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T-Shirts von Cute Circuit mit integriertem Display
T-Shirts von Cute Circuit mit integriertem Display
Foto: Cute Circuit
T-Shirts von Cute Circuit mit integriertem Display

STYLEPARK TECHTEXTIL
Die Yogahose als Personal Trainer

Smart Clothing spielt auf der Techtextil 2019, die vom 14. bis 17. Mai in Frankfurt am Main stattfindet, eine wichtige Rolle. Doch wie stark setzt die Mode tatsächlich auf die Verbindung von Stoff und Technik?
von Silke Bücker | 09.05.2019

Der moderne Alltag ist von Technik durchzogen. Zunehmend halten wir uns in virtuellen Welten auf und vermischen sie mit unserer analogen Realität. Ein Resultat der Digitalisierung, die auch vor Textil und Mode nicht Halt macht. Das Augenmerk liegt auf den Smart Textiles, die technische Komponenten in Stoffe integrieren, damit sie das Leben erleichtern, sicherer oder gar gesünder machen und zu denen seit knapp 15 Jahren rund um den Globus geforscht wird. Doch der Begriff Smart Textiles lässt sich auch noch ganz anders interpretieren – nämlich als Konzept für nachhaltige Materialien und Materialnutzung. Denn der Ressourcen- und Umweltschutz stellt die Bekleidungsbranche aktuell, ebenso wie andere Wirtschaftsbereiche, über alle Sparten hinweg vor die größten Herausforderungen. 

Zunächst aber: Wie viel Potenzial steckt tatsächlich in der Verbindung zweier derart konträrer Subjekte? Einerseits der Mode, die in erster Linie ästhetischen und qualitativen Aspekten folgt, die uns Haltung und Persönlichkeit verleiht. Anderseits hochempfindliche technische Zutaten wie Kabel, Leuchtdioden oder Sensoren. Sie sollen nach Möglichkeit unsichtbar in einem Kleidungsstück verschwinden und auch den Schleudergang in der Waschmaschine schadlos überstehen. Nicht umsonst funktionieren Wearables bislang am allerbesten bei Accessoires wie der Apple Watch oder "MICA", kurz für "My Intelligent Communication Accessory", einem 2014 von Opening Ceremony und Intel Reveal lancierten Luxusarmband aus 18-Karat Gold, weißem Schlangenleder und Obsidian – das nebenher noch vollkommen unsichtbar Funktionen wie Messenger, Terminkalender, soziale Medien und Fashion-Apps bereithält. Weitaus herausfordernder wird die Fusion, wenn Stoffe ins Spiel kommen, da diese mit starren Technikbauteilen verbunden werden müssen – was meist nur in interdisziplinärer Kooperation gelöst werden kann. Daher ist die Bedeutung von Wearables für den kommerziellen Modemarkt noch vergleichsweise gering, nichtsdestoweniger existieren bereits vielfältige Ansätze. 

"MICA"-Armband von Opening Ceremony und Intel Reveal
"MICA"-Armband von Opening Ceremony und Intel Reveal
Foto: Opening Ceremony
"MICA"-Armband von Opening Ceremony und Intel Reveal

Die einfachster Variante ist es, Technik zusätzlich anzubringen. So hat die Londoner Marke Cute Circuit ein T-Shirt mit eingebautem Mikrofon, Lautsprecher und Kamera im Programm, das über ein integriertes Display den Facebook-Status und Fotos abbilden oder Songs abspielen kann. In den vergangenen Jahren ist man dazu übergegangen, die Technik einzustricken, zu weben oder zu sticken: Leitfähige Garne, LEDs oder Sensoren werden so ins Textil eingebettet. Aufsehenerregend ist das Projekt der britischen Textildesignerin Lauren Bowker, die gemeinsam mit einem Technologiespezialisten Stoffe entwickelt, die elektromagnetische Wellen im Gehirn messen können und mittels Veränderung von Farbe oder Muster die Stimmung des Trägers wiedergeben. 

Viel zitiert ist die Kooperation von Google und Levi’s: Zusammen lancierten sie 2017 die "Commuter Trucker Jacket", die sich über eine herausnehmbare Bluetooth-Manschette mit dem Mobiltelefon verbinden lässt. Mittels leitfähiger Fasern im unteren linken Ärmel lassen sich die wichtigsten Smartphone-Funktionen steuern, ohne das Gerät aus der Tasche ziehen zu müssen. Der Haken an der Sache: Die Jacke kann maximal zehnmal gewaschen werden und ist insofern womöglich nur eine vorübergehende Modeerscheinung, deren "Smartness" man durchaus in Frage stellen darf. 

