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Foto: Seraphina Neville © Tate

The Squash: Schein oder Sein?

Anthea Hamilton fliest mit ihrer Installation "The Squash" einen Teil der Tate Galerie und lässt ein Kürbiswesen darin toben.
von Silke Bücker | 08.05.2018

Einmal im Jahr werden junge Künstler von der Tate Britain Kommission, unterstützt vom Auktionshaus Sotheby’s auserkoren, eine Arbeit im Herzstück der Tate Galerie, den "Duveen Galleries" zu präsentieren. Die Resultate sollen einen erfrischenden Kontrast zu den eher klassischen Exponaten setzen, für die das Museum weltbekannt ist. In diesem Jahr darf Anthea Hamilton, die 2016 für den Turner Preis nominiert wurde, ihre Ideen in der Tate realisieren.
Das Setting für die Installation "The Squash" bilden mehr als 7.000 weiße Fliesen, die sich über den Boden erstrecken oder als Sofa, Podest, Badewanne und einer Art Altar in Form eines Tauchbeckens angelegt sind. Ein zunächst befremdlicher und dennoch stimmiger Gegensatz zur Opulenz des neoklassizistisch angelegten Gebäudes. Clean und neutral, fast schon steril. Das perfekte Spielfeld für den Protagonisten, welchen die Britin für ihr Konzept entwickelte, der in immer wieder neuer Gestalt über sechs Monate hinweg die Szenerie bespielen wird. Kulisse und Gegenspieler für ihre Performance-Kunst bilden organisch geformte Stein-Skulpturen von Künstlern wie Frederic Leighton, Arnold Marchin oder Jean-Robert Ipoustéguy aus der exklusiven Tate Kollektion.

Gemeinsam mit ihrem Landsmann, dem Mode-Designer und Loewe Kreativ-Direktor J.W. Anderson entwarf Anthea Hamilton sieben verschiedene, schillernd-exzentrische Kostüme für ihre Figur, welche Formen, Farben und Maserungen von Kürbissen illustrieren. Zur Signatur avanciert dabei der Kopf, vielmehr die rundum geschlossene Maske in Form eines Butternusskürbisses als stereotypisches Element. Ausdruck und Aktion von "The Squash" werden von den kollaborierenden Artisten frei bestimmt. Es soll Raum bleiben für die Entwicklung spontan motivierter Stories – in Interaktion mit dem Set, den Skulpturen und dem Publikum. Inspiration für ihre Arbeit holte sich Anthea Hamilton bei dem französischen Schriftsteller und Regisseur Antonin Artaud, der sich seiner surrealistischen Verortung gemäß mit der "Erinnerung und dem physischen Bewusstsein" von Bildern befasste.

Hamilton formuliert mit "The Squash" ein Körper-gewordenes Pendant und schafft Komplexität über visuelle und narrative Ebenen. Jede Interpretation ihres Werks entwickelte die Künstlerin aus der Idee einer gefundenen Fotografie, deren reale Entsprechung jedoch nicht bekannt ist. Der Betrachter wird aufgefordert, sich sein eigenes Bild der Geschichte, der Beweggründe und schlussendlich zur Botschaft des Charakters zu machen. Die humorvolle Art und Weise, mit der Hamilton und Anderson dieser vergeistigten Thematik begegnen, macht die Ausstellung zu einem sehenswerten Stück zeitgenössischer Popkultur.
 

Tate Gallery
Anthea Hamilton
"The Squash"
Bis 7. Oktober 2018

Foto: Seraphina Neville © Tate