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Bodenbeläge, in neuem Licht: Die Domotex bietet ein Füllhorn an Innovationen wie hier „Jimmy Noodle“-Outdoormatten von Real/Beaulieu International Group. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Mit Fug und Freiformfliese
von Martina Metzner
20.01.2015

Bodenbeläge können so viel mehr als wir hinlänglich und alltäglich zu sehen und auch zu spüren bekommen. Wer sich dieser Tage nach Hannover zur Domotex, der weltgrößten Messe für Bodenbeläge aller Art aufgemacht hat, der konnte sich davon en detail überzeugen. 1323 Aussteller aus 63 Ländern waren vertreten und bereits an den ersten Messetagen drängte sich eine große, internationale Besucherschar durch die Hallen.

Ein Highlight der Messe sind die Innovations@Domotex, die in Zusammenarbeit mit Stylepark umgesetzt wurden. Sie verschaffen der Messe einmal mehr Dynamik, indem auf drei Sonderflächen insgesamt 70 ausgewählte Neuheiten präsentiert und so dem Besucher einen Überblick über spannende Entwicklungen in der Branche geboten werden. Mit seinem Ausstellungsdesign für die Innovations@Domotex unterstreicht der Berliner Architekt André Schmidt die verschiedenen Welten der Bodenbeläge: Auf großen Displays, die wie Teppichschlingen anmuten, werden in Halle 6 die Neuheiten der textilen und elastischen Beläge gezeigt, schroffe Kanten und Spitzen setzen Parkette und Laminate in Halle 9 in Szene und in Halle 17 umspielen weiche Wellen und Fäden – als Reminiszenz an Webstühle – die modernen handgemachten Teppiche. Zugleich dient das gelungene Ausstellungsdesign auch als Forum für Talk-Runden, bei denen sich Experten über die Zukunft des Wohnens und Bauens austauschen. Höhepunkte der Messe sind der Vortrag des britischen Designers Ross Lovegrove und die Tour über die Messe mit dem italienischen Designer Roberto Palomba und dem deutschen Designstar Stefan Diez. Palomba und Lovegrove, die zum ersten Mal die Domotex besuchen, sind sichtlich beeindruckt – während Lovegrove sich in die Teppiche von Hossein Rezvani verliebt, kommt Roberto Palomba beim Anblick der Kilims von Jan Kath nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Den Teppich puzzlen

Gerade das Thema Teppichboden erscheint, durch einen Besuch auf der Domotex, in einem ganz neuen Licht. Klare Architektur und minimalistische Einrichtung könnten die Chance für textile Bodenbeläge sein – beeinflussen sie doch die Raumatmosphäre äußerst positiv, wie etwa in puncto Schallabsorption. Das ist besonders für das Arbeitsklima in Großraumbüros ein zentrales Thema. Doch der Teppichboden hat es nach wie vor schwer, die Umsätze in den vergangenen Jahren sinken. Wieso eigentlich? Alternativen zum anthrazitfarbenen oder stahlblauen Nadelvlies in Büroräumen gibt es zuhauf, etwa durch neue Webarten, aufregende Farbmelangen oder Teppichfliesen mit geometrischen Mustern, die nichts mehr mit dem pragmatischen Quadrat gemeinsam haben.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten sich hiermit bieten, sieht man etwa Fletco. Seit zwei Jahren arbeitet der dänische Anbieter mit dem britischen Produktdesigner Sebastian Wrong für eine umfangreiche Kollektion, bestehend aus fünf Fliesen-Typen, zusammen und ist damit sehr erfolgreich. Der Clou dabei ist, dass Fletco die Teppichfliesen mit einem Laser beschneidet anstatt diese auszustanzen – das ist zwar teurer, aber deutlich präziser und unschöne Franskanten werden vermieden. Ebenso innovativ ist das digitale Bedrucken von Teppichböden, das Fletco in der „Art Weave“-Kollektion anwendet, die zur Innovations@Domotex gekürt wurde.

Bei Vorwerk hat man die „Freiform-Fliese“ schon seit über sieben Jahren im Programm. Nach der Kooperation mit dem Architekten Hadi Teherani hat nun Werner Aisslinger eine „weiße Karte“ von Vorwerk erhalten und daraufhin losgepuzzelt. Daraus ist eine Kollektion entstanden, die vier neue Aisslinger-Freiformfliesen beinhaltet. Darüber hinaus hat der Berliner Designer mit „Elementary Shapes“ den Teppichläufer neu erfunden, indem er aus sechs geometrischen Formen und unterschiedlichen Farben Läufer in einem Meter Breite zusammensetzt. Eine gute Gelegenheit für Aisslinger, der uns erzählt, wie froh er sei, einmal keinen Stuhl zu entwerfen.

