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CMP Design: Michele Cazzaniga, Simone Mandelli und Antonio Pagliarulo (v.l.n.r.)

Perfektion mit Leichtigkeit

Michele Cazzaniga, Simone Mandelli und Antonio Pagliarulo haben das interdisziplinäre CMP Design Studio im Jahr 2009 gegründet und gestalten seitdem sowohl Einrichtungsgegenstände wie Markenidentitäten. Wir haben sie in ihrem Studio in Como besucht.
27.10.2023

Robert Volhard: Was muss das Produkt- und Industriedesign derzeit erfüllen, um innovativ zu sein?

Michele Cazzaniga: Innovation geschieht bei unserer Arbeit schrittweise. Wir experimentieren mit Ideen und lernen aus jedem Projekt. Ein Fokus ist die Nachhaltigkeit, diese ist nicht mit einer langen Lebensdauer des Produkts erfüllt. Das Bewusstsein dafür muss bereits bei der Auswahl des Materials und der Produktion gegeben sein. Ebenso verstehen wir es als innovativ die Art und Weise zu optimieren, wie Menschen Objekte verwenden.

Antonio Pagliarulo: Der Mensch existiert seit etwa 200.000 Jahren auf der Erde, das ist in Anbetracht des Alters des Planeten mit circa 4,5 Milliarden Jahren ein kurzer Zeitraum. Dennoch hat die Bevölkerung in den letzten 2000 Jahren die Technologien und Arbeitsweisen extrem weiterentwickelt. Wir sind besessen von Innovation, es liegt in unserer DNA. Was wir bei all dem Weiterentwicklungsdrang nicht vergessen sollten – es braucht auch eine Emanzipation der menschlichen Beziehungen. Wir glauben fest daran, dass Konvivialität die Innovation ist, die wir als Menschen benötigen. Es ist an der Zeit, unseren Umgang miteinander zu verändern. Für uns ist es ausreichend, wenn wir nur jedes Jahr oder sogar nur alle zwei Jahre ein neues Produkt realisieren. Wir möchten uns den Raum für die Entwicklung nehmen, um etwas dauerhaftes zu kreieren.

Anna Moldenhauer: Warum ist es für euch reizvoller, mehrere Ideen über einen längeren Zeitraum zu kultivieren, anstatt von einer Idee viele Variationen zu entwickeln?

Michele Cazzaniga: Es muss einen klaren Grund geben, ein Design zu entwerfen. Wir fragen uns vorab, ob seine Existenz einen Zweck erfüllt oder nicht. Wenn eine Varianz keinen tieferen Sinn erfüllt, ist sie nicht notwendig. Um das vorab zu klären, diskutieren wir viel in der Runde. Für das Gestalten ist die Kommunikation essenziell. Jedes Detail wird dabei beleuchtet, die Materialien, der Prozess, ob das Produkt dem Menschen dient. Man kann uns wohl als ziemlich wählerisch bezeichnen.

Robert Volhard: Woran merkt ihr, dass der richtige Zeitpunkt für den Start in einem Projekt gekommen ist?

Michele Cazzaniga: Antonio beispielsweise kann sehr gut zeichnen und durch diese Skizzen und seine Interpretation sieht man die gemeinsamen Ideen nochmal in einem anderen Licht.

Antonio Pagliarulo: Wir füllen über das Jahr mehrere Skizzenbücher um jeden Aspekt, jede Veränderung, direkt in der Zeichnung festzuhalten. Auch im Gespräch mit KundInnen wie Pedrali, übersetzen wir ihr Feedback direkt in eine Zeichnung. Die Skizzen helfen uns in der Diskussion, sie sind die Grundlage. Zuerst zeichnen wir Skizzen, dann erstellen wir ein 3D-Modell und Renderings und schließlich ein physisches Modell im Maßstab 1:1, das es uns ermöglicht, die Produktionsprobleme aus erster Hand zu sehen und das 3D-Modell neu anzupassen, um es der Industrie zur Verfügung zu stellen. Bei der Präsentation vor dem Unternehmen ist es sehr wahrscheinlich, dass wir die Renderings verwenden, um Farb- und Oberflächenvariationen zu zeigen, und das physische Modell, um die KundInnen endgültig zu "überzeugen" und einen Diskurs über das Objekt zu beginnen. Wenn das Gespräch begonnen hat, träumt man bereits gemeinsam, man plant bereits etwas, das passieren wird.

