Die Verjüngung der Küche
Mailand ist mitreißend, jedes Mal aufs Neue. Inmitten abrisswürdiger Hinterhöfe, begrünter Dachterrassen und schier endloser Menschenansammlungen, die die bildgewaltige Mischung der Milan Design Week mit eigenen Augen sehen und erleben möchten, ist es schwer, sich nicht zu verlaufen. In diesem Jahr aber wollte sich eine ganze Branche am liebsten darin verlieren. Die im Vorfeld aufgeworfenen Frage, ob sich die internationale Leitmesse für Möbeldesign, Küche und Architektur im Biennale-Doppel aus Salone del Mobile und EuroCucina trotz der anhaltenden Konsumflaute und geopolitischer Spannungen halten und gewissermaßen auch lohnen würde, beantwortete Mailand mit unerschrockener Selbstinszenierung. Wer als Bedenkenträger in die italienische Designmetropole reiste, dürfte als Fantast und Träumer, vielleicht sogar als Fan, wieder gefahren sein: Inmitten lauschiger Gärten, verwinkelter Labyrinthe und wogender Ballonkulissen hüllte Mailand seine BesucherInnen in eine geradezu unwirkliche Blase aus Begeisterung und Gestaltungskraft – mit Ideen und Inspiration an jeder Straßenecke, die von vorneherein mit Mainstream-Möbeln nur wenig am Hut haben.
Italienische Dramatik
Und so wagte sich auch die deutschsprachige Küchenszene 2026 aus ihrer Komfortzone heraus. Erstmals bezog etwa der baden-württembergische Produzent Leicht Küchen ein Domizil in der Innenstadt: In der großzügig verglasten Orangerie des "Museo Poldi Pezzoli" eröffnete die elegante Küchenarchitektur aus bordeauxrotem Stein, Lack und Nussholz neue Sichtachsen auf die Maßarbeit des Herstellers, der sich damit endgültig – so erklärte es CEO Stefan Waldenmaier – im Segment von Innenarchitektur und Komplettausbau etablieren will. Der Blick fürs Detail gibt ihm Recht: Mit dem charakteristischen "Rosso Lepanto", einem tiefroten und von weißen Verästelungen durchzogenen Marmor, wurde nahezu die ganze Ausstellung gestaltet. Der in Ligurien, und damit nur etwa drei Stunden von Mailand entfernt, abgebaute Stein faltete sich entlang der Küchenrückwand empor, kleidete Wangen und Fronten ein und kam sogar innerhalb der Griffblende zum Einsatz. Ein minutiös gefrästes Meisterstück, innerhalb dessen die unsichtbar integrierten Lichtleisten in vertikaler und horizontaler Ausführung ihr Übriges taten, um die Modelle des schwäbischen Herstellers auf die Ebene italienischer Dramatik zu hieven.
Präsenz zeigen
Denn darum geht es bei dieser Messe ja letztendlich: Zeigen, was möglich wäre – und eben nicht, was ist. Mailand wäre nicht Mailand, wenn nicht alle AkteurInnen eine gewisse Selbstüberhöhung an den Tag legen würden. Was auch die deutsche Luxusgerätemarke Gaggenau auf der EuroCucina gekonnt unter Beweis stellte. Bereits zum dritten Mal inszenierte sich der Hersteller in einer so reduzierten wie aufwändigen Kulisse im Garten der Villa Necchi und trieb damit gewissermaßen seine eigene Evolution voran. Nach den vorangegangenen Installationen "A Statement of Form" (2022) und "The Elevation of Gravity" (2024) war Gaggenau 2026 beim simplen Schlagwort "Presence" angekommen.
Dem verlieh die tempelartige Gestaltung des Showrooms eine ganz eigene Wirkung: Inmitten eines Lichthofs aus hellen Betonsäulen, treppenförmig angelegtem Travertin und Glas thronte der Backofen der "Gaggenau Expressive Series" an der Stirnseite des Raumes – und entfaltete als solitäres Statement eine ungeheure Wucht aus Präzision und Begehren. Der orangefarbene Lichtkegel, mit dem die Konstruktion hinterleuchtet wurde, imitierte dabei die aufgehende Sonne, die Anwenderinnen und Anwender tatsächlich während der Nutzung ihres Geräts auf dem Display sehen und die den Fortschritt des Garguts signalisieren soll.
