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Von der Pflanzenfaser zum Produkt: Das Schweizer Label QWSTION zeigt einen Pavillon aus seiner textilen Kreation Bananatex vor der Festivalzentrale.

Wiener Schauraum

Die Vienna Design Week präsentierte vom 27. September bis 6. Oktober 2019 lokale und internationale Designpositionen.
von Anna Moldenhauer | 04.10.2019

"Was uns seit 13 Jahren antreibt, ist, dass wir jedes Mal neue Dinge lernen", so Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week. Diesem Wissenserwerb dient auch die Zusammenarbeit mit traditionsreichen Handwerkbetrieben in Wien, deren Können durch Designerkooperationen ins Scheinwerferlicht gerückt werden. Im Rahmen der sogenannten "Passionswege" durfte man zum Beispiel im diesjährigen Fokusbezirk, dem Alsergrund, auf Entdeckungsreise gehen: Das Designduo Namuun Zimmermann und Martijn Rigters vom Studio Sain kreierte gemeinsam mit dem Drechsler Hermann Viehauser Objekte, die das traditionelle Handwerk mit einer verspielten Formsprache verbindet. Teemu Salonen erschuf mit Glas Bauer aus kleinen Glasstücken und Bleistegen eine eigenwillige Leuchte. Und studiotut lud in der Tischlerei Bretschneider zu einem Rendezvous für Möbelliebhaber, die handgefertigte Einzelstücke anhand eines persönlichen Profils wie bei einem ersten Date kennenlernen können.

Im ersten Bezirk zeigte währenddessen die Wiener Traditionsmanufaktur J. & L. Lobmeyr gleich mehrere neue Produkte: Michael Anastassiades erforschte für "Flint" die Schönheit des gebrochenen Glases und entwarf ein Trinkglas, dessen Boden wie bei einem Faustkeil mit Bruchflächen geformt ist. Durch die von der frühen Glasherstellung inspirierte Bearbeitung entstand neben der ungewöhnlichen Optik auch eine überraschend ergonomische Haptik. Ville Kokkonen präsentierte hingegen eine Pendelleuchte, geformt aus einem massiven Glasblock, der die Beleuchtung nur durch Einkerbungen erstrahlen lässt. Dazu gesellt sich ein filigranes Saké-Glas, dessen Details als reiskornförmige Aussparungen am Boden erst durch das Anheben des Glases im Licht zu erkennen sind. Lichteffekte spielen auch bei den "Crystal Blinds" von Studio Brynjar & Veronika für Swarovski eine entscheidende Rolle, denn die von dem Duo entworfene Kristall-Jalousie reflektiert das einfallende Tageslicht auf glamouröse Art und Weise.

Designer Ville Kokkonen und Leonid Rath von J. & L. Lobmeyr
Teemu Salonen entwarf mit Glas Bauer eine eigenwillige Leuchte.

Bewusstsein im Wandel

Neben dem Thema Licht war die Nachhaltigkeit in den Projekten der Vienna Design Week ein wichtiger Schwerpunkt: Umweltbewusste Designansätze waren quer durch alle Formate zu finden. Schon am Eingang zur diesjährigen Festivalzentrale im Althan Quartier durfte das erste "Sustainable Design"-Projekt in Augenschein genommen werden: Das Schweizer Label QWSTION zeigte einen Pavillon aus seiner textilen Kreation Bananatex. Dieser erklärte anschaulich neben den Verarbeitungsschritten von der Faser der Bananenpflanzen zum robusten, technischen Gewebe, dessen Potenzial für den Architektur- und Designbereich. In den Räumen des Baus von Karl Schwanzer aus dem Jahr 1978 ließen sich weitere nachhaltige Projekte entdecken: Das österreichische Designstudio EOOS hat in Kooperation mit dem Thermalbad Vöslauer die Gartendusche "Circular Shower" entworfen. Pflanztröge an schlanken Stangen bilden einen Halbkreis, in dessen Mitte man sich für eine Dusche zurückziehen kann. Das verwendete Wasser wird anschließend mittels einer Pflanzenkläranlage wiederaufbereitet. Studio raiseaplant ließ indes mit dem Indoorgarten "Shreba" biologisch einwandfreies Gemüse in Innenräumen wachsen. Bestäubung, Bewässerung und Beleuchtung geschehen dabei automatisiert. Ganz nebenbei verbessert der Heimgemüseanbau das Raumklima. Darüber hinaus kommt die Lebensdauer von industriell hergestellten Produkten zur Sprache: Das Team des Vereins Permanere gab unter dem Titel die "100-jährige Waschmaschine" Einblick in seine Forschung, an dessen Ende eine Waschmaschine stehen soll, deren gesamte Konstruktion auf die Maximierung von Langlebigkeit, Wartbarkeit und Reparierbarkeit ausgerichtet ist.