Yoga-Pants mit integriertem Vibrationsmechanismus von Nadi X
Yoga-Pants mit integriertem Vibrationsmechanismus von Nadi X
Foto: Wearable X
Yoga-Pants mit integriertem Vibrationsmechanismus von Nadi X

Eine wichtiger werdende Rolle spielen Smart Fabrics im Bereich Performance oder Active Wear, mit einem Augenmerk auf die Gesundheitsprävention. So entwickelte beispielsweise Ralph Lauren ein High-Tech-Shirt, das mittels eingewebter Silberfasern die Vitalparameter des Nutzers erfasst und diese an sein Smartphone sendet. So werden Puls, Herzschlag, Kalorienverbrauch oder Körpertemperatur dokumentiert. Von der französischen Marke Spinali Design gibt es den "Neviano UV Protect Swimsuit", ausgestattet mit einem wasserfesten und abnehmbaren Sensor in Medaillonform, der verhindert, dass die Trägerin zu lange in der Sonne bleibt und ihr signalisiert, wann es Zeit ist, Sonnencreme aufzutragen. Nadi X aus Sidney präsentiert eine Yoga-Pants mit eingebauten Vibrationsmechanismen an Hüfte oder Knie, die sanft pulsieren und so Bewegung oder das Halten von Positionen triggern. Außerdem wird die Qualität des Übens analysiert und kommuniziert. 

Fashion von Ecoalf ist ausschließlich aus Recyclingmaterialien gefertigt.
Fashion von Ecoalf ist ausschließlich aus Recyclingmaterialien gefertigt.
Foto: Ecoalf
Fashion von Ecoalf ist ausschließlich aus Recyclingmaterialien gefertigt.
Verschiedenste Altprodukte bis hin zu PET-Flaschen werden dafür aufgearbeitet.
Verschiedenste Altprodukte bis hin zu PET-Flaschen werden dafür aufgearbeitet.
Foto: Ecoalf
Verschiedenste Altprodukte bis hin zu PET-Flaschen werden dafür aufgearbeitet.

Smart ist auch das Prinzip "Aus alt mach‘ neu": Kaum ein Verfahren boomt mehr in der (alternativen) Modeindustrie als Reuse und Recycling. Bekannt dafür ist die spanische Marke Ecoalf, deren Kollektion – stilistisch zwischen Fashion und Funktion – rein auf dem Prinzip der Wiederverwendung verschiedenster Rohstoffe wie PET-Flaschen oder gebrauchter Autoreifen basiert. Ein Prinzip, das die Schweizer Taschenmarke Freitag inzwischen seit 1993 erfolgreich umsetzt. Ihre Taschen aus recycelten LKW-Planen darf man insofern als Pioniere auf diesem Gebiet bezeichnen. Viele Modeanbieter verwenden für ihre nachhaltigen Kollektionen das aus ausgedienten Fischernetzen wiedergewonnene Polyamid Econyl des italienischen Anbieters Aquafil. So zeigte Kunert 2018 in Kooperation mit der Kölner Designerin Claudia Lanius eine Strumpfhosenkollektion aus Econyl. Und der österreichische Faserhersteller Lenzing bereitet Schnittreste aus der konventionellen Baumwoll-Bekleidungsherstellung nach nachhaltigen Standards für seine Zellulosefasern wieder auf. 

Aus dem Recyclingmaterial Econyl von Aquafil besteht die Kollektion von Kunert und der Modedesignerin Claudia Lanius.
Aus dem Recyclingmaterial Econyl von Aquafil besteht die Kollektion von Kunert und der Modedesignerin Claudia Lanius.
Foto: Lanius
Aus dem Recyclingmaterial Econyl von Aquafil besteht die Kollektion von Kunert und der Modedesignerin Claudia Lanius.

Prognosen, welche Bedeutung und Relevanz den Smart Textiles und Wearables in Zukunft zuteil wird, sind derzeit schwer zu treffen. Zielsetzung bei der Entwicklung und Lancierung sollte aber sein, über den reinen Gadget-Charakter hinaus stets den Benefit für das Zusammenspiel aus Mensch, Natur und Umwelt im Fokus zu haben. Diesen Anspruch spiegelt auch der Themenschwerpunkt Nachhaltigkeit der diesjährigen Techtextil wieder. Die internationale Leitmesse bietet mit ihren Ausstellern insbesondere aus den Anwendungsbereichen "Clothtech" und "Sporttech" neueste Material- und Produktlösungen aus den Bereichen funktionale Bekleidungstextilien und Sport. Und beim Techtextil Forum – dem neuen Vortragsformat, das die Messe ergänzt – berichten Referenten unter der Überschrift "Towards Sustainebility" über die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Forschung.

Techtextil - Internationale Leitmesse für Technische Textilien und Vliesstoffe

Messe Frankfurt
Vom 14. bis 17. Mai 2019

Öffnungszeiten: 

9 – 18 Uhr (14. bis 16. Mai)
9 – 17 Uhr (17. Mai)

Der eingebaute Sensor des "Neviano UV Protect Swimsuit" von Spinali Design soll Sonnenbrand verhindern.
Der eingebaute Sensor des "Neviano UV Protect Swimsuit" von Spinali Design soll Sonnenbrand verhindern.
Foto: Spinali Design
Der eingebaute Sensor des "Neviano UV Protect Swimsuit" von Spinali Design soll Sonnenbrand verhindern.