Gesellschaftliche Wirkung entfalten
Anna Moldenhauer: Seit 2001 sind Sie CEO des DAC und setzen gemeinsam mit Ihrem Team in den Schauen einen Schwerpunkt auf Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel, Globalisierung und deren gesellschaftliche Auswirkungen. Warum ist Ihnen dieses Themenspektrum besonders wichtig?
Kent Martinussen: Mir geht es im Wesentlichen um zwei Dinge: Erstens um ein grundlegendes theoretisches bzw. erkenntnistheoretisches Verständnis der Frage: Welche Rolle spielt Architektur in der Gesellschaft? Wie verstehen wir Architektur als Teil der Gestaltung der Gesellschaft, einschließlich der Förderung jener grundlegenden Werte, auf denen sie beruhen muss, wie beispielsweise demokratische Werte? Unser Ansatz entspricht im Wesentlichen einer eher radikalen Version dessen, was ÖkonomInnen als universalistischen Wohlfahrtsstaat bezeichnen. Eine demokratische, universalistische Wohlfahrtsgesellschaft ist kein seltenes Phänomen, sondern ein bekanntes Modell. In vielerlei Hinsicht entspricht sie auch unserer Vision einer modernen europäischen Gesellschaft. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass Architektur bei ihrer zukünftigen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen sollte. Das ist die kurze Antwort darauf, warum wir uns in diesem Bereich engagieren.
Unsere Aktivitäten, Debatten und Bildungsprogramme – in der Stadt und darüber hinaus – konzentrieren sich darauf, wie Architektur sowohl heute als auch in Zukunft dazu beitragen kann, die von einer Gesellschaft vereinbarte Richtung mitzugestalten. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, warum Architektur für unsere Gesellschaft so wichtig ist. Wir sind überzeugt – und die europäische Tradition liefert dafür reichlich Belege –, dass Architektur und Stadtplanung, also die Gestaltung unserer bebauten Umwelt, wesentlich dazu beitragen, eine von gemeinsamen Grundwerten geleitete, kohärente Gesellschaft zu schaffen. In diesem Zusammenhang spielen die Ideen des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas eine wichtige Rolle, insbesondere seine Überlegungen zum Wert von Institutionen für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das einzigartige Modell, das vor etwa zwanzig Jahren geschaffen wurde: eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen dem Staat und einer zivilgesellschaftlichen, philanthropischen Organisation namens Realdania. Beide Partner stellen die Kernfinanzierung für die Einrichtung des DAC bereit. Auf der einen Seite steht die Zivilgesellschaft, auf der anderen der öffentliche Sektor – konkret das Parlament. Sie sind vereint durch die Überzeugung, dass Architektur eine aktive Rolle bei der fortlaufenden Gestaltung gesellschaftlicher Entscheidungen spielen sollte.
Ich möchte noch etwas hinzufügen: Seit vielen Jahren bin ich Mitglied des Vorstands der Internationalen Föderation der Architekturmuseen und -zentren. Vor einigen Jahren konzentrierten sich viele Architekturmuseen und -zentren eher darauf, Geschichte zu vermitteln, als sich an aktuellen gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Natürlich widmen auch wir uns der Geschichte; unsere ständige Nationalgalerie bietet zu diesem Zweck mit der Ausstellung "So Danish!" eine Ausstellungsfläche von etwa 300 Quadratmetern. Wir sind fest davon überzeugt, dass es wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen und zu bewahren. Der Großteil unserer täglichen Arbeit konzentriert sich jedoch auf die Frage, wie wir die Zukunft gestalten können. Dabei geht es in erster Linie um den Wandel von einer "schwarzen" zu einer "grünen" Wirtschaft – den Übergang zu nachhaltigeren Formen des Bauens und der Wirtschaftstätigkeit.
Mit anderen Worten: Sie setzen sich für eine Architektur ein, die einen Beitrag zur Gesellschaft leistet und Teil eines globalen Ökosystems werden kann. Derzeit scheint jedoch der Profit oft Vorrang vor dem Kreislaufdenken zu haben. Wie lässt sich das ändern?
Kent Martinussen: Der entscheidende Punkt ist, dass der Begriff "Politik" historisch auf jene Menschen im antiken Griechenland zurückgeht, die den Stadtstaat verwalteten. In diesem Sinne sind PolitikerInnen bis heute dafür verantwortlich, sich um die physische Umgebung der BürgerInnen zu kümmern. Wann immer neue politische Führungskräfte ihr Amt antreten, erinnern wir sie an diese Verantwortung. Wir möchten sie unterstützen, informieren und ihnen Argumente liefern, warum Architektur ein wichtiger Bestandteil politischer Entscheidungsfindung sein sollte. Deutschland hat, ähnlich wie wir es in Dänemark getan haben, kürzlich eine neue Architekturpolitik verabschiedet. Einige der Verantwortlichen standen in engem Kontakt mit den Entwicklungen, die wir hier vorangetrieben haben. Zu Ihrer Frage: Meiner Ansicht nach gibt es zwei zentrale Aufgaben – erstens müssen wir anerkennen, dass nur ein sehr kleiner Teil aller Bauvorhaben tatsächlich von Architekturschaffenden geplant wird. Die überwiegende Mehrheit wird unter Marktbedingungen durchgeführt. Das wirft unweigerlich die Frage nach der Regulierung auf. Architektur muss zu einem Thema werden, das BürgerInnen, WählerInnen und politische EntscheidungsträgerInnen gleichermaßen betrifft.
Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht daher darin, Architektur als gesellschaftlich relevantes Thema in den Vordergrund zu rücken. Natürlich ist es einfacher, über Einwanderung, Sozialversicherungssysteme oder andere politische Themen zu sprechen, die unmittelbar ins Auge fallen. Dennoch beobachten wir in Europa – insbesondere in Nordeuropa, etwa in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Schweden und Polen – eine bemerkenswerte Entwicklung: Nie zuvor in der Geschichte hat das Thema Bauen und Wohnen ein so breites öffentliches Interesse geweckt. Es gibt zahlreiche Medienformate, die sich mit Wohnen, Stadtentwicklung und Innenarchitektur befassen, und Zeitungen und Zeitschriften berichten heute deutlich mehr über Raumplanung und Umweltfragen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Der Klimawandel hat diesen Trend weiter beschleunigt und die Frage in den Vordergrund gerückt: Wie bauen wir eigentlich? Ein gutes Beispiel war der Deutsche Pavillon auf der 19. Internationalen Architekturausstellung in Venedig. Themen wie die Revitalisierung europäischer Städte, das Stadtklima und die Einbindung von Bäumen, Pflanzen und Wasser wurden dort eindrucksvoll präsentiert. Dies zeigt, wie Architektur und Stadtplanung einen direkten Einfluss auf den Alltag der Menschen haben. Für mich ist das der eigentliche Kern der Architektur.
Architektur wird oft auf ästhetische Fragen reduziert. Das ist zweifellos wichtig, denn wir Menschen sind nicht nur funktionale, sondern auch geistige Wesen. Städte sind Orte des Zusammenlebens, an denen wir uns gegenseitig bereichern und uns kulturell und sozial weiterentwickeln. Architektur hat daher sowohl eine praktische als auch eine kulturelle und soziale Dimension. Sie darf nicht als etwas verstanden werden, das ausschließlich denen vorbehalten ist, die es sich leisten können, einen Architekten zu beauftragen. Deshalb habe ich kein grundsätzliches Problem damit, dass viele Gebäude aus wirtschaftlichen Gründen errichtet werden. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob Werte vernachlässigt werden, die mit denselben finanziellen Mitteln ebenfalls geschaffen werden könnten. Letztendlich bedeutet Architektur, ein angemessenes Lebensumfeld für alle zu gestalten. Da wir überwiegend in Städten leben, müssen wir erkennen, dass Architektur ein enormes Potenzial hat, positive Beiträge zu leisten – nicht nur im Hinblick auf den Klimaschutz, sondern auch in Bezug auf Einsamkeit, soziales Wohlergehen, sozialen Zusammenhalt und wirtschaftliche Entwicklung.
Klimawandel, CO₂-Emissionen, Hitzewellen im Sommer und Kälteeinbrüche im Winter machen diese Themen für die Menschen unmittelbar greifbar. Plötzlich wird für sie hochrelevant, wie wir leben, wo wir leben und wie wir unsere Kinder großziehen. Deshalb halte ich dies für ein zentrales Thema in unserem gemeinsamen Arbeitsfeld. Es ist wichtig, dass alle Beteiligten – einschließlich der Architekturschaffenden selbst – verstehen, dass sie sich nicht als Randfiguren fühlen müssen, deren Arbeit unbemerkt bleibt. Das Gegenteil ist der Fall. Historisch gesehen war das öffentliche Interesse an Themen rund um das Bauen, das Wohnen und die gebaute Umwelt wahrscheinlich noch nie so groß wie heute. Es ist unsere Aufgabe, darauf konstruktiv einzugehen. Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie wir auf diesem Weg sowohl gesellschaftlichen Nutzen als auch Wohlstand schaffen können. Dänemark spielt bei dieser Entwicklung in Europa sozusagen eine besondere Rolle. Wir haben das Glück, auf eine Tradition zurückblicken zu können, die stark von der deutschen Moderne und französischen Ideen geprägt wurde. Dazu gehört vor allem die Vision, eine Wohlfahrtsgesellschaft zu schaffen, in der jeder Zugang zu einer guten, lebenswerten Wohnung oder einem geeigneten Zuhause hat. Diese Überzeugung ist bis heute tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Derzeit arbeiten wir an einer neuen Architekturpolitik für die nächsten sieben Jahre. Dies ist eine positive Entwicklung, und wir möchten andere Interessengruppen ausdrücklich einladen, sich an diesem Dialog zu beteiligen.
Dänemark gilt in vielerlei Hinsicht als Vorbild; die Architektur und Infrastruktur Kopenhagens haben neue Maßstäbe gesetzt. Die Stadt zeigt eindrucksvoll, wie eine lebenswerte städtische Zukunft aussehen kann. Zum Thema Ästhetik: Derzeit werden Stimmen laut, die argumentieren, dass nachhaltiges Bauen zwangsläufig auf Kosten der Attraktivität unserer Städte geht. Sie fordern eine Rückkehr zu den Architekturstilen des frühen 20. Jahrhunderts und behaupten, diese Gebäude hätten ihre Langlebigkeit und Qualität unter Beweis gestellt. Die Debatte wird zunehmend zum Schauplatz ideologischer Konflikte. Wie sehen Sie das?
