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Die Umwelt wird gestaltet, Gärten werden kultiviert
von Thomas Wagner
8. Mai 2013
Foto © Thomas Wagner
Wenn laue Lüfte wehen und die Knospen endlich aufbrechen, bekommen die einen Frühlingsgefühle, die anderen werden müde. Zum Glück bleibt das nicht lange so. In jenen Wochen, in denen sich unser Organismus von Winter- auf Sommerbetrieb umstellt, unsere Körper in leichte Hüllen schlüpfen und auch das Begehren in der Sonne wieder aufzutauen beginnt, treibt aber nicht nur die Natur jede Menge Blüten. Auch in den Köpfen sprießt die eine oder andere verrückte Idee. So hat erst jüngst die Künstlergruppe „realities:united“ vorgeschlagen, den sogenannten „Kupfergraben“ in Berlin, einen rund um die Museumsinsel verlaufenden Spreearm, in ein öffentliches Schwimmbad zu verwandeln – samt Freitreppen, Umkleidekabinen, Kiesfilter und kleinem Biotop. Mit siebenhundert Metern Länge wäre es das größte Freibad der Welt. Ob es dazu kommt? Wir werden sehen und vielleicht schon bald zwischen Zeughaus und Neuem Museum baden gehen.

Aber nicht nur in übervollen Städten träumen Körper und Köpfe im Frühling von Freiheit und Abenteuer in frischer Luft. Ob Architekten plötzlich frühlingsgetrieben kalifornisch-offene Bungalows zu Papier bringen, Dächer begrünen oder aus Algen Energie erzeugen wollen oder ob sich Bürger und Touristen in New York einfach in den Park auf der ehemaligen Highline in Chelsea setzen, es wird darüber nachgedacht, wie unsere Umwelt besser, gesünder, angenehmer und natürlicher gestaltet werden kann. Sicher, in Städten, in denen es einen Fluss gibt, zieht es bleiche Büroangestellte in der Mittagspause einfach ans Ufer. Sonntags pilgern die Familien an einen nahegelegenen See, und wo gar das Meer vor der Haustür liegt, locken rund um die Uhr Strand und Brandung.

Leider ist es nicht jedem vergönnt, an solchen Orten zu leben. Dann versprechen wenigstens Garten und Terrasse, so überschaubar sie auch sein mögen, Abhilfe. Selbst der Balkon, die kleinste Variante einer eigenen Freiluftoase mitten im urbanen Getöse, ist dann mehr als nur ein eingeplanter Freisitz oder eine Plattform zum Luftholen. Denn ganz gleich, wo wir Blütenduft, Blätterrauschen, Licht, Luft und Sonne begegnen, mit Freunden grillen und überhaupt alle Erdenschwere abzuschütteln uns bemühen, alle diese Orte haben mehr oder weniger denselben mythischen Ursprung: den Paradiesgarten.

Ob fernab der Menschenwelt gelegen wie Gilgameschs Garten der Götter, die griechischen Inseln der Seligen oder Dantes Garten Eden auf dem Gipfel des Läuterungsberges, ob im Umkreis der irdischen Siedlung angelegt wie die Akademie Platons, die Gartenschule des Epikur oder die Villen von Boccaccios „Decamerone“, oder mitten in der Stadt angesiedelt wie der Park der Villa Borghese in Rom oder die Obdachlosengärten in New York – immer bilden Gärten eine Welt für sich. In solchen Refugien findet der Mensch seit alters her eine Art Zufluchtsort. Der Garten bildet eine Art Gegen-Ort oder Widerlager, aus dem heraus sich all das, was sich täglich um uns her ereignet, entspannt und anders betrachten lässt.

Schauen wir kurz auf ein berühmtes Beispiel: Candide, der illegitime Neffe des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh, wird – in Voltaires berühmter Satire „Candide oder der Optimismus“ von 1759 – aus seinem Heimatschloss verbannt, nachdem er mit der traumhaft schönen Prinzessin Cunégonde in flagranti ertappt worden ist. Das Schloss, wo ihm sein Lehrer Pangloss Leibniz’ Theorie der „besten aller Welten“ näherzubringen suchte, verlassen zu müssen, kommt der Vertreibung aus dem Paradies gleich. Fortan wird Candides Optimismus auf harte Proben gestellt. Er sieht und erfährt viel Leid, lernt Habgier und Bosheit als die treibenden Kräfte des menschlichen Lebens erkennen. Als er seine geliebte Cunégonde und seinen Lehrer Pangloss in Konstantinopel endlich wiedergefunden hat, kauft er ein Landgut, wo er sich mit seinen Begleitern niederlässt. Ein jeder gibt hier sein Bestes. Der weise Martin empfiehlt: „Lasst uns arbeiten, ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“ Und als Pangloss weiter einen ungetrübtem Optimismus zu predigen beginnt, entgegnet ihm Candide im letzten Satz der Novelle: „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“.

