Gemeinsam anders
Anna Moldenhauer: Die Aufgabengebiete Ihres Teams sind interdisziplinär. Wie kombinieren Sie das Fachwissen und was ist das Ziel?
Savannah Willits: PLP Lab, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von PLP Architecture, ist eine logische Erweiterung der Arbeit von ArchitektInnen – wir erforschen eine Vielzahl von Themen, von Menschen über Umwelt bis hin zu Technologie. Auf diese Weise wurden die Projekte ausgearbeitet, und die Ergebnisse können zu einem späteren Zeitpunkt nützlich sein oder als Grundlage für die Weiterführung unserer Arbeit dienen.
Gemeinsam mit Centric Lab haben Sie für ein Forschungsprojekt des British Council for Offices eine Studie mit dem Titel "Designing for Neurodiversity" veröffentlicht, in der die Auswirkungen physischer Räume auf ihre NutzerInnen untersucht werden.
Savannah Willits: Genau, wir haben geeignete Umgebungen geschaffen und mit anderen Organisationen wie Central Lab zusammengearbeitet, die neurodivers sind, sowie AktivistInnen und NeurowissenschafterInnen. Wir konnten auch mit Luke Ward zusammenarbeiten, der für das internationale Architektur-, Design- und Planungsbüro Gensler tätig ist. Ein Ergebnis ist die Entwicklung der Veiligheids Checklist Aannemers (VCA). Dabei handelt es sich um eine Art Rahmenwerk, mit dem Unternehmen überprüfen können, ob ihre Räumlichkeiten den Mitarbeitern einen geeigneten Arbeitsplatz bieten.
Neurodiversität ist ein Oberbegriff für ein breites Spektrum, das Legasthenie, Dyskalkulie, Hochbegabung, ADHS und Autismus umfasst. Was hat Ihr Interesse an dieser Gruppe von Menschen geweckt?
Savannah Willits: Als wir mit unserer Forschung begannen, war Neurodiversität noch kein so großes Thema, obwohl jeder fünfte bis siebte Mensch neurodivers ist. Das ist eine riesige Bevölkerungsgruppe, deren Bedürfnisse nach einem idealen Arbeitsplatz weitgehend ignoriert wurden. Infolgedessen ist beispielsweise die Beschäftigungsquote unter autistischen Menschen sehr niedrig. Im Vereinigten Königreich gingen 2021 nur etwa 22 Prozent der autistischen Menschen einer bezahlten Arbeit nach. Architektur und Innenarchitektur spielen eine wichtige Rolle dabei, dass alle Menschen effektiv arbeiten können. Wir stellen uns daher die Frage, ob Räume die Gestaltung von Arbeitsplätzen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen gerecht werden, behindern oder fördern. Gleichzeitig ist es wichtig, das System zu betrachten: Wie können Büroprozesse und Personalwesen optimiert werden?
Neurodiverse Menschen verfügen häufig über eine ausgeprägtere Wahrnehmung für Details, können Muster in Strukturen schnell analysieren, besitzen ein sehr gutes Gedächtnis, sind Multitasker und lösen Probleme auf kreativere Weise. Albert Einstein, Steve Jobs, Marie Curie und Frida Kahlo waren beispielsweise neurodivers. Gleichzeitig können Reize wie helles Licht, laute Geräusche oder intensive Farben für sie kontraproduktiv sein. Wie sieht die ideale Arbeitsplatzgestaltung aus?
Savannah Willits: Wenn es um Neurodiversität geht, ist es von entscheidender Bedeutung, vielfältige Räume zu schaffen. Manche Menschen sind hypersensibel und fühlen sich schnell überreizt. Andere sind hyposensibel und wünschen sich mehr Stimulation. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, ist es unerlässlich, Arbeitsumgebungen zu schaffen, die dies widerspiegeln und den Menschen Wahlmöglichkeiten bieten: lebhafte Bereiche, ruhige Orte für individuelle Aufgaben und Ruheräume. Dies sollte die Grundlage jeder Bürogestaltung sein.
Neurodivergente Menschen haben also nicht alle die gleichen Bedürfnisse an einen Arbeitsplatz – genau wie neurotypische Menschen. Sprich von Ihrer Forschung können alle profitieren?
Savannah Willits: Ja, und ich denke, das ist der springende Punkt: Wenn man Menschen eine Vielzahl von Optionen und Wahlmöglichkeiten bietet und sie selbst entscheiden lässt, was für sie am besten funktioniert, profitieren alle davon, unabhängig davon, ob sie neurotypisch oder neurodivers sind. Es geht nicht darum, einer bestimmten Gruppe von Menschen einen Vorteil zu verschaffen. Die Forschung zum neurodivergenten Design ist für alle von Nutzen.
