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Kolumne
Weniger für mehr

Das von Ben Van Berkel entworfene und von Bauwerk Capital entwickelte Wohngebäude "Van B" in München will Antworten auf die Wohnfragen unserer Zeit liefern. Unser Autor hat sich das Konzept dahinter angeschaut.
von Alexander Russ | 24.02.2021

Not macht bekanntlich erfinderisch. Dass dies auch für Wohnbauten gilt, zeigt ein von Ben van Berkel entworfenes Gebäude, das gerade in München errichtet wird. Bauherr ist die Münchner Firma Bauwerk Capital, die sich selbst als visionären Projektentwickler bezeichnet und das Projekt konsequenterweise als "die Antwort auf die Wohnfragen unserer Zeit" vermarktet. Trotz der ganzen Corona-Dauerbeschallung ruft das einem tatsächlich mal wieder die Wohnungskrise in Erinnerung, die unter anderem den massiv steigenden Bodenpreisen geschuldet ist. Damit haben mittlerweile wohl auch Investoren zu kämpfen, denn das als "Van B" beworbene Gebäude, dass die Initialen seines Erschaffers trägt, schlägt sich nicht nur mit seiner Lage im Niemandsland zwischen den Stadtteilen Schwabing-West, Neuhausen-Nymphenburg und Maxvorstadt herum, sondern muss anscheinend auch noch eine Antwort liefern, wie man möglichst viele Wohnungen in ein Bauvolumen zwängen kann.

Interessanterweise erinnert das Ergebnis trotz der Namensgebung so gar nicht an Ben van Berkel und sein UNStudio, sondern eher an eine horizontal verlegte Version des Nakagin Capsule Tower von Kisho Kurokawa, der mit dem Betonklassizismus von David Chipperfield gekreuzt wurde – München halt. Und im Innern? Da ist von "flexiblen Raumstrukturen, die sich dem Leben immer wieder neu anpassen" die Rede. Und weiter: "Damit ist nicht mehr die Größe einer Wohnung entscheidend, sondern ihre intelligente Nutzung – eine Revolution." Wenn man sich die Revolution und deren Renderings dann betrachtet, fühlt man sich unweigerlich an Studentenwohnheime oder Businesshotels mit ihren innenliegenden Bädern erinnert, nur mit mehr Bling-Bling auf der Oberfläche. Bei 90 der insgesamt 142 Wohnungen handelt es sich nämlich um 1-Zimmer-Apartments mit einer Wohnfläche zwischen 33 und 44 Quadratmetern.

Allerdings haben sich die Architekten etwas ausgedacht, um so etwas wie Großzügigkeit aufkommen zu lassen. Mit als "Plug-ins" bezeichneten Schrankmöbeln, die auf Schienen befestigt sind und verschiedene Funktionen wie Bett, Küche oder Stauraum beinhalten können, sollen die Wohnungen flexibel zoniert werden – Metabolismus light sozusagen. Wer aus Platznot schon mal mit einem Schlafsofa auskommen musste, dürfte wissen, wie nervtötend die ständige Schieb- und Klapperei auf Dauer sein kann. Bei den größeren Wohnungen stechen typologisch vor allem die dreigeschossigen "Gallery Lofts" im Erdgeschoss heraus, bei denen zwei Geschosse im Keller liegen. Immerhin, es gibt einen eigenen Garten.

Die euphemistisch hochgepimpten Superlative der Vermarktungsbroschüre, die das Resultat schwieriger Rahmenbedingungen als "Very Urban Living" bezeichnet, bieten natürlich eine Steilvorlage für einen Verriss. Trotzdem sollte man dem Projekt zugute halten, dass es wenigstens den Versuch unternimmt, innovativ zu sein. Und tatsächlich erinnert das "Van B" in bestimmten Teilen an genossenschaftliche oder partizipative Projekte, die sich ebenfalls die Frage stellen, wie Menschen zusammen wohnen wollen und können. Das Zauberwort dafür heißt "Gemeinschaft", denn das Van Berkel-Projekt begreift sich auch als "Community Building", das gemeinsam nutzbare Räume für die Bewohner und Co-Working anbietet. Zudem stellt es Sharing-Fahrzeuge in der Tiefgarage zur Verfügung.

Dass der Traum vom Eigenheim in der Mittelklasse gerade zum Erliegen kommt, zeigt ein anderes Investorenprojekt in Berlin. Dort plant der Münchner Projektentwickler Euroboden gerade zwei Wohngebäude in ähnlich schwieriger Lage und greift dabei auf eine Erschliessungstypologie zurück, die wie keine andere für den sozialen Wohnungsbau steht: den Laubengang. Bei Euroboden manifestiert sich das in einem neobrutalistischen Bau, bei dem die Laubengänge auch als Gemeinschaftszonen dienen – Berlin halt. Und so recyceln Architekten gerade altbekannte Konzepte des 20. Jahrhunderts, die in Anlehnung an ein Frank Zappa-Zitat vielleicht nicht tot waren, dafür aber einen komischen Geruch verströmten. Das scheint sich gerade zu ändern und natürlich stellt sich die Frage, ob das gut oder schlecht ist. Die Antwort findet sich im Lebensentwurf und Einkommen jedes Einzelnen und lautet in der Abwandlung eines weiteren bekannten Zitats: "Weniger für mehr".