JUNGE TALENTE
Luxus neu definiert
Es ist Winter und grau vor der Tür des Atelier Ferraro. Noch bevor das Interview beginnt, stellt sich die Frage: Warum München und nicht Capri, wo der Architekt, Innenarchitekt und Produktdesigner geboren und aufgewachsen ist? Die Antwort darauf findet sich im Laufe des Gesprächs von selbst. Zusammen mit jeder Menge zirkulärer Gedanken, sinnlichen Entwürfen und leuchtenden Farben.
Dabei spielt das Klima jenseits der Normaltemperatur tatsächlich eine zentrale Rolle in Emanuele Ferraros Arbeit. Mit seinem Stuhl "MAX 1,5°", der aus recyceltem Mobiliar besteht, thematisiert er unmissverständlich die globale Erwärmung und entwirft ein chamäleonartiges Möbel, das sich flexibel unterschiedlichen Lebensphasen anpasst – vom Lounge-Sessel über einen Stuhl oder Kinderstuhl bis zum Couchtisch. Ein zukunftsweisender Entwurf, mit dem Emanuele Ferraro zu den 100 wichtigsten DesignerInnen Italiens berufen wurde. Eine Anerkennung für sein Engagement, sich den Herausforderungen der modernen Welt kreativ zu stellen.
Dabei war das Architekturstudium in Pescara und Patras kein langgehegter Plan, sondern eher ein Zufall. "Ein guter Freund schwärmte davon und ich wurde neugierig, ohne wirklich zu wissen, was mich erwartet", erzählt er lachend. Schon in der Vorbereitung entdeckte der damals 18-Jährige die Lehre des Bauhaus für sich, allem voran die Verbindung von Handwerk und Design. Eine Kombination, die seine Gestaltung bis heute prägt. "Anfangs arbeitete ich klassisch als Architekt, inzwischen auch als Produktdesigner und Innenarchitekt. Gebäude sind groß, komplex und benötigen viele Entscheidungen und Beteiligte. Möbeldesign dagegen ist schlanker, schneller und bietet einen höheren kreativen Spielraum." Seit der Gründung von Atelier Ferraro bewegt er sich mühelos zwischen den Disziplinen, entwirft Einfamilienhäuser für bekannte Fußballer, gestaltet repräsentative Münchner Büros und entwickelt Möbel und Objekte in Zusammenarbeit mit großen wie kleinen Marken. Was all seine Projekte verbindet, ist die Synthese aus traditionellem Handwerk, zeitgenössischer Formensprache, Nachhaltigkeit und Funktionalität.
Dass Emanuele Ferraro – abgesehen von regelmäßigen Besuchen bei seiner Familie auf Capri – gerne reist, in Gedanken sogar bis zum Mond, erzählen auch zwei seiner jüngsten Entwürfe. "From the moon" ist eine mundgeblasene Glasleuchte in Zusammenarbeit mit dem renommierten französischen Möbelhersteller Ligne Roset. "Ich wollte schon lange ein Produkt entwerfen, das vollständig aus Glas besteht. Für die Herstellung habe ich mit einer speziellen Glashütte in Bayern zusammengearbeitet und viel gelernt. Der Besuch einer Werkstatt ist immer wieder faszinierend. Der Geruch, das Handwerk, die Atmosphäre – man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt." "From the moon", die sowohl als Tischleuchte wie Bodenleuchte funktioniert, ist ein leuchtendes Beispiel für die Essenz der handwerklichen Perfektion. "Sie verleiht einem Objekt eine besondere Wertigkeit, eine eigene Welt, die man spürt", so der Erfinder.
