JUNGE TALENTE
Ab durch die Mitte
Die norwegische Designszene ist international vergleichsweise wenig präsent. Fragt man norwegische GestalterInnen, woran das liegt, haben die meisten darauf vor allem eine Antwort: an den Erdöl-und Erdgasreserven des Landes. Die Gewinnung, Aufbereitung und Verarbeitung von Rohstoffen brächten einfach mehr Geld ein als die Möbelherstellung. Außerdem sei die norwegische Designgeschichte nicht so stark im kollektiven Gedächtnis verankert wie in Dänemark oder Schweden und spiele auch im Alltäglichen eine weniger wichtige Rolle. Christian Sandbye und Jonas Oppedal erzählen, dass norwegische Designunternehmen ziemlich risikoscheu seien und statt auf junge Kreative eher auf bekannte Namen setzten. Die beiden Designer sehen trotzdem positiv in die Zukunft und haben im letzten Jahr ihr eigenes Studio gegründet. Gleich nach dem Studium an der Akademie der Künste in Oslo – mit gerade mal Ende Zwanzig.
Mut für Neues
Kogl haben Oppedal und Sandbye ihr Designstudio benannt – nach einem Verb im Norwegischen, das so viel wie "zaubern" oder "hexen" heißt. In diesem Kontext bedeutet Kogl aber weniger, dass Design Zauberei ist. Kogl vertritt einen Designansatz, bei dem das Experiment im Fokus steht – egal ob es sich dabei um bestehende Typologien, Formen oder Materialien handelt. "Der Name deutet auch darauf hin, dass wir etwas Neues und Herausforderndes in die Designwelt bringen wollen", sagt Christian Sandbye. Und sein Partner ergänzt: "Unser Hintergrund an der Kunsthochschule lässt uns anders denken. Wir versuchen, nicht nur nach der strengen, klassischen Produktdesign-Methode zu arbeiten."
Dafür, dass sie noch nicht lange im Designbusiness arbeiten, haben die beiden Norweger bereits eine erstaunliche Bandbreite von Entwürfen vorzuweisen und jede Menge Selbstbewusstsein noch dazu. Gerade richten sie sich ihr erstes Studio ein – im vornehmen Osloer Stadtteil Frogner. Sie hatten Glück, denn sie können das Kellergewölbe umsonst nutzen. Es gehört zum Store eines Parkettherstellers, für den Sandbye seit einigen Jahren arbeitet. Bisher diente der weiß getünchte Raum als Lager, doch nun verwandeln ihn die Designer in ihren Arbeitsplatz – samt kleiner Werkstatt mit 3D-Drucker, Fotostudio und Regalen für die umfangreiche Materialsammlung.
Besser zu zweit
Oppedal und Sandbye haben sich beim Studium der Innenarchitektur und des Möbeldesigns an der KHiO Oslo Academy of the Arts kennengelernt und beschlossen gleich nach dem Bachelor-Abschluss im letzten Jahr, sich gemeinsam selbständig zu machen. Nicht nur, dass ihre Ideen von Gestaltung ähnlich sind – die Zusammenarbeit ermöglicht es ihnen auch, ihr Wissen zu bündeln, sich gegenseitig zu unterstützen und die Arbeitsbelastung zu teilen – insbesondere bei den aufwendigen Vorbereitungen zu Ausstellungen und Messeteilnahmen. "Ich glaube nicht, dass ich das alles ohne Jonas schaffen würde", sagt Christian Sandbye. "Alles kostet viel Zeit und Kraft. Oftmals habe ich keine Energie mehr und Jonas muss einspringen – und umgekehrt. Das hält uns wirklich am Laufen." Und er ergänzt: "Wir haben Erwartungen aneinander und arbeiten auf dasselbe Ziel hin."
