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Anna Zimmermann

PORTRAIT
Luster und Alltag

Die junge Wiener Designerin Anna Zimmermann entwirft ganzheitlich, vom Objekt über den Raum bis zur Bildsprache.
von Jasmin Jouhar | 29.11.2022

Geschliffenes Kristallglas, verschnörkeltes Messing: Wer würde bei Kronleuchtern schon an zeitgenössische Gestaltung denken? Die MacherInnen des Designfestivals Vienna Design Week! Für das Format "Passionswege" hatte das Team in diesem Jahr Anna Zimmermann eingeladen, in die Welt der Wiener Lustermanufaktur Bakalowits einzutauchen. Das Einzige, was Festivaldirektor Gabriel Roland ihr hierfür mit auf den Weg gab: "Mach keine Leuchte und nichts mit Licht", erinnert sich die 28-jährige Designerin lachend. Und daran hat sie sich gehalten. Sie entwickelte in den Werkstätten des 177 Jahre alten Familienunternehmens eine Reihe von Produkten aus geschwungenen Stahlteilen: Wandhaken, Obstschalen, Untersetzer, eine Vase, Hocker und ein Regal. Doch damit nicht genug: Anna Zimmermann ließ sich auch zu einer Serie von "Phantasy Objects" inspirieren, aus weniger offensichtlichen Bestandteilen der Kronleuchter wie Schalter, Kabel oder Ketten. Für die Präsentation ihres Projekts während der Vienna Design Week 2022 gestaltete sie zudem den Bakalowits-Showroom um. "Das war das intensivste Projekt, das ich je mit einem Handwerksbetrieb gemacht habe", sagt sie.

Inspirationsquelle Austausch

Ein Thema von unterschiedlichen Seiten anzugehen wie bei Bakalowits, das liegt Anna Zimmermann. "Mich interessiert das Ganzheitliche, vom Raum über die Objekte bis hin zur gemeinsamen visuellen Klammer", so die Designerin, die an der Design Academy Eindhoven Grafikdesign studiert hat und in Wien lebt. Dabei macht sie gerne gemeinsame Sache mit anderen Kreativen, die Fotos der "Phantasy Objects" etwa stammen von Erli Grünzweil. Sie schätzt auch die Zusammenarbeit mit HandwerkerInnen. "Ich lerne dabei sehr viel über Materialien, Herstellungsprozesse, Nachhaltigkeit. Der persönliche Austausch ist oft eine Inspirationsquelle für das Objekt", so Zimmermann weiter.

Als der Austausch am Anfang der Corona-Pandemie plötzlich zum Stillstand kam, schloss sich Anna Zimmermann mit zwei KollegInnen zum Kollektiv Temporary.Arrangement zusammen. "Wir dachten: Wenn nichts läuft, dann müssen wir selbst was machen." Erstes Ergebnis der Kooperation mit Lino Gasparitsch und Bettina Willnauer: die Ausstellung "Alpen", die ebenfalls zur Vienna Design Week zu sehen war. Alle drei sind im Alpenraum aufgewachsen, Zimmermann in St. Gallen, Gasparitsch in Deutschland und Willnauer in Österreich. Gemeinsam entwickelten sie handwerkliche Objekte, die für die Region typische Gegenstände variieren oder von den Mythen und Legenden der Bergwelt erzählen. Zimmermann etwa fertigte einen Melkschemel aus Keramik, der mit seiner glänzend-weißen Glasur wie mit Milch übergossen aussieht. Auch wenn das Kollektiv das Temporäre im Namen trägt, soll "Alpen" nicht das einzige gemeinsame Vorhaben bleiben.

Balance zwischen frei und kommerziell

Wie viele andere junge DesignerInnen steht Anna Zimmermann vor der Herausforderung, ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen – und trotzdem Zeit und Ressourcen für eigene Projekte wie "Alpen" zu haben. In dieser Hinsicht sei ihnen an der Design Academy Eindhoven ein unvollständiges Bild vom Beruf DesignerIn vermittelt worden, nämlich das des freien, erfolgreichen Stardesigners. "Das entspricht einfach nicht der Realität", so die 28-jährige. Sie hat für sich bislang eine gute Balance gefunden: "Die eine Hälfte der Woche, zweieinhalb Tage, mache ich kommerzielle Aufträge, die andere Hälfte der Woche meine eigenen Arbeiten."

Ideen für eigene Projekte findet Anna Zimmermann oft in ihrem Alltag. "Ich nehme das, was ich beobachte oder was mich beschäftigt, und versuche es in einem größeren Kontext zu sehen", erklärt sie. Mit der Wiener Designerin Nadja Zerunian etwa entwickelte sie in der Pandemie eine Reihe von konzeptionellen Objekten: Die "Souvenirs of Loneliness" thematisieren die Erfahrung von Vereinzelung im Lockdown. Darunter ein Mini-Flachmann an einer Kette, ausreichend für einen Shot – für den Fall, dass man sich erst überwinden muss an Situationen mit vielen Menschen teilzunehmen. Vielleicht keine ganz ernst gemeinte Lösung für ein reales Problem, aber ein humorvolles Objekt, das einen schmunzeln lässt. Denn Humor gehört für Zimmermann unbedingt zum Design dazu: "Humor schafft Leichtigkeit", sagt sie.