„Il faut cultiver notre jardin“ – der Satz Voltaires ist längst zum geflügelten Wort geworden. Mit Rückzug ins Private hat er nichts zu tun. Schließlich muss man den Satz vor dem Hintergrund der Kriege, der Pest und der Naturkatastrophen lesen, die in der Novelle geschildert werden. „Die Betonung des Kultivierens“, so Robert Harrison in seinem lesenswerten Buch „Gärten“, „ist wesentlich. Eben weil wir in die Geschichte geworfen sind, müssen wir unseren Garten bestellen. In einem unsterblichen Eden bedarf es keines Kultivierens, denn dort ist alles von vorneherein spontan gegeben. Unsere menschlichen Gärten mögen uns wie kleine Gucklöcher erscheinen, die inmitten der gefallenen Welt einen Blick auf das Paradies gewähren, aber die Tatsache, dass wir sie schaffen und bewahren, dass wir für sie sorgen müssen, ist das Kennzeichen ihrer Herkunft aus dem Zustand nach dem Sündenfall. Ohne Gärten wäre die Geschichte eine Wüste. Ein von der Geschichte losgelöster Garten wäre überflüssig.“

So fern und so fantastisch uns die Gartenwelten des Mythos auch erscheinen mögen, darüber, wie ihr irdisches Pendant einzurichten sei, wird nichts gesagt. Dabei steckt noch etwas von der großen und ernsten Aufgabe des Kultivierens selbst im einfachsten Möblieren eines Balkons, einer Terrasse, eines kleinen Gärtchens hinterm Haus. Die Sorge, die uns dabei antreibt, und die Sorgfalt, die wir dabei walten lassen, gehen offenbar über das profane Gestalten neutraler Umwelten hinaus. Denn anders als im Fall der Umwelt, von der so viel die Rede ist und die von Gesetzgebern und Planern gestaltet wird, ist unser Garten immer ein Fleckchen Erde, auf dem nicht nur umgegraben, das Gras gemäht oder die Balkonkästen bepflanzt werden. Hier werden auch gemeinsame kulturelle, ethische und bürgerliche Tugenden kultiviert. Da sage noch einer, es sei eine leichte Aufgabe, sich einen Gartenstuhl zu kaufen.
News & Stories › 2013 › Mai
Die Umwelt wird gestaltet, Gärten werden kultiviert
von Thomas Wagner | 8. Mai 2013
Ein Gärtchen, eine Terrasse, ein Balkon – alle stehen sie noch mehr oder weniger in Verbindung mit mythischen Gartenwelten, ja dem Paradies selbst. Denn wer einen Garten kultiviert, der gestaltet mehr als eine Umwelt.
Wenn laue Lüfte wehen und die Knospen endlich aufbrechen, bekommen die einen Frühlingsgefühle, die anderen werden müde. Zum Glück bleibt das nicht lange so. In jenen Wochen, in denen sich unser Organismus von Winter- auf Sommerbetrieb umstellt, unsere Körper in leichte Hüllen schlüpfen und auch das Begehren in der Sonne wieder aufzutauen beginnt, treibt aber nicht nur die Natur jede Menge Blüten. Auch in den Köpfen sprießt die eine oder andere verrückte Idee. So hat erst jüngst die Künstlergruppe „realities:united“ vorgeschlagen, den sogenannten „Kupfergraben“ in Berlin, einen rund um die Museumsinsel verlaufenden Spreearm, in ein öffentliches Schwimmbad zu verwandeln – samt Freitreppen, Umkleidekabinen, Kiesfilter und kleinem Biotop. Mit siebenhundert Metern Länge wäre es das größte Freibad der Welt. Ob es dazu kommt? Wir werden sehen und vielleicht schon bald zwischen Zeughaus und Neuem Museum baden gehen.

Aber nicht nur in übervollen Städten träumen Körper und Köpfe im Frühling von Freiheit und Abenteuer in frischer Luft. Ob Architekten plötzlich frühlingsgetrieben kalifornisch-offene Bungalows zu Papier bringen, Dächer begrünen oder aus Algen Energie erzeugen wollen oder ob sich Bürger und Touristen in New York einfach in den Park auf der ehemaligen Highline in Chelsea setzen, es wird darüber nachgedacht, wie unsere Umwelt besser, gesünder, angenehmer und natürlicher gestaltet werden kann. Sicher, in Städten, in denen es einen Fluss gibt, zieht es bleiche Büroangestellte in der Mittagspause einfach ans Ufer. Sonntags pilgern die Familien an einen nahegelegenen See, und wo gar das Meer vor der Haustür liegt, locken rund um die Uhr Strand und Brandung.