Kent Martinussen: Meiner Ansicht nach kommt die schärfste Kritik von Menschen, die eine sehr konservative Sichtweise auf Architektur vertreten. Sie betrachten Architektur in erster Linie als Mittel zur Schaffung von Schönheit und schenken ihren sozialen oder politischen Dimensionen weniger Beachtung. Deshalb halte ich es für wichtig, genauer zu untersuchen, woher diese Positionen stammen. Handelt es sich tatsächlich um eine weit verbreitete gesellschaftliche Haltung? Oder sind es vor allem meinungsbildende JournalistInnen und KritikerInnen, die ein nur oberflächlich durchdachtes Verständnis von Architektur haben? Ein Argument, das ich in diesem Zusammenhang oft anführe, lautet: Jede Epoche definiert ihre ästhetischen Maßstäbe neu. Die Vorstellung, es habe einst ein ursprüngliches oder zeitloses Schönheitsideal gegeben, entspricht nicht der historischen Realität. Architektur befand sich schon immer im Wandel. Auf bestimmte Stile folgten neue Strömungen, die oft zunächst als befremdlich oder unästhetisch empfunden wurden, bevor sie als Norm akzeptiert wurden.
Heute wird nachhaltige Architektur von manchen auf ähnliche Weise kritisiert. Doch architektonische Entwicklungen waren schon immer das Ergebnis neuer technologischer Möglichkeiten, gesellschaftlicher Anforderungen und sich wandelnder Lebensweisen. Wandel ist Teil der Architekturgeschichte. Genau deshalb sollten wir – und insbesondere diejenigen, die in den Medien arbeiten – jede Aussage kritisch hinterfragen, die behauptet, etwas sei hässlich, nur weil es anders aussieht als das, was wir gewohnt sind. Für mich grenzt diese Art der Argumentation manchmal an Populismus. Es ist leicht, vor dem Neuen zu warnen und Unsicherheit zu schüren. Doch gesellschaftlicher Fortschritt entsteht oft gerade durch die Akzeptanz neuer Ideen, weil sie einen Mehrwert schaffen. So war es in der Vergangenheit, und so kann es auch heute sein. Nachhaltige Architektur kann gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, und genau deshalb sollten wir offen und differenziert darüber diskutieren. Die Debatten zeigen, wie fragil die Situation gerade jetzt in dieser Phase des Wandels ist. Die Menschen experimentieren und suchen nach neuen Lösungen für etablierte Modelle. Dadurch wirken viele Dinge zunächst ungewohnt, da wir uns auf eine neue Ära zubewegen. Ich stimme auch Ursula von der Leyen, der Präsidentin der Europäischen Kommission, zu, die sagte, dass es schwierig sein wird, die Menschen für Nachhaltigkeit zu gewinnen, wenn diese nicht als attraktiv und lebenswert wahrgenommen wird. Betrachtet man jedoch die historischen Entwicklungen, so stellt man fest, dass immer wieder ähnlicher Widerstand aufgekommen ist.
Viele Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen, wurden anfangs mit Skepsis betrachtet. Die Moderne beispielsweise brachte Konzepte hervor, die heute niemand mehr in Frage stellen würde: Wohnungen mit viel Tageslicht, funktionale Grundrisse oder neue Lebensstandards. Solche Veränderungen brauchen Zeit, um gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um den deutschen Politikwissenschaftler und Philosophen Jan-Werner Müller zu erwähnen: Er lehrt an der Princeton University in den USA, und eines seiner Bücher trägt den Titel Street, Square, Palace: On the Architecture of Democratic Spaces. Darin beschreibt er, wie Architektur und Stadtplanung in den letzten zweitausend Jahren eng mit der Entwicklung demokratischer Gesellschaften verbunden waren. Ich kann sein Werk wärmstens empfehlen.
Das 2018 fertiggestellte BLOX-Gebäude, in dem das Dänische Architekturzentrum untergebracht ist, war bereits während der Bauphase Gegenstand intensiver Debatten – insbesondere wegen seiner ungewöhnlichen Proportionen, die vom Architekturbüro OMA unter der Leitung von Rem Koolhaas entworfen wurden. Die Ausstellung "What the BLOX?" im DAC widmet sich dieser Debatte. Sie sind selbst Architekt. Wie beurteilen Sie das Gebäude und seine sehr markante Architektur?
