Die Mischung macht‘s
Während in China lange Zeit der Bauboom westlicher Machart im Fokus stand, ändert sich der Blick auf die Architektur des Landes seit einiger Zeit. Pritzker-Preisträger wie Wang Shu oder Liu Jiakun beschäftigen sich mit dem lokalen Bauen. Sie versuchen, ihre Gebäude aus dem Kontext heraus zu entwerfen und eine Architektur zu schaffen, die zwischen Tradition und Moderne vermittelt. Dazu zählen auch jüngere ArchitektInnen wie etwa Xu Tiantian, die mit ihrer Arbeit die ländlichen Strukturen in China stärken will. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Mix Architecture, ein Büro mit Sitz in Nanjing, das 2016 von Zhou Suning, Tang Tao und Wu Ziye gegründet wurde. Bereits im Namen lässt sich die Bürophilosophie erahnen: Nutzung, Ort und architektonischer Ausdruck sollen hier eine möglichst wirksame Verbindung eingehen, eine harmonische Mischung aus verschiedenen Vorgaben. Dabei gibt es zwar wiederkehrende Elemente, wie etwa die Inszenierung von Tageslicht oder das Ausloten der Grenzen zwischen Innen und Außen. Trotzdem verfolgt das Büro keinen bestimmten Stil, will einen ganzheitlichen Entwurf bieten und diesen stetig weiterentwickeln.
Wie bei ihrer Kollegin Xu Tiantian kamen die ersten Projekte in ländlich geprägten und strukturschwachen Regionen zustande, die durch staatliche Investitionen gefördert wurden. Aspekte wie eine Verbesserung der Lebensbedingungen, die Förderung von sozialer und kultureller Infrastruktur oder die Unterstützung der lokalen Wirtschaft spielen hier eine zentrale Rolle. Die Aufgabe ist daher, dass sich die Gebäude von Mix Architecture einerseits in den Ort einfügen, ihn andererseits aber auch verändern. Dass dies ohne starre Formel und in einem möglichst offenen Prozess geschieht, zeigen Projekte wie in Jiangshan, einem kleinen Fischerdorf am Ufer des Gucheng-Sees. Hier sollte die alte Dorfstruktur gestärkt werden. Das Konzept sah die Sanierung eines leerstehenden traditionellen Wohnhauses vor, das gleichzeitig um kulturelle Einrichtungen ergänzt wurde. Dazu platzierten die ArchitektInnen unter anderem eine Bibliothek in Form von zwei L-förmigen Bücherregalen, die um einen eingeschnittenen Lichthof angeordnet sind. Direkt gegenüber befindet sich ein filigraner gläserner Pavillon, der sich immateriell schwebend aus dem alten Mauerwerk herausschiebt und einen Teepavillon beherbergt. Er bietet einen Blick auf den historischen Innenhof und sorgt für eine zusätzliche Überlappung von Innen- und Außenraum. Zudem wurden zwei öffentliche Toilettenbauten am Dorfrand entworfen. Sie setzen sich aus skulptural anmutenden Betonwänden zusammen, über denen filigrane Glas- und Stahldächer schweben.
Ein Projekt ähnlicher Machart ist das Hostel Shanshui Firewood Garden mit Teehaus, Restaurant und Bibliothek, das Mix Architecture im Dorf Anshi bauten. Inmitten einer Kulturlandschaft aus Reisterrassen, Teichen und kleinen Siedlungen entstand ein expressives Gebäude am Ortsrand. Trotz der ausdrucksstarken Architektur greift der Bau die kulturelle Tradition des Orts auf. Ein Beispiel ist die Gebäudehülle, die auf das gestapelte Brennholz vor traditionellen Häusern verweist. In der Neuinterpretation von Mix Architecture sind es Holzscheite, die an Seilen aufgehängt sind. Sie schaffen einen Schwellenbereich zwischen Innen und Außen, der durch eine poetische Inszenierung aus Licht und Schatten bespielt wird. Die Form des Gebäudes ergibt sich aus der typisch länglichen Struktur der Dorfhäuser, die hier in Form von vier Gebäudeteilen windmühlenartig angeordnet sind. Dadurch entsteht ein runder Innenhof als kontemplativer Ort mit einem Teich im Zentrum. Weitere Bestandteile sind die Verwendung von rotem Sandstein aus den Bergen der Region, Wände aus Sandsteinziegeln und schiefergraue Dachziegel, die sich mit ihrer Textur und Farbigkeit in die Kulturlandschaft einfügen.
