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Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt
Australisches Arkadien: Das geschwungene Dach verleiht dem Haus seine unverwechselbare Silhouette.
© The Magney Family
Australisches Arkadien: Das geschwungene Dach verleiht dem Haus seine unverwechselbare Silhouette.

SPECIAL: MY MODERN HOLIDAYS
Das perfekte Haus

1984 baut der australische Architekt und Pritzker-Preisträger Glenn Murcutt im Südosten Australiens ein schlichtes Haus für die Familie Magney. 33 Jahre später ist es zu einer Architekturikone geworden.
von Florian Heilmeyer | 01.08.2017

Das Übernachten in einem Haus, das von einem Pritzker-Preisträger entworfen wurde, ist ein seltenes Glück. Meist sind die Häuser in Privatbesitz oder – im günstigsten Fall – inzwischen Museen geworden. Wer jedoch in den Südosten Australiens reist, dem sei ein Aufenthalt in „Haus Magney" von Glenn Murcutt empfohlen. Mit dem warnenden Hinweis vielleicht, dass viele Gäste des Hauses berichtet haben, dass sie nie wieder anders leben wollen als so.

Mit dem Auto sind es etwa zwei Stunden von Canberra, dann steht man auf einem unglaublichen Grundstück: mit 33 Hektar ist es riesig, man steht auf einem sanften Hügel über dem Südpazifik und auf der weiten Wiese sitzen auch noch meistens ein paar Kängurus aus dem Eurobodalla-Nationalpark, der das Grundstück an drei Seiten begrenzt. Auf diesem Grundstück, relativ weit oben am Hang, steht ein silbern glänzendes Haus, das man zuerst für ein Wohnmobil halten könnte. 

Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt
Radikal einfach organisiert: Das Haus wendet sich mit allen Wohnräumen der Sonne zu.
© The Magney Family
Radikal einfach organisiert: Das Haus wendet sich mit allen Wohnräumen der Sonne zu.

Das Haus ersetzt den Wohnwagen

Was gar nicht so falsch wäre: Glenn Murcutt, Australiens bekanntester Architekt, hat es hier 1984 für das Ehepaar Di und Tom Magney entworfen. Die hatten das gigantische Grundstück bereits seit Jahren für ihre Wochenenden genutzt und hier meistens mit Zelten, Bussen oder Wohnmobilen gecampt. Inzwischen hatten sie aber drei Kinder und wünschten sich ein Haus für die ganze Familie und deren Gäste; das Haus sollte aber bitte so leicht und einfach wie ein Zelt sein. 

Murcutt entwarf einen eingeschossigen Pavillon. Im Inneren liegt eine lange, verbundene Reihe von Räumen, an deren Enden zwei selbständige Wohneinheiten liegen. Dazwischen befindet sich ein nach Norden offener, zentraler Wohnraum, der von beiden „Wohnungen“ aus genutzt werden kann. Unter dem zweifach geschwungenen Dach ist das ganze Haus radikal einfach organisiert: alle Räume richten sich mit einer großen Glasfassade nach Norden, denn von hier kommt in Australien die Sonne. Nach Süden liegen die Verbindungstüren und die Funktionsbereiche wie Küche, Bad, Toilette oder die Duschen. Vor der Glasfassade hängen Metall-Lamellen, die das Haus zusammen mit dem vorspringenden Dach vor der hoch stehenden Sommersonne schützen, während sie die Strahlen der Wintersonne so viel wie möglich hineinlassen.

Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt
Das Grundstück bietet einen fantastischen Ausblick auf den Südpazifik.
© The Magney Family
Das Grundstück bietet einen fantastischen Ausblick auf den Südpazifik.

In der Mitte des asymmetrischen, v-förmigen Daches, das vage an einen Vogelflügel denken lässt, wird das Regenwasser aufgefangen, um es als Heizungs- oder Trinkwasser zu nutzen. Die Kombination von Metalldach und -fassade mit den schweren, gemauerten Wänden im Inneren sorgt für eine optimale Nutzung und Speicherung der natürlichen Energie: im Winter speichern die Innenwände die Wärme der Lichtstrahlen, im Sommer kühlen sie die Räume zusammen mit dem Betonfußboden. Murcutt verachtet Klima-Anlagen.

Ein Manifest zum Mieten

Wie es da steht, silbrig-glänzend und dennoch im perfekten Einklang mit der Natur und dem besonderen Klima dieses Ortes, ist es ein Manifest für Murcutts Auffassung einer ökologischen, nachhaltigen Architektur, die sich individuell auf die Orte einlässt, an denen sie steht. Haus Magney ist in dieser Hinsicht ein Manifest – und glücklicherweise eines, das man mieten kann.

Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt,
Die offene Loggia liegt zwischen den beiden Wohneinheiten des Hauses.
© The Magney Family
Die offene Loggia liegt zwischen den beiden Wohneinheiten des Hauses.
Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt,
Wohnraum mit Glasfassade und Kamin
© The Magney Family
Wohnraum mit Glasfassade und Kamin

Die drei Kinder von Di und Tom Magney nutzen das Haus nur noch gelegentlich und finanzieren es durch Vermietung. Alix Magney, die das Haus verwaltet, erzählt: „Wir fühlen uns dem Haus sehr verbunden. Seit es gebaut wurde gab es keinen Grund, es zu verändern.“

Ob es für sie ein typischer Murcutt sei, frage ich. „Ja“, sagt sie, „man muss nur schauen, wie sensibel es auf dem Grundstück positioniert ist, um ein Maximum aus der Landschaft herauszuholen.“ Es scheint das Land nur leicht zu berühren, leicht und transportable, so als ob man es jederzeit hochheben und mitnehmen könnte. Die Kängurus vor der Tür jedenfalls scheinen von dem silbrigen Objekt überhaupt nicht irritiert zu sein.

Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt,
Wie ein silberner Wohnwagen: Murcutts Architektur wirkt mobil und temporär.
© The Magney Family
Wie ein silberner Wohnwagen: Murcutts Architektur wirkt mobil und temporär.
Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt,
Selbstversorgung: Die Kehle zwischen den beiden Dachflügeln sammelt das Regenwasser, um es im Haus zu nutzen.
© The Magney Family
Selbstversorgung: Die Kehle zwischen den beiden Dachflügeln sammelt das Regenwasser, um es im Haus zu nutzen.
Magney House, Bingie Farm, Australia, Glenn Murcutt,
Down Under romantisch: Diese Aussicht auf den Sonnenuntergang können Sie mieten.
© The Magney Family
Down Under romantisch: Diese Aussicht auf den Sonnenuntergang können Sie mieten.