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One Wall Street - Model apartment 2501 (von Elizabeth Graziolo/ Yellow House Architects)

"Die New Yorker verlangen ihre Stadt zurück!"

Der Umbau von Manhattans Art-Déco-Bau One Wall Street durch Harry Macklowe gilt als die größte Umwandlung der Stadtgeschichte. Steht dahinter ein erfreulicher Trend?
von Franziska Horn | 23.08.2022

"Vollgesteckt wie ein Nadelkissen, so wirkt diese Stadt, betrachtet vom Wasser aus. Wie ein Blumenbeet architektonischer Blüten". So beschrieb der New Yorker Schriftsteller Henry James, geboren 1843, die Skyscraper von Manhattan. Sein Fazit: "Ein Symbol und Markenzeichen der amerikanischen Szene selbst". Was würde Henry James wohl zum heutigen Asphaltdschungel der Superlative sagen, in welchem sich Star-ArchitektInnen aus aller Welt ein festbetoniertes, dichtgedrängtes Stelldichein auf der berühmtesten Insel der Welt geben? Ob Bjarke Ingels Group (BIG) oder Frank Gehry, Skidmore, Owings and Merrill, Rem Koolhaas, Herzog de Meuron, Jean Nouvel, Richard Meier oder Renzo Piano – wer auf einer geführten AIA-Bootstour des NY Center for Architecture die Insel umschifft, bekommt ein hochkonzentriertes Who-is-who der baulichen Welt-Elite serviert. Guide unserer Bootstour ist der Architekturhistoriker Thomas Mellins. Er zeigt auf ein eher versteckt liegendes Objekt und sagt: "Bis Ende 2022 wird der Umbau von One Wall Street (OWS) fertig gestellt, ein Art-Déco-Tower von 1931, erbaut von Ralph T. Walker. Das ist einer der interessantesten und meistunterschätzten Bauten von ganz New York. Sein Architekt hat leider nie die nötigen Meriten erhalten".

Zugegeben, neben Nachbarn wie dem One World Trade Center (541 Meter) fällt der 199 Meter hohe Art-Deco-Tower erstmal kaum ins Auge. Dabei steht OWS für einen ganz eigenen Rekord: Das Office-to-Condo-Projekt mit seiner Umwandlung kommerzieller Flächen in Wohnraum ist die größte Konvertierung der gesamten Stadtgeschichte. Außerdem fungiert das OWS als Symbol und Flaggschiff für eine Transformation, die Manhattan derzeit durchläuft. "Die New Yorker fordern ihre Stadt zurück", erklärt Tom Mellins. Denn: Nach 9/11 und der Finanzkrise 2008 zogen immer mehr Banken weg aus FiDi, dem Financial District. "Was blieb, ist die Never say die-Mentalität der New Yorker, ein Musterbeispiel für Resilienz", beschreibt es Mellins. Die Zahlen hinter dieser Transformation: Mehr als 30 Milliarden Dollar wurden allein im letzten Jahrzehnt in Immobilien und Infrastruktur investiert. Dadurch gewann der historische Distrikt Manhattans kreative Industrien hinzu und die Wohnbevölkerung nahm um das Dreifache zu. Neue Parks und Grünflächen wie der von Barry Diller am Pier 55 gebaute Wasserpark Little Island entstanden, Gastronomie und Schulen machten "downtown" wieder lebenswert. "Man sieht wieder häufiger Kinder in der Stadt, das war vor einigen Jahren nicht so", erzählt Mellins.

