Der Blick von oben
Anna Moldenhauer: Ihre erste Kamera haben Sie von Ihrem Vater bekommen, der Schulleiter war. Sie haben also sehr früh begonnen, Ihre Umgebung zu dokumentieren. Seit den achtziger Jahren arbeiten Sie als freier Architektur- und Städtefotograf. Was begeistert Sie bis heute daran?
Hans Georg Esch: Tatsächlich habe ich bereits mit etwa zwölf Jahren begonnen meine Heimat zu fotografieren, weil mein Vater für die Vermittlung im Unterricht Bilder von Schlössern, Burgen, Brücken und Fachwerkhäusern im Rheinland benötigte. Mich hat die Fotografie sofort fasziniert. Später absolvierte ich eine klassische Ausbildung im Porträtbereich, doch die Architektur hat mich nie losgelassen. Mich interessiert die gebaute Umwelt und vor allem die Frage, wie man sie sichtbar machen kann. Durch meine Arbeit bin ich in gewisser Weise zu einem Zeitzeugen geworden. Zu Beginn habe ich viel für die Glasindustrie gearbeitet und große Projekte wie den Messeturm fotografiert. Diese Bilder wurden international von Architekten wie Helmut Jahn und Bill Patterson wahrgenommen und aus dem Austausch mit ihnen ergaben sich weitere Aufträge. Infolgedessen konnte ich Entwicklungen wie die Urbanisierung in China mit der Kamera unmittelbar miterleben. Diese Erfahrungen haben meinen Blick nachhaltig geschärft. Bis heute treibt es mich an, Bilder zu schaffen, die überraschen und neue Perspektiven eröffnen.
Abgesehen von der Architektur der Millionenstädte haben Sie die archäologische Stätte Pompeji fotografiert, die bereits unzählige Male abgebildet wurde. Wie nähert man sich einem solchen Motiv neu?
Hans Georg Esch: Mir wurde schnell klar, dass die meisten Aufnahmen von Pompeji reine Dokumentationen der Ausgrabungen sind, technisch perfekt, aber immer aus derselben Perspektive. Kaum jemand betrachtet die Stadt als Ganzes. Genau dort habe ich angesetzt. Mithilfe der Drohne und aus ungewöhnlichen Blickwinkeln konnte ich Pompeji als urbane Struktur sichtbar machen. Dabei war es wichtig, zu Zeiten zu fotografieren, in denen möglichst wenige Menschen vor Ort sind. Das Ergebnis war selbst für die Verantwortlichen überraschend, und daraus entstand eine Dauerausstellung. Im Grunde habe ich meinen Blick aus den modernen Städten auf die Antike übertragen.
Dieser architektonische Blick zieht sich durch Ihre gesamte Arbeit, wie hinsichtlich der Aufnahmen des Kölner Doms.
Hans Georg Esch: Ja, auch dort geht es mir darum, neue Perspektiven zu finden. Der Dom gehört zu den meistfotografierten Bauwerken überhaupt. Durch den Einsatz der Drohne konnte ich Ansichten zeigen, die zuvor kaum möglich waren. Es geht mir nicht nur darum, das Gebäude abzubilden, sondern seine Beziehung zur Stadt sichtbar zu machen.
Köln spielt in Ihrer Arbeit generell eine große Rolle. Was fasziniert Sie an dieser Stadt?
Hans Georg Esch: Köln ist für mich Heimat, und natürlich prägen der Dom, die Lage am Rhein, die Brücken und die große architektonische Vielfalt mein Interesse. Ich habe dort mehrere Projekte realisiert, unter anderem zur Brückenlandschaft. Es ist mir wichtig, nicht nur weltweit unterwegs zu sein, sondern auch in der eigenen Region relevante Themen zu entdecken.
Die Kuration Ihrer aktuellen Ausstellung "Hans Georg Esch · Der architektonische Blick · epochal – global" im MAKK arbeitet mit Gegenüberstellungen. Worum geht es?
Hans Georg Esch: Wir zeigen Gebäude aus unterschiedlichen Kontexten im Dialog, wobei formale und architektonische Gemeinsamkeiten im Vordergrund sind. Dadurch entstehen neue Bezüge zwischen Orten, die geografisch weit auseinanderliegen. Diese Gegenüberstellungen eröffnen neue Sichtweisen und lassen Zusammenhänge sichtbar werden, die zuvor nicht offensichtlich waren.
Ihre Bilder haben eine starke Präsenz. Wann ist ein Bild für Sie ikonisch?
Hans Georg Esch: Das entscheiden die Betrachterinnen und Betrachter. Für mich kommt es darauf an, den richtigen Moment zu treffen, wobei das Licht eine zentrale Rolle spielt. Ich arbeite bewusst ohne Manipulation und erzeuge die gewünschten Stimmungen bereits in der Aufnahme, nicht durch nachträgliche Veränderungen. Authentizität ist für mich sehr wichtig.
Warum ist der subjektive Blick in der Architekturfotografie entscheidend?
Hans Georg Esch: Weil Vielfalt notwendig ist, denn wenn alle auf dieselbe Weise fotografieren würden, wäre das wenig spannend. Ich sehe meine Aufgabe darin, Aspekte herauszuarbeiten, die über eine reine Dokumentation hinausgehen. Häufig entstehen die interessantesten Bilder gerade dann, wenn sie sich nicht planen lassen.
