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FEATURED
Der Schattenspender

Für Kvadrat Shade, die jüngste Marke des dänischen Textilspezialisten Kvadrat, haben Erwan und Ronan Bouroullec ein völlig neues Verschattungssystem entwickelt. Im Interview erklärt uns Erwan Bouroullec das Designkonzept dahinter.
Text von Fabian Peters, Fotos von James Stokes | 24.03.2020

Unter dem Label Kvadrat Shade haben Du und Dein Bruder Ronan ein völlig neues Sonnenschutzsystem entwickelt. Wie kommt es, dass sich der Textilspezialist Kvadrat nun auch für technische Systeme begeistert?

Erwan Bouroullec: Die Idee für ein solches Produkt gab es bereits seit Längerem bei Kvadrat. Wir selbst kamen etwa vor vier Jahren erstmals mit dem Projekt in Berührung. Vor knapp zwei Jahren ist Kvadrat dann eine Partnerschaft mit dem niederländischen Unternehmen Coulisse, einem Spezialisten für Verschattungssysteme, eingegangen. Das war im engeren Sinne der Startschuss für Kvadrat Shade.

Welche Aufgabe habt Ihr bei diesem Joint Venture?

Erwan Bouroullec: Auch wenn wir es selbst nicht so nennen, ist unser Aufgabenprofil in etwa das eines Artdirectors. Dieses Gemeinschaftsprojekt ist eine ganz neue Erfahrung für uns. Normalerweise entwerfen wir Produkte für existierende Firmen mit einer vorhandenen Produktpalette. Bei Kvadrat Shade war das anders. Es gab noch gar nichts: Keine Organisation, keine Produkte, keine Ausrichtung. Wir mussten und müssen alles von Grund auf neu schaffen.

Wie herausfordernd ist es, ein Produkt zu entwerfen, dass man im Idealfall kaum wahrnimmt?

Erwan Bouroullec: Ich glaube, es verbindet uns mit Kollegen wie Jasper Morrison, dass wir inzwischen viel Freude daran haben, Alltagsgegenstände zu entwerfen. Eine Jalousie ist da vielleicht so ähnlich wie eine Türklinke. Für beide ist zentral, dass sie eine hohe mechanische Qualität besitzen, die intensiver Nutzung standhält, und beide sind für eine angenehme Umgebung wichtig. Im Übrigen würde ich nicht sagen, dass ein Verschattungssystem unsichtbar sein soll, sondern vielmehr, dass es dieselbe Sprache wie die Architektur sprechen muss.

Worin lag die Herausforderung bei dem Entwurf des Systems?

Erwan Bouroullec: Wir haben unser Augenmerk auf zwei Themen gerichtet. Zum einen die Unterbringung der Rolle, auf die das Textil aufgewickelt wird: Wir wollten, dass der Kunde hier die Auswahl zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten hat: Die Rolle kann offen liegen, einen geschlossenen Kasten besitzen oder in einem halboffenen Kasten untergebracht sein. Die letztgenannte Lösung wird bislang nur selten verwendet. Dabei hat sie den Vorteil, dass das Textil von oben geschützt wird, aber trotzdem auch im aufgerollten Zustand einen Farbakzent setzen kann.

Was war das zweite wichtige Thema?

Erwan Bouroullec: Ebenfalls äußerst wichtig war uns die Vorrichtung zum Öffnen und Schließen der Jalousien. Auch hier gibt es nun verschiedene Systeme zur Auswahl: die klassische Variante mit einer Zugkette, das sogenannte "Twin-Pull"-System, das besonders kindersicher ist, und die motorisierte Ausführung. Für alle diese Varianten galt es, eine überzeugende Lösung zu finden, ohne die Einheitlichkeit in der Formensprache zu vernachlässigen.

Wie habt Ihr das erreicht?

Erwan Bouroullec: Das Herzstück unserer Entwicklung sind die Interfaces, die die Rolle an beiden Enden aufnehmen. In diesen quadratischen Endstücken ist die Mechanik untergebracht, um die Jalousie zu öffnen und zu schließen. Bei den Ausführungen mit einem halb- oder ganz geschlossenen Kasten bilden die Interfaces die Seitenwände. Bei der Ausführung mit offenliegender Rolle dienen die Endstücke gleichzeitig zur Befestigung der Jalousie.

Bei der Gestaltung der Interfaces habt Ihr einen dezenten Farbakzent gesetzt.

Erwan Bouroullec: Richtig. Bei den geschlossenen Varianten sitzt zwischen der Frontblende und den Interfaces eine Abdeckung, die von vorn als schmaler Streifen sichtbar ist und die in einer Kontrastfarbe ausgeführt werden kann. Bei der Ausführung mit offenliegender Rolle läuft dieser Streifen mittig über das Interface. Die Interfaces sind übrigens anders als die Blenden nicht aus Aluminium, sondern aus Zamak gefertigt, einem Werkstoff, der noch präzisere Formen ermöglicht – eine sichtbare Qualität, die uns sehr wichtig war, gerade weil die Qualität der innenliegenden Mechanik verborgen bleibt.

Eine weitere Besonderheit bei Kvadrat Shade ist die Beschichtung der Textilien?

Erwan Bouroullec: Kvadrat Shade kann auf das Knowhow des Unternehmens Verosol zurückgreifen, das Kvadrat vor Kurzem übernommen hat. Dort verfügt man über ein einzigartiges Verfahren, bei dem eine mikroskopisch dünne Aluminiumschicht auf die zum Fenster gerichtete Seite des Jalousiestoffs aufgebracht wird. Dadurch reflektiert der Stoff Licht und Wärme nach draußen, anstatt sie in hinein zu lassen – ein äußerst wirksames Mittel, um Räume im Sommer zu kühlen.

Ihr habt selbst immer wieder Textilien entworfen. Reizt es Euch nicht, auch für Kvadrat Shade Stoffe zu designen?

Erwan Bouroullec: Darüber denken wir tatsächlich nach und möchten gern erstmals mit Textildruck arbeiten, insbesondere mit schwarzen Bedruckungen. Interessanterweise ist es ja so, dass man durch einen sehr dunklen Vorhangstoff gut nach draußen ins Helle blicken kann, er wirkt dann wie eine Sonnenbrille. Weißer Stoff lässt dagegen viel Licht in den Raum fallen, ist aber sehr blickdicht. Wir haben die Idee von einem schwarzen Stoff, der das Licht, vor allen Dingen das farbige Licht, hindurchlässt und trotzdem den Blick nach draußen erlaubt.