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Philippe Nigro

"Relevanz entsteht nicht zufällig"

Produktdesign, Szenografie und Architektur versteht Philippe Nigro als zusammenhängendes System. Im Interview spricht er über die langfristige Kooperation mit Ligne Roset, den Reiz des Maßstabwechsels und warum Sinn wie Zurückhaltung für ihn zentrale Werte des Designs sind.

Robert Volhard: Sie pendeln zwischen mehreren Städten. Wo ist Ihr Lebensmittelpunkt?

Philippe Nigro: Ich habe eine kleine Wohnung in Mailand, bin aber in Nizza geboren und verbringe dort ebenso viel Zeit. Diese Mischung gibt mir Freiheit. Von Nizza aus kommt man zudem überall gut hin, das ist ein großes Privileg.

Sie arbeiten seit 2009 mit Ligne Roset zusammen – ihr erstes gemeinsames Möbel war das Modell "Confluences", ihre Abschlussarbeit vom VIA University College. Was schätzen Sie an dieser Zusammenarbeit?

Philippe Nigro: Zum einen ist die Marke selbst sehr spannend. Ligne Roset verfolgt kompromisslos den Anspruch, innovativ zu sein – nicht nur im Sofasegment, sondern ebenso bei Accessoires und kleineren Möbeln. Diese Offenheit ist für DesignerInnen äußerst motivierend. Zum anderen ist Ligne Roset ein Familienunternehmen, was heute selten geworden ist. Wenn die Familie aktiv involviert bleibt, entsteht eine andere, sehr menschliche Dimension der Zusammenarbeit. Ich arbeite regelmäßig mit Michel Roset, der über eine enorme Designkultur verfügt, sehr humorvoll ist und gleichzeitig große Offenheit mitbringt. Nicht zuletzt sitzt das Unternehmen nicht in Paris, sondern in einer kleinen Stadt nahe Lyon. Das prägt die Haltung: eine gewisse Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. Diese Kombination macht die Zusammenarbeit besonders.

Sie haben für Ligne Roset ein breites Produktspektrum entworfen – von Sofas und Sesseln bis hin zu Spiegeln und Leuchten. Wie bewahren Sie dabei gestalterische Kohärenz?

Philippe Nigro: Ausgangspunkt waren immer Sofas und Sessel – der Kern der Marke. Dort lässt sich die DNA von Ligne Roset am klarsten formulieren. Mit der Zeit kamen weitere Kategorien hinzu, etwa Leuchten oder kleinere Möbel. Parallel hat sich im Unternehmen das Bewusstsein geschärft, dass ein Zuhause aus dem Zusammenspiel vieler Elemente entsteht. Accessoires, kleine Möbel oder Licht prägen die Atmosphäre wesentlich. Ziel ist es, all diese Objekte kohärent zu gestalten und im Geist der Marke zusammenzuführen.

Leuchte ICI OU LA

Sie arbeiten seit vielen Jahren selbstständig. Wie blicken Sie auf den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Design?

Philippe Nigro: Das ist eine große und zugleich offene Frage. Ich arbeite meist allein, ohne großes Team, sehr direkt und intuitiv. Mit KI habe ich mich bisher nur wenig beschäftigt. Ich weiß, dass ich mich künftig intensiver damit auseinandersetzen muss. Im Moment stehe ich dieser Entwicklung jedoch noch eher distanziert gegenüber.

Sie sprechen oft von Relevanz im Design. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?

Philippe Nigro: Relevanz bedeutet Sinn. Ein Objekt sollte gut gemacht sein, ohne Verschwendung, mit Respekt vor Ressourcen. Diese Haltung ist heute unabdingbar. Gleichzeitig geht es darum, eine emotionale Beziehung zwischen Objekt und Nutzer zu schaffen. Auch wenn viele Marken im gehobenen Preissegment angesiedelt sind, versuche ich, meine Entwürfe möglichst zugänglich zu gestalten. Design sollte nicht ausschließen, sondern verbinden.

Neben Produktdesign arbeiten Sie auch als Szenograf. Wie beeinflussen sich diese Disziplinen gegenseitig?

Philippe Nigro: Szenografie ist spannend, weil sie temporär ist und eine andere Beziehung zu Raum und Mensch herstellt. Der Maßstab verändert sich, ebenso die Wahrnehmung. Man arbeitet viel virtuell, mit 3D, doch das Resultat zeigt sich erst im realen Raum. Diese Ungewissheit macht den Reiz aus. Für mich ist der Maßstabswechsel zentral, wie mit Blick auf mein aktuelles Showroom-Projekt in Berlin, bei dem Design, Kunst und Architektur bewusst ineinandergreifen.

Robert Volhard und Philippe Nigro (v.l.n.r.)

Wie nehmen Sie die Stimmung in der Branche aktuell wahr, auch mit Blick zurück auf den Salone del Mobile in diesem Jahr?

Philippe Nigro: Dieses Jahr ist ungewöhnlich. Es gibt weniger echte Neuentwicklungen, vielmehr Weiterentwicklungen bestehender Arbeiten. Viele Hersteller agieren vorsichtig – die wirtschaftliche Lage lässt wenig Raum für Experimente. Umso wichtiger ist es, offen für neue Ideen zu bleiben.

Gibt es ein Traumprojekt, das Sie gerne realisieren würden?

Philippe Nigro: Ich denke weniger in festen Kategorien. Mich interessiert vor allem der Maßstabswechsel: sei es ein industrielles Produkt, eine Maschine oder ein architektonisches Projekt. Architektur fasziniert mich sehr, auch wenn ich kein Architekt bin. Gebäude können starke körperliche und emotionale Erfahrungen auslösen – wie mit Blick auf die Bauten von Herzog & de Meuron oder Renzo Piano. Diese Wirkung von Raum würde ich eines Tages gerne aktiv mitgestalten.

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