Grüne Wege

Auch „Scalino“ von Tisca Tiara könnte dem Teppichboden fürs Objektgeschäft neuen Auftrieb verleihen: Der Schweizer Anbieter hat es geschafft, verschiedene Webarten auf einer Fläche zu kombinieren. So können nun Muster individuell gestaltet werden – eine Einladung an jeden Architekten. Dass Tisca Tiara als Antwort auf zukünftige Rohstoff-Engpässe für die gebräuchlichen Polyester- und Polyamid-Garne einen Belag aus Mais-Garn vorstellt, macht Sinn. Passenderweise heißt die Kollektion auch „Mais“, ist ebenso so abriebfest und pflegeleicht wie seine Mitstreiter und darüber hinaus besonders weich.

Nachhaltigkeit ist in der Branche ein wichtiges Thema. Was aber nachhaltig ist, das interpretieren die Unternehmen sehr unterschiedlich. Die einen – wie Unilin aus Belgien mit Marken wie „Pergo“ und „Quick-Step“ – haben eine neue Produktionsanlage in Belgien eröffnet, sodass die langen Transportwege aus Fernost wegfallen. Die anderen – wie International Vinyl Company, ebenso aus Belgien – betreiben ihre Produktion mit Energie aus eigenen Windkraftanlagen. Und wieder andere verwenden für ihre Bodenbeläge recycelte Materialien. Etwa Edel Tapijt aus den Niederlanden, die mit „Majestic“ einen zu 100 Prozent aus Recyclingmaterialien gefertigten Teppichboden in Hannover vorstellten.

Der Vinyl-Designboden, eine in den vergangenen Jahren sehr beliebte und preiswerte Alternative zu Parkett und Laminat, ist in die Schlagzeilen geraten, weil er aus PVC besteht und damit Weichmacher enthält. Genau dort setzt der Bodenbelag „Neo by Classen“ von Classen Holzkontor an. Er besteht zu 100 Prozent aus einem neuartigen Bio-Komposit-Werkstoff, der wiederum 50 Prozent mit Polymer ummantelte Holzfaser beinhaltet und somit ohne PVC und Weichmacher auskommt.

Kork wiederentdecken

Eine weitere Alternative zu Parkett, Laminat und holzimitierenden Designböden ist Kork. Sie lesen richtig, Kork! Beim Familienunternehmen Granorte aus Portugal, das 1972 gegründet wurde, beschreitet man aufgrund des sinkenden Interesses an Korkböden neue Wege: Sie bedrucken nun die Böden digital, sodass diese – wenn’s gewünscht wird – wie Holz anmuten. Der Vorteil dieser Böden liegt in der Natürlichkeit des Materials, aber auch in der Schall- und Wärmedämmung, da Kork naturgemäß viele Luftpolster hat. Darüber hinaus bietet Granorte Wandverkleidungen und auch Accessoires aus Kork.

Die Nachfrage nach Holzoptiken bleibt tonangebend, das ist auf der Messe unübersehbar. Unübersehbar ist auch, dass ein natürlicher Look gefragt ist, mit großen Astlöchern und Maserungen, helles Kiefernholz und große Formate, die nach Dielen ausschauen. Man reibt sich allerdings schon ein wenig die Augen, was sich alles als Holz ausgibt, jedoch keines ist. Der Preisvorteil und die schnelle Verlegbarkeit durch Klickverfahren und schwimmenden Methoden ist ein Vorteil dieser Produkte. Nun werden die neuen Laminate auch noch wasserfest. Wie, das zeigt Unilin mit „Quick-Step“ durch eine neue Fuge, die mitlaminiert wird und verspricht, den Boden auch an dieser Stelle wasserdicht zu verschließen. Damit steht dem Einsatz von holzimitierenden Böden in Küche und Bad nichts mehr im Weg!

Mondspaziergang mit Jan Kath

Während sich in den Hallen 4 bis 9 alles um Meterware dreht, gekennzeichnet von harten Parametern wie Rentabilität, Stabilität und einem Schuss Design, tut sich in den Hallen 14 bis 17 eine ganz andere Welt des Bodenbelags auf: Hier ist der Boden als Träger des guten Geschmacks zu Hause, wo neben den traditionellen handgeknüpften und -gewebten Teppichen aus dem Orient und Fernost auch die modernen Varianten zur Schau gestellt werden.

