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Salone Contract Masterplan Dome Salone del Mobile Milano

REVIEW – SALONE DEL MOBILE & MILAN DESIGN WEEK 2026
Die große Sehnsucht

Der Salone del Mobile und die Milan Design Week 2026 haben uns vergangene Woche in Atem gehalten. Was sind die Themen der Aussteller und welche Entwicklungen zeichnen sich ab?
von Anna Moldenhauer |

"Wir leben nicht in einer klaren Stilrichtung. Nicht Modernismus, nicht Minimalismus, nicht Postmodernismus. Wir leben im Zeitalter des Archivs." Das Zitat stammt aus einem Interview, das ich vor kurzem mit dem Designer Jay Osgerby geführt habe. Thema war die neue Armatur "Archivio", die er gemeinsam mit Edward Barber für AXOR entworfen hat. Eine vertraute Form, sanft an die Gegenwart angepasst und mit aktueller Technologie gefertigt. "Wir leben im Zeitalter des Archivs" – dieser Satz kam mir beim Dauerlauf durch die Hallen des Salone del Mobile und den Showrooms in der Stadt öfter in den Sinn. Das Retro-Feuerwerk der letzten Jahre ist mittlerweile zwar etwas heruntergebrannt, aber der Verweis auf bestehende Gestaltung bleibt weiterhin gut sichtbar. Gegebenes wertzuschätzen ist seit der Pandemie vor sechs Jahren ein Bedürfnis, das die Branche verlässlich in ihren Sortimenten zeigt: Statt auf neue Kooperationen mit jungen Kreativen zu setzen, wird das archetypische Möbeldesign der letzten Jahrzehnte abgestaubt und sanft überarbeitet, aus Nostalgie in Krisenzeiten, aus Mangel an Ressourcen, aus Sorge vor unsicheren Investitionen. Man schätzt, was man kennt. Eine Suche nach dem Wesentlichen, dem Authentischen, dem Ehrlichen. Design, dessen Aufbau man augenblicklich versteht, das keinen künstlichen Filter und keine KI braucht, um zu überzeugen. Das nicht mit Komplexität verwirrt oder ungewollte Überraschungen bereithält. Handwerkskunst und Technologie im Einklang, statt im Wettbewerb. 

Prostoria: "Revisiting Richter"

Prostoria widmete so ihre komplette Präsentation auf dem Salone del Mobile dem Werk des Architekten Vjenceslav Richter (1917-2002), dessen Ideen durch Forschung, Entwicklung und hauseigene Produktion in fünf Serien mit insgesamt 20 Stücken fortgeführt werden. Knoll ließ den Drehstuhl "Morrison Hannah Chair" für die Gegenwart übersetzen, den Andrew Morrison und Bruce Hannah 1973 entwickelten. Unter dem Titel "Some Things Deserve a Comeback" inkludierte das Stuttgarter Unternehmen Richard Lampert den "Z.Stuhl" von Ernst Moeckl in seine Kollektion. 1971 hatte der Absolvent der Ulmer Hochschule für Gestaltung den Freischwinger entworfen, der in Ost- wie Westdeutschland aus einem Kunststoffblock gefertigt wurde und als einer der ersten seiner Art gilt. Zanotta konnte einen Teil des künstlerischen Archivs des italienischen Architekten und Designers Carlo Mollino (1905-1973) erwerben und präsentierte erstmals den legendären Tisch "Vertebra" für die industrielle Fertigung. Dessen Gestell-Streben muten wie ein aerodynamisches Fossil an, ein unverwechselbares Stück Designgeschichte. Tecta übersetzte in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau und thyssenkrupp den Faltsessel von Marcel Breuer von 1926/27 als "D4 zirkulär" in eine auf 100 Stück limitierte Edition aus bluemint®Steel. Die Bespannung besteht aus upgecycelten Silbermänteln, die einst der Hitze am Hochofen trotzten. Johan Ansander ließ sich für den Stuhl "Frankfurter" aus Buchenholz in Kooperation mit Bla Station von historischen Vorbildern der 1930er Jahre inspirieren – eine robuste Struktur mit klarem Ausdruck für den Alltag. 

In der International Bathroom Exhibition des Salone del Mobile brachte Mamoli Kollektionen von Joe Colombo und Ettore Sottsass zurück in ihr Angebot. Die originalgetreue Umsetzung der Joe Colombo-Kollektion geht dabei auf die Projekte "Visiona 1" von 1969 und "Total Furnishing Unit" von 1972 zurück, in denen der Wasserhahn als integraler Bestandteil sowohl des Raums, als auch des Wohnens interpretiert wurde. Das bei den Armaturen neben der Reduktion auf das Wesentliche wieder ein ausdrucksstarker Charakter gefragt ist, war in Form von "Samon" von Marco Zito für alpi zu erfahren, die feine Ziergravuren und einen ungewöhnlichen Hebelgriff bietet. Elisa Ossino übersetzte für Salvatori und Fantini die Formensprache italienischer Trinkbrunnen mit "Margherita" in eine geometrische Armatur mit prägnantem Bedienelement. 

"Fontane Bianche": Salvatori Fantini, Design: Elisa Ossino Studio
"Archivio": AXOR, Design: Barber Osgerby
"Joe Colombo Collection": Mamoli, Design: Joe Colombo

Dem Handwerk der Holzverarbeitung zollte Zanat unter dem Titel "Human Touch: A Decade At Salone" Tribut: Teil der Ausstellung war der "Nave Table" von Patrick Norguet aus Massivholz, für dessen Beine er eine handgeschnitzte Textur gewählt hat. Spannend war auch der Beistelltisch "Tempo" von Palomba Serafini Associati aus Massivholz, inspiriert von einer Schachfigur. Zanat stellte in Mailand darüber hinaus ein neues Retail-Display-System vor: Ein modulares Gerüst, das darauf ausgelegt ist, die Produkte in den Showrooms von Partnerhändlern ideal zu präsentieren. Arco zeigte die "Enso"-Produktfamilie von Ben Capper aus Massivholz erstmals mit dem Intarsienmuster "Starburst", für die das Furnier aus dem Kernholz eines Baumes geschnitten wird. Plank überzeugte mit den "Theo" Klappstuhl von Matteo Thun und Benedetto Fasciana, der ultraflach verstaut werden kann. Das Gestell besteht aus massiver Eiche. Bei Vincent Sheppard konnte "Arc" von Axel Enthoven entdeckt werden, ein schwungvolles Stuhlmodell aus Rattan. Decor Walther bot mit "Onyo" eine Accessoires-Kollektion aus hellem Ahorn und dunkler Esche, die langlebig und praktisch ist. In der Stadt stellte der Hersteller für Badartikel und Accessoires erneut in einem Nähgeschäft aus und zeigte mittels der Inszenierung eines Boutiquehotels, wie kreativ das Team bestehenden Raum für eine temporäre Schau zu nutzen weiß. 

