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Andreas Moser
06.12.2022

Hager / out of the box

Mit dem Wohn- und Hotelturm One Forty West haben MA Architekten die Frankfurter Skyline um einen echten Hingucker bereichert. Architekt Andreas Moser sieht die Zukunft der Metropolen dennoch nicht in extremen Höhenflügen, sondern in bodenständigerer Orientierung. Der Frankfurter Bauplaner über Wertschöpfungsketten, Grenzerfahrungen und die überfällige Neuorientierung unserer Städteplanung.

Andreas Moser, gerade werden die letzten Wohnungen Ihres 145 Meter hohen Hybridturms bezogen. Was meinen Sie: Liegt die Zukunft der Metropolen in solchen Höhen?

Andreas Moser: Nein. Vertikales Bauen ist eine spektakuläre, gleichzeitig aber auch teurere Sonderform des Bauens. Es wird deshalb immer eine Ausnahme bleiben.

Im Übereinanderstapeln von Geschossen sehen viele eine Antwort auf die Frage nach bezahlbarem Wohnraum.

Andreas Moser: Schauen Sie nach Barcelona: Urbane Dichte kriegen wir in Europa sehr gut auch ohne Höhe hin. In Frankfurt am Main jedoch gehören Wolkenkratzer nun einmal zum Markenzeichen. Diese sympathische kleine Großstadt wird ja auch dank ihrer vertikalen Silhouette international wahrgenommen. Deshalb wird in Frankfurt auch in Zukunft vertikal gebaut werden.

Die 40 Stockwerke des One Forty West teilen sich jetzt Wohnungsnutzer mit einem 430 Zimmer-Hotel. Ist das die Grundidee der Immobilie: Eine Nutzungsmischung in der Vertikalen?

Andreas Moser: Natürlich. Mit Wohnungen, Hotel und Restaurant herrscht im One Forty West auch dann noch Leben, wenn anderswo die Lichter ausgehen. Gleich nebenan bauen wir gerade noch eine Kita. Das Viertel erhält damit eine urbane Qualität, die unserem Central Business District in Frankfurt leider abgeht. Die großen Türme dort geben der Stadt nichts.

Der AfE-Turms der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, der früher an der Stelle des One Forty West stand, galt vielen Frankfurtern als Wahrzeichen linker Wissenschaft. Jetzt finden sich hier Appartments, deren Kaufpreise bei einer Million Euro beginnen. Ist das eine Ironie der Geschichte oder schlicht ihr Gang?

Andreas Moser: Beides, und es wird noch ironischer, denn der AfE-Turm war ja ein Vertreter des Brutalismus. Wenngleich unser Gebäude kein Beispiel brutalistischer Architektur darstellt, so ist One Forty West doch ebenfalls ein eher hartes Gebäude. Für mich verbindet sich mit dem Vorgängergebäude auch eine persönliche Geschichte, denn eine mittlerweile leider verstorbene Freundin hat dort einen Teil ihres Studiums absolviert. Als ich nach der Sprengung des AfE-Turms in der Baugrube stand und hochschaute, dachte ich mir: Für Dich baue ich’s wieder auf.

In Sichtweite Ihres One Forty West haben BIG Architekten mit dem Omniturm einen weiteren Hybridturm errichtet. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie zwischen den Parallelprojekten?

Andreas Moser: BIG ist es gelungen, ihr Gebäude per Hüftschwung quasi minimalinvasiv zum Markenzeichen zu machen. Gemeinsamkeiten sehe ich in unserer Architektursprache und der Typologie beider Hybridtürme. Ein radikaler Unterschied liegt in der größeren baulichen Tiefe, die BIG verplanen durfte und die ihrem Omniturm eine höhere Nutzungsvielfalt erlaubt. Der städtebauliche Rahmenplan für unser Senckenberg-Quartier stammte ja noch vom Anfang der 2000er-Jahre und hat uns baulich und nutzungstechnisch ziemlich eingeschränkt. Dennoch haben wir, wie ich finde, gutgemachte Räume geschaffen, welche die nächsten hundert Jahre funktionieren werden.

Das Bauareal des One Forty West galt bislang als eine Art Nicht-Ort zwischen Westend und Bockenheim. Wie baut man einer urbanen Brache Leben und Lebendigkeit ein?

Andreas Moser: Unter Anderem, indem man in den Erdgeschossen Kita, Gastronomie oder andere kulturelle Einrichtungen mit hoher Öffentlichkeit unterbringt. Als Planer können wir da allerdings immer nur Vorschläge machen. Entscheidungen treffen die Investoren.

Heißt das: In Projekten wie dem Senckenberg-Quartier zählt letztlich nur die Rendite?

Andreas Moser: Nein, Investoren haben jedoch naturgemäß andere Vorstellungen von Wertschöpfungsketten. In kleinen Kinos oder Galerien sehen sie eher Querfinanzierungsbedarf. Das ist für sie mühsam.

Dennoch können Sie als Architekt ja für gesellschaftlichen Mehrwert Ihrer Bauten kämpfen.

Andreas Moser: Das tun wir ja auch. Doch die Einflussmöglichkeiten von uns Architekten werden massiv überschätzt. Weil wir meist die sichtbarsten Player in einem Projekt sind, glauben viele, wir wären für alles verantwortlich. Wir bilden nur die Bandscheibe zwischen Bebauungsplänen und Renditeerwartungen.

