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Das "Penthaus à la Parasit" auf einem Parkhaus in der Altstadt von München.

MICROLIVING
Aneignung von Oben

"Wem gehört das Dach?", fragen Jakob Wirth und Alexander Zakharov. Und sie belassen es nicht bei der Frage: Mit dem "Penthaus à la Parasit", einem Tiny House aus Holz und Edelstahlverkleidung, erkunden sie das Recht auf privilegiertes Wohnen.
von Anna Moldenhauer | 30.06.2020

"Der Wohn- und Freiraum, in dem man kreativ sein kann, wird immer weniger und teurer", so Jakob Wirth. Der Kunst- und Soziologiestudent hat zusammen mit einem befreundeten Ökonomen, der sich für die Aktion Alexander Zakharov nennt, ein Tiny House erdacht. Gebaut aus recyceltem Holz, Multiplexplatten und mit Edelstahlblech sowie Spiegelfolie verkleidet, sind 3,6 Quadratmeter Wohnraum mit maßgefertigter Innenausstattung entstanden – Bett, Schreibtisch, zwei Kochplatten mit Gasbetrieb, ein Waschbecken mit Wassertank und Komposttoilette inklusive. Eine Grundausstattung auf kleinem Raum. Besonders ist der Standort des Hauses, denn Wirth und Zakharov positionieren das Mini-Penthaus in regelmäßigen Abständen auf Gebäuden in bester Innenstadtlage – ohne dass deren Eigentümer davon etwas wissen. "Prekär und privilegiert" nennen die beiden Schöpfer ihren Wohnraum. Strom gibt es nicht, dafür einen unverstellten Blick über die Dächer der Stadt. In der Verkleidung spiegelt sich die Architektur der nahen Luxusimmobilien und der Himmel. Der "Parasit" verschmilzt mit seiner Umgebung, denn um möglichst lange nicht vom "Wirt", dem Eigentümer des Hauses, auf dem er Platz genommen hat, entdeckt zu werden, bedarf es Camouflage.

Entstanden ist die Idee während der eigenen Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in Berlin – als Künstler war Jakob Wirth regelmäßig gezwungen, neue Nischen zum Arbeiten und Leben zu finden. Mit dem "Penthaus à la Parasit" schafft er nun selbst ein Zuhause in bester Lage und erprobt über die Aneignung der Dachfläche eine parasitäre, aber friedliche Koexistenz zum etablierten Miet- und Kaufmodell von Immobilien. In Berlin stand das "Penthaus à la Parasit" zuletzt auf einem Dach am Alexanderplatz, anschließend diente ein Parkhaus in der Altstadt von München dem "Parasiten" als Basis. Die Hausbesetzung im kleinen Stil erfolgt dank der leichten Modulbauweise meist unbemerkt. "Das Haus lässt sich wie ein Legoset in ein paar Stunden auf- und abbauen", so Wirth. Rechtlich liegt die Aktion im Graubereich: Wenn der Eigentümer des Gebäudes mahnt, auf dem Wirth und Zaharov das Tiny House errichtet haben, muss es wieder weichen. Bis dahin möchten Wirth und Zahharov über die Installation die einseitige Nutzung innerstädtischer Freiflächen in Frage stellen, den Diskurs über neue Perspektiven anregen und ein Zeichen setzen gegen steigende Miet- und Immobilienpreise in den Städten, die einkommensschwache Menschen in periphere Wohngebiete drängen. Neben kleinen Events organisieren sie hierfür regelmäßig "Dachgespräche", um mit Bewohnern der Stadt über die aktuelle Wohnungspolitik, die Nutzung von Freiflächen und parasitäre Aneignungsstrategien ins Gespräch zu kommen.

Werbevideo für das "Penthaus à la Parasit" auf einer Immobilienplattform

Dass das Wohnen im "Penthaus à la Parasit" möglich ist, hat Wirth kürzlich während des Corona-Lockdowns in einer zweiwöchigen Quarantäne selbst getestet. Anschließend öffnete er sein Refugium unter dem Titel "Residence at Penthaus à la Parasit" für Gäste. Wer den Weitblick erleben durfte, entschied das Los. Mit dem Satz "Seien Sie schneller als die kommenden Luxuspenthäuser und erfahren Sie das Penthauspanorama bevor der Alpenblick unbezahlbar wird", bewarben Wirth und Zakharov ihr Angebot und bedienen sich auch sonst für die Anpreisung des Häuschens der werblichen Sprache der gängigen Immobilienanzeigen. "Es geht uns nicht nur darum, Kunstinteressierte zu erreichen, sondern fächerübergreifend in den Dialog zu treten", so Jakob Wirth. Dafür boten sie das Penthouse kurzerhand auf einer Immobilienplattform an, inklusive Grundriss und einem Preis, der sich an dem Kaufpreisspiegel der exklusiven Lage orientiert. "Wir hatten innerhalb von kürzester Zeit gut 6000 Aufrufe", so Wirth. Für potentielle Kaufinteressenten mimt Alexander Zakharov auch mal den Immobilienmakler, die Gäste werden bei der Begehung des Tiny House selbst Teil der Kunstaktion. Verkaufen würden die beiden das Penthaus allerdings nicht. Es soll Inspiration und Anstoß zur Diskussion bleiben, Kunst, Architektur und Protest mit der Flucht nach oben vereinen. Am vergangenen Sonntag haben Wirth und Zakharov ihr Werk vom Dach geholt. Das Parkhaus, dass ihm als Basis diente, muss in Kürze weichen, um Platz zu schaffen für den Bau neuer Luxusimmobilien. Die nächste Station des "Penthaus à la Parasit" ist noch nicht offiziell: "Man weiß nie, was der Parasit als nächstes macht", so Jakob Wirth.