Das „Who is Who“ der Branche ist vertreten, Jan Kath, Rug Star by Jürgen Dahlmanns, Mischioff, Zollanavari, Makalu und Hossein Rezvani, um nur wenige zu nennen. Aber auch kleinere, aufstrebende Labels wie Floor to Heaven und Reuber Henning sind mit von der Partie. Allesamt vereint sie, dass sie Teppiche zeitgenössisch interpretieren und gekonnt in Szene setzen. Jan Kath präsentiert in diesem Jahr die Teppichserie „Billboard“, inspiriert von den Werbeplakattafeln an den Autobahnen in Bangkok und den Teppich „Moon“ – aus der Kollektion „Spacecrafted“ – der ein Abbild der Mondoberfläche zeigt. Während man sich einst vorstellte, bei traditionellen Perserteppichen über das Paradies zu schreiten, wandelt man nun bei Jan Kath auf dem Mond. Bei Jürgen Dahlmanns, dem „Enfant Terrible“ der Branche, ist Fotorealismus angesagt: Er lässt den Albrecht Dürer-Stich „Melencolia I“ nachknüpfen.

Comeback des Kilims

Besonders beeindruckend sind die reliefartigen Strukturen, die die Designer den textilen Kunstwerken verpassen. Zu sehen und zu spüren ist das etwa bei der österreichischen Teppichkreateurin Beate von Harten, die bei ihrem Teppich lange Seiden-Garne stehen lässt oder bei Amadi Carpets aus Los Angeles, die ihre Teppiche in Afghanistan produzieren und ganze Flächen ungeknüpft und nur gewebt belassen. Daneben sind es die Kilims, die flachgewebten Teppiche der Nomaden, mit ihren geometrischen Mustern, die ein Comeback erleben – etwa jene der persisch-stämmigen Designerin Lila Valadan, die für ihre Kreationen unter dem Label Naziri gleich zweimal bei den „Carpet Design Awards“, dem bedeutendsten Preis für handgefertigte Teppiche, ausgezeichnet wird.

In der Welt der Teppichkünstler treffen Tradition und moderner Geist aufeinander. Diese Welt begeistert durch ihren Sinn für Schönheit, ihre Verbundenheit zu Kultur und Handwerk und ihre Vielfältigkeit. Natürlich sind diese kunstvollen Bodendecker nur schwer mit den Bodenbelägen zu vergleichen, die auf Masse produziert werden. Doch eines kann man von ihnen lernen: Mit Aufmerksamkeit hinschauen, betreten, fühlen und vor allem neugierig bleiben, was Optik, Inhalt und Herkunft des Bodenbelags angeht.

Fasziniert von den modernen handgefertigten Teppichen: „Special Guests“ Ross Lovegrove und Roberto Palomba. Foto © Adam Drobiec
Fletco präsentiert mit der„Art Weave“-Kollektion digital bedruckte, lasergeschnittene Teppichböden. Foto © Adam Drobiec
Stefan Diez ist Jury-Vorsitzender der Innovations@Domotex und nun zum dritten Mal in Hannover. Foto © Adam Drobiec
Werner Aisslinger hat für Vorwerk „Elementary Shapes“ gepuzzelt. Foto © David von Becker
Verschiedene Web- und Finishing-Arten auf einem Stück: „Scalino” von Tisca Tiara.
Foto © Martina Metzner, Stylepark
Alternative zu Parkett, Laminat und Designboden: „Neo by Classen“ von Classen Holzkontor aus einem neuartigen Bio-Komposit-Werkstoff. Foto © Adam Drobiec
Eine weitere Alternative sind Korkböden wie hier „Vita“ von Granorte, die – digital bedruckt – nach Holz ausschauen. Foto © Adam Drobiec
Helles Holz, große Astlöcher, kräftige Maserungen – das scheint im Trend zu sein.
Foto © Adam Drobiec
Für den Einsatz in Küche und Bad: Die neue, laminierte Fuge bei „Quick-Step“ von Unilin (rechts im Bild) ist wasserdicht. Foto © Adam Drobiec
Rund ums Parkett und Laminat: die Innovations@Domotex Area in Halle 9. Foto © Adam Drobiec
Designerin Lila Valadan von Naziri mit ihrem flachgewebten Kilim, der mit dem „Carpet Design Award“ in der Kategorie „Best Modern Design Superior“ ausgezeichnet wurde. Foto © Metzner, Stylepark
Fotorealismus: Rug Star Jürgen Dahlmanns lässt den Albrecht Dürer-Stich „Melencolia I“ aus dem Jahr 1514 nachknüpfen. Foto © Adam Drobiec
Jan Kath präsentiert „Billboard“, inspiriert von den Werbeplakattafeln an den Autobahnen in Bangkok. Foto © Adam Drobiec
Das Team von Reuber Henning: Birgit Krah, Franziska und Thorsten Reuber.
Foto © Adam Drobiec

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