Eine ähnliche Verschmelzung von Geräte- und Raumarchitektur erwog das ausführende Kreativstudio 1zu33 aus München auch bei den Produkten der "Minimalistic Series", allerdings als stilles Pendant in einer Nische des Pavillons. In einem optisch fünffach verglasten und mit Lichtrastern bestücktem Kubus wurden Backofen, Dampfgarer und Wärmeschublade der Kollektion so unauffällig integriert, dass nur der mittig thronende Bedienring aus Edelstahl die dunklen Einbaugeräte als solche kenntlich machte. Die Botschaft des Geräteherstellers? "When the world quiets, presence speaks."
Grüne Oasen
Wer sich am Garten der Villa Necchi nicht sattgesehen hatte, zog weiter in eine der zahlreichen Oasen der Stadt. Das ungeschriebene Motto des Mailänder Messedoppels schien 2026 nämlich ohnehin zu lauten, dass alles buchstäblich "im grünen Bereich" sei: Vom Schweizer Armaturenproduzenten Franke, der in seinem Flagshipstore in den "Pure Garden" einlud, über das "Patio Café" von Ethimo im Altstadtkern bis hin zu Poliforms urbanem Stadtwald unter dem Motto "Multitude", nachgebildet mit bambusähnlichen Aluminiumstangen, drehten sich zahlreiche Darbietungen thematisch um die Verschränkung von Design und Natur. Nicht zuletzt deshalb, um im lauten Getöse der Stadt durch Ruhe und gezielte Sinneswahrnehmungen auf sich aufmerksam zu machen.
So, wie es auch Molteni in seiner Installation des "Responsive Garden" gelang, einer von der italienischen Architektin Elisa Ossino erdachten und von Vincent Van Duysen kuratierten Möbelschau inmitten sechs unterschiedlicher botanischer Welten. Im Zusammenspiel aus gezielt verdeckten und freigiebigen Blickachsen lenkte der Möbelproduzent die Aufmerksamkeit seiner Gäste auf die Exklusivität und Materialität seiner Outdoorkollektion im naturbelassenen Kontext – schon allein durch die aufwändige Installation jedweder Konkurrenz enthoben.
Rille, Raster, Rundungen
Und doch: Allen großen Gesten zum Trotz bot sich in der diesjährigen Ausgabe des Messedoppels aus Salone und EuroCucina inhaltlich wie optisch wenig Neues an. So dominiert in der globalen Küchenwelt noch immer der Dreiklang aus Rillen, Rastern und Rundungen, mehr noch – neben bogenförmigen Kochinseln, Hochschränken und Arbeitsplatten zeigen sich nun selbst Kochfelder, Dunstabzugshauben und Spülen in organisch gerundeter Uniformität. Das ist Geschmackssache, lässt sich in einer derart breiten Durchdringung aber kaum als Kurzzeittrend bezeichnen.
Mancherorts ist eine leichte Evolution dieses Formats zu erkennen, beispielsweise bei Next125, der Designmarke aus dem Hause Schüller, die ihren Ansatztisch erstmals in einer elliptischen Tropfenform präsentierte. Gestaltet aus dem neuen Material "LavaTech", einer Kombination aus Feinsteinzeug und recyceltem Glas, überzeugte das Produkt vor allem durch seine handschmeichelnde Glasur, die in den Farben "Corallo" (Rot) und "Asparago" (Grün) zur Verfügung steht. Apropos: Die Nuancen der italienischen Tricolore gerieten ohnehin zum großen Überthema der diesjährigen EuroCucina. Das allgegenwärtige Bordeaux wanderte unisono von der Arbeitsplatte zur matt lackierten Küchenfront bis hin zum angrenzenden Esstisch. Neben Cassina widmete sich auch Gessi in seiner neu eröffneten "Haute Culture"-Dependance nahezu in Gänze dem so betörenden wie vereinnahmenden Purpurrot – und zwar vom Boden bis zur Decke. Minz- und salbeigrüne Nuancen, wie sie bei Nobilia, Snaidero oder Veneta Cucine zu sehen waren, federten die Schwere dieser Komposition ab.
Weiße Welle
Und das Weiß, das in Italiens Flagge die Gletscher der Alpen symbolisieren soll? Die bilden tatsächlich den Gipfel aller Mailand-Beobachtungen: Von Küche bis Couchtisch hüllte sich die gesamte Stadt in die hellste und unschuldigste aller Nuancen. Weiß – oder auch die vom Pantone Institut als "Cloud Dancer" ausgerufene Farbe des Jahres – erlebt damit eine Renaissance, die viele nicht für möglich gehalten hätten. Sie beschleunigt die Umformung der Küche vom eleganten, dunklen Statussymbol hin zu einem hellen und lebendigen Ort für Austausch, Harmonie und Geselligkeit.
