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Eine Verbindung zu Mies

Ende August 2021 wird die Neue Nationalgalerie nach einer umfangreichen Sanierung durch David Chipperfield Architects wiedereröffnet. Wir sprachen mit David Chipperfield über sein Konzept für das Gebäude und die damit verbundene Suche nach Authentizität.
von Alexander Russ | 07.05.2021

Sie ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts, die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Das zwischen 1963 und 1968 in Berlin errichtete Museum ist das einzige Projekt des Architekten in Europa nach seiner Emigration in die USA. Mit entsprechendem Respekt näherten sich David Chipperfield Architects der Aufgabe an, den “Tempel der Moderne” nach 50 Jahren einer umfangreichen Sanierung zu unterziehen. Dabei galt es nicht nur, die bestehende Substanz instand zusetzen und zu ertüchtigen, sondern auch die Barrierefreiheit und die Funktionalität von Garderobe, Café und Museumsshop zu verbessern. Hinzu kamen neue technische Lösungen für Klimatisierung, Kunstlicht und Sicherheit. Insgesamt wurden etwa 35.000 originale Bauteile demontiert, darunter die Natursteinplatten im Sockelbereich sowie sämtliche Bauteile der Innenausstattung.

Alexander Russ: Was waren die Vorgaben des Bauherrn für die Sanierung?

David Chipperfield: Die Vorgaben waren nicht sehr detailliert, aber die Aufgabe war klar: Das Gebäude sollte ertüchtigt und restauriert werden, ohne große Veränderungen vorzunehmen. Deshalb war es dem Bauherrn sehr wichtig, dass jeder, der diese Aufgabe übernimmt, Mies nicht herausfordert.

Warum wurde Ihr Büro beauftragt?

David Chipperfield: Ich denke, wir wurden aufgrund unserer Erfahrungen mit dem Neuen Museum und der Museumsinsel in Berlin ausgewählt. Wir arbeiten ja schon lange mit den Staatlichen Museen zu Berlin und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zusammen. Ein Restaurierungsprojekt muss widersprüchliche Anforderungen unter einen Hut bringen: Die Historiker wollen den Entwurf schützen, während die Fachplaner die Leistung des Gebäudes verbessern wollen. Als Architekt will man diesen Konflikt nicht dadurch lösen, indem man abwartet, wer sich durchsetzt. Also versucht man zu vermitteln. Durch unsere Erfahrungen mit der Museumsinsel kannten die Bauherren unsere Herangehensweise, die im Vorgeben, Aufnehmen und Vermitteln von möglichen Lösungen besteht und die sich aus einem Verständnis für die Komplexität des Projekts ergibt.

In welchem Zustand war das Gebäude vor der Sanierung?

David Chipperfield: Oberflächlich betrachtet in einem guten Zustand. Das Gebäude besteht ja aus drei Teilen: dem Tempel als prägnantestem Element, dem Sockel, als hart arbeitendem Element, und dem Garten, der für Licht und Luft sorgt und das Ganze zusammenhält. Diese drei Elemente arbeiten als kleine Ökologie auf eine sehr intelligente Weise zusammen. Die Räume im Sockel sind für sich genommen eigentlich banal, aber mit dem Tempel darüber und dem Garten an der Seite funktioniert das alles sehr gut. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich würde sagen, dass der Tempel – also das öffentlichste Element – in einem guten Zustand war, abgesehen von den offensichtlichen Problemen mit den gesprungenen Glasscheiben. Das Glas war kaputt, weil die Fensterrahmen kaputt waren. Das Ganze sah zwar nicht so schlimm aus, aber die Rahmen rosteten wegen des Kondenswassers und es gab keine Maßnahmen bezüglich der Ausdehnung und Bewegung des Glases, die sich aufgrund von Temperaturschwankungen ergaben. Aber im Großen und Ganzen schien der Tempel in keinem schlechten Zustand zu sein.

Und der Rest des Gebäudes?

David Chipperfield: Die eigentliche Überraschung war die schlechte Beschaffenheit der Räume und der Bausubstanz im Sockel. Das alles wurde nicht wirklich gut gebaut. Jedes Mal, wenn wir dort etwas genauer anschauten, ergaben sich Probleme. Als wir zum Beispiel den Steinboden öffneten, stellten wir fest, dass der Beton darunter in einem schlechten Zustand war. Auch der Beton unter der Oberfläche ließ zu wünschen übrig. Es war einigermaßen schockierend zu sehen, in was für einer bescheidenen Qualität dieses Gebäude in den 1960er Jahren gebaut worden war. Und gleichzeitig war es im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation und die Situation in West-Berlin zu jener Zeit auch keine Überraschung. Und auf einmal wurde uns klar, dass dieses Gedicht von Mies van der Rohe, das dem technischen Fortschritt und der Moderne gewidmet ist, eigentlich von Hand gebaut wurde.

Hydraulische Anhebung des Stahldachs am 5. April 1967
Die Neuen Nationalgalerie nach der Fertigstellung 1968

Ihr Team reiste auch in die USA, um Gebäude von Mies van der Rohe zu besichtigen und um in den Archiven des Museum of Modern Art zu recherchieren.

David Chipperfield: Das Team reiste nach Nordamerika und schaute sich den Zustand der Gebäude von Mies nach 50 Jahren an – wie sie restauriert oder auch nicht restauriert worden waren – und analysierte, welche Lehren man daraus ziehen kann. Es gab eine Menge Material und wir hatten zusätzlich noch die Unterstützung von Mies-Experten, einschließlich seines Enkels. Das Projekt war also gut dokumentiert, was uns bei den Entscheidungen sehr weiterhalf.

Dirk Lohan, der Enkel von Mies van der Rohe, war auch der Projektleiter der Nationalgalerie, als diese gebaut wurde. Welchen Einfluss hatte er auf die Sanierung?