Leider ist es nicht jedem vergönnt, an solchen Orten zu leben. Dann versprechen wenigstens Garten und Terrasse, so überschaubar sie auch sein mögen, Abhilfe. Selbst der Balkon, die kleinste Variante einer eigenen Freiluftoase mitten im urbanen Getöse, ist dann mehr als nur ein eingeplanter Freisitz oder eine Plattform zum Luftholen. Denn ganz gleich, wo wir Blütenduft, Blätterrauschen, Licht, Luft und Sonne begegnen, mit Freunden grillen und überhaupt alle Erdenschwere abzuschütteln uns bemühen, alle diese Orte haben mehr oder weniger denselben mythischen Ursprung: den Paradiesgarten.

Ob fernab der Menschenwelt gelegen wie Gilgameschs Garten der Götter, die griechischen Inseln der Seligen oder Dantes Garten Eden auf dem Gipfel des Läuterungsberges, ob im Umkreis der irdischen Siedlung angelegt wie die Akademie Platons, die Gartenschule des Epikur oder die Villen von Boccaccios „Decamerone“, oder mitten in der Stadt angesiedelt wie der Park der Villa Borghese in Rom oder die Obdachlosengärten in New York – immer bilden Gärten eine Welt für sich. In solchen Refugien findet der Mensch seit alters her eine Art Zufluchtsort. Der Garten bildet eine Art Gegen-Ort oder Widerlager, aus dem heraus sich all das, was sich täglich um uns her ereignet, entspannt und anders betrachten lässt.

Schauen wir kurz auf ein berühmtes Beispiel: Candide, der illegitime Neffe des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh, wird – in Voltaires berühmter Satire „Candide oder der Optimismus“ von 1759 – aus seinem Heimatschloss verbannt, nachdem er mit der traumhaft schönen Prinzessin Cunégonde in flagranti ertappt worden ist. Das Schloss, wo ihm sein Lehrer Pangloss Leibniz’ Theorie der „besten aller Welten“ näherzubringen suchte, verlassen zu müssen, kommt der Vertreibung aus dem Paradies gleich. Fortan wird Candides Optimismus auf harte Proben gestellt. Er sieht und erfährt viel Leid, lernt Habgier und Bosheit als die treibenden Kräfte des menschlichen Lebens erkennen. Als er seine geliebte Cunégonde und seinen Lehrer Pangloss in Konstantinopel endlich wiedergefunden hat, kauft er ein Landgut, wo er sich mit seinen Begleitern niederlässt. Ein jeder gibt hier sein Bestes. Der weise Martin empfiehlt: „Lasst uns arbeiten, ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“ Und als Pangloss weiter einen ungetrübtem Optimismus zu predigen beginnt, entgegnet ihm Candide im letzten Satz der Novelle: „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“.

„Il faut cultiver notre jardin“ – der Satz Voltaires ist längst zum geflügelten Wort geworden. Mit Rückzug ins Private hat er nichts zu tun. Schließlich muss man den Satz vor dem Hintergrund der Kriege, der Pest und der Naturkatastrophen lesen, die in der Novelle geschildert werden. „Die Betonung des Kultivierens“, so Robert Harrison in seinem lesenswerten Buch „Gärten“, „ist wesentlich. Eben weil wir in die Geschichte geworfen sind, müssen wir unseren Garten bestellen. In einem unsterblichen Eden bedarf es keines Kultivierens, denn dort ist alles von vorneherein spontan gegeben. Unsere menschlichen Gärten mögen uns wie kleine Gucklöcher erscheinen, die inmitten der gefallenen Welt einen Blick auf das Paradies gewähren, aber die Tatsache, dass wir sie schaffen und bewahren, dass wir für sie sorgen müssen, ist das Kennzeichen ihrer Herkunft aus dem Zustand nach dem Sündenfall. Ohne Gärten wäre die Geschichte eine Wüste. Ein von der Geschichte losgelöster Garten wäre überflüssig.“

So fern und so fantastisch uns die Gartenwelten des Mythos auch erscheinen mögen, darüber, wie ihr irdisches Pendant einzurichten sei, wird nichts gesagt. Dabei steckt noch etwas von der großen und ernsten Aufgabe des Kultivierens selbst im einfachsten Möblieren eines Balkons, einer Terrasse, eines kleinen Gärtchens hinterm Haus. Die Sorge, die uns dabei antreibt, und die Sorgfalt, die wir dabei walten lassen, gehen offenbar über das profane Gestalten neutraler Umwelten hinaus. Denn anders als im Fall der Umwelt, von der so viel die Rede ist und die von Gesetzgebern und Planern gestaltet wird, ist unser Garten immer ein Fleckchen Erde, auf dem nicht nur umgegraben, das Gras gemäht oder die Balkonkästen bepflanzt werden. Hier werden auch gemeinsame kulturelle, ethische und bürgerliche Tugenden kultiviert. Da sage noch einer, es sei eine leichte Aufgabe, sich einen Gartenstuhl zu kaufen.