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Foto: Thomas Edelmann

Licht mit hohem Bewundernswert

Die Geschichte beweglicher Beleuchtung zeigt eine Ausstellung im MAKK als Auftakt zur imm cologne.
von Thomas Edelmann | 12.01.2019

Als der kürzlich verstorbene Designer, Designtheoretiker und Maler Tomás Maldonado 2003 eingeladen war, den Festvortrag zum 50. Gründungstag der Ulmer Hochschule für Gestaltung zu halten, wollte er dabei weder in einen feierlich-würdigen Ton anschlagen, noch in Erinnerungen an die guten alten Zeiten schwelgen. Zudem, so sagte er, würde ihm seine Eigenschaft, Protagonist der Ulmer Hochschule gewesen zu sein, darin hindern, eine Art Bilanz zu ziehen. Stattdessen wandte er sich aktuellen und Zukunftsthemen des Entwerfens zu. Dabei lehnte Maldonado die Vorstellung eines „Entwerfens ohne Dinge“ ab. Er zitierte die Maxime des amerikanischen Philosophen Willard V.O. Quine: „Die materiellen Alltagsgegenstände mögen nicht alles sein, was Wirklichkeit konstituiert, doch sind sie bewundernswerte Beispiele.“ Die Welt hat sich seit 2003 nicht schneller gedreht als zuvor, aber die Tendenzen zur Digitalisierung lassen uns heute den fatalen Eindruck gewinnen, im Design gehe es entweder um die beschleunigte Auflösung von Dinglichkeit oder darum, Varianten des immer Gleichen zu gestalten. Angesichts der produktiven Übermacht asiatischer Staaten, allen voran China, riet Bazon Brock uns Europäern schon vor Jahren: „Musealisiert Euch!“ 

Haben Maldonado, Quine und Brock Pate gestanden für die Ausstellung: „Hundert Jahre lenkbares Licht“ im MAKK, dem Museum Angewandte Kunst in Köln. Das gerade nicht. Und doch: Das junge Hamburger Unternehmen Midgard Licht, gegründet von David Einsiedler und Joke Rasch, das die Schau initiierte und auf deren Sammlung das in Köln Gezeigte zu erheblichen Teilen beruht, setzt die mehrfach gebrochene Geschichte des einstigen Industrie-Werk Auma aus Thüringen fort. Der Name Midgard und ein maßgeblicher Teil der Leuchten, die das Unternehmen bis heute auf Originalwerkzeugen und mit einem Großteil der früheren Zulieferer realisiert, gehen auf Ingenieur Curt Fischer (1890–1956) zurück. Genauer: Auf seine jahrelange systematische Auseinandersetzung mit einer bestimmten Form von Alltag und Wirklichkeit, nämlich der Fabrikbeleuchtung nach dem Ersten Weltkrieg. Fischer hatte im März 1919, einen Monat vor Gründung des Bauhauses in Weimar, die Fabrik eines im Krieg gefallenen Freundes übernommen, die für die Porzellanindustrie Werkzeuge und Maschinen konstruierte. Die unzureichende Beleuchtung jener Zeit sah direkt oder indirekt von der Decke strahlende Leuchten vor. So waren Arbeiter stets in der Gefahr, auf die Gegenstände, die sie bearbeiteten, selbst Schatten zu werfen. Curt Fischer entwickelte zunächst Bauteile, später ganze Leuchten und modular konstruierte Systeme, um Licht dahin zu bringen, wo es benötigt wird. Er ließ sich die wichtigsten seiner Entwicklungen patentieren. Lenklampen nannte er sie wegen ihrer Gelenke und sowie der lichtlenkenden Wirkung. Er verlieh seinen Leuchten eine Beweglichkeit und Beständigkeit, die viele Konkurrenzprodukte nie erreichten. Obwohl viele seiner Konstruktionen Universalprodukte im besten Sinne waren, ergänzte er sie um Speziallösungen (etwa für Zahnärzte oder Feinmechaniker) mit besonders hohen Ansprüchen ans Licht.

So rational, sachlich, „streng, aber gerecht“ Fischer nach Überlieferungen wohl auftrat, so rätselhaft erscheint heute seine Namenswahl „Midgard“. Sie erinnert an nordische Sagen und Mythen, Tolkien-Leser mögen gar an „Mittelerde“ denken. Die Ausstellung unternimmt es nicht, die Mentalitätsgeschichte der Zeit auszuleuchten – dies bleibt einer späteren Publikation vorbehalten. Sie stellt Leuchten als „bewundernswerte Beispiele“ vor, allerdings nicht in naiver Technikgläubigkeit, sondern als praktisches Studienmaterial für Vergleich und Diskurs. Hier lassen sich unterschiedliche Konstruktionen und Ausgangskonzepte erkennen, nicht bloß formale Varianten.

Vorgestellt werden rund 40 Leuchten unterschiedlicher Epochen und Kontexte, gegliedert in sieben Gruppen. Gezeigt werden nicht jene häufig anzutreffenden Leuchten, die „neu aufgebaut“ wurden, deren ursprüngliche farbliche Fassung abgeschliffen wurde, um sie anschließend neu lackiert als beinahe fabrikneu erscheinen zu lassen. Zu sehen sind Gebrauchsgegenstände mit zum Teil deutlichen Spuren intensiven Gebrauchs.

