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Lavalampe mit Guckloch

Im neuen Erweiterungsbau der Milton Keynes Gallery haben 6a architects die Prinzipien des New Brutalism konsequent weitergedacht.
von Jeanette Kunsmann | 28.03.2019

Der Kubus am Ende des Midsummer Boulevards in Milton Keynes hätte Alison und Peter Smithson, den "Eltern" des Brutalismus in Großbritannien, sicher gefallen. Schließlich knüpfen Stefanie MacDonald und Thomas Emerson von 6a architects hier mit puren Geometrien, offenliegenden Lüftungsrohren und der Ablesbarkeit von Konstruktion, Raum und Nutzung an die architektonischen Konzepte der Smithsons an. Es ist eine simple Großform, ein ehrlicher Würfel, kurz: Kiste mit Kreis.

Emerson und Macdonald zählen, wie auch Adam Caruso, Peter St John und Tony Fretton, zum Kreis der geistigen Nachfolger der Smithsons – und zu den intelligentesten Nachwuchstalenten in der aktuellen Architektenszene Großbritanniens. Dass die Nordwestfassade der neuen Galerie nur ein Fenster hat, dieses aber durch seine schiere Größe charakterbildend für das Gebäude wird, ist typisch für ihre Architektur. Auffordernd blickt die rechtwinklige Metallbox mit dem einen Bullauge über die angrenzende Parklandschaft. Es könnte auch das zu groß geratenes Guckloch einer Peepshow sein, würde sich nicht der Himmel in den Fensterflächen spiegeln. 

Ein Straßenraster prägt den Grundriss von Milton Keynes, eine der New Towns, die nach dem Zweiten Weltkrieg rund um London entstanden. Architekten wie James Stirling und Norman Foster bebauten das "grid". Eben dieses Raster setzen 6a in ihrem Gebäude fort, verschneiden es mit einem Kreis, der subtil auf die englische Gartenstadt anspielt, und verstehen ihr riesiges Erweiterungsgebäude deshalb als Synthese von Stadt und Park. Passend provokant eröffnete der Kulturbau am 16. März 2019 mit der Ausstellung "The Lie of the Land". 

Weil die Stahlrahmenkonstruktion mit Fassadenelementen aus gewelltem Edelstahl verkleidet ist, reflektiert die Milton Keynes Gallery mit dem markanten Treppenturm nicht nur die Umgebung, sondern auch das Tageslicht. Und so kann die Kunsthalle in der Abendsonne wie "eine Lavalampe" schmelzen. Das Gebäude sehe dann wie ein Batik-Shirt aus, beschreibt es Tom Emerson im Guardian. Es ist auch die Fassade, die dem schweren Volumen seine Leichtigkeit verleiht. Mit dem neuen Entree greifen 6a hingegen die Farbigkeit des Bestandsgebäudes aus Sandstein und Terrakotta auf. 

Um fünf neue Ausstellungssäle mit befreienden Deckenhöhen zwischen sechs und neun Metern haben 6a architects den Altbau aus den späten Neunzigern erweitert. Der "Skyroom" beherbergt ein Auditorium mit 150 Sitz- oder 300 Stehplätzen. Dominieren hinter der schimmernden Fassade sonst die polierten Böden der als "White Cubes" aufgefassten Ausstellungsräume sowie Knallakzente in Gelb (Möbel) und Rot (Tragwerk), bringt der lange Vorhang im "Skyroom" weitaus mehr Farben zusammen. Ton in Ton staffeln sich von oben nach unten Pastelltürkis, Mint, Wiesengrün, Moos, Honig, Ocker und dunkle Erde – die Landschaftsfarben der Grafschaft Buckinghamshire. Für den anschließenden Campbell Park entwickelten Stefanie MacDonald und Thomas Emerson mit dem Grafikdesigner Mark El-khatib und den Künstlern Nils Norman und Gareth Jones das Konzept "City Club": eine Denk- und Spiellandschaft, in der Skulpturen als Wegweiser funktionieren und Laternen, Schilder sowie alle anderen Außenraummöbel als Kunstwerke gestaltet sind. 

Auf den ersten Blick wie eine Maschine anmutend, entpuppt sich die Milton Keynes Gallery im Inneren als architektonische Bühne für Kunst und Alltag – manche Zeitungen loben sie als "Offenbarung". Denn 6a ist es gelungen, dass, während die "White Cubes" allein der Kunst dienen, die "Nebenschauplätze"  - das Café, die Erschließungsräume oder auch die Toiletten - unverwechselbar aussehen.