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Meisterhafte Collage: Michael Riedels „Besuchte und nicht besuchte Ausstellungen“ (2017)
Meisterhafte Collage: Michael Riedels "Besuchte und nicht besuchte Ausstellungen" (2017)
© Michael Riedel
Meisterhafte Collage: Michael Riedels "Besuchte und nicht besuchte Ausstellungen" (2017)

Der Systemkünstler

Die textreichen grafischen Arbeiten von Michael Riedel haben dekorative Kraft. Erst auf den zweiten Blick erkennt man den komplexen theoretischen Unterbau.
von Martina Metzner | 03.07.2018

Wer schon mal zu Gast in der Freitagsküche in Frankfurt war, dem dürfte das Werk von Michael Riedel aufgefallen sein: Die Wände sind mit seinen grafischen Arbeiten tapeziert. Ein wenig erinnern die Arbeiten an Musikpartituren: Die Textfragmente in schwarzen Lettern auf weißem Hintergrund oder viceversa erzeugen über die gesamte Fläche durch unterschiedliche Schriftgrößen, Leerstellen und Spationierungen eine optische Rhythmik. Riedel hat die Freitagsküche zusammen mit Thomas Friemel 2004 in einem leerstehenden Haus in der Nähe des Osthafens gegründet: Abwechselnd bittet ein Künstler zu Tisch und kreiert für kleines Geld Speisen. 

Sprache und Kommunikation beschäftigen Riedel, der 1972 in Rüsselsheim geboren wurde und seine Ausbildung an der Kunstakademie in Düsseldorf, der École nationale supérieure des Beaux-Arts in Paris und an der Städelschule in Frankfurt am Main absolvierte, auf vielschichtige Art und Weise. Jüngst hat er in Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekturbüro Kuehn Malvezzi die Fassaden und den Außenraum des neuen Erweiterungsbaus der Modernen Galerie in Saarbrücken als Textkunstwerk gestaltet. Auch, dass er sein Werk "Material Art" als Platte für einen Tisch von e15 zur Verfügung stellt, zeugt von seinem interdisziplinären Ansatz. Mittlerweile ist er als Professor für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig tätig. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt – so auch in der Tate Modern in London oder im Palais de Tokio in Paris. Die New Yorker Galerie David Zwirner hat ihn unter Vertrag genommen. Dort liebt man die augenscheinlich karge und spröde Kunst des Deutschen, der auf den ersten Blick etwas entrückt wirkt und den Max Hollein zu "einem der wichtigsten Künstler unserer Zeit" erklärt hat. 2016 erwarb der Städelsche Museums-Verein unter der Ägide von Hollein Arbeiten von Riedel. Die Ausstellung "Grafik als Ereignis" im Museum Angewandte Kunst (MAK), die noch bis zum 14. Oktober läuft, zeigt sie nun.

"Ansicht B (Hilfszeichnung)" von Michael Riedel
Ohne Varianten kein System: "Ansicht B (Hilfszeichnung)" von Michael Riedel (1996)
© Michael Riedel
Ohne Varianten kein System: "Ansicht B (Hilfszeichnung)" von Michael Riedel (1996)
„Ich bin verschwunden“ – Michael Riedel nach einem Vortrag in der Städelschule (1998)
"Ich bin verschwunden" – Michael Riedel nach einem Vortrag in der Städelschule (1998)
© Michael Riedel
"Ich bin verschwunden" – Michael Riedel nach einem Vortrag in der Städelschule (1998)

"Es geht bei Michael Riedel um Umformung", erklärte MAK-Direktor Matthias Wagner K in seiner Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung, bei der auch der Künstler anwesend war. Riedel selbst spricht von "Systemen", von den Entscheidungen, die diese Systeme konstituieren, von der Notwendigkeit, dass sich Systeme weiterentwickeln und den Möglichkeiten, die sich ihm daraus eröffnen. In der Ausstellung wird unter anderem die Arbeit "Signetische Zeichnung" gezeigt, die er 22-jährig an der Städelschule begann: Ausgehend von dem Anfangsbuchstaben seines Namens "M" nimmt er die Elemente des Zeichens und setzt sie in unterschiedlichsten Varianten und in insgesamt 1000 Zeichnungen fort. Die Arbeit ist wie ein begehbares und anschauliches Lehrstück zur Systemtheorie von Niklas Luhmann, der unsere Entscheidungen ganz wesentlich durch systemimmanente Regeln bestimmt sah. Aussagen wie "Ich bin nur noch ein Ausführender. Das System hat es mir vorgegeben", lassen Riedels Nähe zu Luhmanns Positionen erkennen. 

