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PREVIEW – SALONE DEL MOBILE 2026
Immerzu Neues wagen

Der Salone del Mobile in Mailand wird in diesem Jahr vom 21. bis 26. April 2026 den Fixpunkt der Branche bieten. Einen Einblick in die Planung und aktuelle Ausrichtung der weltweit führenden Möbelmesse gibt uns dessen Präsidentin Maria Porro im Interview.
20.02.2026

Anna Moldenhauer: Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten halten aktuell an. Viele Hersteller zögern aufgrund von Unsicherheiten hinsichtlich der Zukunft in die
Produktentwicklung zu investieren, und grundsätzlich müssen wir stets auf das Unvorhersehbare vorbereitet sein. Wie gehen Sie mit dieser Situation in Ihrer
strategischen Planung für die Ausrichtung des Salone del Mobile um?

Maria Porro: Es stimmt, wir müssen mehr denn je die Situation berücksichtigen, in der wir uns befinden. Das bedeutet auch, dass viele Märkte um uns herum schwanken, die lange Zeit gut funktioniert haben. Die Vertriebsmethoden und -modelle ändern sich, ebenso die Art und Weise, wie wir unsere Produkte kommunizieren. Künstliche Intelligenz macht es zudem schwieriger zu verstehen, was Qualität ist und was nicht. Es gibt also derzeit viele Herausforderungen. Sicher ist, dass die Messe eine physische Veranstaltung ist. Man kann die Produkte anfassen, fühlen und ausprobieren. Es ist für die Aussteller eine Möglichkeit, ohne Kompromisse zu zeigen, dass die Qualität ihrer Arbeit global von Bedeutung ist. Die Bemühungen und die Strategie der Messe zielen darauf ab, dieses internationale Niveau zu erreichen. Daher ermutigen wir mit proaktiver Werbung JournalistInnen aus dem Ausland, aber auch AkteurInnen der Designbranche und EinkäuferInnen, zum Salone del Mobile zu kommen.

Was die Produkte betrifft, müssen wir präzise sein, in dem was wir entwickeln – und damit meine ich auch das Unternehmen Porro, in das ich geboren wurde. Ich glaube an Beständigkeit, an eine kontinuierliche Entwicklung und Forschung, bei der nicht einfach neue Produkte auf den Markt geworfen werden, in der Hoffnung, dass jemand sie kauft. An die Entwicklung von Konzepten, die sich im Laufe der Jahre verändern. Wir dürfen nicht aufhören, in Forschung und Entwicklung zu investieren, denn das macht den Unterschied. Gleichzeitig ist der Markt in bestimmten Ländern nicht mehr so schnell wie früher, während sich die Prozesse anderweitig beschleunigt haben. Es ist daher für die Branche wichtig den Salone del Mobile als globale Plattform nutzen zu können und wir arbeiten stetig daran das Angebot für alle zu optimieren.

Der Salone del Mobile erschließt in diesem Zuge neue Märkte, wie mit "Red in progress. Salone del Mobile.Milano meets Riyadh" in Saudi-Arabien, oder hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der Art Basel Miami Beach und der Art Basel Hong Kong. Warum haben Sie sich zu diesen Projekten entschlossen?

Maria Porro: Saudi-Arabien ist ein bedeutender Knotenpunkt für die gesamte Golfregion, das ist kein Geheimnis. Dort finden zahlreiche große Entwicklungen wie Immobilien- und Gastgewerbeprojekte statt. Die Region ist eine sehr große Werkstatt für neue Trends und Materialien. Parallel bietet ihre Geografie in Bezug auf die Witterung auch große Herausforderungen. Es ist ein sehr interessanter Ort. Deshalb haben wir beschlossen, dort eine Veranstaltung zu organisieren, um die Unternehmen zu unterstützen, die richtigen Interessengruppen zu erreichen. Umgekehrt möchten wir den lokalen Kreativen helfen, die passenden Unternehmen zu finden. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit dem Architecture & Design Commission of the Ministry of Culture of Saudi Arabia realisiert und mit der Präsentation einer Marktstudie des Landes gestartet, die von der italienischen Botschaft ausschließlich für die Aussteller durchgeführt wurde. Es handelt sich also um eine sehr seriöse Herangehensweise an einen Markt.