Wilkhahn eröffnete mit der Inszenierung "What the surface remembers", kuratiert von Alina Schnizler, eine neue Perspektive auf Materialität im Kontext von Zeit, Umwelt und Nutzung. Ausgehend vom "WiChair" und dem Werkstoff Stahl kombinierte diese skulpturale Arbeiten und fotografische Positionen von Aya Sasakura wie Frank Schinski zu einem Dialog über Beständigkeit und Wandel. Formafantasma schuf "Estratto" für Pedrali, eine Kollektion von Couchtischen und Konsolen aus Aluminium. Das Untergestell besteht aus drei konkaven Profilen, die, wenn sie miteinander verbunden werden, für strukturelle Stabilität sorgen und gleichzeitig den Innenraum leer lassen, wodurch ein elegantes Wechselspiel von Voll- und Hohlräumen entsteht. Die konkave Form moduliert und reflektiert das Licht, verstärkt Tiefe und Dreidimensionalität und ermöglicht gleichzeitig einfache und funktionale Kombinationen. Metall und Holz waren generell zwei Materialien, die zunehmend von den Herstellern für ihre neuen Produktionen gewählt wurden. 

Zanat: "Nave Table", Design: Patrick Norguet
MDF Italia, "Equilibrium Console", Design: Guglielmo Poletti
Zanotta, "Vertebra", Design: Carlo Mollino
Wilkhahn: Designerin Alina Schnizler mit dem "WiChair" in der Inszenierung "What the surface remembers"
Arper: "Aom", Design: Jean-Marie Massaud
Tubes: "Terre", Design: Sebastian Herkner

"Konstruktiver Nullpunkt"

Auch Arper suchte nach der Balance aus Nutzung und Nachhaltigkeit. Das Team fand sie mit Jean-Marie Massaud, der "Aom" kreierte: Die gesamte Kollektion aus Ein-, Zwei- oder Dreisitzern basiert auf nur zwei Komponenten, die als ineinandergreifende Elemente konzipiert sind – ein aus expandiertem Polypropylen (EPP) bestehender Rahmen, leicht und langlebig, kombiniert mit einer Polsterung aus Breathair® und ein recycelbares Polyester-Elastomer. Das Material ist elastisch, atmungsaktiv und wasserbeständig, was "Aom" für den Innen- wie Außenbereich nutzbar macht. Auf Polyurethan kann verzichtet werden, wie auf Verklebungen. Stefan Diez war mit seinem modularen Sofa "Costume" für Magis in diesem Feld ein Pionier: Bereits 2021 stellte er eine Struktur aus recyceltem und recycelbarem Polyäthylen samt abnehmbaren Stoffbezug vor. Für Maxdesign zeigte Diez in diesem Jahr die "Triangolo"-Kollektion: Ein Stuhl, der auf konstruktiver Einfachheit basiert, bestehend aus zwei Sperrholzplatten, einem Stahlgestell und einer natürlichen Polsterung, wobei der Fokus auf kreisförmigem Design und Komfort liegt. Der Stuhl wird von dem italienischen Hersteller als "konstruktiver Nullpunkt" beschrieben. "Mit 'Triangolo' versuche ich, gepolsterte Sitzmöbel durch Schlichtheit neu zu definieren.", so Stefan Diez. 

Yabu Pushelberg arbeitete das erste Mal mit Porro zusammen und entwarf den Sessel "Arnaldo", der mit einem Wechselspiel aus Volumen und Leerräumen Komfort und Leichtigkeit vereint. MDF Italia lässt die "Equilibrium Console" von Guglielmo Poletti, die bisher in limitierter Auflage produziert wurde, erfreulicherweise nun für ein größeres Publikum zugänglich werden: Ihre Konstruktionslogik basiert auf der Verspannung des Stahlbleches, die zur Stabilität der Struktur beiträgt und eine subtile Wölbung erzeugt. S•CAB präsentierte unter dem Titel "Slow Flow" auf dem Salone del Mobile eine von Calvi Brambilla and Partners kreierte Schau, zu der die Rekonstruktion eines Teiches mit Wasserpflanzen zählte. Teil der Produktpräsentation war "Nolo" von Simone Bonnani, eine Kollektion an Beistelltischen, die aus der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Material und Leichtigkeit entstand. Die Platte aus Beton steht mit einem Fuß aus Stahl in Verbindung, der die übliche Säule durch zwei schmale, parallel angeordnete Platten ersetzt. Atlas Concorde vermittelte die Vielfalt ihres Ceramic Ecosystems zu der Keramikoberflächen, Einrichtungsgegenstände und Accessoires zählen: Sei es die Kollektion mit Steineffekt "Nyra" von Alberto Apostoli oder die "Tratto collection" von Piero Lissoni, der das Feinsteinzeug mit Materialien wie Glas, Holz und Metall zu Einrichtungsgegenständen kombiniert, vom Tisch bis zum Stauraum.

Für das Gros der gezeigten Polstermöbel war weiterhin ein bodennaher Stand gefragt, mit viel Volumen und abgerundeten Kanten. Hinzu kamen vermehrt Verweise auf natürliche Formen, wie die von gestapelten Steinen: Gabriel Tan hat für ClassiCon mit dem "Soft Stone Sofa" das erste Sofasystem des Münchner Möbelherstellers entwickelt. Die elf unterschiedlichen Module bestehen aus asymmetrisch zusammengesetzten Polsterelementen, als Inspiration dienten die versetzten Steinterrassen im Parque da Cidade in Porto. Modulare Aufbauten, ein System und ein langlebiger Aufbau in Schichten für mehr Flexibilität in Montage wie Demontage bietet auch "Soma" von Bla Station: Mit einem Baukasten aus zwei Gestellen, zwei Schaumstoffformen, zwei Schonbezüge und zwei Tischen werden viele Möglichkeiten der Konfiguration möglich. Dedon stellte unter anderem "Tricot" von Barber & Osgerby vor, ein modulares Loungingsystem dessen Elemente sich zu Sofas, L-Formen, U-Formen oder Daybeds kombinieren lassen. Freifrau schmückte das Sofa "Marie" von Hoffmann Kahleyss mit einem Bezug in Antikgold und zeigte anhand einer großen Auswahl von individuellen Bezügen für den Stuhl "Ada" von Hanne Willmann, wie stark der Charakter eines Möbels durch diesen bestimmt werden kann. 