Die Texte, die er in seinen Werken verarbeitet, sind Transformationen von bereits Geschriebenem oder Geschehenem: So nimmt Riedel etwa HTML-Codes von Berichten über sein Werk im Netz. Oder transkribiert auch schon mal die gesamte Kommunikation seines Alltages – die MiniDiscs der Tonaufnahmen sind ebenso zu besichtigen. Es ist ein bekanntes Sujet: Der Künstler, der sich auf sich selbst bezieht und seine Rolle hinterfragt. An der eigens für die Ausstellung im MAK geschaffene Arbeit, die den Raum als künstlerisches Werk begreift, erkennt man Riedels Rückbezug auf sich selbst: 2004 hatte der Städelschüler den Club Robert Johnson kopfüber auf die Decke der Frankfurter Galerie Michael Neff projiziert. Im MAK sind es die Grundrisse des Ausstellungs-Raumes und der darin enthaltenden Formen, die Riedel an Wand und Decke spiegelt – und mit Text versieht. 

Keine Frage: Michael Riedel ist ein intellektueller Künstler, der sehr theoretisch arbeitet und den Betrachter auffordert, selbst nachzudenken. Seine diversen Positionen wie Zeichnungen, Plakate, "Poster Paintings" oder sogar "Power Point"-Präsentationen bilden Prozess und Ergebnis in einem ab – sein Werk ist nie fertig. Die schöpferische Kraft von künstlicher Intelligenz ist das Thema, mit dem sich der Riedel aktuell beschäftigt. In der Ausstellung sieht man auch eine digitale Anwendung, die selbstständig eine Arbeit des Künstlers weiterzeichnet. Die Dramatik dieser künstlerischen Ansätze fasste Riedel bei der Ausstellungseröffnung in einer knappen Botschaft zusammen: "Ich stehe hier, um zu berichten, dass ich verschwunden bin. Ich stehe hier, um zu berichten, dass die Kunst verschwunden ist."

Michael Riedel. Grafik als Ereignis
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt
bis 14. Oktober 2018

Öffnungszeiten:
Di., Do.-So.: 10 bis 18 Uhr
Mi.: 10 bis 20 Uhr
Montags geschlossen

Wiederholung und Weiterentwicklung: Im MAK zieht sich das Thema raumgreifend durch.
Wiederholung und Weiterentwicklung: Im MAK zieht sich das Thema raumgreifend durch.
Foto: Wolfgang Günzel © Museum Angewandte Kunst
Wiederholung und Weiterentwicklung: Im MAK zieht sich das Thema raumgreifend durch.
Michael Riedels „Signet“ von 1994 ist Eigentum des Städelschen Museums-Vereins
Michael Riedels "Signet" von 1994 ist Eigentum des Städelschen Museums-Vereins.
Foto: Wolfgang Günzel © Michael Riedel und Städel Museum
Michael Riedels "Signet" von 1994 ist Eigentum des Städelschen Museums-Vereins.
Hoher Nutzfaktor: Für eine limitierte Edition von e15 hat Michael Riedel 12 Motive seiner „Art Material“-Reihe auf eine Tischplatte gebannt.
Hoher Nutzfaktor: Für eine limitierte Edition von e15 hat Michael Riedel zwölf Motive seiner "Art Material"-Reihe auf eine Tischplatte gebannt.
Foto: Philipp Mainzer © e15 
Hoher Nutzfaktor: Für eine limitierte Edition von e15 hat Michael Riedel zwölf Motive seiner "Art Material"-Reihe auf eine Tischplatte gebannt.
Der Künstler anlässlich der Kooperation-Präsentation mit e15 auf dem Global Tower in Frankfurt.
Der Künstler anlässlich der Kooperations-Präsentation mit e15 auf dem Global Tower in Frankfurt.
Foto: Philipp Mainzer © e15
Der Künstler anlässlich der Kooperations-Präsentation mit e15 auf dem Global Tower in Frankfurt.