Kent Martinussen: Natürlich bin ich in dieser Frage nicht ganz unvoreingenommen. Das Projekt entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, und Rem Koolhaas kam persönlich nach Kopenhagen, um das Konzept vorzustellen. Nachdem der Entwurf ausgewählt worden war, sagte er dem Auftraggeber sinngemäß: "Sie verfügen über die finanziellen Mittel, aber lassen Sie uns zunächst ein Jahr lang gemeinsam daran arbeiten, die Frage zu beantworten, wie ein Architekturzentrum des 21. Jahrhunderts aussehen sollte." Der Auftraggeber Realdania, eine Stiftung aus dem zivilgesellschaftlichen Sektor, unterstützte diesen Ansatz. Sie haben erwähnt, dass es viele Debatten über das Gebäude gab. Tatsächlich kam die schärfste Kritik von nur wenigen sehr prominenten KritikerInnen, von denen einige selbst Architekturschaffende waren. Meiner Ansicht nach haben sie jedoch einen entscheidenden Punkt übersehen: Sie zeigten wenig Interesse daran, warum das Gebäude so aussieht, wie es aussieht, und welche Funktionen es erfüllt. Sie konzentrierten sich in erster Linie auf sein äußeres Erscheinungsbild. Eine der zentralen Errungenschaften des Projekts war jedoch die Schaffung eines neuen öffentlichen Raums für die Stadt. Das Gebäude wurde bewusst als eine Art verdichtete Interpretation der Stadt Kopenhagen konzipiert. Man könnte sogar sagen, dass es wie eine Stadt im kleinen Maßstab funktioniert: BesucherInnen bewegen sich durch verschiedene Ebenen, Räume und Wege und erleben dabei vielfältige Formen urbaner Bewegung und Interaktion. Viele der damals geäußerten Kritikpunkte scheinen heute kaum noch relevant zu sein. Wir verfolgen die Nutzung des Gebäudes sehr genau, und die Ergebnisse zeigen, dass es den Menschen gefällt. Letztendlich ist das der wichtigste Maßstab. Sie machen sich die Räume auf ihre eigene Weise zu eigen, und genau das war eines unserer Ziele. Deshalb lautet meine Antwort: Wir sind sehr zufrieden mit diesem Gebäude. Natürlich verstehen wir, dass es in seinem historischen Kontext anfangs als relativ radikal wahrgenommen wurde. Schließlich handelt es sich um eine markante Stahlkonstruktion in einer Umgebung, die von anderen architektonischen Traditionen geprägt ist.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass Dänemark historisch stark von Deutschland beeinflusst wurde. Die Backsteinarchitektur und die damit verbundene Bautradition spielen hier bis heute eine wichtige Rolle. Dennoch haben sich die Architekten bewusst für einen anderen Ansatz entschieden, und das Gebäude funktioniert außerordentlich gut. Es ist nicht nur funktional und flexibel, sondern schafft auch ein einzigartiges Raumerlebnis. Wenn man sich darin bewegt, wird der Blick ständig auf andere Bereiche des Gebäudes gelenkt. Man sieht Menschen, die arbeiten, diskutieren oder Ausstellungen besuchen. Das verleiht dem Gebäude eine offene und lebendige Atmosphäre. Es ist kein traditionelles Museum, sondern ein äußerst anpassungsfähiger Raum. So haben wir beispielsweise im Sommer 2026 in unserem Hörsaal eine Einzelausstellung mit dem Titel "PLACE by Dorte Mandrup" veranstaltet – eine unserer dänischen Architektinnen. Die Räume lassen sich vielseitig nutzen und an neue Formate anpassen. Mit rund 300.000 BesucherInnen pro Jahr ziehen wir für ein Architekturzentrum eine außergewöhnlich hohe Besucherzahl an. Meines Wissens nach sind wir damit eine der meistbesuchten Einrichtungen dieser Art weltweit.
„Es ist leicht, vor dem Neuen zu warnen und Unsicherheit zu schüren. Doch gesellschaftlicher Fortschritt entsteht oft gerade durch die Akzeptanz neuer Ideen, weil sie einen Mehrwert schaffen. So war es in der Vergangenheit, und so kann es auch heute sein. Nachhaltige Architektur kann gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, und genau deshalb sollten wir offen und differenziert darüber diskutieren.“
Ich finde es besonders interessant, wie Sie das Gebäude und die Ausstellung miteinander verbinden, um aktuelle Entwicklungen hervorzuheben und neue Perspektiven zu eröffnen. Das passt gut zur Stadt Kopenhagen, wo internationale Ideen auf ganz einzigartige Weise mit lokalen Traditionen verbunden werden. BLOX ist zeitgemäß und gehört dennoch genau hierher.
Kent Martinussen: Vielen Dank; bei Ihrem Besuch beim DAC ist Ihnen etwas aufgefallen, das für uns sehr wichtig ist. Lassen Sie mich das erklären: Dänemark hat eine ganz besondere Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg traf das Land die bewusste Entscheidung, eine nordische Wohlfahrtsgesellschaft aufzubauen. Dies beruhte auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens: Wir zahlen hohe Steuern und erwarten im Gegenzug, dass diese Mittel in öffentliche Güter investiert werden: gute Schulen, hochwertige Seniorenwohnanlagen, Sozialwohnungen und eine hochwertige gebaute Umwelt.
Etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung leben in Sozialwohnungen. Viele dieser Wohnanlagen wurden von ArchitektInnen entworfen, sodass architektonische Qualität von Anfang an als Teil des sozialen Projekts verstanden wurde. Dies unterscheidet Dänemark deutlich von Deutschland – nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch wegen seiner föderalen Struktur. Die politischen und kulturellen Rahmenbedingungen in Bayern, Hamburg oder anderen Regionen Deutschlands unterscheiden sich erheblich von denen in einem kleinen Land wie Dänemark. So konnte sich in Dänemark ein Konsens entwickeln, der das Land gewissermaßen zu einem Testfeld oder Prototyp für bestimmte städtebauliche und soziale Ansätze gemacht hat. Wir müssen sicherlich anerkennen, dass viele dieser Erfahrungen nicht eins zu eins auf größere Länder übertragbar sind. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Diese erforschen wir beispielsweise seit etwa zwanzig Jahren in Zusammenarbeit mit Partnern in Singapur. Natürlich unterscheiden sich die Länder in vielerlei Hinsicht, doch sie teilen die Erfahrung, mit einer vergleichsweise kleinen Bevölkerung zu arbeiten. Dies bietet die Möglichkeit, Entwicklungen schneller umzusetzen und neue Ansätze zu erproben.
