Ein Gebirge in Paris
Aktuell wird der Pont Neuf zu einem ungewohnten Schauplatz: Mit "La Caverne du Pont Neuf" entsteht auf der ältesten Brücke von Paris (1607 fertiggestellt) eine Struktur aus bedruckten Textil, die die Architektur umschließt wie erweitert. Die Installation ist eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude, deren Verhüllung des Bauwerks vor vierzig Jahren internationale Aufmerksamkeit auf sich zog und bis heute nachwirkt. Vom 6. bis 28. Juni 2026 ist das Werk rund um die Uhr kostenfrei zugänglich und eröffnet somit eine kollektive, demokratische Raumerfahrung.
Konzipiert wurde das Projekt von JR, einem der prägenden Künstler im öffentlichen Raum, dessen Arbeiten weltweit urbane Strukturen in soziale und visuelle Dialogräume verwandeln. 2004 schaffte er mit "Portrait of a Generation" den Durchbruch, einer Serie großformatiger Fotografien von Jugendlichen aus den Pariser Vororten, die stereotype Bilder mittels neuer Sichtweisen ersetzten. Seither arbeitet JR international, häufig partizipativ und mit lokalen Gemeinschaften – von einer Ausstellung entlang der israelisch-palästinensischen Trennmauer bis zu Projekten in Flüchtlingslagern, Gefängnissen oder an geopolitischen Grenzen. Seine Vision von Pont Neuf wurde von einem Team aus 800 Personen realisiert. Seit der ersten Planung des Projekts wurden umfangreiche technische Studien durchgeführt, um die erforderlichen Genehmigungen zu erhalten. Das Projekt sieht eine Grundfläche von 2.400 Quadratmetern vor, für die Kreation des Protoypen der textilen Hülle in Originalgröße stellte der Flughafen Paris eigens eine Flugzeughalle zur Verfügung.
Die Installation, die sich über rund 120 Meter Länge erstreckt, gewährt eine räumliche Erfahrung, die in dieser Form bislang einzigartig ist. Ausgangspunkt der Arbeit ist der Ursprung der Stadt: JR folgt visuell den Spuren des Pariser Kalksteins zurück in die Steinbrüche und verknüpft die Herkunft des Materials mit der heutigen urbanen Nutzung. In diesem dichten Spannungsfeld greifen rohe Materialität und städtische Eleganz ineinander – ein wiederkehrendes Motiv in seinem Werk, in dem er Vergangenheit, Gegenwart und gesellschaftliche Wahrnehmung verknüpft.
Die felsartige Struktur von "La Caverne du Pont Neuf" wirkt aus der Ferne massiv, dabei formt Luft ihre textile Gestalt und hält sie in Balance. Die aufblasbare Architektur ermöglicht eine monumentale Form bei vergleichsweise geringem Materialeinsatz und verweist zugleich auf die experimentellen Ansätze von Christo und Jeanne-Claude. Im Inneren verdichtet sich diese Erfahrung weiter: Eine von Thomas Bangalter entwickelte Klangstruktur legt sich wie eine akustische Schicht über den Raum, während eine Augmented-Reality-Anwendung zusätzliche visuelle Ebenen bietet. So verschränken sich räumliche, akustische und digitale Eindrücke zu einem kontinuierlichen Erlebnis, das JRs medienübergreifende Arbeitsweise fortführt – zwischen Fotografie, Film, Installation und Performance. "Meine Vision für dieses Projekt wurzelt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart dieser ikonischen Brücke. Ich bewundere das Vermächtnis von Christo und Jeanne-Claude und teile ihre Vorstellung, dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, uns zum Nachdenken anzuregen und das, was uns vertraut ist, in Frage zu stellen. Die Debatte, die ein öffentliches Kunstprojekt auslösen kann, ist ebenso wertvoll wie ihre Umsetzung. Kunst ist eine Transformation und eine Möglichkeit, unsere Sicht auf die Welt um uns herum zu erneuern. Durch den Traum von La Caverne du Pont Neuf hoffe ich, genau das in Paris zu ermöglichen.", so JR.
Die Präsenz des Werks bleibt bewusst temporär. Nach drei Wochen wird die Struktur wieder abgebaut, die Materialien weiterverwendet oder recycelt. Diese Vergänglichkeit entspricht nicht nur der Tradition der Referenzarbeiten von Christo und Jeanne-Claude, sondern ist auch zentral für JRs Verständnis von Kunst als kollektives, zeitgebundenes Ereignis. Im Gedächtnis verankert sich dabei vor allem eine neue Sicht auf einen vertrauten Ort – und die eindrucksvolle Erfahrung, wie Kunst den öffentlichen Raum verändern kann. (am)




















