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"The Unfolded Village" von Neri&Hu reproduzierte mit offener Typologie die Unschärfe zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum, zwischen außen und innen.

Kraft im Kontrast

Mit "The Unfolded Village" thematisierten Neri&Hu als Ehrengäste der Stockholm Furniture and Light Fair das traditionelle Dorf. Warum Lyndon Neri und Rossana Hu dessen sinkende Bedeutung bedenklich finden, haben sie Anna Moldenhauer erzählt.
21.02.2019

Anna Moldenhauer: Warum ist das traditionelle Dorf eurer Meinung nach wichtig für unsere moderne Gesellschaft?

Rossana Hu: Wir beschäftigen uns seit einigen Jahren mit dem Begriff der Nostalgie und was die Historie für uns als zeitgenössische Designer bedeutet. Der Mensch und vor allem Regierungen neigen dazu, den Altbestand der Gebäude rigoros einzuordnen: Das eine ist wertvoll und erhaltenswert, das andere wird einfach abgerissen. Wer vorankommen will, muss aber auch auf die Vergangenheit als Ganzes schauen, es braucht eine Kultur des Erinnerns. Wenn wir unsere Vergangenheit, unser Erbe verlieren, dann gibt es keine Kontinuität, keine Erinnerung, die definiert wer wir sind. Wir verlieren dann nicht nur die Gebäude der Vergangenheit, wir verlieren unsere Kultur und damit uns selbst. Es geht nicht um eine Disneyfizierung, nicht darum etwas genauso wiederherzustellen, wie es einmal war. Es geht eher darum, die Nostalgie positiv zu nutzen, um im Bau der Zukunft etwas Altem neues Leben einzuhauchen. Alles andere führt zu Identitätsverlust. Und das betrifft nicht nur China, sondern jedes Land, das sich sehr schnell modernisiert.

Lyndon Neri: Wir sind nicht nostalgisch um der Nostalgie willen. Das Wichtigste ist, die Stärke dieser Dörfer zu verstehen. Die offene Typologie, die Unschärfe zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum, zwischen außen und innen. Sie verbindet die Nachbarschaft miteinander. Es ist der Gegensatz zum Leben in nicht selbst gewählter Isolation. Diese Wechselwirkung ist wichtig für eine Gemeinschaft, um lebendig zu sein und zu wachsen. Der Fortschritt ist sehr wichtig, aber für neue Strukturen ist es sinnvoll, auf das ländliche Gefüge zu schauen um dessen positive Eigenschaften auf das städtische zu übertragen. Im Prozess der Mechanisierung sollte der menschliche Aspekt nicht verloren gehen. Der Mensch der modernen Gesellschaft will sich zu Hause wohlfühlen und nicht in einer Betonbox leben.

Wenn ich an ein Dorf denke, dann denke ich an Kommunikation, gewollte und ungewollte, an kurze Wege, an Gemeinschaft. In der Stadt kenne ich meine Nachbarn kaum, selbst wenn man seit Jahren nebeneinander lebt. Kommunikation findet selten statt. Seht ihr es auch als eine Aufgabe der modernen Architektur, die zwischenmenschliche Kommunikation wieder zu fördern?

Rossana Hu: Ja, ein Raum kann das Verhalten bestimmen, kulturelle Muster erzeugen, negative wie positive. Das Gefühl der Zugehörigkeit ist in einer Gemeinschaft wichtig. Wenn man Räume schafft, in denen sich Menschen zugehörig fühlen, dann erschafft man für sie einen Sinn.

Lyndon Neri: Eine Isolation, die ungewollt stattfindet, verändert den Charakter des Menschen negativ. Heutzutage zählt bei vielen Bauherren leider nur der Gewinn, sie errichten Hochhäuser ohne Leben. Vertikale Grabsteine. Die Menschen, die diese Apartments kaufen, wohnen kaum darin. Es ist ein Investment, kein Lebensraum. Dieser Zustand ist sehr prekär. Unser Verhalten hat sich bereits dahingehend verändert, dass wir lieber in einer Blase leben und in der virtuellen Welt, über die sozialen Medien, mit fiktiven Charakteren in Kontakt treten, statt die Kommunikation in der realen Welt zu suchen.