Betrachtet man dann konkrete Projekte in unseren Städten, stellt man fest, dass viele räumliche Lösungen tatsächlich übertragbar sind. Dies gilt für Themen wie Straßengestaltung, die Nutzung öffentlicher Räume, Wasserwirtschaft und Fahrradinfrastruktur. Diese Lösungen lassen sich jedoch nicht einfach kopieren. Entscheidend sind die politischen Rahmenbedingungen. Es reicht nicht aus, eine gute Idee zu identifizieren und sie an anderer Stelle umzusetzen. Man braucht politische Unterstützung, die Bereitschaft, die notwendigen Mittel bereitzustellen, und gleichzeitig die Einbindung der Privatwirtschaft. Eine der großen Stärken Dänemarks liegt daher in dem, was wir die "Triple Helix" nennen: der engen Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor, der Politik und der Privatwirtschaft. Ohne dieses Zusammenspiel wäre vieles von dem, was heute als das dänische Erfolgsmodell wahrgenommen wird, nicht möglich gewesen. Dieses Modell funktioniert jedoch nur, wenn die Menschen bereit sind, die damit verbundenen Kosten zu tragen. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass die Kaufkraft des Einzelnen alle gesellschaftlichen Herausforderungen löst. Genau darin unterscheidet sich unser Ansatz von anderen Modellen. US-AmerikanerInnen scherzen manchmal darüber, wenn sie hören, wie hoch unsere Steuereinnahmen sind und wie viel davon in öffentliche Dienstleistungen fließt. Gelegentlich bezeichnen sie dies als eine Art "sanften Sozialismus". Das trifft jedoch nicht zu. Es handelt sich um ein kooperatives, konsensorientiertes Sozialmodell. Viele der Lösungen, die wir entwickelt haben, sind grundsätzlich übertragbar. Nehmen wir zum Beispiel Deutschland: Dort gibt es Millionen von Wohnungen, die energetisch saniert werden müssen. Die Herausforderungen sind vergleichbar, aber die Rahmenbedingungen sind unterschiedlich.
Das Programm des DAC war und ist sehr erfolgreich. Worin liegt der Schlüssel dazu?
Kent Martinussen: Zunächst einmal richten wir unsere Aktivitäten nicht an ein Fachpublikum. Unsere Ausstellungen, Veranstaltungen und Debatten richten sich an die breite Öffentlichkeit. Viele Architekturinstitutionen verstehen sich in erster Linie als Treffpunkte für die Branche. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, aber wir möchten so viele Menschen wie möglich erreichen und einbinden, um Veränderungen zu bewirken. Deshalb investieren wir einen großen Teil unserer Ressourcen in die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Uns interessieren die Themen, die den Menschen am Herzen liegen. Wenn BesucherInnen uns signalisieren, dass bestimmte Themen mehr Aufmerksamkeit verdienen, nehmen wir das ernst. Wir möchten, dass die Öffentlichkeit aktiv an der Diskussion teilnehmen kann, weshalb unsere Ausstellungen bewusst so gestaltet sind, dass sie für alle zugänglich sind. Wir verzichten weitgehend auf langatmige Einführungen oder umfangreiche theoretische Texte. Unserer Erfahrung nach möchten die meisten BesucherInnen direkt in die Ausstellung eintauchen und die Themen hautnah erleben. Darauf reagieren wir mit unserer Ausstellungsgestaltung. Unser Ziel ist es, diejenigen zu erreichen, die bisher wenig mit diesen Themen in Berührung gekommen sind oder deren Relevanz noch nicht erkennen. Wir sehen dies als wesentlichen Bestandteil unseres Auftrags an.
Im Rahmen des Bildungsprogramms werden die BesucherInnen daher dazu angeregt, auf eigene Faust zu entdecken, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu erkennen. Meiner Erfahrung nach ist es gerade die aktive Auseinandersetzung mit architektonischen Themen, die einen Museumsbesuch besonders unvergesslich macht. Inwieweit trägt die Architektur des DAC dazu bei?
Kent Martinussen: Das DAC wurde als kompakte Stadt konzipiert; es ist ein Mikrokosmos, in dem verschiedene Funktionen des städtischen Lebens zusammenlaufen: Arbeitsplätze, Wohnraum, Restaurants, kulturelle Angebote, Betreuungseinrichtungen und verschiedene Formen der Mobilität. Die meisten architektonischen Erlebnisse funktionieren genau umgekehrt, da Funktionen in der Regel auf verschiedene Gebäude verteilt sind: Ein Museum ist ein Museum, ein Bürogebäude ist ein Bürogebäude und ein Wohngebäude ist ein Wohngebäude. Die Alte Pinakothek in München beispielsweise ist eindeutig als Museum konzipiert. Im DAC wurden die verschiedenen Bereiche bewusst miteinander verwoben. Wir möchten, dass die Menschen das Gefühl haben, sich durch eine Art Kleinstadt zu bewegen. Die Menschen nutzen das DAC sowohl als vorübergehenden Arbeitsplatz als auch für Familienausflüge. Es gibt eine Kindertagesstätte und ein Fitnessstudio. All diese Nutzungen existieren Seite an Seite und bilden einen lebendigen, urbanen Kontext. BesucherInnen aus den USA sind davon oft besonders überrascht, da sie noch nie ein Museumsgebäude erlebt haben, in dem neben der Ausstellung auch andere Einrichtungen integriert sind. Dies ist jedoch eine bewusste gestalterische Entscheidung, da das Gebäude vielfältige räumliche Erlebnisse ermöglichen soll. Einige Bereiche orientieren sich beispielsweise an den Proportionen historischer städtischer Räume, was für zeitgenössische Gebäude eher ungewöhnlich ist. Diese unterschiedlichen Raumtypen sind ein integraler Bestandteil des architektonischen Konzepts und sollen ein architektonisches Erlebnis vermitteln. Rem Koolhaas hat einmal gesagt, dass das Gebäude selbst bereits eine Ausstellung über Architektur sei. Ich halte das für eine treffende Beschreibung. Man könnte das Gebäude sogar besuchen, ohne eine einzige Ausstellung zu sehen, und dennoch etwas über Architektur lernen. Das Gebäude ist eine kleine Stadt. Wer sich darauf einlässt, wird diesen Ort anders erleben als ein traditionelles Museum.
