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"Heavy Formal Exercise"-Installation in der Tate Modern Turbine Hall, Kompositionen aus handgemachten Ziegeln zum Endless Book Club von Self Publish, Be Happy im Mai 2017

Die Hoffnung trägt Venezia

Lange war es still um Nachwuchstalente aus Italien – nun wird es plötzlich laut. Die Designer Marco Campardo und Lorenzo Mason mit ihrem Label M-L-XL im Porträt.
von Martina Metzner | 27.02.2019

Marco Campardo und Lorenzo Mason wussten schon früh, dass sie sich mit ihren Ideen nicht anstellen wollten bei den Unternehmen – bis sie dran sind, um dann doch wieder ein "Tut uns leid"-Ticket zu kassieren. Sie wussten aber auch, dass man dafür mehr tun muss, als nur gute Gestaltung zu liefern. Vor rund zehn Jahren legten die beiden – das Studium des Industriedesigns an der luav in Venedig gerade absolviert – unter dem Namen Tank Boys los und machten sich einen Namen als Art-Direktoren.

Marco Campardo und Lorenzo Mason in London, September 2018
"Bianco e Nero" Schachtisch aus Silicastone für Ace Hotel zum London Design Festival, September 2018

Heute lieben sie immer noch das Spiel mit dem rein Visuellen und Zweidimensionalen, entwerfen auch Schriften, "weil hier die Freiheit am größten ist". Sie spannen den Bogen aber nun deutlich weiter. "Total Design", nennt es Marco Campardo. Sie wollen sich nicht nur auf eine Disziplin beschränken, so wie es auch der große Ettore Sottsass nicht getan hat, den die beiden immer wieder als Leitfigur nennen. Einer zwischen Konzept und Gebrauchsdesign, zwischen Kunst und Konsum. Campardo und Mason begreifen sich als multidisziplinäre Designer, als Grafiker, Messebauer, Veranstalter, Künstler, Berater, Philosophen, Architekten und vor allem – als Unangepasste. M-L-XL experimentieren mit Materialien, wenn sie etwa aus Dreikant-Profilen aus Messing ein Esstisch-Ensemble hervorbringen, das sie mit einem irisierenden Lack versehen. Wenn sie die Schrift "Forma" von Aldo Novarese neu und digital auflegen. Wenn sie ihre Lieblings-Playlists online stellen, die sie unter "Occasional Radio" laufen lassen. Freiheit ist für M-L-XL aber auch der eigene Buchverlag und der eigene Onlineshop, über den sie ihre Objekte und Schriften vermarkten.

"Wir befinden uns an einem 'momento storico', was das Design angeht", zeigt sich Campardo überzeugt. Das althergebrachte System würde für junge Designer nicht mehr funktionieren. Man müsse seine Entwürfe entweder als Unikate, in limitierten Serien in Galerien zu hohen Preisen anbieten oder man verlege eben selbst. Im Mint Shop London sind die Arbeiten des Studios bereits vertreten. Schon jetzt kann man im Onlineshop von M-L-XL ihre Logo-Schals und Schriften erwerben. In einem Jahr, so Campardo, wird dort die ganze Bandbreite ihrer Objekte zu kaufen sein. Arbeiten, die man zuletzt auf der Biennale di Venezia sehen konnte, wo Campardo und Mason zusammen mit Luca Lo Pinto "The Breakfast Pavilion" konzipiert haben, wo Künstler wie Olaf Nicolai in einem spielerisch gestalteten Setting zum Frühstück und zum Austausch einluden, um diesen Moment zu Beginn des Tages als Happening zwischen Kunst und Alltag zu verorten. Auch ihre Arbeiten wie "White Flag" für das Somerset House (2016), "Heavy Formal Exercise" für die Tate Modern (2017) und zuletzt für die "Plastic Scene Exhibition" auf dem London Design Festival (2018) zeugen von ihrem Ansatz, Dinge zu hinterfragen, neu zu fügen und von allen Seiten her zu gestalten.

"The Breakfast Pavilion"-Projekt kuratiert von M–L–XL und Luca Lo Pinto in der A plus A Gallery, Installationsansicht. Kunstbiennale Venedig 2017
"Serif Stool": vakuumgeformter, stapelbarer Hocker aus gemischten, recycelten Kunststoff-Chips, September 2018, London
Work-in-progress während eines Workshops der Plastic Scene show, London Design Festival, September 2018

Auch wenn Campardo aus privaten Gründen vor vier Jahren nach London gezogen ist – und seitdem von dort aus mit seinem Geschäftspartner Mason in Venedig zusammenarbeitet ("wir verstehen uns blind") –, war der Umzug beruflich von entscheidendem Vorteil. "Wenn man etwas zu sagen hat, findet man in London schneller Gehör als in Mailand." Campardo seufzt: "Wie lange haben wir Zeit, um über das aktuelle italienische Design zu sprechen?" Die Diagnose fällt nicht gerade positiv aus für ein Land, das als die Mutter des Designs gilt. Schon zu lange setzt man dort auf Nummer sicher. Auf ein System, das sich immer wieder selbst reproduziert. Das hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren kaum nennenswerte Nachwuchstalente mit gestalterischer Kraft aus Italien kamen. Endlich, ein Hoffnungsträger, M-L-XL. Ein zartes Pflänzchen erst, aber zum Glück eines, das sich selbst zu wässern weiß.

"L Collection": Möbelkollektion aus L-Profilen aus irisierend lackiertem Messing für "The House Electric" in der A plus A Gallery, Architekturbiennale Venedig 2018
"Viva Venezia": Serie aus Wollschals anlässlich des Launches der "Venezia"-Schriftenfamilie, September 2018, Venice
"Cin Cin": Möbelkollektion für Di Majo Morante
"Lunatico": modularer Tisch basierend auf Parkettierungstechnik
"Forato": Hocker-Leichtgewicht aus verschiedenen Materialien
"Pila": modulares Bücherregal aus mehreren stapelbaren Elementen