätze für Mobilität, Architektur und Stadtentwicklung zu entwickeln. Wie beurteilen Sie Ihre damalige Vision heute – und welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Gegenwart ableiten?

Enric Ruiz Geli: Die Stadt befindet sich derzeit in einer entscheidenden Phase: Die im Jahr 2010 entwickelten Konzepte können nun, im Jahr 2030, tatsächlich umgesetzt werden. Der Masterplan deckt alle Formen der städtischen Mobilität ab, vom Radfahren und Zufußgehen über Hochgeschwindigkeitszüge und Autos bis hin zum öffentlichen Nahverkehr. Dieses Zusammenspiel verschiedener Mobilitätsformen wird die Zukunft des städtischen Lebens prägen. Die Vision begleitet uns bereits seit 20 Jahren. Eine solche Mobilität erfordert jedoch klare Orientierungspunkte auf dem Weg dorthin.

Einer dieser Knotenpunkte wird das architektonische Kulturzentrum sein, das wir ME WE Foundation nennen. Es wird das Archiv unseres Ateliers sowie Werke und Materialien anderer KünstlerInnen beherbergen: Bob Wilson, Frederic Amat, Salvador Dalí, Ryoji Ikeda, Barangay und Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, darunter Denker wie Jeremy Rifkin. Das Gebäude wird eine Sammelstätte für die Manifeste sein, die die neue Mobilität intellektuell und kulturell begleiten. Dank der Impulse durch den Audi Urban Future Award und Stylepark als Kurator haben wir nun die Möglichkeit, vieles von dem, was damals begonnen wurde, in den nächsten drei bis vier Jahren zu verwirklichen. Auch unsere frühere Ausstellung in Venedig, die sich mit einer empathischen Zivilisation und der Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften befasste, wird nun in konkrete Planungen umgesetzt.

Sie arbeiten auch mit dem Leuchtenhersteller iGuzzini zusammen. Was ist Ihnen in diesem Zusammenhang und generell wichtig, wenn es darum geht, Brücken zum Design zu schlagen?

Enric Ruiz Geli: Wir stützen uns auf drei zentrale Wissensbereiche. Der erste ist die Kultur: die mediterrane Lebensart, ihre Poesie, ihre künstlerischen Traditionen. Diese prägen unsere Sichtweise und sind eine ständige Quelle der Inspiration. Der zweite Bereich ist die Natur – wie sie funktioniert, die Biologie der Photosynthese, aber auch die Erkenntnisse der Quantenphysik. Diese zeigen uns, wie präzise und zugleich poetisch natürliche Prozesse sind. Der dritte Bereich befasst sich damit, wie Technologie unsere Beziehung zur Natur weiterentwickeln kann. Wie schaffen wir neue Realitäten, die im Einklang mit natürlichen Prozessen stehen? Besonders faszinierend ist in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel von künstlichem und natürlichem Licht.

Heute geht es beim Design nicht mehr um einfache Gegensätze, nicht um Schwarz oder Weiß, nicht um Eins oder Null. Es geht um symbiotisches Zusammenspiel. Energie, Licht, Daten – all das sind Wellen, die wir gestalten und über unsere Geräte in Räume übersetzen. Was mit einzelnen Produktentwürfen begann, hat uns nun zu Museumsprojekten über künstliches Leben geführt. Und die Entwicklung geht weiter: Zukünftige Projekte könnten sich noch intensiver mit natürlichen Wellen, Schallwellen oder Datenwellen wie WLAN befassen. Daraus entsteht eine neue, hybride Branche. Partner wie iGuzzini halte ich in diesem Prozess für entscheidend. Ich sehe mich als Botschafter dieser globalen Bewegung und bin stolz darauf, die Entwicklung dieser Branche mitzuerleben – von den frühen Experimenten mit Kunststoffen über die Arbeit mit Glas, Leuchten und LEDs bis hin zu einer Zukunft, in der Sensortechnik und Licht zu intelligenten Elementen der Architektur werden.

Was haben Sie zuletzt von der Natur gelernt?

Enric Ruiz Geli: Heutzutage geht man zunehmend davon aus, dass Bäume über eine eigene Form von Intelligenz verfügen. Sie nehmen die Windrichtung wahr, erkennen, wann der Tag beginnt, wohin das Wasser fließt und wo der Boden mit Salz oder Schadstoffen belastet ist. Sie reagieren auf die Vogelarten, die in ihren Ästen nisten, und orientieren sich am Mondzyklus sowie am Salzgehalt der Luft. Bäume sind hochsensible Organismen und verfügen über erstaunliches Wissen. In den letzten Monaten habe ich zudem erfahren, dass es an den Wurzelspitzen spezielle Zellen gibt, die die Morphologie des Baumes bestimmen. Während sich die menschliche Gestalt über Jahrhunderte hinweg entwickelt, passen Pflanzen ihre Form innerhalb weniger Monate an. Innerhalb von fünf Monaten verändern sie aktiv ihre Wachstumsrichtung, ihre Struktur und sogar ihre Zusammensetzung. Diese Zellen sind keine Neuronen, weshalb sie aus klassisch-wissenschaftlicher Sicht nicht als denkfähig gelten würden. Aus biologischer Sicht erfüllen sie jedoch eine ähnliche Funktion: Sie erzeugen elektrische Impulse, die an die DNA weitergeleitet werden und Veränderungen in Größe, Form und Struktur auslösen. Im botanischen Sinne treffen sie Entscheidungen. Obwohl Pflanzen kein Gehirn haben, zeigen sie doch eine Form von Intelligenz. Diese Wurzelzellen denken nicht wie Menschen, aber sie analysieren ihre Umgebung, reagieren auf Reize und passen sich aktiv an. Forschungen von Stefano Mancuso haben gezeigt, dass diese Zellen Signale aus ihrer Umgebung lesen und auf dieser Grundlage "intelligente" Entscheidungen treffen.

Villa Nurbs, Empuriabrava