Wenn man dann an unsere Zielgruppe in Basel denkt, ist es sehr wichtig, nicht nur B2B, sondern auch B2C zu bieten, und zwar auf höchstem Niveau. Das ist der Bereich, der sich noch in der Wachstums- und Entwicklungsphase befindet. Die Art Basel ist eine bemerkenswerte Marke, die viele Gemeinsamkeiten mit unseren Werten und Zielen aufweist. Wir statten so die Collectors Lounge der Messe aus. Hongkong hat zudem eine beeindruckende Wirtschaftskraft, die sich in den letzten Jahren intensiviert hat. Die Investitionen in Architektur, Design und Kultur steigen, wie für das "Museum M+" von Herzog & de Meuron, um nur eines zu nennen. Es ist also ein Ort, an dem man eine kulturelle Diskussion über Produkte anstoßen kann. Daher haben wir dort Ende letzten Jahres die umfangreiche Ausstellung "SaloneSatellite Permanent Collection 1998-2024 Exhibition" gezeigt.

Maria Porro

Sie und Ihr Team sind in den letzten Monaten viel gereist und haben mit zahlreichen Führungskräften der Branche gesprochen. Was ist derzeit in der Branche von Bedeutung? Geht es nur noch um das wirtschaftliche Überleben oder auch um ein nachhaltiges Handeln?

Maria Porro: Das Hauptthema ist die Wirtschaft. Deshalb betonen und unterstreichen wir ebenso weiterhin den Aspekt der Nachhaltigkeit, da wir der Meinung sind, dass dieser Unternehmen herausstellt, die in respektvolle Produktion und Produkte investieren, die für eine lange Lebensdauer ausgelegt sind. Das ist ein wirtschaftlicher Wert, insbesondere da wir uns derzeit mit dem Thema Verträge und Großprojekte befassen. Bei großen Projekten kommt es auf die Nachhaltigkeit des Vorhabens an, beispielsweise wenn man eine Leuchte entwirft, die weniger Energie verbraucht. Die Wirkung steigt mit der Größe des Projekts, vom Einfamilienhaus bis zum Wolkenkratzer. Nachhaltigkeit ist eine Verpflichtung, die jede Person, die mit staatlichen Verwaltungen zusammenarbeitet, verinnerlicht haben sollte. Sie kann zudem ein Wettbewerbsvorteil sein.

Im aktuellen Jahresbericht wird Mailand und der Salone del Mobile als ein Design-Ökosystem bezeichnet. Die Anzahl der Veranstaltungen in der Stadt, einschließlich der von der Messe organisierten, hat zugenommen. Planen Sie, das Ökosystem über die Hallen hinaus im Jahr 2026 weiter auszubauen?

Maria Porro: Viele der ausstellenden Unternehmen sind bereits das ganze Jahr über in kleiner oder großer Weise in der Stadt präsent. Gleichzeitig bestehen langjährige Partnerschaften mit der Triennale, dem Compasso d'Oro, der Castiglioni-Stiftung und weiteren Stiftungen, mit denen wir zusammenarbeiten, von den wichtigsten kulturellen Einrichtungen bis hin zu den Bildungseinrichtungen. Ich denke dabei an die Polytechnische Universität, aber auch an die Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi. Wir sind tief mit der Stadt verbunden. Mit den großen Veranstaltungen im letzten Jahr wollten wir ein starkes Zeichen setzen, dass die Stadt nicht nur als Kulisse, als eine Location genutzt werden sollte. Es ist ein Aufruf zu mehr Respekt. In diesem Jahr werden wir die "Forgotten Architecture" in Mailand sichtbar werden lassen. Wir möchten mit diesem Angeboten einen sehr fruchtbaren Austausch schaffen. Aktuell fokussieren wir uns auf die Bedürfnisse der Unternehmen, auf die Organisation kleinerer Veranstaltungen wie Meisterklassen und das Forum Contract, um in Folge das lokale Netzwerk in der Stadt zu unterstützen und diesem zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.

Dank Ihrer interdisziplinären Ausbildung rückt der Salone näher an die Künste heran. Kreative Köpfe wie Es Devlin, Bob Wilson und David Lynch haben in den letzten Jahren Installationen für den Salone geschaffen und am Vortragsprogramm teilgenommen. Welche Botschaft möchten Sie mit diesen Angeboten vermitteln?