Simone Mandelli: Da wir drei uns schon seit dem Studium am Polytechnikum Mailand Anfang der 2000er Jahre kennen, können wir jeweils am Blick und der Körpersprache des Anderen ablesen, ob wir mit dem Projekt an einem richtigen Punkt sind oder etwas fehlt.
Neben dem Austausch ist die Sensibilität, das Einfühlungsvermögen ausschlaggebend. Kritik ist manchmal ebenso schwer zu formulieren, wie der Grund warum man eine Idee gut findet. Michele hat glücklicherweise ein fotografisches Gedächtnis und erkennt schnell, wenn ein Design zu nahe an einem Produkt ist, was bereits besteht. Ebenso kann er sehr gut einschätzen, ob die Realisierung einer Idee mit der Technologie möglich ist, die der Hersteller jeweils verwendet. Wir nennen ihn manchmal scherzhaft "Michepedia", weil sein
Wissen über Gestaltung so umfangreich ist. Antonio hingegen hat eine sehr kreative Perspektive und schwebt im Geiste ein wenig über den Dingen. Wir sind in unserer Arbeitsweise alle sehr unterschiedlich.

Anna Moldenhauer: Dennoch schafft ihr es, in jedem Projekt ein gemeinsames Gleichgewicht zu finden. Ein Leitsatz von euch ist, dass ein Objekt umso bedeutungsvoller ist, je authentischer die Hingabe der DesignerInnen an die zukünftigen NutzerInnen war. Welche Fragen stellt ihr euch, um die zukünftigen NutzerInnen zu erreichen?

Simone Mandelli: Wir sind die zukünftigen NutzerInnen. Sprich, wir entwerfen auch für uns, entscheiden nach unserem Empfinden was gut funktioniert und was nicht. Dafür beobachten wir viel die Gestaltung um uns herum, auch wenn wir privat unterwegs sind und beispielsweise reisen. Zudem geht es uns im Design nicht um einen Ausdruck von uns selbst, um unsere Autorenschaft, sondern um einen funktionalen Fortschritt.

Michele Cazzaniga: Wir erhalten in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen für jedes Design ein vielfältiges Feedback hinsichtlich der Ästhetik, der BenutzerInnenfreundlichkeit, dem Komfort und der Wirtschaftlichkeit. Wir lernen also auch von unseren KundInnen eine Menge. Da unsere Produkte in erster Linie für Räume entwickelt werden, in denen Menschen zusammenkommen, wie Wohnungen, Hotels, Gastronomie oder Büros, ist ihre Perspektive für die Weiterentwicklung immens wichtig. Ebenso muss man als DesignerIn aber auch ein Gespür dafür entwickeln, welche Rückmeldungen für den weiteren Prozess brauchbar sind und welche nicht.

Anna Moldenhauer: Ihr entwickelt Möbel, Armaturen, Stoffe – aber auch Grafik- und Markendesign. Was muss unabhängig von dem Thema gegeben sein, damit euch ein Auftrag interessiert?

Michele Cazzaniga: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal ist es die Herausforderung, die uns ansport, manchmal sind es die Menschen, mit denen die Entwicklung verbunden ist. Ebenso spannend sind Möglichkeiten, auf die wir gewartet haben, oder an die wir bis zu diesem Zeitpunkt nie gedacht hätten, und die uns eine neue Perspektive schenken.

Robert Volhard: Was ist eine Herausforderung, auf die ihr gewartet habt?

Michele Cazzaniga: Wir würden gerne an einer breiteren Palette von Objekten und Produkten arbeiten und noch intensiver in die jeweilige Lösungsfindung einsteigen. Die Herausforderungen stellen wir uns oft auch selbst. Eine gute Partnerschaft mit unseren KundInnen ist jeweils ausschlaggebend.

Anna Moldenhauer: Dank der Vielfalt eurer Projekte seid ihr in der Lage beide Perspektiven einzunehmen, die der Unternehmen, wie die der NutzerInnen.

Simone Mandelli: Diese interdisziplinäre Sichtweise basiert auf unseren Studien am Polytechnikum in Mailand, denn in dieser Zeit hatten wir die Möglichkeit breit gefächerte Interessen zu verfolgen. Unser Studium war im Grunde ein kollektiver Workshop und wir haben viel über den Austausch untereinander gelernt. Diese Art der Zusammenarbeit haben wir uns bewahrt. Als DesignerIn sollte man gegenüber anderen Gestaltungsbereichen keine Scheuklappen tragen.

