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Prof. Hans Nickl und Prof. Christine Nickl-Weller

Der Mensch im Mittelpunkt

Mit ihrem Büro Nickl & Partner baut Professor Christine Nickl-Weller Krankenhäuser, Forschungseinrichtungen und Pflegeheime im In- und Ausland. Sie erklärt, warum flexible Grundrisse wichtig sind und was Stadtplanung und Krankenhausbau gemeinsam haben.
von Judith Jenner | 18.03.2021

Seit 40 Jahren beschäftigt sich Christine Nickl-Weller mit Gesundheitsbauten. 1989 gründete sie zusammen mit ihrem Mann Hans Nickl in München die Architektengemeinschaft Nickl & Partner mit heute weltweit mehr als 180 Mitarbeitern. Dabei war die Planung von Kliniken nicht von Anfang an ihr Herzensthema: "Zur damaligen Zeit war das keine besonders spannende Aufgabe", räumt sie ein. "Es handelte sich fast ausschließlich um Funktionsbauten." Seit den 90er-Jahren steht der Mensch stärker im Mittelpunkt. "Was sich grundsätzlich geändert hat, ist die Achtung vor der Autonomie des Patienten", erläutert die Professorin, die an der Architektur-Fakultät der TU Berlin bis 2017 einen Lehrstuhl im Fachgebiet "Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens" innehatte. Architektur muss daher Orientierung schaffen und mit Tageslicht für eine helle und freundliche Umgebung sorgen. Eine organisatorisch sinnvolle Raumaufteilung erleichtert die Arbeit und schafft zufriedene Mitarbeiter.

Das Neue Hauner, Eltern-Kind-Zentrum, Campus Großhadern / München (Wettbewerbsvisualisierung: Nickl & Partner Architekten)

Drei Buchstaben bringen für Christine Nickl-Weller die Eigenschaften eines guten Krankenhauses auf den Punkt: A für Atmosphäre, F für Funktionalität und F für Flexibilität. Damit sich die Architektur an die Veränderungen in der Medizin anpassen kann, gilt es, die hochgradig technisierte Gebäude modular zu bauen. Auf diese Weise ist ein Klinikbau nachhaltig nutzbar. Wie wichtig flexible Grundrisse sind, zeigen die Erfahrungen aus der Pandemie. Nur wenige Kliniken waren auf den Fall vorbereitet, im laufenden Betrieb Patienten isolieren und aus größeren Einheiten kleinere machen zu müssen. Sie ist sich sicher: Das Krankenhaus der Zukunft wird ausschließlich Einbettzimmer haben.

Das Krankenhaus als Stadt

Um Orientierung zu schaffen, betrachten Nickl & Partner Krankenhäuser als kleine Städte. Wie im Urbanen gilt es, die Unterscheidung zwischen öffentlichen, halböffentlichen und privaten Bereichen architektonisch zu gliedern. Dieser Ansatz zeigt sich beispielsweise im 1998 realisierten Kreiskrankenhaus Agatharied. Es besteht aus sieben Pavillons, die entlang eines Boulevards angeordnet sind. Das ermöglicht kurze Wege, die alle natürlich belichtet sind. An der Frankfurter Uniklinik entkernten Nickl & Partner bei laufendem Betrieb die Sockelgeschosse. Durch Neueinbauten konnten die Verkehrswege erweitert werden. Lichthöfe bringen zusätzliches Tageslicht ins Gebäude. So gelang eine Modernisierung im Bestand. Auch im Ausland sind die Gesundheitsbauten von Nickl & Partner stark nachgefragt. Allein in China befinden sich momentan vier Kliniken im Bau. Aber auch in der Schweiz, Österreich, St. Petersburg oder im saudi-arabischen Mekka realisierte das Büro bereits Kliniken und Ambulanzen, im Einklang mit den medizinischen Anforderungen sowie den gesellschaftlichen und ästhetischen Vorstellungen.

Ein besonderes Augenmerk setzt Christine Nickl-Weller auf die Auswahl der passenden Materialien. Holz spielt in fast allen Bauten eine wichtige Rolle. "Wir haben immer den Spagat, dass auf der einen Seite alles klinisch rein und möglichst glatt und fugenlos sein soll", erklärt die Architektin. "Auf der anderen Seite wollen wir Atmosphäre schaffen." Deshalb führt ihr Büro vorab entsprechende Studien durch, bevor sie ein neues Material verwenden. Christine Nickl-Weller ist es auch darüber hinaus ein wichtiges Anliegen, Gesundheitsarchitektur zu evaluieren und ihren Nutzen wissenschaftlich zu belegen. Ihre Familienstiftung fördert daher Abschlussarbeiten, die sich mit dem Thema Bauen und Gesundheit auseinandersetzen, um dem Thema auch in Zukunft ein stärkeres Gewicht zu verleihen.

Tipp:
Das 2021 erschienen Buch "Architecture for Health“ von Christine Nickl-Weller und Hans Nickl vertieft den architektonischen Ansatz von Nickl & Partner und zeigt interessante Beispiele aus der Arbeit des Büros.

Das Neue Hauner, Eltern-Kind-Zentrum, Campus Großhadern / München (Wettbewerbsvisualisierung Patientenzimmer: Nickl & Partner Architekten)