In den Anfangsjahren Ihrer Karriere in den 1990er Jahren gründeten Sie das Studio Chiasmos, ein experimentelles Forum für junge Fachleute, dessen Schwerpunkt auf anpassungsfähigen Umgebungen und neuen Formen der gemischtgenutzten Bebauung lag. Ein Entwurf für ein gemischt genutztes Wohn- und Geschäftsgebäude auf der Insel Dokøen in Kopenhagen wurde zudem auf der Biennale 1996 ausgestellt. Zu jener Zeit war es in der Architektur noch ungewöhnlich, einen derart ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen. Deshalb interessiert es mich, warum Sie sich gerade für dieses Thema entschieden haben. Rückblickend erscheint es sehr zukunftsweisend.
Kent Martinussen: In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat mir diese Frage tatsächlich noch niemand gestellt. Ich bin beeindruckt. Wie sind Sie darauf gekommen?
Um das herauszufinden, muss man sich eingehend mit der Materie befassen.
Kent Martinussen: Offensichtlich. Vielen Dank dafür. Es freut mich sehr, dass Sie sich so intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Als ich jung war, ging man nach Paris, um Architektur zu studieren. Dort bin ich zum ersten Mal mit philosophischen Debatten in Berührung gekommen, insbesondere mit den Ideen von Jürgen Habermas. Das hat mich nachhaltig geprägt. Mir wurde klar, dass es einen engen Zusammenhang zwischen theoretischem Denken und künstlerischem Ausdruck gibt. Auch führende Architekturschaffende wie Mies van der Rohe setzten sich mit diesen Fragen auseinander. Sie verstanden Architektur nicht nur als Entwurf von Gebäuden, sondern als Teil eines größeren kulturellen und gesellschaftlichen Kontexts. Diese Überzeugung prägte später auch meine eigene Arbeit und meine Lehrtätigkeit. Zu jener Zeit befand sich die Architekturszene in einer schwierigen Lage. Es wurde nur sehr wenig gebaut, viele Institutionen hatten mit finanziellen Problemen zu kämpfen, und die Möglichkeiten für junge ArchitektInnen waren begrenzt. Deshalb entwickelten wir unsere eigenen Projekte und versuchten, unsere Ideen durch Experimente weiterzuentwickeln. Aus diesem Geist heraus entstand das Chiasmos-Studio – oder, wie man es auch nennen könnte, ein experimentelles Labor.
Ziel war es, neue Ansätze für die Architektur zu entwickeln und philosophische Fragen mit räumlichen Konzepten zu verknüpfen. Ein zentrales Thema war die Beziehung zwischen Mensch, Natur und der gebauten Umwelt. Uns interessierte, wie Architektur auf langfristige Veränderungen reagieren kann und welche Rolle sie bei der Gestaltung zukünftiger Lebensweisen spielt. Wenn man sich die Arbeiten aus dieser Zeit genauer ansieht, fällt auf, dass viele dieser Ideen bereits darin enthalten waren. Es ging um die Topografie Kopenhagens, ihre Beziehung zum Meer und langfristige Entwicklungsprozesse. Wir betrachteten Architektur als Teil einer langen historischen Kontinuität. Gleichzeitig wollten wir verstehen, wie diese Geschichte in die Zukunft getragen werden könnte. Das ist wahrscheinlich die kürzeste Antwort auf Ihre Frage. Damals stellten wir uns vor, dass in Zukunft größere und komplexere Strukturen entstehen würden. Wir waren jung und konnten noch nicht genau wissen, wohin die Reise gehen würde. Hinzu kam, dass nach unserem Abschluss 1989 jahrelang tatsächlich nur sehr wenig gebaut wurde. In den folgenden zehn Jahren existierten viele unserer Ideen zunächst nur auf dem Papier. Es waren konzeptionelle Projekte, Visionen und Entwürfe für mögliche Zukünfte. Rückblickend gaben uns diese Projekte die Gelegenheit, architektonische Fragen weiter zu ergründen, auch wenn die praktischen Umsetzungsmöglichkeiten damals sehr begrenzt waren. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die diesen Projekten zugrunde liegende soziale Struktur. Sie bildete den Kern unserer Arbeit.