Als dekoratives Element war mitunter ein umlaufendes Band aus Leder oder Metall zu entdecken, wie bei den Sesseln und Sofas "Meg" von Sebastian Herkner für Carpanese Home, bei denen es als Armlehne dient oder dem "Corsetto" Armchair von Christian Mohaded für Molteni&C. Hin und wieder wurde die Armlehne der Polstermöbel sanft nach innen eingefaltet, wie beim Sofa "Olen" von Yabu Pushelberg für Leolux. Bisweilen durfte das Volumen in morphe Sitzlandschaften ausufern, wie mit Blick auf das Outdoor-Sofa "Loop" von Elena Salmistraro für Ethimo, die ihren Entwurf als Organismus beschreibt. Eine fließende Form bietet auch das neue Sofa "Trace Island" von Tableau. Die weichen Kurven sollen dazu dienen das Sitzmöbel ganzflächig nutzen zu können, wie die Geselligkeit und Kommunikation zu fördern. Für die Farbgebung der Kollektionen wurden vornehmlich warme Pastelltöne und natürliche, abgetönte Nuancen gewählt, zudem waren klassische Primärfarben, Mimosengelb und Bordeauxrot wieder häufiger zu sehen. Das als Trendfarbe 2026 ausgerufene Weiß namens "Cloud Dancer" der Trendagentur Pantone erhielt so dankenswerterweise einen lebendigen Kontrast.

Während man bei den meisten Möbeln die dazugehörigen Informationen noch umständlich aus Datenblättern heraussuchen muss, ist COR bereits einen Schritt weiter: Der digitale Produktpass, der ab 2027 in der EU schrittweise verpflichtend wird von dem Unternehmen bereits angeboten. Die Informationen zu dem jeweiligen Produkt können mittels des Etiketts auf dem Smartphone abgerufen werden, seien es Maße, Pflege- oder Montageanleitungen. 

Luceplan: "Lopsi", Design: Umut Yamac
Carpanese Home: "Meg", Design: Sebastian Herkner
Plank: "Theo", Design: Matteo Thun & Benedetto Fasciana
Pedrali: Formafantasma, Design: "Estratto"
Maxdesign: "Triangolo", Design: Stefan Diez
S•CAB: "Nolo", Design: Simone Bonnani
Lodes: "Aurea", Design: Vittorio Venezia und Carolina Martinelli
ClassiCon: "Soft Stone Sofa", Design: Gabriel Tan

In den Ausstellungen der Leuchtenhersteller lag indes ein Schwerpunkt auf Glaskörpern, verborgenen Lichtquellen und Reinterpretationen von klassischen Formen, wie dem Kronleuchter. "Lopsi" von Umut Yamac für Luceplan zeigt einen Ring, an dem Tragarme in radialer Anordnung befestigt sind, dessen Form der eines Lutscher ähnelt. Lodes zeigte die Tischleuchte "Aurea" von Vittorio Venezia und Carolina Martinelli, ein eleganter Glasdiffusor, in dem das Licht vom Boden aus gleichmäßig verteilt wird. Ebenso hat das Duo "Axia" entworfen, eine Pendelleuchte. Das Licht wird durch ihre Struktur geleitet, anstatt durch das Kabel, was eine schlanke und dynamische Form ermöglicht. Lodes gab zu dieser Gelegenheit seine strategische Partnerschaft mit Unopiù bekannt. Artemide nutzte für die Tischleuchte "Boltons" von Herzog & de Meuron eine traditionelle Technik, bei der eine feine Luftblase im Glas eingeschlossen wird. Eine strategisch platzierte Linse am Sockel lenkt das Licht nach oben, wodurch eine präzise Steuerung ermöglicht wird, die die obere Scheibe je nach Neigung elegant reflektiert. Die Geometrie des Glases verleiht Boltons eine flexible Bewegungsfreiheit des oberen Reflektors, der mit einer magnetischen Kugel fixiert ist. 

Occhio zeigte mit "Coro moon" von David Kosock eine Serie aus Strahlern, Downlights und Pendelleuchten, die auf der "Occhio fireball" Lichtquelle basiert und ein präzises, fokussiertes Licht bietet, das individuell kuratiert werden kann. Fontana Arte kehrte mit einem neuen Showroom, gestaltet von Franco Raggi, nach Mailand zurück und gestaltete die ehemalige Ausstellungsfläche von Nemo in der Corso Monforte neu. Brokis baute auf der Piazza San Babila die Lichtinstallation "Beacon" von Lee Broom auf, die zum London Design Festival 2025 das erste Mal vorgestellt wurde. Das Design ist von der brutalistischen Architektur und dem Erbe des Festival of Britain von 1951 inspiriert, das einst als "Leuchtfeuer des Wandels" gepriesen wurde. Die Glaselemente wurden unter Verwendung einer speziellen Schmelztechnologie hergestellt, die es ermöglicht ausrangierte Stücke wiederzuverwerten. Nach dem Abbau können die Komponenten als einzelne Leuchten wiederverwendet werden.

Rakumba präsentierte "Torre" von Studio Pepe, für die Form und Beleuchtung zu einer geometrischen Geste gefasst wurden. Experimentelles Design und Collectible Design bekamen auf dem Salone del Mobile auch dank dem "Salone Raritas" mit 28 Galerien aus 12 Ländern mehr Aufmerksamkeit, kuratiert von Annalisa Rosso und mit einem Ausstellungsdesign von Formafantasma. Sehenswert war darin unter anderem "Plume" von Sabine Marcelis, das eine aufsteigende Blase in farbigen Gießharz zeigt. Das Werk ist das Ergebnis ihrer umfangreicher Forschungen zur Viskosität der Flüssigkeit und der Kontrolle der Blasen. Es bringt die transformative Beziehung zwischen Material, Licht und Farbe auf den Punkt, die Sabine Marcelis fortlaufend erkundet. Direkte Einblicke in das Handwerk der Tonverarbeitung bot das Officine Saffi Lab und Hannes Peer mit einer Live-Performance. In Zusammenarbeit mit Margraf realisierte Hannes Peer Architecture "La Casa di Marmo" unter dem Garten einer historischen Villa in Brera: eine Kulisse, die vollständig aus Marmor besteht. Studio Bovti zeigte in der Galleria Rossana Orlandi die Tische "Cartapesta" aus Naturstein und Pappmaché, eine Erforschung von Materialkontrasten und unserer Wahrnehmung von Gewicht.