Maria Porro: Es ist eine gemeinsame Chance. Ich bin mit einem Großvater aufgewachsen, der Handwerker und Pianist war und habe an der Kunstakademie studiert. Ich hatte im Laufe meiner Ausbildung unter anderem die Gelegenheit, mit Alessandro Mendini an einer limitierten Auflage von Werken zu arbeiten. Das Erste, was ich für mein Unternehmen erstellt habe, war eine Sammlerkollektion namens "Material House", die ich gemeinsam mit Sony realisiert habe. Aber es geht nicht nur um mich oder meine Erfahrungen. Wenn man zurückblickt, zum Beispiel auf die Arbeit des italienischen Architekten und Designer Carlo Mollino, gibt es viele, viele Beispiele für diese Art der Zusammenarbeit. Das, was wir letztes Jahr gemeinsam geschaffen haben, reist zudem bereits um die Welt – die Installation von Es Devlin war vor kurzem während der Miami Art Week zu sehen. Wir haben die Samen gesäht, die sich jetzt international weiterentwickeln und hoffen das unsere Botschaft viele Menschen erreicht.

Die aktuelle Kampagne "A Matter of Salone" dreht sich um eine wesentliche Frage: Welche Bedeutung kann Design heute haben? Das Material selbst, der Ursprung des Ganzen, wird analysiert. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Maria Porro: Weil man mit künstlicher Intelligenz Orte und Räume schaffen kann, die es nicht gibt. Man kann seiner Fantasie freien Lauf lassen, aber dann muss man sich mit realen Materialien auseinandersetzen. Diese Herausforderung bringt Grenzen mit sich, die nicht nur physischer Natur sind, sondern auch die Werte betreffen, die man ausdrücken möchte, sowie hinsichtlich der Prozesse, die ein selbst entworfenes Produkt durchlaufen muss. Haben wir wirklich das Gefühl, dass wir heute grenzenlos sind? Das sind wir nicht. Zudem sind Grenzen einer der wichtigsten Motoren der Kreativität. Wir sollten darauf achten unsere Verbindung mit den einfachen Elementen zu bewahren. Zeigen, wie man aus dem was bereits existiert etwas schaffen kann, das Veränderung bietet. Eine transformative Kraft. Dafür sollten wir in der Branche eine besseres Bewusstsein entwickeln.

Für den Contract-Bereich des Salone del Mobile 2026 arbeiten Sie und Ihr Team mit OMA, dessen Gründer Rem Kolhaas sowie mit Thinktank AMO zusammen, der an das Architekturbüro angeschlossen ist. Können Sie uns etwas mehr darüber berichten?

Maria Porro: Der Vertragsbereich entwickelt sich stetig weiter und ist schwierig zu vermitteln. Wir haben uns für OMA und Rem Kolhaas entschieden, weil sie über die Struktur verfügen, um wissenschaftliche Forschung zu betreiben und den kuratorischen Masterplan zu erstellen. Das Forum zu schaffen, aber auch um sich vorzustellen, wie wir diese Welt beschreiben können, wie wir den Unternehmen helfen können, ihre Fähigkeiten zu zeigen, wie wir große Architekten und Entwickler einbeziehen können. Es handelt sich um ein vielschichtiges Projekt, das sehr herausfordernd ist und das wir bereits seit einiger Zeit planen. Für 2027 ist zudem ein kuratorischer Masterplan für den Contract-Bereich geplant. Wir haben beschlossen, dieses Projekt bereits jetzt zu kommunizieren, da es langfristig angelegt ist und es Zeit braucht, um alle Interessengruppen miteinzubeziehen. Es geht um eine neue Entwicklung, ein fortlaufendes Angebot. Es ist als Plattform angelegt, die auch ein Spiegel des Marktes sein soll. Der hilft ein wenig in die Zukunft zu schauen. Denn darum geht es: Vorauszudenken.

Die Vorreiterposition des Salone del Mobile haben Sie in den letzten Jahren mit immer neuen Ideen für das Konzept der Fachmesse bestärkt. Was ist Ihrer Meinung nach entscheidend, um in unser turbulenten Gegenwart eine ganzheitliche Sichtweise zu bewahren?

Maria Porro: Man sollte immer mit einem leeren Pavillon beginnen. Beginnen Sie mit einem leeren Blatt Papier, wenn Sie Ihre Präsenz als Unternehmen planen. Das eröffnet unglaubliche Möglichkeiten, aber bedingt auch ein verantwortungsvolles Handeln. Ich betrachte das als Chance und hoffe, dass auch die Branche diesen Ansatz verfolgt.

A Matter of Salone