Wir haben uns nie dogmatisch auf eine bestimmte Lösung festgelegt, aber viele der Ideen, die wir damals entwickelt haben, wurden später tatsächlich umgesetzt. Manche Konzepte wurden erst zehn oder fünfzehn Jahre später realisierbar, als die technischen, wirtschaftlichen oder politischen Voraussetzungen dafür geschaffen waren. Darüber freue ich mich natürlich sehr. Für mich war es immer entscheidend, darüber nachzudenken, wie Architektur und Stadtplanung in größerem Maßstab zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können. Damals war in der Baubranche wenig los, weshalb wir uns mehr auf theoretische und konzeptionelle Arbeit konzentrierten. Interessanterweise waren es genau diese Überlegungen, die später Aufmerksamkeit erregten. PolitikerInnen und andere EntscheidungsträgerInnen erkannten darin neue Ansätze und fragten sich: "Wer ist dieser Architekt, der solche Ideen entwickelt?" Auf diese Weise entstanden nach und nach neue Aufgaben, Rollen und Positionen in verschiedenen Organisationen. Letztendlich ist es dieser Weg, der mich dazu geführt hat, heute hier zu sein.
Sie sind nach wie vor als Dozent tätig. Welche Herausforderungen sehen Sie für die jüngere Generation von Architekturschaffenden? Gibt es bestimmte Ideen oder Themen, auf die sie sich besonders konzentrieren sollten? Und was versuchen Sie selbst, ihnen zu vermitteln?
Kent Martinussen: Ich unterrichte heute weniger als früher, vor allem aus Zeitgründen. Dennoch beschäftige ich mich weiterhin intensiv mit diesen Fragen. Wir haben kürzlich eine von Wilke durchgeführte Fachumfrage in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie groß das Interesse der Öffentlichkeit an Architektur tatsächlich ist. Zunächst haben wir die Befragten gefragt, ob sie sich generell für Architektur interessieren. Etwa 30 Prozent antworteten mit "Ja". Das ist bereits ein beachtlicher Anteil. Anschließend erklärten wir genauer, was wir unter Architektur verstehen: Infrastruktur, Mobilität, öffentlicher Nahverkehr, Regenwassermanagement, Klimaanpassung, öffentliche Räume und Wohnungsbau. Als wir Architektur in diesem breiteren gesellschaftlichen Kontext beschrieben, stieg das Interesse auf etwa 60 Prozent. Genau das ist mein Punkt. Junge ArchitektInnen sollten nicht der weit verbreiteten Annahme glauben, dass die Öffentlichkeit kein Interesse an Architektur und Politik hat. Unsere Erfahrung zeigt das Gegenteil. Ähnliche Ergebnisse wurden auch in Norwegen erzielt, wo eine vergleichbare Studie durchgeführt wurde und die Menschen gefragt wurden, welche Eigenschaften sie in der Architektur für besonders wichtig hielten. Die häufigsten Antworten waren: Funktionalität, Nachhaltigkeit und Schönheit. Das finde ich bemerkenswert. Im Wesentlichen entspricht dies den Prinzipien, die der Architekt, Ingenieur und Architekturtheoretiker Vitruv bereits vor rund zweitausend Jahren beschrieben hat. Die Menschen interessieren sich sehr wohl für Architektur und deren Auswirkungen auf den Alltag. Die Bedeutung einer klaren Kommunikation ist daher immens, und Ausstellungen, die verdeutlichen, wie eng Architektur mit ihrem täglichen Leben verbunden ist, sollten idealerweise als Wanderausstellungen durch Museen touren.
Gleichzeitig vertreten viele Architekturhochschulen nach wie vor eine sehr traditionelle Sichtweise auf den Beruf; Architektur wird manchmal als das Werk einzelner Genies dargestellt. Ich halte diese Sichtweise für überholt. Architektur entsteht fast immer im Rahmen komplexer Kooperationen. Sie ist Teamarbeit und bezieht zahlreiche AkteurInnen mit ein: öffentliche Institutionen, private InvestorInnen, IngenieurInnen, PlanerInnen, NutzerInnen und politische EntscheidungsträgerInnen. Junge ArchitektInnen sollten daher lernen, in solchen Kontexten zu denken und zu arbeiten. Sie sollten verstehen, wie komplex die Prozesse sind, die der Entstehung von Gebäuden und Städten zugrunde liegen.
Ein weiterer Punkt wird oft unterschätzt: Wie viel unserer bebauten Umwelt wird jedes Jahr neu errichtet? Vielen Menschen sind die Zahlen nicht bekannt. Tatsächlich wächst der Gebäudebestand in Europa jährlich nur um einen sehr geringen Prozentsatz. Die überwiegende Mehrheit der Gebäude, in denen wir in Zukunft leben werden, existiert bereits heute. Daher besteht die entscheidende Aufgabe nicht im Neubau, sondern in der Umgestaltung des Bestehenden. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit auf die bereits vorhandene bebaute Umwelt richten. Dort werden wir auch in den nächsten hundert oder zweihundert Jahren weiterhin leben. Deshalb müssen wir uns fragen: Wie können wir bestehende Gebäude verbessern, sie an neue Anforderungen anpassen und nachhaltiger gestalten? Der erhebliche Modernisierungs- und Sanierungsbedarf stellt eine der größten Herausforderungen für die nächste Generation von Architekturschaffenden dar. Die Zukunft der Architektur wird daher nicht nur darin bestehen, neue Bauwerke zu entwerfen, sondern vor allem darin, bestehende Gebäude intelligent umzugestalten, weiterzuentwickeln und an die gesellschaftlichen und klimatischen Herausforderungen unserer Zeit anzupassen. Wenn man gesellschaftlich etwas bewirken will, erreicht man dies nicht unbedingt durch den Entwurf eines spektakulären Einzelprojekts, das nur von wenigen Menschen wahrgenommen wird. Die größte Wirkung entsteht, wenn bestehende Gebäude, Bauwerke und städtische Räume verbessert, weiterentwickelt und neu gedacht werden. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Dies ist besonders bemerkenswert, da sich die Branche stark auf das Neue konzentriert. Neue Gebäude, neue Entwürfe und neue Projekte stehen in der Regel im Mittelpunkt des Interesses.