Salone Contract: Vortrag von Architekt Rem Koolhaas, Mitgründer von OMA

Darüber hinaus bot der Salone mittels eines Talk- und Vortragsformat erste Einblicke in ihr neues Angebot "Salone Contract", entworfen von Rem Koolhaas und David Gianotten / OMA, das über die reine Vorstellung des Produkts hinausgeht. Geboten werden soll eine marktorientierte Infrastruktur mit Schwerpunkt auf dem Objektbereich. "Das Forum auf dem Salone 2026 bietet uns die Gelegenheit, einen Dialog über dieses Ökosystem zu eröffnen: Wer sind die AkteurInnen, welche Rollen spielen sie, was benötigen sie und in welcher Beziehung stehen sie zueinander? Durch eine Reihe von Austauschrunden möchten wir diese Landschaft für ein breites Publikum sichtbar und zugänglich machen und die darin enthaltenen Chancen aufzeigen.", sagte David Gianotten von OMA vorab im Interview mit Stylepark. 2027 soll der Vertragsbereich auf dem Salone del Mobile final vorgestellt werden. Das Projekt, das von Maria Porro und OMA geleitet wird, zielt darauf ab, eine Brücke zwischen Möbelherstellern und dem Contract-Sektor wie Hotellerie, Immobilien und öffentlichen Räume zu bauen.

Die jungen Talente auf der Fläche des SaloneSatellite zeigten eine gemeinsame Vision von Design als Schnittstelle zwischen technologischer Innovation und materieller Kultur. Über den ersten Preis des 15. SaloneSatelllite Award konnte sich in diesem Jahr das dänische Studio Russo Betak für die handgeformten Leuchten "Nippon" freuen, für die er seine innovative Materialforschung mit Muscheln und 3D-Druck in einen schichtweisen Aufbau übersetzte, der Papier ähnelt. Der zweite Preis ging an das niederländische IOUS Studio für "3DP Ceramic Tiles", das das Potenzial der digitalen Fertigung durch einen nachhaltigen und anwendungsorientierten Ansatz auslotet. Der Ton wird computergesteuert im 3D-Druckverfahren hergestellt. Der dritte Preis wurde an das deutsche Studio Jüngerkühn für die Porzellanvasen "Soft Touch" verliehen, für dessen Balance zwischen technologischer Präzision und haptischer Qualität. Besondere Erwähnungen erhielten Aiko Design aus Chile für die "Númina Lamp" sowie Yixian Wang aus China für "Foggy", einem ausdrucksstarken Experiment mit Glas.

Designentwürfe von Architekturbüros waren vermehrt in den Hallen des Salone del Mobile und auf der Milan Design Week zu entdecken: Norm Architects präsentierte mit "Brae" für Expormim ein modulares Outdoor-Sofasystem mit sanften Kurven, dessen Rückenlehne versetzbar ist. Für Inbani entwarf Norm Architects die Badezimmer-Kollektion "Materia" mit rhythmischen Maserungen von geschnitztem Holz, die in Naturstein als Reliefs eingebracht werden. Philipp Starck erdachte "Hotte" für Cassina: Inspiriert von der Handwerkskunst traditioneller Weidenkörbe hat der Sessel ein Gestell aus Rattan wie handgewebtem Weidengeflecht und ist mit Kissen aus weichem Voyage-Leder ausgestattet. Für die Kristallglas-Manufaktur Arnolfo di Cambio entwarf AMDL Circle das Cocktail-Set "Butterfly". Für Gloster kreierte das Team um Michele De Lucchi die Kollektion "Ithaka" mit Lounge Chair, Sofa, Ottoman und Beistelltischen. Die Suche nach Ruhe und einer ausgewogenen, ruhigen Formensprache stand dabei im Vordergrund. Für NII schuf De Lucchi "Pigna", das Raumteiler wie Sofa zugleich ist. Es schirmt den Sitzbereich mit seinen charakteristischen, schindelförmigen Paneelen dezent vor Blicken ab, lässt jedoch Licht und Luft hindurch. Die Kollektion bietet drei Modelle je nach gewünschtem Maß an Privatsphäre. 

Mit Pedrali verbindet AMDL Circle eine besondere Verbindung: Nach dem Pedrali Pavilion, der von AMDL CIRCLE und Michele De Lucchi zum 60igsten Jubiläum des Unternehmens entworfen wurde und in dem die von Luca Molinari Studio kuratierte Ausstellung "Pedrali60, we design a better future" zu bewundern war, zeigt die Kollektion "Fibra" wie elegant Sonnenliegen aus Holz und Aluminium sein können. Molteni zeigte darüber hinaus in seinem Palazzo die Ausstellung "Il Conforto dell’architetto / The Architect’s Relief", die dem Werk von Michele De Lucchi gewidmet ist und in Zusammenarbeit mit der Mailänder Galerie Antonia Jannone Disegni di Architettura und Francesca Molteni realisiert wurde. Die rund vierzig Werke, die zum ersten Mal in Mailand gezeigt wurden, entstanden aus essenziellen Fragen um die Rolle der Architekturschaffenden. Nerosicilia und BIG stellten mit "1669" eine Kollektion von Esstischen und Couchtischen aus Lavastein vor. Nerosicilia war indes maßgeblich an der Entwicklung der Oberflächen "SensiEtna" beteiligt, einer Kooperation von Florim und Matteo Thun & Partners, für die Lava mit der Farbigkeit der im Vulkan enthaltenen Mineralien kombiniert wurde.

6:AM: "over and over and over and over“
Preciosa Lighting: "Drifting Lights"

Fosters + Partners zeigten mit "Beam" und "Column" für Punt mobles ein flexibles Regalsystem und eine Tischserie, die sich gegenseitig ergänzen sowie das modulare Möbelsystem "Area" für Kettal. Zaha Hadid Architects entwarfen die "Aeris" Kollektion für Citco, die schwere Materialien wie Metall und Glas in flüssige wirkende Formen bringt und Strukturen bieten, die zwischen Architektur und Produktdesign changieren. Die Unterseite des Tisches ist zu gitterartigen Geometrien ausgehöhlt, deren Kanten sich im Verlauf stark verjüngen. Auf dem Salone Raritas waren indes die Tische der "The Erosion Collection" von Zaha Hadid Architects für Neutra zu sehen. Desweiteren präsentierte das Team in der Stadt auf der Piazza des Portrait Milano die begehbare Installation "Origin", dessen futuristische Form ein Portal für die neue Ära des Audi-Designs symbolisierte. 

Während des Trubels der Milan Design Week und dem Flirren der Stadt kurz zur Besinnung zu kommen war ein Thema, das sich in vielen Installationen fand, so im Konzept für "Metamorphose" von Mosca Partners und Lina Ghotmeth, ein pinkes Labyrinth im Innenhof des Palazzo Litta, das dazu einladen soll, neue Perspektiven anzunehmen. Für den radikalen Akt der Entschleunigung und Achtsamkeit in einer immer schneller werdenden Welt schufen Annabelle Schneider x Snohetta x USM "Renessaince of the Real", eine multisensensorische Installation, in der Berührung, Klänge und Bilder helfen zur Ruhe zurückzufinden und in den gegenwärtigen Moment einzutauchen. Die Installation erforschte Präsenz, Wahrnehmung und den Wert körperlicher Erfahrung in einer hypervernetzten Welt. "Das USM-Raster ist sowohl Anker als Einladung. Unser Entwurf untersucht die Spannung zwischen dem Rasterhaften und dem Amorphen und schafft eine durchlässige Grenze, die die Außenwelt filtert und die Aufmerksamkeit nach innen lenkt – auf Licht, Natur und die stille Präsenz anderer", sagt Anne-Rachel Schiffmann, Leiterin der Abteilung Innenarchitektur bei Snøhetta.

