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Christo auf den "The Floating Piers", 2016

Befreiung durch Verhüllung

Das Künstlerpaar Christo and Jeanne Claude erlangte mit seinen spektakulären Verhüllungsaktionen internationale Bekanntheit, lotete Grenzen aus und eröffnete neue Sichtweisen. Nun ist Christo Jawaschew im Alter von 84 Jahren in New York City gestorben.
von Daniel von Bernstorff | 02.06.2020

Christo ist tot. Irgendwie unglaublich. So viele unvergessliche Eindrücke haben die Großprojekte des Künstlerpaars Christo and Jeanne-Claude hinterlassen. Jüngst aufgefrischt mit der Einzelausstellung "Christo and Jeanne-Claude, Projects 1963-2020" des Berliner Palais Populaire mit Werken aus der Ingrid & Thomas Jochheim Collection. Im Zentrum der Schau steht die Erinnerung an den verhüllten Berliner Reichstag, jene unvergesslichen Wochen im Sommer 1995, in denen alles leicht und möglich schien. Das trutzige, geschichtsträchtige Gebäude mit meterlangen Gewebebahnen für einen Moment seiner Schwere und dunklen Historie entledigt. Menschen aus aller Herren Länder, die ein gigantisches Fest der Offenheit, Toleranz und Freude feierten. Und mittendrin Christo and Jeanne-Claude, ganz nah an ihrem Werk, ganz nah an den Menschen. So viel Leichtigkeit und Nähe – wie weit weg scheint einem das momentan. Und wie unglaublich relevant und zeitgemäß wäre diese Aktion noch heute.

Mit der temporären Veränderung der Architektur, der Natur, des urbanen Raums, die ohne Schwellen für die Öffentlichkeit erfahrbar wurde, realisierten sie eins ums andere Mal das Unmögliche, entgegen aller Hürden. Jeder Aktion ging ein oft jahrzehntelanger Entstehungsprozess voraus, ein Ringen um Genehmigungen mit Behörden und Umweltverbänden, das nicht selten zu langen Verzögerungen führte. Die Dimensionen der Verhüllungen wuchsen dabei stetig, von den ersten Arbeiten mit Alltagsgegenständen wie Dosen, Flaschen und Stühlen über Ladenfronten bis zu Großprojekten wie "Valley Curtain" in den Rocky Mountains (1971), "Surrounded Islands" in Florida (1983), "The Gates" im New Yorker Central Park (2005) oder "The Floating Piers" im Lago d’Iseo in Italien (2016). Für die temporäre Skulptur "The London Mastaba" im Londoner Hyde Park (2018), ließ er über siebentausend bunt bemalte Ölfässer zu einer Pyramidenform stapeln. Der geplante Nachfolger von "The Mastaba" in den Arabischen Emiraten soll mit 410.000 Fässern und einer Höhe von 150 Metern einmal die weltweit größte Skulptur werden. Sprichwörtliche Welten, die Christo & Jeanne Claude mit ihrer einzigartigen Kunst überbrückten.

Das letzte Projekt des Duos, die aufgrund der COVID-19-Pandemie verschobene Verhüllung des L'Arc de Triomphe in Paris, wird im Herbst 2021 zu sehen sein. Geplant ist, das Wahrzeichen in 25.000 Quadratmeter wiederverwertbares Polypropylen-Gewebe in silberblau und 7.000 Meter rotes Seil zu verpacken. Parallel soll eine umfangreiche Ausstellung im Centre Georges Pompidou die Jahre von Christo und Jeanne-Claude in Paris nachzeichnen. Der Stadt, in der sich das Duo einst kennenlernte und mit der Schaffung von Kunstwerken im öffentlichen Raum begann.


Christo and Jeanne Claude, Projects 1963-2020
Ingrid & Thomas Jochheim Collection
Palais Populaire Berlin
Unter den Linden 5
10117 Berlin

Bis zum 17. August 2020

Christo und Jeanne-Claude mit "The Gates", 2005