Kent Martinussen: Und natürlich spielen auch die Medien dabei eine Rolle.
Ja, auf jeden Fall. Aktualität, eine große Reichweite und die ständige Erzeugung von Aufmerksamkeit sind für unsere Arbeit wichtig, angesichts der Mechanismen des Mediensystems und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen wir agieren. Dies begünstigt zwangsläufig die Suche nach dem Neuen. Gleichzeitig wissen wir – auch über die Medien hinaus –, dass eine einseitige Ausrichtung der langfristigen Perspektive nicht dienlich ist. Der Wert und die Entwicklung, die ein auf Bestehendem aufbauendes Projekt ermöglichen kann, sind ebenso bedeutend. Dieses Gleichgewicht zu finden, ist eine Herausforderung für die gesamte Branche.
Kent Martinussen: Das ist eine interessante Beobachtung. Ich glaube, diese Haltung hängt auch mit dem modernistischen Denken zusammen, das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat. Damals war es das Ziel, eine neue Zukunft aufzubauen. Angesichts der Zerstörungen des Krieges stand der Fortschritt im Mittelpunkt. Heute befinden wir uns jedoch in einer anderen Situation. In den vergangenen siebzig Jahren haben wir ein neues Europa aufgebaut. Die entscheidende Aufgabe unserer Zeit besteht nicht mehr darin, immer mehr Neues zu schaffen, sondern das bereits Vorhandene weiterzuentwickeln und umzugestalten. Wir müssen uns fragen: Wie gehen wir mit dem um, was bereits da ist?
Ihre Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Gibt es einen Wunsch oder ein Ziel, das Sie im Bereich der Architektur, im Museum oder in Ihren anderen Tätigkeitsfeldern noch erreichen möchten?
Kent Martinussen: Um ehrlich zu sein, diese Frage geht mir regelmäßig durch den Kopf. In ein paar Jahren könnte ich theoretisch in den Ruhestand gehen. Warum mache ich weiter? Ein Ziel ist es tatsächlich, die Besucherzahlen weiter zu steigern. Wenn wir etwa doppelt so viele Menschen erreichen würden wie heute, hätten wir das Potenzial dieser Einrichtung voll ausgeschöpft und den gesellschaftlichen Beitrag gerechtfertigt, den öffentliche und private Partner in sie investiert haben.
Das mag vielleicht etwas altmodisch klingen, aber ich habe viele Menschen davon überzeugt, in dieses Gebäude und diese Einrichtung zu investieren. Deshalb fühle ich mich in der Verantwortung zu zeigen, dass sich diese Investition gelohnt hat. Doch etwas anderes ist noch wichtiger. Politische Mehrheiten wechseln, Regierungen kommen und gehen, und Prioritäten verschieben sich. Einrichtungen müssen in der Lage sein, solche Veränderungen zu überstehen. Deshalb mache ich mir viele Gedanken darüber, wie die langfristige Stabilität und Unabhängigkeit dieser Einrichtung gesichert werden kann. Das Ziel ist es, sicherzustellen, dass dieser Ort auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch existieren wird. Die Nachhaltigkeit von Institutionen ist genauso wichtig wie die Nachhaltigkeit von Gebäuden. In diesem Zusammenhang denke ich oft über Jürgen Habermas’ Gedanken zur Bedeutung stabiler gesellschaftlicher Institutionen nach. Mein persönliches Ziel ist es daher, dazu beizutragen, dass diese Institution langfristig Bestand hat und ihre Arbeit fortsetzen kann.
Darüber hinaus gibt es eine weitere Entwicklung, die mir sehr am Herzen liegt: Natürlich verstehen wir uns als nationales Architekturzentrum. Wir organisieren Ausstellungen, betreuen den dänischen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig und entwickeln zahlreiche lokale Programme. Gleichzeitig haben wir in den letzten Monaten unsere digitale Präsenz grundlegend ausgebaut. Wir haben unsere Website neu gestaltet und ein digitales DAC-Magazin ins Leben gerufen, zu dem wir Autoren und die Öffentlichkeit aktiv zur Mitwirkung einladen. Die Grundidee dahinter ist einfach: Wir wollen Architektur nicht nur denjenigen zugänglich machen, die nach Kopenhagen kommen und Eintritt zahlen können. Wir wollen hochwertige Inhalte, Wissen und Debatten einem viel breiteren Publikum zugänglich machen. Die ersten Ergebnisse sind sehr positiv. Unsere digitale Reichweite wächst deutlich, und wir erreichen bereits ein Publikum, das weit über unsere Gäste vor Ort hinausgeht. Deshalb würde ich sagen, dass mein nächstes großes Ziel darin besteht, Architektur nicht nur durch physische Ausstellungen, sondern auch über digitale Plattformen zu vermitteln. Dort liegt das größte Potenzial, Menschen zu erreichen und gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.



