"Il Sonno Supermarket" von SolidNature x OMA & AMO hinterfragte mit Artefakten aus Stein in Form von Lebensmitteln die fehlende Achtsamkeit in den Routinen unserer westlichen Wegwerfkultur. Atelier Oï und Geberit schufen für das neue Geberit Experience Center die sensorische Installation "RŌS" im Stadtteil Tortona, für die feine Edelstahlfedern die Bewegung des Wassers lenken und so eine anmutige Choreografie aus Natur und Technik realisieren. Preciosa Lighting bot in der Installation "Drifting Lights" mit 60 Blasenglasplatten eine faszinierende Atmosphäre aus Licht und Farbe. Die neue Kollektion von Herzog & de Meuron "MTM – Made to Measure" für UniFor wurde im Rahmen von "Non Places" gezeigt, einer von Studio Klass konzipierten Installation im Spazio UniFor. Ein abstrakter Raum mit roten Akzenten, der das Produkt aufnehmen, statt bestimmen soll. "Heute will jeder eine Antwort geben, aber dieses Mal ging es darum, die Diskussion offen zu lassen", so Marco Maturo vom Studio Klass.

Viele Installationen gaben in diesem Jahr Orte frei, die sonst für die Gäste der Stadt verschlossen bleiben. Dazu trug der Salone del Mobile.Milano selbst bei, der mit der Initative Common Archive – La Notte Bianca del Progetto zahlreiche historische Design- und Architekturarchive Mailands mit Führungen und Vorträgen zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich machte. Forgotten Architecture präsentierte zudem mit K-Way einen Architektur-Guide zu Mailand, der unter anderem zur Biblioteca Sormani im eindrucksvollen Palazzo Sormani führte. 6:AM präsentierte in "over and over and over and over“, einen Dialog aus Raum, Glas und Architektur im historischen Piscina Romano –  einem ehemaligen Schwimmbad, 1929 von Luigi Lorenzo Secchi entworfen. Leuchten wurden in diesem zu Sequenzen, farbige Glasmodule bildeten Wände. Neben den bestehenden Kollektionen vereinte die Ausstellung eine Reihe von Objekten, die erstmals präsentiert wurden, darunter "Batch", die ursprünglich für das Bühnenbild der Bottega Veneta-Modenschau Sommer 2026 entworfenen Würfel aus mundgeblasenem Glas, sowie eine neue limitierte Auflage der Kollektionen "Paysage" und "Lina", die gemeinsam mit Hannes Peer entwickelt wurde.

Zaha Hadid Architects & Audi: "Origin"
Dior: "Corolle" von Noe Duchaufour

Das große Spektakel

Die wachsende Suche nach Unbeschwertheit zeigte sich in vielen verspielten Settings, die vor allem auf den schnellen Effekt und die leichte Unterhaltung ausgelegt waren: Die Gäste durften im Karussell von Laila Gohar und Arket auf Nachbildungen von überdimensionalen Gemüse und Früchten Platz nehmen, Asics kreierte für sein Salone-Debüt mit Nuova Group eine kinetische Spielanlage, Moncler ließ eine riesige Octopus-Skulptur durch den Corso Como 10 wachsen, Skoda und Ulises Studio verwandelten für die Produktpräsentation den Innenhof des Palazzo del Senato mit aufblasbaren Strukturen unter dem Titel "Ooooh that's EpiQ!" in eine dynamische Kulisse inklusive Rutsche, Schaumstoffbad und Dance-Show. American Express ließ für "Serotonin: The Chemistry of Happiness", aufblasbare Formen durch die Loggia der Pinacoteca di Brera wachsen, die sich langsam ausdehnten und zusammenzogen, als würden sie atmen. Creative Director and Designer Stella Stone und Carlotta Orlando von Giglio Tigrato platzierten in der Deoron-Ausstellung unter dem Titel "The Elephant in the Room" einen riesigen handgenähten Dickhäuter im Raum. Bisazza präsentierte "Io" von Fabio Novembre, eine monumentale Mosaikskulptur, die den friedlich schlafenden Körper eines Babys darstellt sowie "Felicidades" von Jaime Hayon, ein farbenfrohes Mosaikkunstwerk, das zu diesem Anlass vom Konditor Ernst Knam als Kuchen nachgebildet wurde. Ganz dem aktuellen 90er Jahre Retro-Trend entsprechend nahm Ikea einen Sessel mit Metallrahmen und aufblasbaren Kissen von Mikael Axelsson für die Ikea PS 2026 in ihr Sortiment auf. Die Ausstellung "Opposite United-Journey of Reflection" von Kia bot eine höhlenartige, flauschige Kulisse, die einem im Wechsel das Gefühl gab in einen Bausch rosa Zuckerwatte eingetaucht oder auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein. 

Im Querschnitt wirkte die Milan Design Week kommerzieller als bisher. Neben vielen Automarken wie Audi, Skoda, Mercedes oder Mini kehrten nun auch die Luxus-Modemarken verlässlich mit pompösen Ausstellungen nach Mailand zurück, die sich gut in den sozialen Medien vermarken ließen. Gucci lud in die Garteninstallation "Memoria" von Demna im Chiostri di San Simpliciano, Louis Vitton zeigte "Objets Nomades" im Palazzo Serbelloni und legte Pierre Legrains Art-Déco-Möbel der 1920er-Jahre wieder auf, darunter das erste Möbelstück der Modemarke, den Schminktisch "Celeste". Hermès präsentierte wie gewohnt in der La Pelota neue Home-Kollektionen, bei Dior waren in einer detailreichen, floralen Kulisse aus Korbgeflecht die Glasleuchten von Noe Duchaufour zu sehen, Jil Sander x Apartamento wählte sechzig Bücher für eine persönliche Bibliothek aus, MCM feierte ihr 50. Jubiläum mit einem intergalaktisches Sound-Erlebnis, samt einem Raumschiff im 70er Jahre Vibe von Atelier Biagetti. Zum Anlass der Milan Design Week gab H&M Home in Kooperation mit Kelly Wearstler in Mailand ihr Debüt. Die zweiteilige Installation "The Paper Log: Shell and Core" von Issey Miyake und Ensamble Studio, für die ein Nebenprodukt des Plissierverfahrens zu Papierobjekten und Möbelprototypen verarbeitet wurde, war bei derart vielen visuellen Show-Effekten für den Geist wie die Augen ein willkommene Erholung.