Das österreichische Designstudio EOOS hat in Kooperation mit dem Thermalbad Vöslauer die Gartendusche "Circular Shower" entworfen.
Studio raiseaplant lässt indes mit dem Indoorgarten "Shreba" biologisch einwandfreies Gemüse in Innenräumen wachsen.

Auch bei den Programmpartnern standen umweltbewusste Ansätze im Fokus: So konnte man beispielsweise im Rahmen der Vienna Biennale for Change im MAK Wien den "Greenfreeze 2"" von EOOS begutachten, ein Kühlschrank der klimaschonendes Kühlmittel verwendet und dessen Kühlaggregat einfach auszutauschen ist. Für den Korpus wurden nachwachsende Rohstoffe wie Holz und Schafwolle als Baumaterialien verwendet. Nicht verwendete Bereiche können zudem dank einer Klimaschleuse vom Strom getrennt werden. Und wenn die Außenluft vor dem Haus kalt genug ist, funktioniert die Kühlung auch allein mit dieser. Ebenfalls von EOOS stammt die "Küchenkuh", eine Werkbank mit Trichter, Kurbel und gläsernem Auffangbehälter, die aus Nahrungsabfällen die Energie zum Kochen produziert. Drei Kilogramm Bioabfall ermöglichen so den Betrieb eines Gasbrenners für eine Stunde. In diesem Kontext durfte natürlich die "Urin Trap" nicht fehlen, die EOOS in Kooperation mit Laufen entwickelt hat – ein neuer Ansatz der Abwasseraufbereitung in Form eines WCs, dass den Urin separat sammelt, um ihn für die Weiterverarbeitung als Dünger zu verwenden. Über diesen Recyclingvorgang ergibt sich die Chance, das schädliche Algenwachstum durch einen übermäßigen Stickstoffgehalt in den Meeren zu regulieren.

Kritisches Umdenken wurde während der Vienna Design Week zudem im Bereich des "Urban Food & Design" angestoßen: Jakob Glasner interpretiert mit "Contemporary Silverware" das klassische Besteckservice neu. Mit Aussparungen wie fehlenden Zinken ihrer Funktion beraubt, loten "Protein Scoop", "Fasting Fork", "Fat Scalpel" und "No Dessert for You" das vermehrt gestörte Verhältnis unserer Gesellschaft zu ihrer Nahrung aus, in der auf den Genuss zugunsten eines Körperkults verzichtet wird.

Die "Küchenkuh" von EOOS produziert mittels der Aufbereitung von Nahrungsabfällen die Energie zum Kochen.
Foodtrends kritisch hinterfragt: Jakob Glasner interpretiert mit "Contemporary Silverware" das klassische Besteckservice neu.