Ein Abschied, zu dem sich vor allem die ItalienerInnen nur schwer bekennen können, denen die edle und mitunter dramatische Komposition aus geräucherter Eiche und Nussbaum nun mal so liegt. Doch auch bei Boffi, Valcucine, Minotti und Arclinea ließ sich der Turnaround schlussendlich blicken: Unter anderem mit hellen Fronten aus Stein und Corian, weißgrau gesprenkelten "Taj Mahal"-Platten und Textilien aus Bouclé, Leinen und Lederimitat. Weiche Eichenholznoten und verchromte Oberflächen sorgen für eine Verjüngungskur der Küche, ohne in unnahbare Kälte abzudriften. Selbst Einbaugeräte, gerade noch im Wandel von hochglänzend zu matt, erleben schon wieder die nächste Transformation – von Schwarz und Anthrazit hin zu Champagner, Creme, Pearl und Beige.
Sichtbar wurde das – mehr oder weniger – beim Schweizer Gerätehersteller V-ZUG, der in Mailand die Weltpremiere seines neuesten Produkts feierte, dem unsichtbar in die Arbeitsfläche integrierten Induktionskochfeld "Integra". Die gemeinsam mit der Firma Inalco entwickelte Technologie kommt unter einer schmalen Keramikplatte zum Tragen, die optisch innerhalb der Arbeitsplatte aufgeht. Das Material wurde bewusst gewählt: Robust genug, um im Kochalltag zu bestehen, aber eben auch imstande, die gewünschte Temperatur nahezu ohne Energieverlust ans Kochgeschirr weiterzugeben. In Szene gesetzt wurde die stille Ästhetik des unsichtbaren Kochfeldes, das sich über einen aufsetzbaren Magnetknebel steuern lässt, erneut von der Designerin Elisa Ossino – die ohnehin als einer der großen Namen auf dem diesjährigen Salone verhandelt wurde.
Eine Botschaft senden
Was nach dem Messetrubel übrig bleibt, ist eine Vorahnung: Die Küche 2026 wird heller, fluider und leiser als zuvor, bleibt aber ausdrucksstark. Grifflose Schränke, versenkbare Armaturen, matte Geräte, subtile Lichtkonzepte und bodentiefe Fronten sorgen für ein ruhiges und hochgeschlossenes Ensemble aus Möbeln und Geräten, wo vorher dunkle Hölzer und starke Steinflächen ein Statement setzten. Individualität wird in einer harmonischen Farblandschaft zunehmend über Struktur gelöst, die sich auch hellen Oberflächen hinzufügen lässt. Das zeigten Nobilia und Häcker mit ihren schraffierten Frontdekoren im Stile des Wiener Geflechts sowie Leicht Küchen und SieMatic mit filigran bedruckten Vitrinengläsern.
Dass Stille auch Signalwirkung haben kann, zeigte sich indes an jenen Ausstellern, die 2026 auf eine Teilnahme an der EuroCucina verzichteten: Beispielsweise die Luxusküchenhersteller Poggenpohl und eggersmann, die 2024 noch mit skulpturalen Stein- und Stahlmodulen auf sich aufmerksam machten. Oder die Marke bulthaup, deren großangekündigte Rückkehr nach Mailand in die umgewidmete Kirche "Chiesa di San Carpoforo" nur wenige Wochen nach Versenden der offiziellen Einladung wieder abgesagt wurde. Auf die Frage nach dem Warum kritisierte Geschäftsführer Marc Eckert nicht nur die teuren Messebau- und Mietbedingungen der Stadt, sondern auch deren hektisches Treiben: "Man soll dort schnelllebig vermitteln, wofür die Marke eigentlich steht. Dabei hört doch ohnehin niemand mehr zu. Wir möchten die Küche aber emotional greifbar machen – und nicht nur eine Kiste mit einer Platte hinstellen, weil gerade Messe ist", so Eckert. "Am Ende dreht sich die Welt nach diesen vier Tagen weiter und man fragt sich, ob die eigentliche Botschaft angekommen ist." Wohl dem, der dieses Jahr aus Mailand mehr mit nach Hause nimmt.

