Foto: David Einsiedler

Von der Ausgangssituation in Fabrik und Werkstatt, wie nicht nur Fischer sie um 1919 vorfand, geht es zu Christian Dell, der als Werkmeister 1922 ans Bauhaus berufen von den dortigen Möglichkeiten anfangs wenig begeistert war. Er bildete maßgebliche Gestalterinnen und Gestalter aus, schuf im Rahmen des Neuen Frankfurt, auch nach 1934 Leuchten, die seinen Namen trugen: „Rondella“ in den 1920er und „Kaiser idell“ ab den 1930er Jahren. Zudem war er einflussreicher Lehrer, der etwa Marianne Brandt in Weimar ausbildete. Später war Brandt eine der maßgeblichen Gestalterinnen am Bauhaus Dessau, die zudem als Frau in der Metallwerkstatt arbeitete und die Industriekontakte zur Leuchtenfirma Kandem (Körting & Mathiesen) in Leipzig herstellte und vertiefte. Am Bauhaus selbst stießen Bauhäusler permanent auf Midgard-Leuchten. Die wurden für die Einrichtung der Hochschule ab ca. 1926 angeschafft. Bauhaus-Gründungsdirektor Walter Gropius pflegte über mehrere Jahre den Briefkontakt zu Curt Fischer, half ihm bei der Beschaffung von Fotos, auf denen die Midgard-Leuchte (etwa 1927 in einer von Marcel Breuer gestalteten Wohnung der Weißenhof-Siedlung) zu sehen war, oder er vermittelte bei der Richtigstellung falscher Bildunterschriften in Werkbund-Publikationen. Ein Film – in der Ausstellung zu sehen – zeigt die innovative Einrichtung des Gropius-Meisterhauses in Dessau. Im Zentrum des Films steht dabei die Midgard, ihre präzise Beweglichkeit wird vorgeführt. Zeitweise statteten die namhaftesten Architekten und Gestalter von Egon Eiermann, Hannes Meyer über Ludwig Mies van der Rohe, Sep Ruf, Hans Scharoun, oder Lázló Moholy-Nagy nicht nur ihre eigenen Büros und Studios mit Midgard-Lenklampen aus, manche, allen voran Marcel Breuer, setzten sie auch bei Wohnungseinrichtungen in Szene.

Selbst ins Ausland, etwa Hannes Meyer nach Russland oder Lyonel Feininger, Moholoy-Nagy und Gropius in die USA, nahmen viele ihre Midgard mit. Die im Vorfeld der Ausstellung erfolgten Bild-Recherchen sollen ebenfalls im Rahmen der späteren Veröffentlichungen gezeigt werden. Weitere Produktgruppen der Ausstellung widmen sich der Entwicklung der Lenklampen aus Auma, sowie dem Thema Federzugleuchten, die eine eigene Erfolgsgeschichte markiert, an der auch Midgard Anteil hat, als Lieferant einer Variante, die zum Exportschlager der DDR wurde. Als das Unternehmen 1972 enteignet wird und Curt Fischers Sohn Wolfgang Betriebsleiter bleibt, sichert er auf eigene Rechnung Marken- und Patentrechte, was ihm 1990 die Rückübertragung der Firma erleichtert. 

Eine Abteilung der Ausstellung ist besonders pragmatischen Entwürfen gewidmet, ihre Gestalt verdankt sich entweder Materialmangel oder im Gegenteil einem gewissen Repräsentationsbedürfnis.

Technik und Design heißt das Schlusskapitel, das zeigt, welche Produkte und Ideen Nimbus oder Erco im Zeitalter der Leuchtdiode entwickeln, um das Licht am Schreibtisch zu lenken. Bekannte Formen miniaturisiert Roxxane Office. Erco von Lucy nutzt eine stabförmige Konstruktion und präzise Linsentechnik, um Licht optimal zu verteilen. Ply Atelier Hamburg plante und realisierte die Ausstellungsarchitektur, sie basiert auf einem raumbildenden Regal aus Stahlrohrkomponeten von Thonet.

Modelle wie die „Tizio“ von Richard Sapper, die den Beginn der Halogen-Epoche markiert, werden gezeigt. In der parallel stattfindenden Ausstellung des MAKK „34 x Design“ wird die Entstehungsgeschichte der Tizio insbesondere Kindern nahegebracht. Auch an Andy Warhol (mit „Pop goes Art“ im MAKK zu sehen) mag man denken. Hat Midgard seine „15 minutes of fame“ bereits hinter sich? Erstaunlich genug, fanden Midgard-Lenklampen bislang kaum Eingang in wichtige Überblickswerke der Designgeschichte. Das allerdings dürfte sich ändern. 

Hundert Jahre lenkbares Licht
MAKK - Museum für Angewandte Kunst Köln
An der Rechtschule
50667 Köln

14. Januar bis 24. Februar 2019

Öffnungszeiten:

14. bis 20. Januar 2019:
täglich 10–21 Uhr
ab dem 21. Januar 2019:
Di. bis So. 10–18 Uhr

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiges Booklet „Hundert Jahre lenkbares Licht“ mit einem Gespräch von Thomas Edelmann mit David Einsiedler und Joke Rasch. Eine umfassende Publikation mit verschiedenen Beiträgen zur Geschichte der Midgard-Lenklampe soll im Laufe des Jahres erscheinen. 

Foto: Thomas Edelmann