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Nimm mich mit

Małgorzata Bany ist noch jung, aber schon eine gefeierte "Makerin" – dank ihrer ausdrucksvollen Handschrift, in der sie Objekte aus Jesmonite formt.
von Martina Metzner | 28.02.2019

"Fine art is that in which the hand, the head and the heart of man go together", schrieb John Ruskin, der mit seinen Schriften die Art-and-Crafts-Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich prägte. Rund 150 Jahre später scheint das, was die Bewegung erreichen wollte, nämlich die Abkehr von der industriellen Produktion, hin zu einer handwerklichen, auf den Menschen ausgerichteten Herstellung von Objekten des Alltags, aktueller denn je. Kunsthandwerk ist wieder en vogue, so scheint es, wenn man die "Maker"-Bewegung betrachtet. Dass sie hauptsächlich in England zu Hause ist, verwundert nicht, wenn man auf die Arts-and-Crafts-Tradition blickt. Die Organisation "The New Craftsmen" vereint rund 100 dieser ambitionierten "Maker" aus ganz Great Britain, die in kleinen, lokalen Workshops kunsthandwerklich Textilien, Keramik, Möbel, Leuchten, Körbe und dekorative Artikel herstellen. 

Małgorzata Bany ist eine von diesen Macherinnen. Eine der Sorte ruhig, bewusst und stark. Bany hat an der berühmten Londoner Kunsthochschule "Slade School for Fine Art" studiert, wo auch schon Eileen Gray Kursen beiwohnte. Bany ist noch jung, hat aber bereits ihre gestalterische Handschrift gefunden. Ihr Wirkungsfeld ist multidisziplinär – weil sie aus dem Material heraus gestaltet. Konkret: aus Jesmonite, aus dem sie Möbel, Leuchten, Homeware, Skulpturen formt. Jesmonite ist ein außergewöhnliches Material, das sich frei formen lässt. Es besteht aus einer Mischung von Zement oder Gips mit Zuschlägen, vermengt mit wasserbasiertem Acyrlharz. Das Komposit ist formstabil, leicht zu schneiden oder zu schnitzen und kann auch gegossen werden. Es lässt sich außerdem durchfärben und kann mit einer Vielzahl an Materialzuschlägen kombiniert werden. 1984 wurde es als Alternative zu Fiberglas von der britischen Firma Jesmonite erstmals angeboten. Seitdem ist es bei Bildhauern, Archäologen und Requisiteuren für den Modellbau beliebt, aber auch in der Architektur für Ornamente. Erst in jüngerer Zeit experimentieren auch Designer mit Jesmonite. 

Volumen und weiche Rundungen prägen die Objekte von Małgorzata Bany, deren Oberflächen mal glatt, und dann wieder handgeformt-imperfekt erscheinen. Zum London Design Festival stellte "The New Craftsmen" im eigenen Showroom Banys Serie "Pilotis" aus: Tische, Hocker und eine Konsole, die alle durch überdimensionierte, aber dennoch wohlproportionierte zylindrische Formen geprägt sind. "Pilotis" sei ein Bestseller, heißt es bei "The New Craftsmen" – und das bei Preisen ab 2.250 Pfund. Man fragt sich, weshalb uns diese Objekte so spontan berühren? Sie strahlen – angelehnt an archaische Formen – eine ursprüngliche Kraft aus, enthalten dabei aber einen starken Gegenwartsbezug, wenn man auf Machart und Material blickt. Diese Gegensätzlichkeit erzeugt Spannung, wohingegen die kompakten Körper "Pilotis" anschmiegsam und unschuldig erscheinen lassen. So als ob sie förmlich sagen: "Nimm mich mit".