Robert Volhard: Welche Voraussetzungen müssen eurer Meinung nach in einer Kooperation vorhanden sein, sei es mit Blick auf die Materialien oder die Zertifikate des Unternehmens?

Michele Cazzaniga: Wir möchten für unsere Projekte kein Material verschwenden. Bereits vor zehn Jahren, als kaum jemand in der Branche über Nachhaltigkeit gesprochen hat, haben wir Stühle entworfen, die sich vollständig in ihre Einzelteile zerlegen lassen, um sie reparieren oder auch recyceln zu können. Gegenwärtig sind erfreulicherweise die Möglichkeiten für uns größer geworden, mit KundInnen darüber zu sprechen, was es braucht, damit ein Design nicht innerhalb weniger Jahre zum Müllaufkommen beiträgt. Wir möchten, dass unsere Möbel über Generationen genutzt werden können. Ein faires Design, das bereits in der Basis nachhaltig ist, mit zeitloser Funktion wie Ästhetik.

Robert Volhard: Um bei dem Beispiel eines Stuhls zu bleiben, von dem es unzählige Exemplare auf der Welt gibt – wann ist es sinnvoll, einen weiteren Stuhl zu entwerfen?

Michele Cazzaniga: Wenn der neue Entwurf einen Unterschied macht. Eine Evolution des Bestehenden darstellt, wie im Hinblick auf eine vielfältige Konfiguration.

Antonio Pagliarulo: Bei der Entwicklung unserer ersten Armatur "Cartesio" für Ceadesign haben wir durch das Schneiden der Form mit einem Laser minimale Radien erreichen können. Bei jedem Produkt, dass wir gestalten, muss es eine Innovation geben, die mitunter auch für die Unternehmen zu einer technologischen Weiterentwicklung führt.

Anna Moldenhauer: Ein Zitat von euch ist, dass eure Produkte sehr viel über euch aussagen. Was lässt sich am Outdoor-Stuhl "Guinea" über euch ablesen, den ihr kürzlich für Pedrali gestaltet habt?

Michele Cazzaniga: "Guinea" besteht aus vielen unterschiedlichen Materialien und jedes dient einem anderen Zweck. Das Design ist eine Begegnung aus Funktionen und Materialien: Die leichte Struktur besteht aus Aluminium, ist stapelbar und mit abnehmbaren Bezügen aus wasserabweisendem Textil-Gewebe versehen. Der Stuhl ist für die NutzerInnen einfach zu verwenden, drinnen wie draußen. Diese funktionale Ästhetik, an der wir im Vorfeld viel getüftelt haben, sagt viel über uns aus. Parallel findet sich auch die DNA von Pedrali in diesem Entwurf, denn um ein Produkt gemeinsam zu realisieren, ist die Begegnung der Ideen ausschlaggebend. Wenn man so will, sind die beiden Parteien für das Design wie Vater und Mutter.

Anna Moldenhauer: "Malmö 395" war der erste Stuhl, den ihr für Pedrali entworfen habt, das war im Jahr 2012. Wie hat sich die Zusammenarbeit seitdem entwickelt?

Michele Cazzaniga: "Malmö 395" hat einen Sitz aus einer gebogenen Sperrholzschale, der mit der tragenden Struktur aus massivem Eschenholz verschraubt ist. Der Stuhl war für uns auch ein Anstoß über die Art und Weise nachzudenken, wie diese produziert werden und welche Technologien es bräuchte, um unsere Entwürfe zu realisieren.

Antonio Pagliarulo: Pedrali investiert großzügig in neue Technologien, was für uns als Designer ein Traum ist. Als wir den Entwurf zu "Nolita" zum ersten Mal präsentierten, wurde schnell klar, dass ihre bisherige Produktion für die Realisierung dieses Möbels verändert werden muss. Giuseppe Pedrali hat daraufhin recherchiert, eine neue Maschine gekauft sowie das Team vergrößert, um die Expertise des Unternehmens zu erweitern.

Anna Moldenhauer: Auch wenn eure Designs sehr vielfältig sind, habt ihr eine klare, gemeinsame Handschrift. Komplex im Aufbau, aber optisch wie haptisch leicht, abgerundet, angenehm. Ihr vereint Handwerkskunst, gegenwärtige Strömungen und neue Technologien auf eine harmonische Art. Man muss nicht umständlich einen Weg finden, um sich eurer Gestaltung zu nähern, sie heißt die BetrachterInnen willkommen. Wie erreicht ihr das?