Können Sie ein Projektbeispiel aus Ihrem Portfolio nennen?
Savannah Willits: Das PLP Design-Gebäude in Amsterdam ist beispielsweise mit Sensoren ausgestattet, die mit einer App verbunden sind. Für jeden Raum können individuelle Einstellungen, wie beispielsweise die Temperatur, ausgewählt werden. Es ist wirklich bemerkenswert, dass wir nun über die Technologie und die Designfähigkeiten verfügen, um dies zu verwirklichen.
Laut einem Bericht der "Psychology Today" ist neurologische Unterschiede normale Variationen der Gehirnentwicklung und nicht als Störungen nach einem medizinischen Modell zu betrachten. Modularität und Flexibilität sind einigen Jahren zunehmend in der Gestaltung von Räumen und Möbeln gefragt. Sehen Sie generell eine positive Entwicklung für inklusive Arbeitsräume?
Savannah Willits: Ja, denn bei der Gestaltung von Arbeitsräumen sollte stets berücksichtigt werden, dass die Menschen im Büro unterschiedliche Aufgaben erfüllen und nicht alle zur gleichen Zeit arbeiten. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig Flexibilität und Kommunikation für die Zusammenarbeit sind, daher ist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit in diesem Bereich definitiv positiv. Jede Person sollte Gleichberechtigung am Arbeitsplatz erfahren können. Die Möglichkeit, an einem Ort zu arbeiten, an dem man sich wohlfühlt, sollte selbstverständlich sein. Bei der Gestaltung von Arbeitsräumen ist es daher wichtig, die Menschen einzubeziehen und einzelne Gruppen nicht zu diskriminieren. Wir streben eine gerechte Bürogestaltung an. Jeder Mensch ist anders, und Gehirne unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht erheblich.
Aktuell wird zudem die Heterogenität des Gehirns in den sozialen Medien zunehmend thematisiert. Finden Sie das hilfreich für die weitere Forschung?
Savannah Willits: Ich denke, das hängt vom Einzelfall ab. Studien deuten jedoch darauf hin, dass wir Neurodiversität unterdiagnostizieren, was bedeutet, dass der Anteil der Bevölkerung größer ist als bisher angenommen. Es gibt auch Menschen, die neurodiverse Merkmale aufweisen, aber nicht neurodivergent sind. Wir sollten uns daher generell zum Ziel setzen, Orte zu schaffen, an denen sich alle Menschen entfalten können.
„Es geht nicht darum, einer bestimmten Gruppe von Menschen einen Vorteil zu verschaffen. Die Forschung zum neurodivergenten Design ist für alle von Nutzen.“
Welche Bereiche würden Sie aufgrund Ihrer Forschung empfehlen genauer zu untersuchen?
Savannah Willits: Ich interessiere mich sehr für Fallstudien. In diesem Jahr ist eine interessante Publikation erschienen: "Designing Neuroinclusive Workplaces" von Kay Sargent, Innenarchitektin und Director of Thought Leadership, Interiors bei HOK, einem globalen Unternehmen für Design, Architektur, Ingenieurwesen und Planung. In ähnlicher Weise hat das British Institute for Standards (BSI) Leitlinien für die Gestaltung der gebauten Umwelt für eine neurodiverse Gesellschaft veröffentlicht, um Orte für alle inklusiver zu gestalten: "Design for the Mind. Neurodiversity & the Built Environment – PAS 6463". Diese Leitlinien und Empfehlungen sind sehr hilfreich. Als Nächstes würde ich gerne Fallstudien sehen, die zeigen, wie Architekturbüros und Bauträger die Erkenntnisse der letzten Jahre in ihren Gebäuden umgesetzt haben.
Projekte, die Autismus thematisieren, gibt es bereits einige. Andere Bereiche des Spektrums werden dabei ausgeblendet. Sehen Sie das auch so?
Savannah Willits: Autismus ist in der Tat ein häufig verwendetes Fallbeispiel. Es wäre wichtig, allgemeiner darüber nachzudenken, wie beispielsweise Schilder für Menschen gestaltet werden können, die geschriebene Wörter nicht sofort verstehen. Die Forschung sollte so vielfältig sein wie das Designergebnis. Es ist wichtig, dass wir nicht nur einen Bereich hervorheben oder mit unseren Diskussionen an der Oberfläche bleiben.
Was sind Ihre nächsten Schritte?
Savannah Willits: Wir arbeiten weiterhin mit unseren Projektteams und Kunden zusammen, um das Bewusstsein für die Bedeutung eines unterstützenden Umfelds zu schärfen. Jeder Mensch hat das Recht auf einen gesunden und sicheren Arbeitsplatz, und wir müssen das Bewusstsein dafür schärfen.