Machen Sie sich da nicht künstlich klein?

Andreas Moser: Nein. Das große Spiel findet hinter den Kulissen statt und wird heute meist vom Primat des „Ich“ bestimmt. Wir Architekten sind lediglich die Übersetzer von Programmen, die andere für uns geschrieben haben. Und das gelingt mal besser, mal schlechter.

Was verstehen Sie unter dem „Primat des Ich“?

Andreas Moser: Le Corbusier baute seiner Unité d’Habitation noch Dach- und Kindergarten ein, die allen Nutzern offenstanden. Heute installieren wir in den Kellern unserer Gebäude Wine Banks, die statt der Gemeinschaft lediglich die Egos einzelner Käufer stärken.

Kultur hat es deshalb bei Neubauprojekten häufig schwer, auch wenn sie zur Urbanität gehört wie Rush Hour und Multikulti.

Andreas Moser: So war es bisher. Ich habe Hoffnung, dass Investoren ob der wachsenden Bedeutung von ESG-Kriterien künftig stärker soziale Aspekte berücksichtigen. Das gäbe uns Architekten die Chance, besser zu bauen. Helfen würden uns auch sozial orientiertere Bebauungspläne. Man sieht es ja in Wien, Rotterdam und anderen liberalen Metropolen, wo sich jeder Neubau an der Frage orientieren muss, was er für eine lebenswerte, vibrierende Stadt leistet. Diese Orientierung muss auch unser Ziel sein.

Welche Stadt kommt Ihrem Ideal einer urbanen Gemeinschaft am nächsten?

Andreas Moser: Die Frage kann ich nicht wirklich beantworten, weil ich jenseits des Jobs wenig in Städten unterwegs bin. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit Freeriden und Wellenreiten, man könnte auch sagen: mit der Sammlung von Grenzerfahrungen.

Was schätzen Sie an solchen Cliffhanger-Momenten?

Andreas Moser: Grenzerfahrungen sind Momente, in denen ich meine Stärken und Schwächen kennenlerne. Das ist beim Architekt-Sein ganz ähnlich. Auch da muss man ja mitunter die Luft an- und lange durchhalten, um irgendwann wieder auftauchen und weitermachen zu können.

Wie schmerzlich ist es, sich zu erinnern, dass man als Architekt letztlich auch nur Dienstleister ist?

Andreas Moser: Würde ich mich heute immer noch an der Erwartungshaltung messen, die ich als Architekturstudent hegte: sehr schmerzlich. Das tue ich aber nicht. Ich freue mich ganz unironisch daran, in einem der schönsten Berufe der Welt arbeiten zu dürfen. Ich kann mit großartigen Kollegen in einem tollen Büro gut gemachte Räume für Menschen schaffen. Mehr geht eigentlich nicht.

Ein paar fixe Fragen zum Schluss – bitte spontan und ohne viel Nachdenken beantworten. Los geht’s!

Das wollte ich als Kind werden:

Andreas Moser: Ich wollte Kind bleiben. Als Jugendlicher wollte ich dann Windsurfprofi werden.

Der beste Rat meiner Eltern:

Andreas Moser: "Werde nicht Architekt. Mach‘ ne Banklehre, das ist sicherer." Als ich den Rat hörte, war mir klar, dass ich Architektur studieren würde.

Jemand, von dem ich enorm viel gelernt habe:

Andreas Moser: Von meiner Frau. Sie hat mich gelehrt, nicht immer in den Ärger zu gehen, auf Lösungen zu fokussieren und mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Mein verkanntestes Talent:

Andreas Moser: Vermutlich mein diplomatisches.

Etwas, mit dem ich auch meinen Unterhalt verdienen könnte, sollte es als Architekt nicht mehr klappen:

Andreas Moser: Ich wäre gern Investor. Und sobald die Zeit reif ist, werde ich mich auch als Investor engagieren. Ich finde, Architekten sollten nicht nur als Übersetzer agieren, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Als Architektinvestor kann ich es.

Eine Idee, die ich eines Tages definitiv noch umsetzen werde:

Andreas Moser: Mehr im Hier und Jetzt zu leben.

Ein inspirierender Instagram- oder LinkedIn-Account:

Andreas Moser: Jener der Fotografin Kate Bellm (@katebellm). Weil sie einen verklärten, naiven Blick auf unsere menschlichen Beziehungen hat und diesen künstlich überhöht.

Mein guter Rat an jeden, der/die es als Innenarchitekt zu etwas bringen will:

Andreas Moser: An sich selbst glauben. Ausdauer, Fleiß und Glück mitbringen.

ANDREAS MOSER
war die eine Hälfte des Büros Cyrus Moser Architekten in Frankfurt/Main, das er mit seinem Partner Oliver Cyrus 2000 gründete. Die beiden Planer machten sich zunächst mit hochwertigen Villen im Frankfurter Umland einen Namen, bevor sie den Wettbewerb für das Senckenberg-Quartier gewannen. Das umfasst neben dem Hotel- und Wohnturm One Forty West einen weiteren Büroturm (99West), ein sechsstöckiges Bürogebäude (21West) sowie eine Kindertagesstätte. Mit dem Spardabank-Tower bearbeitet das Büro, das seit dem kürzlichen Ausstieg von Oliver Cyrus unter MA Architekten firmiert, gerade ein weiteres Hochhausprojekt in Frankfurt.