Der Architekturhistoriker sagt: "Es gibt hier zwei Arten von Skyscrapern. Einmal die schlanken Superslim-Türme oder den Wedding-Cake-Type mit seinen diversen Set-backs, die nach der Zoning Resolution von 1916 entstanden." Die Resolution war eine direkte Antwort auf das hingeklotzte Equitable Building, welches die benachbarten Straßen verdunkelte. Auch One Wall Street weist jene Rückstufungen auf, die den Bau nach oben verjüngen. Ralph T. Walker – über den Frank Lloyd Wright einst sagte: "The only other honest architect of America" – hatte den Bau für eine Großbank namens Irving Trust Company gebaut. Für die bis heute so charakteristische Fassadengestaltung verwendete er Kalkstein statt Ziegel, obwohl teurer und weniger typisch für die Zeit. 50 Etagen nahm der 1931 fertiggestellte Tower ein, mit seinen 199 Metern damals das höchste Gebäude der Stadt. In den 1960er-Jahren fügte Walker einen stilistisch passenden, 28-stöckigen Annex an der Südseite des Turms an, so dass der Komplex heute einen ganzen Block umspannt. Im Erdgeschoss überraschte R. T. Walker die Bank-Kunden mit einer veritablen Farb-Orgie: Der inzwischen restaurierte, zehn Meter hohe Red Room im Eingangsbereich des Wolkenkratzers gilt als die Perle von Manhattan und ist rundum mit einem Mosaik in Rot-Gold ausgekleidet, das die New Yorker Mural-Künstlerin Hildreth Meière schuf. Und vielleicht gäbe es diesen Turm mitsamt Mosaik-Entree heute nicht mehr, wäre das Objekt nicht unter Denkmalschutz gestellt worden.

Im Jahr 2014 kaufte der New Yorker Real-Estate-Developer Harry Macklowe den Komplex am Anfang der Wall Street, der inzwischen vom Finanzdienstleister BNY Mellon betrieben wird. 2018 begannen Macklowe Properties mit dem Umbau und der Renovierung und beauftragten SLCE Architects mit der Ausführung. Harry Macklowe, persönlich in alle gestalterischen Entscheidungen involviert, stockte den Anbau auf 151 Meter auf und schuf so Raum für insgesamt 566 Wohneinheiten – vom Studio über One-Bedroom-bis zu Four-Bedroom-Apartments. Oberste Prämisse: Die architektonische Integrität von One Wall Street mit seiner Kalksteinfassade zu erhalten. Die ersten Käufer freuen sich heute über die zentrale Lage wie auch über den Fakt, in einem Wahrzeichen Manhattans zu wohnen.

Am Fuß des Baus fügte Macklowe 6.200 Quadratmeter Gewerbeflächen wie etwa für Supermärkte an und versorgte seine Kunden mit einer ganzen Reihe nützlich-komfortabler "Amenities": OWS-Eigentümer werden so automatisch Mitglied im "The One Club", zu welchem ein 23 Meter langer Indoor-Pool in der 38. Etage mit 270-Grad-Blick zählt, ebenso wie eine darüber liegende begrünte Freiluft-Terrasse, zudem ein Sport-Club mit Fitness-Center, Spa- und Wellnesseinrichtungen. Umfangreiche Co-Working-Spaces, eine Club-Lounge und eine Bar, eine Bücherei, ein Golf-Simulator, Spielzimmer für die Jugend und sogar eine Hundewaschanlage komplettieren den rundum durchdachten Baukomplex, der vielmehr ein Mikrokosmos ist – ein in sich geschlossenes System aus Wohnen, Leben, Arbeiten und Entspannen.

Wer durch die frisch erneuerten Gänge, Lifte und Ebenen schreitet und das eine oder andere gediegen gestaltete Apartment besichtigt, fühlt sich völlig fern vom Hustle-and-Bustle Manhattans. Wie in einer Blase steigt man höher und höher bis hinauf in das mehrstöckige Penthouse im obersten Turmgeschoss. Die Blicke schweifen nach Long Island, zur Freiheitsstatue oder nach New Jersey. Von einem der unteren Stockwerke kann man Einblicke in den geschäftigen Traders-Room der benachbarten NY Stock Exchange erhaschen. Tief unten liegt – beinahe rührend – die neugotische Trinity Church mit dem stillen grünen Rasenfleck des Friedhofs. 1846 erbaut, drei Jahre nach der Geburt von Henry James, war die Kirche damals mit 86 Metern das höchste Gebäude der Stadt. "Tempora mutantur – "Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen", das gilt nirgends so ausschließlich wie im schnelllebigen Big Apple.

One Wall Street, New York City