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JUNGE TALENTE
Schaumstoff neu gedacht

Mit der Vision, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, erforscht der in Oslo lebende Designer Kim Lund, wie ein nachhaltiges Sofa aussehen kann. Dafür stellt er die Möbelpolsterung auf Erdölbasis in Frage.
von Anika Paulus | 05.02.2024

Möchte man sich einen Alltag ohne weiche Möbel vorstellen, ohne den Komfort der Matratze in der Nacht oder bequeme Sofakissen nach einem langen Tag? Dieser Komfort kann aufgrund des darin befindlichen Schaums ein ernsthaftes Umweltproblem darstellen. Kim Lund, Designstudent an der Oslo School of Architecture and Design, setzte sich im renommierten Möbeldesignstudio Anderssen&Voll damit auseinander, wie Möbel hergestellt werden und welche Materialien sie enthalten. Heutzutage werden die meisten weichen Möbel mit erdölbasiertem Schaumstoff produziert, dessen Herstellungsprozess problematisch ist und der nicht recycelt, sondern nur mit Qualitätsverlust aufgearbeitet werden kann. "Weltweit sind Möbelschaumstoffe für 105 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen pro Jahr verantwortlich. Ein Sessel zum Beispiel stößt im Durchschnitt 43 kg CO₂ aus, und fast die Hälfte davon wird durch den Möbelschaum verursacht." Lund fand zudem aktuell keine Alternativen zu dem nicht nachhaltigen, erdölbasierten Material.

Damit gab sich Lund nicht zufrieden. "Als Designer hat man eine Verantwortung. Wenn wir neue Produkte entwerfen, die in Produktion gehen, müssen wir uns fragen, ob es wirklich einen Bedarf für ein weiteres Produkt gibt, und wenn ja, ob es nachhaltig gestaltet und produziert werden kann." Im Rahmen seines Abschlussprojekts machte er sich auf die Suche nach einer umweltfreundlichen Alternative zu synthetischem Schaumstoff und entwarf ein modernes Konzept dafür, wie ein nachhaltiges Sofa heute aussehen könnte, indem er eine umfassende Material- und Designstudie durchführte.

Flexible Hanf Bänder schaffen eine anpassungsfähige Sitzfläche

Er testete neun verschiedene Pflanzenfasern im Vergleich zu den sechs synthetischen, erdölbasierten Schaumstoffen, die heute am häufigsten in Sofas verwendet werden, und verglich die Haltbarkeit, den sensorischen Eindruck und den Sitzkomfort aller Materialien. Für einen abschließenden Blindtest baute er drei voll funktionsfähige Prototypen der Polster – gefüllt mit Hanffasern, Hanffasern und Holzwolle sowie synthetischem Schaumstoff. Von den pflanzlichen Füllungen lieferte die Hanffaser das beste Ergebnis, doch der synthetische Schaumstoff bot immer noch den besten Komfort. Wenn die Probanden jedoch wussten, welche Kissen synthetisch und welche biologisch sind, entschieden sie sich immer für die Hanffaser, auch wenn sie etwas weniger Komfort boten. "Das gibt mir Hoffnung und Motivation, das Material weiter zu erforschen. Der nächste Schritt wäre es zu versuchen, aus Hanf einen organischen Latex herzustellen, der hoffentlich genau den gleichen Komfort bietet
wie synthetischer Schaum."

Zufrieden mit den Erkenntnissen aus der Materialstudie, machte sich Lund an die Gestaltung des Sofas. Für ihn ist gutes Design leicht und besteht aus nur wenigen Komponenten, die einen flachen Transport ermöglichen und die Herstellung und Montage erleichtern. Der endgültige Entwurf für sein nachhaltig produziertes und gleichzeitig langlebiges Sofa BASIC erfüllt alle seine Anforderungen und bietet hohen Komfort. Es ist komponentenbasiert, frei von Erdöl und ausschließlich aus organischen, biologisch abbaubaren Materialien hergestellt: Das Gestell besteht aus Holz und Hanfbändern, während die Kissen aus Leinenstoff mit einer Füllung aus Hanffasern gefertigt sind. "Nach seiner Lebensdauer können Sie das Sofa in Ihren Garten werfen, wo es sich zersetzt und wieder zu Dünger für Ihre Pflanzen wird. Aber ein Sofa, das aus hochwertigen Materialien hergestellt ist, kann viele Jahre, ja sogar Jahrzehnte, halten."

Flexible Lamellen ermöglichen eine bequeme Rückenlehne

Das BASIC-Sofa ist nicht in Produktion. Kim sieht sein Projekt als konzeptionelles Statement, das künftige Trends inspirieren soll. Seine Design- und Materialforschung zum Ersatz von synthetischem Schaumstoff sind ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen. Da sich die Industrie der Probleme mit synthetischem, erdölbasiertem Schaumstoff bewusst ist glaubt Lund, dass viele Hersteller und Designstudios nachhaltige Alternativen verwenden werden, sobald es eine machbare Möglichkeit gibt.

In seinen Designs erforscht Kim Lund verschiedene Materialien und Methoden, wie zum Beispiel 3D-Druck in großem Maßstab für sein Projekt "Closeness". Als Designer fühlt er sich durch diese Technologie immer noch eingeschränkt. Aktuell wendet sich Lund verstärkt der Kunst zu genießt die kreative Freiheit. "Die Kunst ermöglicht mir Kontemplation und Ruhe. Design muss immer eine intelligente Funktion oder ein Merkmal haben, das sie interessant macht. Aber ich interessiere mich auch für Fugen, wie das Zusammentreffen zweier Materialien und dafür, wie mein Wissen über Design meine Kunst beeinflusst." Dabei ist Lund überzeugt, dass ein Objekt gleichzeitig Kunst und Design sein kann – wie ein Stuhl, der funktional ist und sich in der Wohnung auch in eine Skulptur verwandeln kann.