Michele Cazzaniga: Das Zusammenspiel aus Haptik und Optik ist sehr wichtig. Ebenso bedeutsam für unseren Gestaltungsprozess sind Farben. Bereits für das erste Rendering berücksichtigen wir, welche Töne der finale Entwurf zeigen soll. Dazu überlegen wir, an welchen Ort uns die Gestaltung gedanklich führt und welche Farben dieser hat.

Simone Mandelli: Zudem achten wir stets darauf, dass unser Design ein internationales Publikum anspricht.

Michele Cazzaniga: Die Leichtigkeit der Objekte muss auch in der Wiederholung gegeben sein. Wenn man 53 Exemplare eines Stuhldesigns in einen Raum stellt, sollte das visuelle Muster ebenso unbeschwert wirken, wie der einzelne Stuhl. Das Objekt bezieht sich immer wieder auf sich selbst und wirkt im Verbund wie ein Schwarm Vögel am Himmel. Beim Stuhl "Tribeca" erreichen wir diese Leichtigkeit zum Beispiel, da man durch die Struktur der Bespannung durchsehen kann.

Simone Mandelli: Hinzu kommt unser Stil, den wir im Laufe der Jahre entwickelt haben und der sich auch weiterhin verändern wird. Inspiration finden wir beispielsweise in den Strukturen und Farben der modernen Kunst oder mit Blick auf das skandinavische Design. Formen sind für uns wie Wörter, aus denen sich unser Vokabular zusammensetzt und mit dem mit Hilfe des Designs ein Gedicht schreiben oder ein Lied komponieren können.

Robert Volhard: Welches Produkt würdet ihr gerne noch entwerfen?

Antonio Pagliarulo: Wir würden gerne Leuchten entwerfen. Diese Technologie entwickelt sich sehr schnell und wäre eine neue Herausforderung für uns.

Simone Mandelli: Wenn wir ein neues Konzept erstellen, denken wir immer an eine Produktfamilie, die wir dann nach und nach vorstellen. Darüber hinaus führen wir regelmäßig interne Workshops durch, in denen wir ein Thema der Gestaltung auswählen, zu diesem recherchieren, skizzieren und 3D-Modelle erstellen. Viele der Ergebnisse sind noch Prototypen, wir haben also immer einige Ideen in der Schublade.

Anna Moldenhauer: Wir sitzen hier in eurem neuen Studio in Como. Was war euch beim Interior Design wichtig?

Michele Cazzaniga: Wir haben über einen längeren Zeitraum nach den passenden Räumen für unser Studio gesucht. Die meisten Immobilien waren sehr renovierungsbedürftig und auch in diesen Räumen mussten wir vieles verändern, wie die lachsfarbene Wand- und Deckenfarbe, die Simone gar nicht gefallen hat (lacht). Wir haben nun die meisten Flächen in Weiß gestrichen und indirekte Lichtquellen platziert. Somit kommen jetzt auch die traditionellen Mosaikfliesen der Böden gut zur Geltung. Die Aufteilung der beiden Räume in einem Meetingraum und unser eigentliches Büro, in dem wir gemeinsam an einem großen Tisch sitzen, ist für uns ideal. Trotz der geringen Größe des Studios können wir die Fläche flexibel nutzen.

Simone Mandelli: Parallel arbeiten wir auch oft in unserer Werkstatt in Brianza, in der wir unsere Prototypen entwickeln.

Robert Volhard: Die Designbranche verändert sich seit der Pandemie, auch die Bedeutung der Fachmessen. Was braucht es eurer Meinung nach aktuell?

Simone Mandelli: Wir brauchen mehr Möglichkeiten zusammenzukommen, zum Networking, denn die haben in den letzten drei Jahren sehr gefehlt. Aktuell trifft man sich vor allem in Mailand während des Salone del Mobile und der Mailänder Designwoche, aber all das, was man gerne besprechen möchte, ist in der Kürze der Zeit und mit einem ohnehin schon sehr vollen Programm kaum zu schaffen. Sprich die Kommunikation innerhalb der Designbranche und die Zirkularität von Ideen stockt derzeit. Als Kreative besteht unsere Freiheit darin, uns von vielen Seiten inspirieren zu lassen, uns auszutauschen und unterschiedliche Projekte zu bearbeiten. Wir müssen uns gemeinsam diese wichtige Voraussetzung für unsere Arbeit zurückholen.

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