Terraformae & From Lighting @ Convey: "The matter of what remains"
Triennale: Edward Barber & Jay Osgerby: "Alphabet"
Bolon x Martino Gamper @ Capsule Plaza

Warteschlangen, teils entlang ganzer Straßenzüge und angezogene Zugangsbeschränkungen wurden vor vielen Ausstellungen zur Regel, selbst die Presse musste erst umständlich vorab ein "Appointment" buchen, wie bei Molteni. Umfangreiche Daten als Währung für den Zutritt in die Showrooms, VIP-Listen und teils Eintritt für die Schauen – demokratisch ist die Milan Design Week schon lange nicht mehr. Die internationale Reichweite des Events zog in diesem Jahr spürbar mehr Marken an, die mit Gestaltung wenig am Hut haben, aber gerne ein Stück vom Mailänder Designkuchen hätten, unabhängig davon, ob sie bereits eigene Plattformen erfolgreich bespielen: seien es die luxuriösen Auftritte der Modemarken, die hohlen Installationen von Vape-Anbietern oder McDonald's, die zu ihrem 40jährigen Jubiläum in Italien ein Bällebad in Mailand aufstellten. 

Zum Glück bietet die Stadt neben dem wachsenden Budenzauber noch ein paar Räume für das Gegengewicht, für den Wandel mit Tiefgang. Im fünfstöckigen Convey-Building, das sich selbst "The Leading Event for the new wave of design companies" nennt, war unter anderem eine Installation von Terraformae und From Lighting zu sehen: Während From Lighting klassische Beleuchtungsformen neu interpretiert, ist Terraformæ das Forschungslabor von Fornace S. Anselmo. Gemeinsam erkunden sie neue, nachhaltige Wege, um Terrakotta zu einer zeitgenössischen Designsprache zu erheben. Teil der Convey-Ausstellung war zudem das bosnische Unternehmen Woak, das sich auf die Herstellung von Massivholzmöbeln spezialisiert hat – wie in Form des "Pluri"-Systems von Naessi oder dem Houdini-Hockers von Antonio De Marco. Interessant waren auch die Leuchten des design and research office IIode, das von Jean Besson, Jonathan Mauloubier, Patrick Morris and Lucas Uhlmann gegründet wurde. 

Weitere Arbeiten außerhalb der Gleichförmigkeit zeigte im Loreto/Porta Venezia Bezirk die kuratierte Design- und Lifestyle-Plattform Deoron, wie das "My Ami" Sideboard von Victor Foxtrot aus Hamburg: Platte und Fuß bilden ein T-Profil, die Frontalansicht bringt die weichen Figuren von Oval, Kreis und abgerundetem Quadrat zusammen. Die Farbe übernimmt eine gestalterische Schlüsselfunktion: Sowohl Platte als Fuß bestehen aus drei Schichten, die im Fuß über kleiner werdende Kreisausschnitte freigelegt werden. Das Spiel mit den Ebenen sorgt für visuelle Tiefe und lässt das Möbel aus jedem Blickwinkel anders wirken. Im Capsule Plaza wurde derweil ins Bolon Studio geladen, einen Ort für kreative Praxis, in dem die künstlerische Zusammenarbeit mit dem italienischen Designer Martino Gamper präsentiert wurde. Unter dem Titel "Riquadro" waren zehn Werke zu sehen, die die Schnittstelle zwischen funktionalem Design und Konzeptkunst erkunden.

"When Apricots Blossom": Garden Pavilion and Exhibition Scenography by Kulapat Yantrasast
"When Apricots Blossom": Uzbekistan Art and Culture Development Foundation (ACDF)
"A Thousand Voices" by Ruben Saakyan and Roman Shtengauer, im Auftrag von ACDF
Rubelli: "Ai Weiwei: About Silk"

Ein Highlight bot "When Apricots Blossom", die erste Ausstellung der Uzbekistan Art and Culture Development Foundation (ACDF) auf der Milan Design Week, kuratiert von Kulapat Yantrasast, Gründerin von WHY Architecture. Teil dessen war ein überdimensionierter Gartenpavillon von WHY Architecture, eine "dekonstruierte Jurte", inspiriert vom nomadischen Erbe der Region, in dem Vorträge, Workshops und Sonderveranstaltungen geboten wurden. Zudem zeichnete eine Designausstellung im Palazzo Citterio die Transformation der Aralsee-Region nach. Ebenso sehenswert: Die Schau "Polish Modernism. A Struggle for Beauty" der Visteria Foundation, kuratiert von Federica Sala und Anna Magadie im 16. Stock der Torre Velasca historische Werke in einen Dialog mit zeitgenössischen Objekten setzte und unterstrich, wie das modernistische Denken bis heute einen bedeutenden Einfluss auf die polnische Designkultur hat. Das Projekt "Le Design Défilé – French Design in Motion" stellte derweil in Brera eine szenografische Installation vor, die von Jakob+MacFarlane entworfen wurde und eine zeitgenössische Perspektive der französischen Handwerkskunst bot. Beeindruckend war ferner die konzeptionelle Textilinstallation "Ai Weiwei: About Silk" für und mit Rubelli: ein immersives Gesamtkunstwerk, für das ein Raum komplett mit dem Seidenstoff in Tiefrot und Goldgelb verkleidet wurde, den der chinesische Künstler mit regierungskritischen Motive versah, die auf den ersten Blick wie Ornamente wirken. Zu erkunden waren historische Stoffe und ein bisher unveröffentlichter Dokumentarfilm, der eigens für diesen Anlass vom argentinischen Regisseur Felipe Sanguinetti gedreht wurde. 

Konstantin Grcic bewies einmal mehr seine Gabe Komplexität und Klarheit für ein Design zu vereinen, das auf die Essenz fokussiert ist: Im Laufen space Milano zur Zukunft des Badezimmerdesigns zeigte er die Ausstellung "When Time Becomes Material". Seine neue Kollektion "PAR" bettete er hierfür in eine zylindrische Holzkonstruktion ein, die innerhalb des rechteckigen Showrooms eine ruhige Umgebung schuf. "PAR" bietet stille Begleiter, die intuitiv verständlich sind und Keramiken, Accessoires, Möbel sowie "FIL", eine neue Armaturenlinie, umfasst. Im Zentrum der Präsentation stand ein skulpturales Sitzobjekt von Simon Stanislawski, einem ehemaligen Studenten von Grcic an der HfbK Hamburg, das aus recyceltem Matratzenschaum gefertigt wurde. In ein intensives Yves-Klein-Blau getaucht, verwies es auf die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Villeroy & Boch und Ideal Standard zeigten im umgebauten Showroom "Design Continuum", eine immersive Installation, die in Zusammenarbeit mit Studio Elastique entwickelt wurde und unter anderem die Waschtische "Artis Sense" von Christian Hass, die Armatur "Vea" und ein Farbkonzept von Gesa Hansen präsentierte. Die Installation war als Dialogplattform konzipiert, die der Frage nachgeht, wie Design die Wahrnehmung prägt und unsere Sinne beeinflusst. Im Mittelpunkt dieser Erzählung stand der Prototyp des monolithischen Waschbeckens "Antao 3D", eine von Kaschkasch entwickelte Materialstudie, hergestellt mittels 3D-Druck aus recycelter Keramik. Patricia Urquiola erdachte derweil für Duravit die puristische Serie "Balcoon" für die sie runde und ovale Waschbecken auf einem quadratischen Sockel platzierte. 

