JUNGE TALENTE
Kontextuell gedacht
Nicht Mailand, Paris oder Berlin – Johanna Seelemann arbeitet in einem Studio mit idyllischem Garten in Markkleeberg bei Leipzig. Hier wohnen auch ihre Eltern, die LandschaftsarchitektInnen sind, erzählt sie. Der Sinn für das Kreative wurde ihr also schon in die Wiege gelegt. Doch auch wenn sie in ihrer Heimat verwurzelt ist, gestalterisch ist sie in aller Welt unterwegs und pendelt zwischen Deutschland, Island und den Niederlanden.
Globetrotterin
Johanna Seelemann (*1990) studierte zunächst Innenarchitektur und später Industriedesign an der Burg Giebichenstein in Halle, ehe sie für ein Austauschsemester an die Iceland Academy of the Arts nach Reykjavík wechselte. Der an der isländischen Universität gelehrte systembezogene Designansatz gefiel ihr so gut, dass sie beschloss, dort ihren Bachelor-Abschluss in Produktdesign zu machen. Schon seit Seelemann 2014 als Studentin erstmals die Dutch Design Week besucht hatte, war sie fasziniert von kontextuellem Design. "Ich war total geflasht von den dort gezeigten Arbeiten", erzählt sie. Und ergänzt, dass sie immer schon nach systembezogenen Design gesucht habe, damals aber noch keinen Begriff dafür hatte.
Das sollte sich schnell ändern, denn nach ihrem Abschluss in Reykjavík arbeitete sie ein Jahr lang als Praktikantin bei Formafantasma, die sie als externe Gutachter ihrer Bachelor-Arbeit kennen- und schätzen gelernt hatte. Andrea Trimarchi und Simone Farresin – die Gründer des Designstudios – gelten als Vorreiter für einen ganzheitlichen Designansatz, der ökologische, historische, politische und soziale Forschungen umfasst. Aus dem Praktikum wurden insgesamt vier Jahre, die Seelemann bei Formafantasma in Amsterdam verbrachte. Ein Master in Contextual Design an der Design Academy Eindhoven vervollständigte ihre Ausbildung. "Es ist unsere Verantwortung als DesignerInnen zu verstehen, in welchen Umwelten, Landschaften und Lieferketten unsere Alltagsgegenstände und -materialien eingebettet sind", begründet Seelemann ihr verstärktes Interesse an dem Themenfeld.
Studiogründung in Markkleeberg
Inmitten der Pandemie hat Johanna Seelemann in Markklebberg ihr gleichnamiges Studio gegründet. Nicht gerade der günstigste Zeitpunkt sich selbständig zu machen, könnte man meinen. Doch Seelemann war schon damals bestens vernetzt und nutzte die besseren Förderungsstrukturen für junge DesignerInnen in den Niederlanden. Dort sei konzeptionelles Design als soziales Werkzeug fest etabliert, während die Designkultur in Deutschland stärker mit der Industrie und kommerziellen Zwecken verbunden sei, sagt Seeleman. Und so ermöglichte ihr ein einjähriges "Talent Development Grant" der Creative Industries Netherlands einen vergleichsweise unbeschwerten Start in die Selbständigkeit. Seelemann entwirft Objekte, die immer kontextbezogen sind. Ein besonderes Interesse hegt sie dabei für Materialien, deren mögliche alternative Anwendungen und Überführung in industrielle Prozesse.
Ein Beispiel für den ganzheitlichen Designansatz Seelemanns ist "Vitrum Iceland". Wie der Name bereits andeutet, liegt der Ursprung des Projekts in Island, wo die 35-jährige inzwischen einen Großteil des Jahres verbringt. Sie schätzt die kleine, gut vernetzte Designszene, die einen kritischen Diskurs pflege, von dem man viel lernen und sich auch selbst einbringen könne, so Seelemann. Auch hat sie bereits mehrmals am Design March in Reykjavík ausgestellt und ist fester Teil der Community. Für die Serie "Vitrum Iceland" werden industrielle Flachglasreste aus der Bauindustrie des Landes eingeschmolzen und zu neuen Objekten wie Möbeln, Leuchten und Vasen geformt. Entwickelt in Zusammenarbeit mit dem einzigen Glasbläser auf der Insel – Anders Vange von Reykjavík Glass – und dem Beleuchtungsstudio Hildiberg Lighting, bleiben Lufteinschlüsse, Unregelmäßigkeiten und Materialspuren des Herstellungsprozesses bewusst sichtbar, was den Objekten eine individuelle Anmutung verleiht. Dazu gesellt sich ein haptisches Moment, indem der Werkstoff Glas mit feuerbehandeltem Holz kombiniert wird, dessen Oberfläche an traditionelle Werkzeuge des Glasblasens erinnern soll, so die Designerin.
"Vitrum Iceland" ist ein Beispiel für das Potential, das in lokaler Wiederverwertung liegt. Jede Leuchte, jedes Regal (mit Spanngurt) und jede Vase der Kollektion bewahrt die Recyclingfähigkeit des Materials und wird zugleich zu einem langlebigen Sammlerstück. Die Verfügbarkeit großer Mengen entsorgten Glases ermöglicht die Herstellung auch größerer Objekte wie Sessel und Beistelltische, während die Nutzung von Wasser- und Geothermie-Energie eine nachhaltige lokale Produktion unterstützt. Die Objekte der Kollektion werden über die H,A,K,K Gallery in Reykjavík vertrieben, wobei sie längst nicht so hochpreisig sind, wie im Collectible Design sonst üblich. "Über die Preise haben wir lange diskutiert“, erzählt Seelemann. "Wir wollten die Objekte nicht exklusiv anbieten, sondern auch an die Menschen vor Ort verkaufen."
Ausweitung der Arbeitszone
Auch wenn Johanna Seelemann bisher vor allem mit Museen und Forschungsinstituten wie dem MAKK Köln oder dem Fraunhofer ISI zusammengearbeitet hat und als Gastprofessorin an der Kunsthochschule Kassel lehrt: Sie möchte ihre Arbeit weiter diversifizieren, sich breiter aufstellen und in Zukunft auch im Collectible Design arbeiten, insbesondere an der Schnittstelle zu lokalen Materialien. Sie wünscht sich außerdem, verstärkt mit Unternehmen an seriellen und nachhaltigen Produkten zu arbeiten. Seelemann liebt die Flexibilität als selbständige Designerin und möchte verschiedene Dinge gleichzeitig ausprobieren. Das Einzelkämpferinnendasein und die finanziellen Unwägbarkeiten seien zwar manchmal eine Herausforderung, gibt sie zu. Doch dass sie genügend Ehrgeiz, Disziplin und Begabung hat, ihr Studio in den nächsten Jahren weiter auszubauen, ist unbestritten.

