Materialisierte Daten

Variantenreich beleuchtet wurde ebenso das Thema Digitalisierung, nicht nur bedingt durch die zahlreichen Einblicke in das Game Design, das in diesem Jahr einen der Schwerpunkte der Vienna Design Week bietet. Die Schau "From Data to Furniture" zeigte die Abschlussarbeiten von Jaako Hyvärinen und Dario Vidal von der School of Arts, Design and Architecture der Aalto University in Helsinki: Untersucht wurde die Verbindung automatisierter und robotischer Fertigung mittels der Materialisierung von Daten. Das Ergebnis sind experimentelle Möbelkomponenten, die in Zusammenarbeit mit dem Automationsunternehmen Addcomposites entstanden, das auf die Herstellung karbonverstärkter Bauteile spezialisiert ist.

Welche Möglichkeiten mit der Kombination aus optimierter Tragstruktur und einem gezielten Einsatz von automatisierten Produktionsmethoden entstehen, zeigte der mehrere Meter große Prototyp "Opti-Knot-3D Pavillon" von Patonic und Benjamin Kromoser. Seine Struktur aus Eichenholzstäben, aus Maisstärke in 3D gedruckten Knoten sowie Sperrholzplatten und Schrauben ist zu hundert Prozent individualisierbar und recyclebar.

Der Prototyp "Opti-Knot-3D Pavillon" von Patonic und Benjamin Kromoser ist zu hundert Prozent individualisierbar und recyclebar.

Neue Zugänge

Als diesjähriges Gastland bot Finnland zur Vienna Design Week überraschend farbenfrohe Ansichten: Die Ausstellung "Wild at heart" zeigte eine weniger bekannte Seite des finnischen Designs jenseits von hellem Holz und minimalistischen Linien. Die ausgestellten Arbeiten in den drei Kategorien "Raw Beauty", "Social Impact" und "Wild Humor" waren dabei ungewohnt verspielt, farbenfroh und humoresk: Von den organischen Sitzelementen von Eero Aarnio über die textilen Materialexperimente von Klaus Haapaniemi bis zu den filigranen Mobiles von Milla Vaahtera präsentierte sich eine neue Seite des finnischen Designs, die von Spontanität, starker Ausdruckskraft und Experimentierfreude geprägt war. Kuratiert wurde die Ausstellung mit Arbeiten von elf zeitgenössischen Designern aus Finnland von Tero Kuitunen. Mit den "Marrakesh mirrors" – skulpturale Drehspiegel aus Keramik, MDF, Messing sowie Kreidefarbe in Tiefblau und Terrakotta – konnte auch ein Beispiel für sein eigenes Werk in Augenschein genommen werden.

Neben dem fachlichen Diskurs über lokale und internationale Designpositionen bewältigte das Kulturfestival eine Aufgabe, der oft zu wenig Raum gewährt wird: Die niederschwellige Vermittlung. Über 120 überwiegend kostenfreie Veranstaltungen, darunter vielfältige Workshop- und Tourprogramme, führten durch Wien und den Fokusbezirk Alsergrund, ließen Design erlebbar werden und öffneten Türen zu Kreativen, Studios und Werkstätten sowie zu bisher nicht öffentlich zugänglichen Gebäuden. Wie dem Althan Quartier auf dem Areal des Franz-Josef-Bahnhof, das in den nächsten Jahren seitens 6B47 Real Estate Investors in ein neues Stadtteilzentrum verwandelt werden soll. Mit einem engagierten Programm und dem gewohnt vielfältigen Angebot in den Formaten "Debüt", "Game Design", "Passionswege", "Stadtarbeit", "Spezial" sowie "Urban Food & Design" hat es die Vienna Design Week auch in diesem Jahr wieder geschafft, ein tieferes Bewusstsein für den Designbereich zu wecken, das nicht nur von der Suche nach der bestmöglichen Verbindung von Funktion und Ästhetik geprägt ist.

Die Ausstellung "Wild at heart", kuratiert von Tero Kuitunen, zeigt eine weniger bekannte Seite des finnischen Designs.
Die ausgestellten Arbeiten in den drei Kategorien "Raw Beauty", "Social Impact" und "Wild Humor" sind ungewohnt verspielt, farbenfroh und humoresk.