Auch der Tisch "India", gefertigt aus recycelbarem Aluminium und für Ripa Design entworfen, spiegelt dieses Gefühl wider. Zusammen mit einem langlebigen Ansatz, der an "MAX 1,5°" anknüpft. "Als Paar genügt meist ein kleiner Tisch, mit Kindern braucht man dann plötzlich einen größeren. 'India' ist so konzipiert, dass die Beine für die gesamte Kollektion bestehen bleiben. Man gibt nur die Tischplatte zurück, die zu 100 Prozent wiederverwendet wird“, erklärt der Designer. Der Name ist persönlich inspiriert: "Als ich mit 16 Jahren zusammen mit einem Freund durch Indien gereist bin, war ich beeindruckt von der Offenheit der Menschen und ihrer Fähigkeit, selbst aus einfachen Dingen etwas Besonderes zu machen." In diesem Sinne ist "India" eine Hommage an den geselligen Moment und das gemeinsame Essen – geprägt von Schlichtheit, Leichtigkeit und Respekt für unsere Umwelt.
Nach seinem Vorbild, dem Architekten Laurie Baker, der über sechs Jahrzehnte in Indien lebte und nachhaltige Architektur mit sozialem Engagement verband, stellt sich für Emanuele Ferraro heute erneut die Frage nach einer gestalterischen Identität. "Nach dem Kolonialismus suchte Indien nach einem neuen Selbstverständnis, das Baker, gemeinsam mit anderen Maestri wie Correa, Doshi und Rahman architektonisch mitgeprägt hat. Auch wir stehen heute wieder an einem Wendepunkt. Im Zeitalter von Konsumkolonialismus und der permanenten Bilderflut sozialer Medien liegt die entscheidende Aufgabe unserer Generation darin, eine authentische Designhaltung zu entwickeln, die vom kleinsten Objekt bis zur Architektur eines Hauses reicht. Unsere althergebrachte Idee von Luxus wird dabei idealerweise vertieft: nicht als Ausdruck von Exklusivität, sondern als bewusste, nachhaltige Entscheidung für das Bleibende", sagt Emanuele Ferraro. Eine Haltung, die sich auch in seiner Lehre an der Technischen Hochschule Rosenheim wiederfand, wo er Studierende ermutigte, früh praktische Erfahrungen zu sammeln und Design als ganzheitlichen Prozess zu begreifen.
Atelier Ferraro plädiert für einen Bewusstseinswandel: Materialien sollen lokal, wertig und langlebig sein – im besten Fall über Generationen hinweg bestehen. Wie bei dem Slogan "You never truly own a Patek Philippe, you just look after it for the next generation."
Daraus ergibt sich ein neues Verständnis von Luxus, der wider Schnelllebigkeit und Austauschbarkeit auf exzellente Ausführung und emotionale Bindung setzt. Denn Qualität schafft Wertschätzung, mit der man Objekte besser pflegt, bewusster nutzt und länger behält. Und ist vielleicht auch bereit, mehr dafür zu bezahlen. "Lieber kauft man weniger und dafür gute Dinge, die bleiben", so Emanuele Ferraro. Ein Netzwerk ausgewählter Betriebe in Südtirol, dem Veneto und Bayern verleiht Atelier Ferraros Projekten dabei jene Präzision und Tiefe, die sowohl maßgeschneiderte Innenraumlösungen als auch Prototypen für internationale Designmarken möglich macht.
Warum also nicht Capri: Als der Architekt seine heutige Frau kennenlernte, eine Deutsche, bewarb er sich bei Max Dudler in München. Mit Erfolg – und das in jeder Hinsicht. Neben neuen Architektur- und Designprojekten, wie dem tempelartigen Tisch "Punta" für Portego, der Stabilität in satten Farben beweist, hat sich Atelier Ferraro inzwischen auch einen Namen in der Gestaltung maßgeschneiderter Interior-Projekte im High-End-Bereich gemacht. Auch hier mit dem Anspruch an Zeitlosigkeit, Regionalität und Präzision. Schließlich nimmt man mit der Gestaltung von Räumen positiven Einfluss auf BewohnerInnen wie BesucherInnen. Im besten Fall über Generationen hinweg.