Cristina Celestino entwarf mit "Segnature" eine Kollektion aus Feinsteinzeug für Florim, die von den Mustern von Krepppapier und den feinen Adern von Blattstrukturen inspiriert ist. Davide Groppi erzählte seine Erfolgsgeschichte anhand von Leuchten, Lichtinstallationen und szenografischen Einblicken. Die von Marco Sammicheli kuratierte Ausstellung entfaltete eine Reihe von Installationen, die mehr als vierzig Jahre kreative Arbeit nachzeichneten. Bei Wagner Living konnte unter anderem das "d2" interior system mit patentiertem Steckverbinder erlebt werden, das aus 100 Prozent recyclebarem Karton oder aus elegantem Aluminium angeboten wird und als raumbildenes System eine flexible wie nachhaltige Kompletteinrichtung nach Maß bietet. Zur Milan Design Week 2026 präsentierten Dornbracht und Jung den nächsten Schritt ihrer Kooperation: Zur Light+Building 2026 launchten die beiden Hersteller eine bronzefarbene Echtmetalloberfläche. Diese verbindet die Schalterprogramme von Jung wie die Armaturen von Dornbracht visuell und haptisch. In Mailand wurden nun fünf weitere Metalloberflächen vorgestellt. 

Expormim: "Brae". Design: Norm Architects
Bodo Sperlein, Gravelli & Godelmann: "Arcus"
Gloster: "Ithaka", Design: AMDL Circle
Villeroy & Boch: "Antao 3D", Design: Kaschkasch

Erstmals vertreten war das deutsche Outdoor-Unternehmen Garpa. Im Rahmen der kuratierten Ausstellung "Menu by Bodo Sperlein" präsentiert das Unternehmen zwei in Italien gefertigte High-Performance Jacquards, die speziell für den Außenbereich entwickelt wurden. Ergänzend zu den Stoffen entwarfen Bodo Sperlein, Gravelli und Godelmann die Sitzmöbelserie "Arcus", bestehend aus Bank und Hocker. Die Kollektion verbindet die architektonische Materialität von Betonstein mit der natürlichen Wärme von Teakholz. Dank der weich geschwungen Silhouette erhielten die massiven Werkstoffe eine augenscheinliche Leichtigkeit. Natürlich durfte während der Milan Design Week ein Besuch im Bocci Apartment in der Via Giuseppe Rovani nicht fehlen: Die von David Alhadeff kuratierte Ausstellung "Light as Medium" präsentierte eine Reihe von raumbezogenen Installationen von Omer Arbel, die als eigenständige Werke konzipiert und außergewöhnlich eindrucksvoll in Szene gesetzt waren. 

Auf dem Salone del Mobile zeigte derweil Desalto mit "Helicon" von Kensaku Oshiro eine optische Täuschung: Die Linienführung des Tisches erinnert an das ausgeweitete Ende einer umgedrehten Posaune. Eine dünne Metallfolie wird in ein durchgehendes Profil verwandelt, das unter der Glasplatte den Eindruck visueller Tiefe erzeugt. Generell waren säulenformige Tischbeine, die meist eine Platte mit gerundeten Kanten tragen, ein beliebtes Stilelement in den Schauen. Tubes fügte mit "Terre" von Sebastian Herkner erstmals Terrakotta in die "Elements"-Kollektion ein und erweiterte damit seine Materialforschung im Bereich des Design-Heizkörpers. Terre, italienisch für "Erde", ist ein elektrischer Heizkörper, der aus der Erde stammt und ihr bereits in seinem Namen Tribut zollt. Der feine Ton wird ausschließlich aus dem Steinbruch von Impruneta im toskanischen Chianti-Gebiet gewonnen. Established & Sons stellte unter anderem die Lichtskulpturen "The Original Maya Collection" von Luiza Guidi und den "LayUp Lounge Chair" von Nathan Martell vor. Für den Letzteren wurden die Möglichkeiten von 3D-geformten Furniertechnologien erforscht, um komplexe, mehrteilige Konstruktionen aus geformtem Furnier und einem Kern aus Kern aus Bambus-Sperrholz nahtlos zu einer Form zu bringen. 

Mit Blick auf die Standarchitekturen setzten neben den klassischen Wohnszenerien erfreulicherweise mehr Hersteller auf reduzierte Aufbauten und Strukturen aus Textil oder Papier: Naturleinen, Holz und Eisen bildeten die Grundlage für den Messestand von Gandia Blasco, der von Alejandra Gandía-Blasco Lloret entworfen wurde. Auch Flexform, Tacchini, Hideo, Campeggi, Ondaretta und Ichendorf wählten Textilbahnen, um Standarchitekturen zu schaffen oder Bereiche sanft abzuteilen. Magis feierte mit der Ausstellung "Rooted in the Future" ihr 50-jähriges Jubiläum: Die farbenfrohe Installation bestand aus vertikalen, textilen architektonischen Elementen, zwischen denen sowohl etablierte wie neue Produkte präsentiert wurden, darunter die Hocker-Kollektionen "Archeo" von Jaime Hayon und "Motta" von Jasper Morrison.