Sie arbeiten seit vielen Jahren eng mit Architekturbüros wie christoph ingenhoven architects oder gmp Architekten zusammen. Was zeichnet diese Zusammenarbeit aus?
Hans Georg Esch: Es handelt sich um einen kontinuierlichen Austausch, aus dem sich mit der Zeit ein gemeinsames Verständnis für Architektur entwickelt hat. So entstehen Bilder, die ein Projekt prägen und oft dessen Wahrnehmung bestimmen. Das funktioniert nur auf der Grundlage von Vertrauen und über einen längeren Zeitraum hinweg, denn meist sind es final nur ein oder zwei Aufnahmen, die ein Gebäude wirklich charakterisieren.
Sie arbeiten parallel mit dem Medium Film. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Hans Georg Esch: Wir gehörten zu den Ersten, die sich intensiv mit Architekturfilm beschäftigt haben, unter anderem in Zusammenarbeit mit gmp Architekten und meinem ehemaligen Mitarbeiter Prof. Oliver Schwabe, der inzwischen an der FH Dortmund im Studiengang "Film" lehrt. Das Medium eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, weil man Räume in Bewegung zeigen und Zusammenhänge anders vermitteln kann. Wichtig ist jedoch, nicht einfach nur Fotografien zu animieren.
Sie waren immer offen für neue Technologien und haben unter anderem eine digitale Plattenkamera entwickelt. Zudem gelten Sie als einer der ersten Architekturfotografen in Deutschland, der digital gearbeitet hat. Haben die Technologien Ihren Blick verändert?
Hans Georg Esch: Wir haben zudem gemeinsam mit Leica eine der ersten Drohnen konstruiert. Meine Sichtweise als solche bleibt bestehen, aber die Arbeitsweise hat sich deutlich verändert. Die Digitalisierung hat viele Prozesse schneller und spontaner werden lassen. Sie ist heute eines meiner wichtigsten Werkzeuge, da sie Perspektiven ermöglicht, die früher kaum erreichbar waren, besonders in großen Städten. Sie erlaubt Flexibilität mit kürzeren Belichtungszeiten und unterschiedlichen Farbtemperaturen. Ich bezeichne sie gern als eine Art Luftstativ, das überall einsetzbar ist. Natürlich erfordert der Einsatz auch Erfahrung und gute Vorbereitung. In manchen Städten wie Peking ist das Fliegen mit Drohnen zudem streng reglementiert, doch selbst dann finden sich Wege. Für ein Projekt dort haben wir beispielsweise mit dem Militär zusammengearbeitet. Generell fliege ich die Drohne nicht, sondern steuere parallel die Kamera. Entscheidend ist daher, dass die Drohnenpiloten hervorragend ausgebildet sind und über viel Flugerfahrung verfügen.
Wie funktioniert das Zusammenspiel von subjektiven Blick und Teamarbeit?
Hans Georg Esch: Mit vielen Personen aus meinem Team arbeite ich seit Jahren zusammen, sie kennen meine Arbeitsweise sehr genau. Gleichzeitig bringen jüngere Kolleginnen und Kollegen neue Impulse ein, insbesondere im technologischen Bereich. Diese Kombination empfinde ich als äußerst bereichernd.
Darüber hinaus ist die Architektur Ihres Studios in Hennef ist besonders: Entworfen von Nebel Pössl Architekten nimmt der Bau die Stufen des Hanges auf. War war die Idee?
Hans Georg Esch: Das Gebäude sollte sich harmonisch in das Grundstück einfügen und zugleich funktional sein. Licht, Raum und klare Arbeitsabläufe spielen für die Arbeit im Studio die zentrale Rollen. Ebenso wichtig war mir eine Atmosphäre der Offenheit, sowohl räumlich wie im Hinblick auf die Zusammenarbeit. Es sollte ein Ort entstehen, der Ruhe bietet und gleichzeitig inspiriert.
Welche Orte stehen noch auf Ihrer Wunschliste?
Hans Georg Esch: Es gibt noch viele Ziele, darunter die persische Architektur in der Stadt Isfahan im Iran. Aufgrund der aktuellen Situation ist es jedoch derzeit schwierig, dort zu fotografieren.
Auch Ihre Fotografien im Design sind originell, etwa für den Leuchtenhersteller Artemide oder den Teppichbodenhersteller Carpet Concept. Worauf kommt es Ihnen an?
Hans Georg Esch: Ich versuche stets, etwas Eigenständiges zu entwickeln. Es geht mir nicht um eine klassische Produktfotografie, sondern um die Sichtbarkeit von neuen Zusammenhängen. So entstehen unerwartete und außergewöhnliche Bilder.
Woran arbeiten Sie aktuell?
Hans Georg Esch: Zurzeit arbeiten wir an einem Buch über den Kölner Dom, an einer Serie zur Sagrada Família in Barcelona sowie an einem Projekt über religiöse Architektur weltweit. Darüber hinaus bereiten wir mehrere Ausstellungen vor. Es bleibt also viel zu tun.
Hans Georg Esch · Der architektonische Blick· epochal - global
11 Juni bis – 27. September 2026
Eröffnung: 10. Juni, 19 Uhr
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr
Montags geschlossen
1. Donnerstag im Monat 10-22 Uhr, außer an Feiertagen
MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln
An der Rechtschule 7
50667 Köln
Telefon: +49 (0)221 221 238 60













