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Ronja Reuber

PORTRAIT
Die neue Selbstverständlichkeit

Seit jeher ist das Design eine Disziplin des Hinterfragens, des Experimentierens und des Neuinterpretierens. Seit einigen Jahren tritt zudem eine besonders kritische Generation von GestalterInnen in den Arbeitsmarkt ein. Ronja Reuber steht exemplarisch für junge DesignerInnen, die einen Gegenentwurf zur Wegwerf-Mentalität bieten wollen.
27.10.2022

Ursprünglich aus Solingen, wohnt Ronja Reuber heute in Stockholm. Davor hat sie viele Jahre in Småland gelebt - die südschwedische Provinz ist nicht nur ein Idyll aus Seen, Wäldern und ochsenblutfarbenen Holzhäusern, sondern auch die Heimat von Schriftstellerin Astrid Lindgren und IKEA-Gründer Ingvar Kamprad. Reubers Name, der an Lindgrens Romanheldin Ronja Räubertochter erinnert, ist nicht ganz zufällig gewählt, gibt sie lachend zu. Dass sie heute im Design tätig ist, hat jedoch mehr mit ihren Eltern als mit dem berühmten Möbelhaus zu tun. "Meine Mutter war Steinmetzin, mein Großvater Tischler — ich bin also gewissermaßen in der Werkstatt groß geworden", sagt Reuber, die noch immer am liebsten dreidimensional mit ihren Händen arbeitet.

Nach einem Ausflug in das Kostümdesign, gestaltet sie inzwischen Textilen, Leuchten und Möbel. Materialien und Stile der Absolventin des schwedischen Beckmans College of Design variieren. Was die unterschiedlichen Entwürfe aber eint, ist ihre Beschäftigung mit Nachhaltigkeit. Genauer gesagt, mit den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, die Müll reduzieren, Produkte und Rohstoffe wiederverwertbar und reparabel machen soll. Um das zu ermöglichen, braucht es vor allem gestalterisches Umdenken: in der Wahl und Kombination von Materialien, aber auch in der Art, wie NutzerInnen mit Waren interagieren. ExpertInnen nehmen an, dass über 70 Prozent des ökologischen Fußabdrucks eines Produkts in der Entwurfsphase festgelegt werden. Dem Design wird also eine besondere Bedeutung zuteil, wenn wir eine umweltfreundlichere, gar regenerative Wirtschaft wollen. Und dafür braucht es Vor- und MitdenkerInnen. Reuber steht erst am Anfang ihrer Laufbahn — ihr Studium beendete sie 2020 —, ihre Haltung aber ist klar und ausformuliert. Häufig geht es in ihrer Arbeit um einen ressourcenschonenden Einsatz von Rohstoffen, deren Recyclingfähigkeit und um eine nachhaltige Bindung von Menschen an Objekte. Woher kommt ihr ökologisches Bewusstsein? "Meine Generation ist in Erklärungsnot", sagt sie. Sie könnte nicht einfach den x-ten Stuhl entwerfen, ohne zu reflektieren, wofür. "Meine Antwort darauf ist eher poetisch als pragmatisch", sagt Reuber. "Natürlich haben wir ausreichend Sitzplätze für alle Menschen auf der Welt. Ich vergleiche Design jedoch mit Künsten wie der Musik. Es wird immer Melodien, Ausdrücke oder Geschichten geben, die noch erzählt werden wollen — ansonsten steht die Welt still. Und Design ist eine Möglichkeit das zu tun".

Dass Poesie und Pragmatik sich aber eigentlich gar nicht ausschließen müssen, zeigt sie mit ihrem jüngsten Entwurf: ein geradliniges, markantes Sitzmöbel für das skandinavische Unternehmen Offecct, das genauso in Restaurants wie in Büroräumen genutzt werden soll. "Mein Ziel war ein stabiler Barhocker aus so wenig Material wie möglich", sagt Reuber. Zur Anwendung kam Stahlrohr, das dank seiner Beweglichkeit ein aktives Sitzen fördert und somit auch ergonomische Qualitäten aufweist. Weiteren Komfort bieten Rückenlehne und Polster, die nicht verklebt wurden. So kann "Nomole" leicht aktualisiert, erneuert und repariert werden. Um ähnliche Ideale geht es auch bei Reubers Filzteppichen für Peace Industry aus Stockholm. Hier erkannte sie ungenutztes Potenzial: "Die Teppiche des Unternehmens hatten immer zwei Seiten, aber es machte nie etwas aus den gestalterischen Möglichkeiten der Rückseiten. Das wollte ich ändern, weil ich glaube, dass NutzerInnen flexible Produkte länger behalten wollen", erklärt Reuber. So entstand die Idee für eine Null-Müll-Technik, bei der Stücke aus den Teppichen herausgeschnitten und umgekehrt wieder eingesetzt werden. Das Ergebnis sind Zwei-in-Eins-Produkte mit abstrakten Mustern, die nicht langweilig werden.

Zirkuläres Design sei eigentlich nichts Neues, sagt die Designerin. Immerhin gestaltete man schon damals Dinge, die halten sollten, die man auseinandernehmen und reparieren konnte, anstatt sie wegzuwerfen. Und fügt an: "Ich sehe dieses Konzept also nicht als modern, sondern als selbstverständlich." (ncm)

Ex-Works: Ronja Reuber – Möbeldesignmuseum