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Pauline Deltour

Entwurf als Haltung

Die Retrospektive "Pauline Deltour, an apparent simplicity" im MADD Bordeaux zeichnet das Werk der Designerin als konsequente Auseinandersetzung mit Material, Produktion und Form nach – getragen von einem kuratorischen Kreis, der ihr persönlich verbunden war.

Das Musée des Arts décoratifs et du Design de Bordeaux zeigt aktuell eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer Designerin, deren Werk durch Klarheit, Konsequenz und ein ausgeprägtes Verständnis für industrielle Bedingungen geprägt ist. In etwas mehr als einem Jahrzehnt realisierte Pauline Deltour rund 180 Entwürfe, die unterschiedliche Maßstäbe, Typologien und Nutzungszusammenhänge umfassen und dennoch eine kohärente gestalterische Haltung erkennen lassen. Ein frühes Schlüsselprojekt sind die Drahtkörbe für Alessi: Sie wirken leicht und selbstverständlich, ihre Form ergibt sich aus einer genauen Auseinandersetzung mit Material und Konstruktion. Diese Arbeitsweise setzt sich in späteren Projekten fort. Deltour entwarf bewegliche Hocker für COR, entwickelte den Ring "Étreintes" mit ineinander greifenden Linien und arbeitete an einem Elektrofahrrad für La Poste. Die Bandbreite zeigt keine stilistischen Brüche, sondern eine kontinuierliche Beschäftigung mit Struktur, Funktion und Herstellung. 

Die Ausstellung legt den Fokus auf den Entwurfsprozess: Zeichnungen, Modelle und fotografische Dokumentationen aus dem Archiv des Pauline Deltour Design Office machen diesen nachvollziehbar. Sie zeigen eine Arbeitsweise, die analytisch geprägt ist und sich eng an den Bedingungen der Produktion orientiert. Der Einfluss der Zeit im Studio von Konstantin Grcic ist deutlich erkennbar. Parallel wird nachvollziehbar, wie Deltour diese Erfahrung in eine eigene Praxis überführt, die technische Einschränkungen als Ausgangspunkt nutzt.

Blick in die Ausstellung: “Objets”

Deltours Interesse galt den Bedingungen der Herstellung. Sie untersuchte Materialien, Werkzeuge und Prozesse mit großer Aufmerksamkeit. So entstand eine Balance zwischen Funktion und Leichtigkeit, die vielen ihrer Arbeiten eigen ist. Diese Haltung ist auch in ihren internationalen Kooperationen erkennbar, etwa mit Produzenten in Japan, Italien, Kolumbien und den USA, in denen sie die Auseinandersetzung aus Herstellung und Gebrauch erweiterte. Die Schau setzt zudem auf die physische Erfahrung der Gestaltung: Viele Objekte können unmittelbar wahrgenommen werden. Proportion, Gewicht und Beweglichkeit werden im direkten Kontakt verständlich, ihre räumliche und funktionale Wirkung lesbar. 

Eine besondere Qualität der Ausstellung liegt zudem in ihrer kuratorischen Struktur: Das Team aus Bérengère Bussioz, Konstantin Grcic, Caroline Perret und Étienne Tornier verband eine persönliche Beziehung zur Designerin. Diese Nähe prägt die Ausstellung spürbar. Sie verzichtet auf eine stark interpretierende Rahmung und setzt stattdessen auf eine ruhige und direkte Präsentation der Arbeiten. Für die BetrachterInnen entsteht so eine Form der Annäherung, die aus der Praxis heraus argumentiert und die Logik der Entwürfe in den Mittelpunkt stellt. Die Szenografie von Caroline Perret und Konstantin Grcic folgt diesem Ansatz. Der Raum bleibt klar gegliedert, die Objekte sind zugänglich und nachvollziehbar angeordnet. Es gibt keine überinszenierten Effekte. Diese Entscheidung lenkt die Aufmerksamkeit auf Konstruktionsweisen, Materialität und Maßstäblichkeit. Die Beteiligung von Claire Pondard aus dem Design Office verstärkt diesen unmittelbaren Bezug zur Arbeitsrealität der Designerin. 

"Pauline Deltour, une apparente simplicité" steht im Zeichen eines frühen Einschnitts: Pauline Deltour verstarb am 10. September 2021 überraschend, was in der internationalen Designszene große Bestürzung auslöste. Vor diesem Hintergrund ist die Retrospektive auch eine eindringliche Auseinandersetzung mit einem Werk, das in kurzer Zeit eine bemerkenswerte Wirkung entfaltet hat.

Pauline Deltour, une apparente simplicité
Bis 21.09.2026 
MADD – Musée des Arts décoratifs et du Design de Bordeaux
39 rue Bouffard 
33000 Bordeaux

Begleitet wird die Retrospektive von einer monografischen Publikation.