Christian Sandbye und Jonas Oppedal haben bereits kurz nach Studiogründung Möbel für die norwegischen Brands House of Holmedal und Lunnheim entworfen, darunter Tischleuchten mit CNC-gefrästen Holzbasen, Beistelltische aus Eichenholz und ein modulares Sofa mit Eichenholzgestell und Sitzkissen. Dazu gesellen sich Objekte, die man gemeinhin dem Collectible Design zuordnet – ein Bereich, den die Designer weiter ausbauen möchten. Sie könnten sich zukünftig auch eine Galerie-Zusammenarbeit vorstellen, erzählen sie. "Wir versuchen, Statement Pieces zu entwickeln, die gleichzeitig einen experimentellen Ansatz haben. Also ästhetisch schöne Designs, aber mit etwas Neuem dahinter", beschreibt Sandbye den Gestaltungsansatz von Kogl. Er erklärt ihn anhand der Tischleuchte Iris aus Beton und Stahl, die über eine kleine verstellbare Iris verfügt: "Wir experimentieren damit, Licht in eine Art festes Volumen zu verwandeln, bei dem wir den Lichtstrahl erweitern und verengen können."
Die unter dem eigenen Namen entworfenen Objekte werden meist in anderen Ländern gefertigt, denn in Norwegen gäbe es kaum noch modern ausgestattete Werkstätten und auch das entsprechende Know-how fehle, erzählt Sandbye. Für den Prototypen-Bau fahren die Designer deshalb nach Schweden, genauer gesagt nach Småland – eine Region, die als Zentrum der schwedischen Möbelproduktion gilt. Die eigentliche Herstellung der Entwürfe findet dann meist in Polen oder Litauen statt, wo Qualität auf günstigere Herstellungskosten trifft, so die Designer. Zukünftig wollen sie sich auch in Richtung Ukraine orientieren – sie schätzen das kreative und unternehmerische Potential dort.
Dass Sandbye und Oppedal ziemlich ambitioniert sind, zeigt sich auch daran, dass sie mit Kogl in diesem Jahr bereits an zwei wichtigen Designveranstaltungen teilgenommen haben: mit Salone Satellite am Salone del Mobile in Mailand und mit Deoron an den 3daysofdesign in Kopenhagen. Sie fahren zweigleisig: Einerseits wollen sie sich in ihrem Heimatland einen Namen machen. Gleichzeitig wissen sie aber auch, dass Norwegen als Designstandort nur bedingt für ein dauerhaft sicheres Einkommen und interessante Aufgaben geeignet ist. Doch das Land fördert die Kreativwirtschaft, auch in Form von Stipendien. Für ihre Teilnahme am Salone Satellite in Mailand erhielt Kogl beispielsweise ein Stipendium von der Organisation Design and Architecture Norway (DOGA), so dass ein Großteil der Kosten gedeckt war.
Mit einen Transporter brachten sie die Ausstellungsstücke – darunter Beistelltische, Sofas und Leuchten – nach Mailand und bauten einen Messestand mit Wänden aus unbehandeltem Stahl auf. "Wir wollten einen beeindruckenden Stand machen, der zeigen sollte, dass wir wissen, was wir tun: Wir können Stühle bauen, Holz verarbeiten, Luchten herstellen", erklärt Oppedal das Gestaltungskonzept. Für die Teilnahme am Salone Satellite haben die Designer sich auch entschieden, weil dort das für sie richtige Publikum zusammenkommt: ProduzentInnen, VerkäuferInnen und Designscouts. Das Kalkül ging auf: Kogl konnte gleich mehrere konkrete Aufträge mit nach Hause nehmen, wobei insbesondere der Entwurf einer kompletten Möbelkollektion für einen indischen Hersteller spannend klingt.
In bester Gesellschaft
Es läuft also ziemlich gut für Kogl. Zwar haben Christian Sandbye und Jonas Oppedal derzeit noch Nebenjobs, um sich das teure Leben in Oslo leisten zu können. Doch schon im kommenden Jahr möchten mit ihrem Studio so gut aufgestellt sein, dass sie allein von ihrer Arbeit als Designer leben können. Deshalb würden sie gerade 24/7 arbeiten, erzählt Sandbye lachend. Ihre Strategie: sich vorerst auf Aufträge im Industriedesign zu konzentrieren, zeitnah aber auch den Bereich Collectible Design auszubauen. Auch für interessante Ausstellungs- und Interiorprojekte seien sie aufgeschlossen, sagt Oppedal. Das Studio der beiden befindet sich jedenfalls in bester Gesellschaft: Auf der anderen Straßenseite ist das Headquarter von Norwegens wohl bekanntestem Designbrand Northern untergebracht. Wenn das kein gutes Omen ist.