Im Grunde ist es eine Krux: Je mehr Menschen aufeinandertreffen, umso weniger Kommunikation gibt es.

Lyndon Neri: Ja, aber genau das ist es, was heute in unserer Gesellschaft passiert, wir leben wirklich buchstäblich in, wie Rossana es nennen würde, seelenlosen Geistertürmen.

Was kann Architektur dieser Entwicklung entgegensetzen?

Lyndon Neri: Ich denke es ist wichtig, das Ganze zu sehen und es als solches zu verstehen. Räumliche Konsequenzen abzuwägen und nicht einfach ein kleines Restaurant neben einen Hochhausbau zu stellen und damit ist es erledigt. Der Blick auf die Lebensqualität der Bewohner sollte Teil des Konzepts sein, ebenso wie die Förderung von Interaktion zwischen Menschen über die Architektur. Das ist nicht immer leicht, aber wir versuchen es.

Als Ehrengäste der diesjährigen Stockholm Furniture and Light Fair zeigten Neri & Hu das Dorf als Abstraktion.

In eurer Arbeit spielen Details eine große Rolle. Welche waren euch bei dem Entwurf von "The Unfolded Village" wichtig?

Lyndon Neri: Details und Perfektion sind wichtig, aber die Kernaussage eines Projekts ist ebenso bedeutend. Jede Schicht ist elementar für uns, von der Basis bis zur Fertigstellung. Ebenso wie das konzeptionelle Ideal. So war es auch bei "The Unfolded Village". Wenn man sich nur auf einen Part eines Projekts konzentriert, funktioniert es nicht.

Mich hat die schwarze Färbung des Holzes bei der Installation etwas überrascht. Das Schwarz verbreitet eine Form der Ruhe, man verlangsamt automatisch seine Schrittgeschwindigkeit, wenn man die Installation betritt. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Lyndon Neri: Helles Holz wäre zu offensichtlich gewesen. Wir wollten eine Abstraktion, die Außenseite und das Innere verbinden. Man erkennt immer noch die Textur des Holzes, aber durch das Beizen entfaltet sich die Typologie des Dorfes besser.

Innerhalb der Installation konnten die Besucher verschiedene Wohnszenarien entdecken.
Die verwinkelte Typologie der Installation bot Nischen für einen kurzen Rückzug.

Wir sind gerade im Epizentrum des skandinavischen Chic, der in Deutschland sehr beliebt ist. Wie bewertet ihr das skandinavische Design mit dem Blick von Shanghai aus?

Lyndon Neri: Ich denke die skandinavische Bewegung ist sehr wichtig. China hat bisher gutes oder luxuriöses Design in erster Linie mit Italien und Frankreich verbunden. Skandinavien bietet nun einen anderen Ansatz: Einfache, natürliche Materialien, klare Linien, helle Farben. Zeitloses Design. Das wirkte zu Beginn auf viele Chinesen sicher wie eine teurere Version von IKEA, aber mit der Zeit hat sich das gewandelt. Sicher auch, weil unsere eigene Ästhetik der skandinavischen recht nah ist. Das skandinavische Design ist wichtig als Gegengewicht zu den lauten und auffälligen Entwürfen.

Ihr habt das Studio Neri&Hu 2004 gegründet, ihr arbeitet interdisziplinär. Wie kann man sich die Aufgabenteilung vorstellen?

Lyndon Neri: Rossana ist sehr aufmerksam. Sie handelt überlegt, ist kritisch und diszipliniert. Sie stellt sicher, dass ein Konzept durchdacht ist, das der Designprozess gründlich erfolgt. Ich hingegen bin mit meinen Gedanken eher überall, ändere das Design alle zwei Tage, manchmal alle zwei Stunden und habe immer mehrere Pläne gleichzeitig im Kopf.

Rossana Hu: Es gibt keine direkte Aufgabenteilung bei uns, alles geschieht sehr fließend. Wir arbeiten eng zusammen und ergänzen uns gut. Das System funktioniert, weil wir unterschiedlich sind.

Welches Projekt würde euch noch reizen?

Rossana Hu: Eine Schule haben wir noch nicht entworfen.

Lyndon Neri: Oder ein Waisenhaus.

Rossana Hu: Es wäre spannend hierfür eine neue Form, eine neue Typologie zu finden.

Rossana Hu und Lyndon Neri