InnoZen nutzte ein rohes Baustellengerüst als Struktur, Quadro Design wählte ein modulares Holzgitter als architektonisches Element, das durch ein Vierwege-Metallgelenk verbunden ist und eine einfache Neugestaltung des Raums ermöglicht. Ravak hängte weiße, mit Luft gefüllte Kugeln in unterschiedlichen Größen über seine Fläche und zeigte damit wie mit einfachen Mitteln ein ästhetischer Effekt entstehen kann. Cleaf brachte im Konzept "Beyond the lines", Sport und Design zusammen – auf der von Studio Hugo gestalteten Fläche durfte man seine eigenen Grenzen beim Tischtennis austesten. Studio TrulyTruly entwickelte für Leolux unter dem Titel "Colouring Space" eine raumgreifende Installation, mit Werke der Amsterdamer Künstlerin Lotje van Lieshout, die auf den Wänden aus Papier fortgesetzt wurden. Auf dem Stand konnte unter anderem ein neuer Couchtisch "Milo" von Yabu Pushelberg aus Holz erkundet werden, dessen aus mehreren Elementen zusammengesetzte Platte wie eine Tangram-Form anmutet. Ton spannte gelbe Streben über seinen Stand und verwandelte ihn so in einen luftigen Pavillon für den stapelbaren Stuhl All’essenza aus Holz von Alexander Gufler. Sancal schuf "Experimentarium", einen Raum mit Laborcharakter und überschrieb ihn als Gegenmittel gegen kulturelle Gleichförmigkeit: "Wir leben unter der Diktatur des 'Likes'. Angst tötet das Risiko. Risiko treibt den Fortschritt voran. Lasst uns das Recht auf Experimente zurückerobern." 

Messestand Ondaretta

In der Triennale ist noch über die Laufzeit der Milan Design Week hinaus die Ausstellung "Alphabet" zu sehen, die das Werk des Londoner Designstudio Edward Barber und Jay Osgerby in einer ersten Retrospektive aufzeigte, gegliedert nach Jahrzehnten. Von frühen Experimenten bis hin zu komplexeren Projekten widmet die Ausstellung den langjährigen Beziehungen zu italienischen Herstellern und Designstudios besondere Aufmerksamkeit. Sie betont, wie diese Kooperationen ihre Arbeit geprägt und einen fortwährenden Dialog mit der italienischen Designkultur gefördert haben. Die Ausstellung ist noch bis zum 6. September 2026 zugänglich. Bis zum 10. Mai 2026 kann die architektonische Installation "The Eames Houses" erkundet werden, die den ersten umfassenden Überblick über die Wohnarchitektur von Charles und Ray Eames bietet. Die Ausstellung, die auf mehrjähriger Forschungsarbeit basiert, untersucht die anhaltende Relevanz des radikalen Denkens von Charles und Ray zu den Themen Vorfertigung, modularer Bau und menschenfreundliches Wohnen. Ausgehend von den Wohnprojekten von Charles und Ray Eames aus den 1940er- und 1950er-Jahren enthüllt die Installation das "Eames Pavilion System": ein neues modulares Architektursystem, das vom Eames Office in Zusammenarbeit mit Kettal entwickelt wurde. Weiterführend beleuchtete Fredericia: A Chronicle of Danish Design exklusiv für die Woche während der Milan Design Week die Entwicklung des dänischen Möbeldesigns aus der Perspektive des Familienunternehmen. Die Ausstellung hebte die Kontinuität der Ideen und Ansätze des Unternehmens hervor: von Kooperationen mit Pionieren der Mitte des 20. Jahrhunderts wie Børge Mogensen, Nanna Ditzel und Hans J. Wegner bis hin zu zeitgenössischen Kreativen wie Jasper Morrison, Edward Barber & Jay Osgerby und Cecilie Manz. 

Alcova, seit Beginn eine Plattform für experimentelles Design, machte neben der Schau im Baggio Military Hospital erstmals die Villa Pestarini für die Öffentlichkeit zugänglich, entworfen von Franco Albini im Stil des italienischer Rationalismus und 1939 fertiggestellt. Dank nur zweier Eigentümerfamilien konnte diese weitgehend im Originalzustand erhalten werden. 

Skoda & Ulises Studio: "Ooooh that's EpiQ!"

Der schmale und der breite Weg

Was bleibt nun als Fazit vom Salone del Mobile und der Milan Design Week 2026? Vielleicht trifft es ein Auszug aus einem Gestaltungsprinzip, das mir am Stand von Nobili unter dem Titel "New Normal Archetypes" auffiel: "Heute besteht die radikalste Geste darin, nach dem Wesentlichen zu suchen. In einer Zeit flüchtiger Trends und visueller Überflutung entsteht die Philosophie des "New Normal" aus einem Prozess radikaler Reduktion. Es ist eine Suche nach der archetypischen Form: ein Design, das so universell 'richtig' ist, dass es sofort zum Klassiker wird." Während der Salone del Mobile.Milano zwar weniger Aussteller (2025: 2.103, 2026: 1.900) aber einen Zuwachs der Gäste von 4,5 Prozent im Vergleich zu 2025 verzeichnet und stetig mit neuen Ideen wie Salone Raritas oder Salone Contract der Branche Perspektiven aufzeigt, ist die Balance der Milan Design Week zwischen Luxusveranstaltung, Touristenfalle und Inspirationsraum zunehmend gestört. Das Event ist zwar vielfältiger im Angebot der Disziplinen geworden, in dem Zuge ist aber zwangsläufig der "Design Tourismus" gewachsen, der die kurzweilige, oberflächliche Unterhaltung sucht. Um diese Gruppe zu bedienen, wurde mit buntem Plastik und viel Konfetti ein gestalterischer Tiefgang oft schon im Keim erstickt. Es gibt bereits Hersteller, die die neue Formation wie die absurden Mondpreise für Unterkunft wie Ausstellungsraum nicht mehr hinnehmen wollen und stattdessen an der Entwicklung eigener Formate arbeiten – wie der Küchenmöbelhersteller bulthaup. Es bleibt zu hoffen, dass der Schwerpunkt auf Kommerz nur eine temporäre Schlagseite der Milan Design Week ist und sie ihr Gleichgewicht wiederfindet. 

Auf dem Salone del Mobile war indes das Neuheitengewitter spürbar schwächer als die Jahre zuvor. Viele Aussteller sahen auch aufgrund der zugespitzten Weltlage keine Möglichkeit mehr, die stetig hohe Nachfrage nach neuen Produkten zu bedienen. Stattdessen wurden formale Einfachheit, materielle Tiefe und Verweise auf die natürliche Erdung zu Schauen kombiniert, die Ruhe und Ausgeglichenheit versprachen. Positive Erinnerungen und ein Wandel zum Besseren waren bestimmende Themen für die Präsentationen. Eine angestrebte Nachhaltigkeit wurde kaum noch mit großen Gesten vermittelt, ist aber bei genauerem Hinsehen erfreulicherweise weiterhin in vielen Prozessen ein Fokus. Rem Koolhaas betonte in seinem Vortrag im Rahmen des Salone Contract Forums, Entwerfen bedeute, die eigene Komfortzone zu verlassen, um die richtigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Branche weiterhin neue Möglichkeiten ersinnen kann. Vielleicht ist es Zeit, dem breiten Weg mit seiner aufblasbaren Werbung den Rücken zu kehren – zugunsten eines Designs mit Haltung und Relevanz. Für spitze Ideen, die dafür sorgen, dass den substanzlosen Ablenkungen zügig die Luft ausgeht. 

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