Auch das Forest Tea House, ein Teehaus in Wuhan, greift die Formensprache traditioneller Architektur auf. Es liegt versteckt zwischen Bäumen am Yanxi-See und wird über einen geschwungenen Pfad erschlossen. Die Bezugnahme auf traditionelle Haustypologien zeigt sich vor allem am länglichen Satteldach. Es überspannt fast schwebend einen offenen Raum. Gleichzeitig löst sich es sich aufgrund eines am First verlaufenden Oberlichts in einzelne Elemente auf, was ihm einen filigranen Charakter verleiht. Räumlich setzt sich das Teehaus aus einer Eingangszone und dem großen Hauptraum zusammen. Ein Servicekern als Haus im Haus unterteilt beide Bereiche. Er ragt als eine Art Pseudokamin aus dem Dach heraus und beherbergt dort die Haustechnik. Der Bau sitzt auf einer hölzernen Terrasse, die von den ausladenden Dachflächen überspannt wird. Aufgrund seiner Fassade aus gebranntem Holz und einem dunkel gehaltenen Titanzinkblech für das Dach hat er ein homogenes Erscheinungsbild. Das Innere ist dagegen größtenteils mit hellem Holzfurnier verkleidet, was einen behaglichen Kontrast zur schwarzen Hülle erzeugt. Umlaufende Bandfenster bieten einen gerahmten Blick in die umgebende Landschaft. Auch hier sind die Grenzen zwischen Innen und Außen fließend.
Mittlerweile setzen Mix Architecture auch Projekte im urbanen Raum um. In ihrer Heimatstadt Nanjing verwandelten sie etwa eine Maschinenfabrik aus den 1950er Jahren in einen Gewerbeareal, den sogenannten Hongchuang Park. Die neue Nutzung ist auf vier Bestandsbauten mit bis zu sechs Geschossen verteilt. Diese wurden durch neue Fassaden und Erweiterungsbauten ergänzt. Ornamentale Backsteinverbände verschmelzen nun mit den Klinkerwänden der Bestandsfassaden. Hinzu kommen rötlicher Beton, Terrazzo, helle Blechverkleidungen und Cortenstahl. Teil des Ensembles ist ein zentraler Platz mit Wasserbecken, der von einer filigran-organischen Überdachung gerahmt wird. Dadurch wird das industrielle Erbe inszeniert, erhält aber auch eine neue Zeitschicht, die zwischen Robustheit und dekorativer Eleganz changiert.
Ein Teil des Hongchuang Parks ist das Red Box Exhibition Center. Dabei handelt es sich um einen Ausstellungsbau, der direkt an den zentralen Platz anschließt. Sein monolithisches Erscheinungsbild aus rotem Beton wird durch skulptural gesetzte Öffnungen aufgelockert. Sie erzeugen große Fenster, Innenhöfe und definieren den Eingangsbereich. Die rote Farbe dient als gestalterisches Leitmotiv. Sie findet sich sowohl an der Fassade als auch im Innern des 700 Quadratmeter umfassenden Gebäudes. Hinzu kommt schwarzer Stahl für die Stützen, Fensterrahmen und die Haupttreppe. Im Erdgeschoss sind der Empfang, eine Lobby, der Ausstellungsbereich und verschiedene dienende Räume untergebracht. Mehrere Lichthöfe sorgen für eine angenehme Atmosphäre, parallel öffnet sich der Ausstellungsbereich mittels einer großzügigen Glasfassade zu einem Innenhof mit Wasserbecken. Im Obergeschoss befinden sich zusätzliche Ausstellungsbereiche und eine Außenterrasse. Die Fassade weist hier perforierte Ziegel auf. Dadurch fällt tagsüber gefiltertes Sonnenlicht in die Räume, während der Bau nachts zur ornamental leuchtenden Laterne wird.





