David Chipperfield: Er hatte ein tiefes Verständnis für den Prozess und natürlich hat er uns jede Menge Anekdoten erzählt, die aber auch sehr wichtig waren. Er war eine Art Vermittler zwischen dem ersten und dem zweiten Mal, als das Gebäude gebaut wurde. Im Prozess der Sanierung sah es ja tatsächlich aus wie ein Gebäude im Bau. Für ihn war das eine Art Déjà-vu, nur dass er sich daran erinnerte, wie sich das Gebäude damals in die andere Richtung entwickelte. Sein Einfluss war sehr wichtig für das Team – als Gedächtnis und für unser Ethos. Es war gut, jemanden zu haben, der uns bei der Orientierung half.

Eröffnungsausstellung in der Neuen Nationalgalerie im September 1968

Bei der Vorbereitung für dieses Interview kam mir eine Vorlesung aus meiner Studienzeit in den Sinn. Damals zeigte uns der Professor die 43 Pläne für die Neue Nationalgalerie und erklärte sie uns. Ich war damals nicht nur von der architektonischen Vision beeindruckt, sondern auch von der Art und Weise, wie diese präsentiert wurde. Wie haben diese Pläne den Sanierungsprozess beeinflusst?

David Chipperfield: Wir kennen Gebäude aus dieser Zeit meistens durch Fotos, aber bei den Bauten von Mies kennt man sie auch durch den Plan. Und bei Mies ist der Plan etwas, das konzeptionell geschützt werden muss. Wenn man ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert restauriert, möchte man natürlich auch die Grundstruktur erhalten, aber zum größten Teil geht es dabei um das räumliche Erleben. Wenn man also Änderungen am Plan vornehmen muss, weil man einen Aufzug oder eine Toilette braucht, bin ich mir sicher, dass man das auch einbauen kann. Es ist zwar nicht immer einfach und wir haben beim Neuen Museum versucht, es wo es ging zu vermeiden, aber es war grundsätzlich möglich. Bei einem Gebäude von Mies geht es aber nicht nur um das räumliche Erleben. Seine Pläne sind fast wie ein Mondrian-Gemälde – ein Kunstwerk. Also haben wir versucht, den Plan so weit wie möglich zu respektieren.

Die Baustelle während der Sanierung durch David Chipperfield Architects

Die Architektur der Neuen Nationalgalerie ist eine Haut-und-Knochen-Architektur, in der nichts versteckt ist. Gleichzeitig wollten Sie nicht Ihre Fingerabdrücke auf dem Gebäude hinterlassen. Wie hat das funktioniert?

David Chipperfield: Die Aufgabe bestand nicht darin, ein Gebäude von Mies van der Rohe in ein Gebäude von David Chipperfield Architects zu verwandeln. Die Aufgabe bestand darin, die Neue Nationalgalerie von Mies zurückzubringen. Im Gebäude ist nur für einen Architekten Platz. Das mag jetzt bescheiden klingen, ist es aber nicht – es ist offensichtlich. Über diesen Punkt gab es nicht die geringste Diskussion. Die einzige Krise, die wir in formaler Hinsicht hatten, war die Nutzung der Räume für die Garderobe und den Museumsshop. Wie bringt man Räume, die nicht von Mies entworfen wurden, in den öffentlichen Raum und welche Identität sollten diese Räume haben? Das war der Moment, in dem wir unsere Fingerabdrücke hätten hinterlassen können. Aber wir haben eine Lösung gefunden, bei der wir versucht haben, die Konstruktion des Gebäudes miteinbeziehen, so dass man die rohen Räume sehen kann, in die sich die Nutzungen nun einfügen.

Demontierte Natursteinplatten der Neuen Nationalgalerie

War das die schwierigste Aufgabe?

David Chipperfield: Die schwierigste Aufgabe aus technischer Sicht war die Verglasung des Tempels. Das war eine Vermittlung zwischen zwei Positionen. Die eine war eine intellektuelle Position, die der Vorstellung folgt, dass 'Gott im Detail steckt' und den Fensterrahmen genau so beibehält, wie er von Mies entworfen wurde. Aber am anderen Ende dieser Diskussion steht dann ein Fachplaner, der sagt, dass die Konstruktion so nicht funktioniert und das der Fensterrahmen nach den heutigen Standards drei- oder viermal so groß sein müsste. Wir hatten also zwei scheinbar unlösbare Bedingungen: Mies zu schützen oder die Gebäudeleistung zu verbessern. Und die Verbesserung der Leistung war schließlich ein Teil des Auftrags. Aber auch hier muss ich sagen, dass uns dieser Mediationsprozess wirklich Spaß macht. Eine derartige Diskussion ist einfach wunderbar und bereichernd. Und die Lösung, die wir Schritt für Schritt für den Pfosten des Fensterrahmens gefunden haben, bleibt sehr nah an der Idee von Mies und verbessert trotzdem die Gebäudeleistung. Eine wichtige Entscheidung in diesem Zusammenhang war es, alles wiederzuverwenden, was bereits im Gebäude vorhanden war. Es wäre sehr einfach gewesen, alles abzureißen und zu ersetzen. Man kann den Stein wieder beschaffen, man kann das Metall wieder beschaffen, man kann alles wieder beschaffen. Warum es also behalten? Wir hatten das Gefühl, dass es wichtig war, mit diesen Stücken zu arbeiten. Es war unsere Verbindung zu Mies – eine Verbindung zur Authentizität.

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

David Chipperfield: Wenn Sie fragen, wo unsere Fingerabdrücke sind, würde ich sagen, sie sind nur an den Fehlern sichtbar, die wir gemacht haben. Aber sehen kann man meiner Meinung nach zum Glück nur Mies.